E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Levy Billy & Girl
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-311-70597-0
Verlag: AKI Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-311-70597-0
Verlag: AKI Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Weitere Infos & Material
Teil Eins
1
Billy
Schon bald werden alle Kids in England die Radieschen von unten anschauen.
Das sagt Girl jeden Abend, bevor ich einschlafe. Girl ist meine Schwester, und ich habe Angst vor ihr. Sie ist siebzehn Jahre alt und hat Eis in den Adern. Heute Abend liest sie mir meine Rechte vor.
»Billy«, sagt sie mit einer Stimme wie aus Terpentin, »du hast das Recht, dich über das Wetter zu beschweren. Du hast das Recht, Billy-Produkte zu bewerben, wenn du berühmt bist. Du hast das Recht, mir zu helfen, Mom zu finden, und du hast das Recht, mir zu sagen, was mit Dad passiert ist. Was davon darf es sein?«
Gestern hat sie mir ein Geschenk gekauft. Hohe rote Turnschuhe, in weißes Seidenpapier eingeschlagen. Sie freut sich, wenn ich aussehe wie ein kleiner Gangster, und mir macht es nichts aus, aber jetzt muss ich die Schuhe bezahlen. Manchmal tut meine Schwester so, als sei sie etwas zurückgeblieben, damit sie nicht sprechen oder reagieren muss wie normale Menschen. Gerade wenn man denkt, sie sei im Niemandsland, springt sie einen plötzlich an mit ihren weißen Assifäusten.
Einmal war Girl verliebt. Damals war sie nett zu mir und hat mir ein Badminton-Set gekauft, damit wir im Park damit spielen können. Die Liebe hat sie so high gemacht, dass sie sang und hüpfte und mir den Federball mit dem Schläger zurückspielte. Ihr Liebster hieß Prinz. Er hat mir eine Wasserpistole gekauft und ich habe mir selbst ins Ohr geschossen, die Nasenlöcher hoch, in mein Herz, an die Seite meines Oberschenkels, bevor ich für die Nachbarskatzen mit ihren umwölkten Augen starb.
»Welche suchst du dir aus, Billy?« Girls schwarze Augen sind immer leer, womit sie geschickt den Eindruck eines Hirnschadens vermittelt. Ich bin im Bauch meiner Mutter, die später spurlos verschwinden wird. »Wein nicht«, rügt mich Girl und schürzt ihre schmalen Lippen.
Ich bin im Bauch meiner Mutter. Ich höre Autoalarmanlagen und manchmal höre ich meinen Vater. Er sagt: »Hallo Babylein. Hier ist dein Papa. Wir freuen uns darauf, dich kennenzulernen, Ende der Durchsage.« Ich höre Katzen schnurren und Girl rufen: »Du kommst zu spät, Bruder. Komm endlich raus!« Ich will nicht geboren werden. Ich komme niemals raus. Dad versucht es noch mal: »Hallo Babylein, ich bin’s, dein Papa. Es wird Zeit, sich der Welt zu stellen wie ein Mann – freue mich schon, dich bald zu sehen, Sohnemann. Ende der Durchsage.«
Mom streichelte mir immer über den Kopf, behandelte mich wie ein Baby. Ich würde gern was essen mit Zwiebeln drin. Pizza oder Suppe. Wie Mom sie gemacht hat, bevor sie verschwand. Am Abend, bevor sie mich auf die Welt brachte, schwamm sie in einem kurzen Pyjama und aß Zimtschnecken. Das Leben hätte wunderbar werden können. Wir hätten zusammen zur Videothek gehen können und Eis, Jelly Beans und Microwellenpopcorn kaufen können. Wir hätten zu Hause sitzen, einen Film anschauen und reinschaufeln können.
