Lewald | Meine Lebensgeschichte | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 312 Seiten

Lewald Meine Lebensgeschichte


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3059-1
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 312 Seiten

ISBN: 978-3-8496-3059-1
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
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Die Autobiografie der bekannten Frauenrechtlerin. Fanny Lewald war eine Vorkämpferin der Frauenemanzipation und forderte das uneingeschränkte Recht auf Bildung und auf gewerbliche Arbeit.

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Sechstes Kapitel


Es war am ersten April des Jahres achtzehnhundert und siebenzehn, als ich die Schule zu besuchen begann. Ich hatte zu Hause von meiner Mutter das ABC und einige Gedichte gelernt, und ich erinnere mich nicht, daß der Gedanke, in die Schule zu gehen, mir irgend welches Vergnügen gemacht hätte.

Man nahm mich früher als gewöhnlich aus dem Bette, man gab mir einen ziemlich großen weißen Korb, der zwei Deckel hatte, packte mir eine Schreibtafel und eine Fibel von Löhr, ein Taschentuch und eine in Papier gewickelte Buttersemmel ein, und mein Vater selber nahm mich an die Hand, um mich in die Schule zu bringen. Die Mutter begleitete mich bis vor die Thür, die Kinderfrau, welche solche Gunst sonst nur meinen Brüdern bewies, die sie von ihrer Geburt an auferzogen hatte, steckte mir ein Stück Kandis in die Hand, und ich hatte ein beklemmendes Gefühl, als ob ich auf Reisen gehen sollte, oder als ob mir etwas Unangenehmes geschähe.

Der Weg, den wir zu machen hatten, war nicht lang. Wir gingen über den Rathhausplatz, durch die Brodbänkenstraße, über den kleinen Domplatz nach dem großen Domplatz, wo dem Dome gegenüber unser Schulhaus, ein ganz gewöhnliches Bürgerhaus, gelegen war, denn die Ulrich'sche Schule, welche ich besuchen sollte, war eine Privatanstalt. Mein Vater war auf dem Wege sehr heiter mit mir, er ließ mich unten an der Treppe meine Stiefel recht rein machen, schärfte mir es ein, verständig und artig zu sein, und sagte, wenn die Schule aus sei, so werde man mich holen kommen.

Unten in einer kleinen Stube empfing mich die Frau unseres Direktors, eine noch junge, sehr anmuthige Frau, mit schönen blonden Locken zu beiden Seiten des Gesichts. Sie küßte mich, versprach auf meines Vaters Bitte, daß man Nachsicht mit mir haben werde, dann ging mein Vater davon und Madame Ulrich, die ich eben so wie ihren Mann schon ein Paar Tage vorher gesehen hatte, als der Vater mich ihnen vorgestellt, nahm mich an die Hand und führte mich in das große Hinterzimmer zu ebner Erde, in welchem das Morgengebet gehalten wurde.

Das Zimmer, groß, finster, kalt, wie all diese Königsberger Hinterstuben, war voll von Bänken und für meine Vorstellung voll von einer unermeßlichen Menschenmenge. Hinten nach den Wänden standen, wie mir schien, ganz erwachsene und sehr große Frauenzimmer. Sie mögen fünfzehn, sechszehn Jahre alt gewesen sein. Weiter nach vorn waren die jüngern Mädchen, und ganz vorn Kinder meines Alters, zwischen denen Madame Ulrich mir meinen Platz anwies. Die Mädchen standen Alle in Reih' und Glied, sprachen und lachten laut mit einander, die Kleinen zu meiner Seite fragten mich, wer ich sei, und ich hatte ein dumpfes Gefühl der Benommenheit, in welchem ich die schweren Guirlanden von Blumen und Früchten, die in Stuck an der Decke ausgeführt und vor Alter ganz schwarz geworden waren, einfältig betrachtete.

Während dessen erschien noch eine Lehrerin und ein Paar Lehrer in dem Zimmer, welche mit Madame Ulrich neben dem Klavier Platz nahmen. Die Lehrerin, eine Mademoiselle Aune, kam mir zu sagen, daß ich meinen Schulkorb gerade vor meine Füße stellen, und, wenn das Morgenlied gesungen werde, die Hände falten müsse, und dann trat Herr Ulrich selbst herein. Das Sprechen verstummte plötzlich, alle Gesichter wurden ernsthaft, Herr Ulrich sah mit seinen großen, etwas hervortretenden Augen ernst, ja streng durch das Zimmer hin, dann setzte er sich am Klavier nieder, schlug ein Notenbuch auf, nannte das Lied: Wie schön leuchtet der Morgenstern! und nun fing die ganze Schaar von jungen Kehlen zu singen an.

Es war der erste Gottesdienst, dem ich beiwohnte, und er machte mir einen großen Eindruck. Ich verstand die Worte des Gesangs zwar gar nicht, nur die feierliche Melodie empfand ich; aber das Gebet, welches Herr Ulrich nach dem Liede aus dem Stegreif sprach, das begriff ich sehr gut, denn es enthielt ähnliche Gedanken, wie das Abendgebet, das ich immer vor Schlafengehen hergesagt hatte, und ich war schon auf dem Wege es recht hübsch in der Schule zu finden, als ein Zwischenfall meine beginnende Zufriedenheit störte.