Girl sagt: »Nein, Billy, das ist die Erinnerung von jemand anderem. Wir waren nie in der Videothek.«
Doch, waren wir. Wenn RoboCop sagt: »Halt dich von Ärger fern«, höre ich auf ihn, aber der Ärger ist in meinem Kopf. Er ist in meiner Brust und meinem Nacken. Nach meiner Geburt habe ich das ganze Krankenhaus zusammengeschrien. Ich heulte, als würde das Herz, das neun Monate zum Wachsen gebraucht hatte, zerbersten und auf das Edelstahltablett, das die Hebamme für den Notfall bereitgestellt hatte, spritzen.
Ich sehe mich klar und deutlich, wie ich damals war. So bin ich zu Bruder Billy im englischen Klima geworden. Ich habe das Leben als Zelle begonnen. Die männlichen und weiblichen Chromosomen verschmelzen. Ich bestehe aus zwei Zellen. Jetzt bin ich eine Ansammlung von Zellen. Plötzlich bin ich ein winziger Embryo, eingebettet in Moms Gebärmutterwand. Im Alter von vier Wochen bin ich zwei Millimeter groß. Langsam bildet sich ein Nervensystem. Noch keine Fingernägel zum Abkauen bisher. Meine Hände und Füße haben Dellen, die zu Fingern und Zehen werden. Ein Rückgrat ist im Entstehen. Zehn Wochen und meine Nieren haben mit der Urinproduktion begonnen. Ich wiege acht Gramm, wie ein Hackfleischbällchen. Am Ende des dritten Monats habe ich eine Stirn, eine kleine Stupsnase und ein Kinn. Pass auf, Familie, denn meine Lippen beginnen sich zu bewegen. Ich komme niemals raus. Nicht mal, um sie zur Schnecke zu machen. Ich werde nicht ankommen. Zur Vorbereitung auf Kummer und Abscheu runzle ich die Stirn. Ich lerne zu schlucken und zu atmen. Mom kotzt auf Dads bestes Elvis-Hemd. Danach futtert sie Salt-and-Vinegar-Chips, und Girl, die immer ihre klebrigen weißen Finger in der Tüte hat, hilft ihr dabei. Zwölf Wochen alt kann ich die Chips zwischen ihren spitzen kleinen Zähnen knuspern hören. Ich höre Moms Herzschlag. Ihr Blut rauschen. Mom weint und Dad weint auch. Girl schnieft nur. Ich höre Türen schlagen. Mit achtzehn Wochen will ich in Rente gehen. Nach meiner Rechnung ist das eine lange Lebenszeit. Ich habe genug. Aber verdammte Fehlanzeige. Mom isst weiter und ich wachse weiter. Vor lauter krasser Angst lutsche ich an meinen Fingern. O Gott. Ich kann etwas schmecken. Dad mit seinem Rocker-Gejaule: »Heeeelloooo, Babylein – wir werden dich Billyyy nennen!« Mom sagt Dad, dass er das Haus verlassen und nie wieder zurückkehren soll. Meine Augen sind fest geschlossen. Ich bin seit sechs Monaten in Mom drin, und wenn ich jetzt geboren werden würde, könnte ich womöglich außerhalb ihres Körpers überleben. Ich brauche eine gutaussehende Anwältin, die Kinder liebt, um meinen Fall vor den Europäischen Gerichtshof zu bringen. Ich habe Zehennägel. Mom sagt Dad, dass ich auf ihre Blase drücke und sie dringend aufs Klo muss. Dad lacht und streichelt ihren Bauch. Und genau da mache ich die Augen auf und beginne zu treten. Acht Monate und meine Hoden rutschen langsam ins Skrotum. Ich habe Schluckauf. Warum? Weil Mom Adrenalin produziert. Es fließt in ihren Blutkreislauf. Sie hat Angst. Ihre Angst schickt Hormone in mich: Ich bin im biochemischen Einklang mit Mom und habe ebenfalls Angst in mir. Jetzt haben meine Fingernägel die Fingerspitzen erreicht. Jetzt wandere ich nach unten, Kopf voraus. Ich habe viel Fett angesammelt für die Welt. Girl singt etwas Grauenhaftes. In Moms Brüsten wartet süßes Zeug auf mich. Ja, auf mich. Billyyyy! Der Punkt ist, ich komme nicht zur Verkostung raus. O nein. Draußen wird kühles Wetter sein, das weiß ich. Ich will nicht ankommen. Nein Nein Nein Nein. O Gott, ! Die Hebamme betupft Moms Stirn mit einem Handtuch. »Er gibt schon nach, keine Sorge, meine Liebe. Er will ja schließlich die ganze Familie treffen, nicht wahr?«
Vergessen wir die Vorstellungsrunde, ja? Sicher wird sich mir die Familie in ihrem eigenen Tempo vorstellen.
Alle normalen Kinder sollen doch lächeln, oder? Lachen ist genetisch im Körper festgeschrieben. Ich klopfe mir auf meine kleinen weißen Schenkel und gluckse schon jetzt.
Dad fuhr zu einer Tankstelle. Er nahm den Schlauch in den Mund und tankte für fünf Pfund. Dann holte er seine Zigaretten raus und machte sich eine an. Es war das größte Barbecue, das Südlondon je gesehen hat. Mein Vater hatte vorher nie geraucht. Das war seine erste und letzte Zigarette und sein Suizid war das Prächtigste, was er je getan hat. Girl und ich haben das immer wieder besprochen. Wir haben beschlossen, dass er die Packung im Zeitungsladen beim Odeon gekauft haben muss. Die Münzen kalt in seiner Hand. Ein schwarzes Geheimnis im Herzen. Streathams einsamer Cowboy ohne Pferd oder Whiskey, nur eine Idee, bisher nie in Worte gefasst. Die Leute, die mit Wurstbrötchen und Fantadosen aus dem Esso-Shop kamen, gingen schreiend zu Boden. Ein Reporter von einer Zeitung bot Mom die Chance, »der Welt ihr Herz auszuschütten«. Danach kaufte sie Girl eine Sindy-Puppe mit langem blondem Haar, einem blauen Bikini, einer kleinen Perlenkette und einem Plastik-Ferrari mit silbernen Reifen. Eines Abends haben wir Sindy angezündet und zugesehen, wie sie vor unseren Augen schmolz. Dann zog ich los, um mir im Einkaufszentrum durch das Fenster des Fernsehladens Bugs Bunny anzusehen.
Nach meiner Geburt nahm Mom spezielle Schmerzmittel, weil sie sie im Krankenhaus aufgeschnitten hatten, um mich rauszuholen. Ich wollte ja nicht rauskommen. Sie schnitten sie auf und sagten ihr dann sie solle ihre Fersen überkreuzen wie eine Katze. »Überkreuzen Sie die Fersen wie eine Katze«, sagte die Hebamme und riss die Plazenta mit beiden Händen heraus. Ich lag auf Moms Brust, während sie zugenäht wurde und Dad draußen im Flur weinte. Irgendwann streckte er den Kopf zur Tür herein und flüsterte: »Alles okay, Liebes?«
Warum kümmert sich eigentlich niemand um mein Willkommen-auf-der-Welt-Frühstück? Zum Beispiel in Form einer bunten Auswahl an Schmerzmitteln und einer Rasierklinge?
Als Mom mich mit nach Hause nahm, untersuchte sie als Erstes meine Fingernägel. »Schau mal, Girl«, sagte sie, »sie sind bis an den Rand gewachsen und darüber hinaus.« Ich kratzte mir mit meinen scharfen Nägeln das Gesicht auf. Machte kleine Fäuste, hob sie an meine Wangen und kratzte, denn es machte Mom unruhig, und dann küsste sie mich mehr. Sie saß in einem blauen Eimer unter der Dusche, hatte dem Wasser den Duft von Lavendel hinzugefügt. Der Dampf erfüllte den Korridor, in dem Girl und ich saßen und auf sie warteten. »Die Lavendelfelder in der Provence, Billy,...