Herr Ulrich nämlich, der, obgleich noch ein junger und eigentlich ein sehr hübscher Mann, doch eine harte Physiognomie hatte, kam gleich nach dem Gebete auf mich zu, mich zu begrüßen und zu ermuthigen. Er sagte, er habe neulich gesehen, daß ich ein ganz kluges Mädchen wäre, ich möchte daher nur recht fleißig und aufmerksam sein, dann würden sie mich Alle sehr lieb haben. Wenn Du aber nicht fleißig bist, fügte er lachend hinzu, indem er in die Höhe nach dem Plafond hinauf sah, von dem ein leerer Kronenhaken in das Zimmer herunterhing, wenn Du nicht fleißig bist, Fanny! so packen wir Dich in Deinen großen Bücherkorb und hängen Dich hier an der Decke auf! – Er lachte noch einmal, die andern kleinen Mädchen lachten auch, und ich – ich glaubte ihm seine Drohung buchstäblich, und fing zu weinen an. Es war mir, als wäre ich in die Höhle des Ogers gerathen.

Madame Ulrich und Mademoiselle Aune kamen augenblicklich herbei, um mich zu trösten, ein kleines Mädchen, sie hieß Molly Zornow, sagte gutmüthig: sei doch nicht so dumm, es ist ja Spaß! Ein Paar der Erwachsenen hoben mich im Vorbeigehen auf und küßten mich, und ich wurde still. Aber die Schule war mir verdächtig geworden, und die große Hinterstube konnte ich nun ein für alle male nicht mehr leiden.

Zu meinem Glücke hatten wir Kleinen auch gar keinen Unterricht in derselben. Wir wurden, etwa acht oder zehn Kinder, den ganzen Morgen hindurch in einer freundlichen, nach der Straße gelegenen Stube im zweiten Stock von Mademoiselle Aune, der Tochter einer französischen Kolonisten-Familie, und von Madame Ulrich beschäftigt, und ich hatte mich in dem Zimmer und unter den Kindern nach einer Stunde so eingewöhnt, daß der Hunger, der mir beim Frühstück zu Hause gefehlt hatte, sich mitten in der zweiten Stunde um so stärker einstellte, und ich meine Semmel hervorholte, um ihm zu genügen. Kaum aber hatte ich das gethan, als die ganze Klasse zu lachen begann, und Mademoiselle Aune mir meine Semmel mit dem Bemerken fortnahm, essen dürfe ich nicht. Sie legte das Brot auf einen Schrank, die Stunde hatte ihren ruhigen Fortgang, mir fing vor Hunger der Kopf an sehr wehe zu thun, und als Mademoiselle Aune das Zimmer nach beendigter Lektion verließ, vergaß sie mir mein Frühstück zurück zu geben. Es mir zu nehmen hätte ich nicht gewagt, wäre ich selbst im Stande gewesen, es zu erreichen. Die Andern, die es sich in der Zwischenstunde wohl schmecken ließen, dachten nicht an mich. Von ihnen etwas zu fordern, hielt eine Verlegenheit mich ab, die nächste Lehrerin wußte von dem Vorgange nichts, und so blieb ich bis zwölf Uhr sitzen, mit fürchterlichen Kopfschmerzen, mit dem größten Hunger, meine mir rechtmäßig gehörende Semmel immer vor Augen, und mit dem festen Entschlusse, nie wieder in die Schule zu gehen, die ich abscheulich fand. Der erste Zwang, der dem Menschen von Fremden auferlegt wird, drückt vielleicht am schwersten, und von diesem Punkte aus betrachtet, ist der Eintritt eines Kindes in die Schule eines der größten Ereignisse des Lebens, wenn schon ein Jeder das Gleiche erfährt.

Die bestimmte Erklärung, daß ich nie wieder in die Schule gehen würde, war auch das Erste, was ich zu Hause mittheilte. Glücklicher Weise waren meine Eltern mit Herrn Ulrich übereingekommen, daß ich den Sommer hindurch nur die Vormittagsstunden besuchen und den Handarbeits-Unterricht noch nicht mitnehmen sollte, so daß ich an dem Tage Zeit fand, meinen Kummer im Spiele mit meinen Geschwistern zu vergessen; und am andern Tage brachte das Zureden meiner Eltern und die Versicherung, daß ich allein an meinem Unglück Schuld gewesen sei, mich dahin, die Sache noch einmal zu versuchen. Mein Vater gab mir einen Brief mit, in welchem er meldete, wie einfältig ich gehungert hätte, und da man daraus ersah, mit was für einem Geschöpfe man es zu thun hatte, behandelte man mich so freundlich und rücksichtsvoll, daß ich mich bald mit meinem Loose aussöhnte, ja es zu lieben begann.

Ich lernte leicht, der Vater half mir zu Hause auch nach, und in der Schule wie zu Hause dafür gelobt zu werden, machte mir großes Vergnügen. Man hatte damals bei uns noch die alte mühsame Buchstabirmethode, und das Lesenlernen war ein schweres Stück Arbeit, wenn man es mit der Weise vergleicht, in welcher die Kinder jetzt das Lesen und Schreiben so schnell und fast gleichzeitig erlernen. Aber ich glaube, hätte Herr Ulrich auch die Lautirmethode und alle die jetzt üblichen Erleichterungen gekannt, er wäre im Stande gewesen, sie, eben weil es Erleichterungen waren, zu verschmähen, denn das Lernen sollte nach seiner Ansicht, die ich freilich erst lange Zeit nachher begreifen lernte, vor allen Dingen die Kraft und die Energie des Geistes entwickeln. Daß er sich bei der Ausführung dieser Idee vielfach in den Mitteln vergriff, ist nicht zu läugnen. Wo aber seine Ansicht und sein Wesen mit Elementen in Berührung kamen, welche für seine Behandlungsweise das nöthige Gegengewicht in sich trugen, da leistete er für die Entwickelung des Charakters bei den Kindern wirklich viel; und es leben gewiß...



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