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E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Leyen / Hochmair Hochmair, wo bist du?
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7106-0920-6
Verlag: Brandstätter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Biografie
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-7106-0920-6
Verlag: Brandstätter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Katharina von der Leyen ist freie Journalistin und Bestsellerautorin. Schon vor dem Abitur begann sie für namhafte Zeitschriften zu schreiben und die Welt zu bereisen. Sie lebte in Europa, Australien und den USA, wo sie u.a. für die amerikanische, australische, englische und deutsche Vogue schrieb, TEMPO!, das ZEIT Magazin, die FAZ oder Architectural Digest. Neben erzählenden Sachbüchern, Romanen und Ratgebern zu Hunden und Hühnern hat Katharina von der Leyen mehrere Beststeller geschrieben, darunter 'Charakterhunde, Leinen los!', 'Die zweite Chance' und zuletzt 'Weiter!'. Sie lebt auf einem Hof zwischen München und Salzburg.
Autoren/Hrsg.
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1 — Zum Querschlag geboren
Im Inneren ist Philipp Hochmair ein Punk. Auch wenn man ihm sein anarchistisches Inneres nicht auf den ersten Blick ansieht mit den gut sitzenden Hosen und schön geschnittenen Sakkos, und auch, wenn einer am liebsten zu allen Jahreszeiten barfuß geht, wird er dadurch ja noch nicht zum Outlaw.
Das Punksein hat bei ihm früh angefangen, dieses Sich-dagegen-Stellen, Sich-wild-Wehren, dieses Unbedingteine-andere-Sprache-finden-Müssen für das, was sich nicht so einfach ausdrücken lässt: Anarchie als Antwort auf die Zwanghaftigkeit seines bürgerlichen Familienlebens. Als Teenager band Philipp Hochmair seine Schuhe mit unterschiedlich farbigen Schnürsenkeln und malte sich seine Hosen an: vorne gelb, hinten braun, und er schor sich die Haare ab, wenn er einen inneren Konflikt nicht ausdrücken konnte. Auf die Frage, wann Philipp Hochmair ungefähr begonnen habe, die Familienordnung zu stören, antwortet sein jüngerer Bruder Maximilian: „Ich glaube, das fing mit seiner Geburt an.“ Dabei hatte Philipp Hochmair es eilig, auf die Welt zu kommen: Seine Mutter hatte geplant, dass ihr Erstgeborener genau am Geburtstag des Vaters zur Welt kommen sollte. Aber schon vor seiner Geburt wollte Philipp Hochmair sich an keine Vorgaben halten. Stattdessen kam er drei Wochen zu früh und so drängend, dass seine Mutter es gerade noch auf den letzten Metern aus der Wohnung in der Czartoryskigasse in die dahinter liegende Frauenklinik schaffte – spannenderweise genau das Gebäude, aus dem ihr Sohn fünfundvierzig Jahre später in der Serie „Vorstadtweiber“ in seiner Rolle als Minister Schnitzler in den Tod springen würde.
Zum Teenage-Punkrocker reichte es damals nicht; in der Ordnung des 16. Bezirks in der Schule in der Maroltingergasse in Ottakring kam diese Spezies nicht vor. Es gab nur einen einzigen Punk, der sich überhaupt nicht zum Vorbild eignete: Der kämpfte nicht mehr und wehrte sich nicht, sondern beschwichtigte seinen Zorn schon morgens mit Alkohol im Park. Philipp Hochmair dagegen wehrte sich immer gleich und wollte sich nie betäuben, ganz im Gegenteil: Er wollte mehr fühlen, „ein bisschen“ Gefühl reichte ihm nicht. Bis heute muss es schon die volle Ladung Adrenalin sein, damit er das Gefühl hat, dass es sich lohnt.
Er sagt heute, dass er es bereut, immer „so brav“ gewesen zu sein: ein Satz, den seine Eltern nicht unterschreiben würden, mit denen er sich – die eher autoritär als diskussionsbereit waren – immer wieder auf heftige Auseinandersetzungen einließ; denen er sich nicht unterordnen wollte und die er nicht verstand – so, wie er ihnen grundsätzlich fremd war, dieser Aufständische, der sie mit seiner Wach- und Wildheit und seinem ewigen „Warum?“ störte und verwirrte. Philipp Hochmair hat schon als Kind alles hinterfragt: „Wenn jemand sagte, ‚Der Himmel ist so blau‘, dann wollte Philipp wissen, warum“, beschreibt sein Bruder.
Es war ein überaus geordneter, strukturierter Haushalt, in dem Philipp Hochmair mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Maxi aufwuchs. Ein kleines, winkeliges Haus am Ende eines großen Gartens, mit vielen dicken Teppichen, mit bunten Ölgemälden an den Wänden, die Freunde der Eltern gemalt haben. Eine gewundene Treppe führt ins Obergeschoß mit den Schlafzimmern der Eltern und der Söhne. Nicht viel Platz zum Toben im Haus, aber als Kind hätte man sich sicher und geborgen fühlen können. Der Geruch der Kindheit war „Opium“, ein schweres, orientalisches Parfum mit Moschus, Myrrhe und Amber von Yves Saint Laurent, das sowohl die Mutter als auch deren Mutter („die Wiener Großmutter“, die eigentlich aus Hamburg stammte) trugen.
Mutter Sylvia war Lungenfachärztin, der Vater Ingenieur. Zwischen den Eltern war es Liebe auf den ersten Blick, als sie sich vor sechzig Jahren auf einer Skipiste kennenlernten, und die zu einer bedingungslosen ehelichen Zweisamkeit führte, in der für andere Menschen nur wenig Raum war. Die Söhne gehörten zum Verständnis von Familie jener Zeit, waren aber nicht ihr Zentrum, sondern irritierten das Gefüge eher. Die Eltern waren sehr mit ihrem Berufsleben beschäftigt, um die beiden Kinder wurde kein Gewese gemacht: Freizeitgestaltung mit ihnen bestand aus Wandern und Schwimmen. Das prägte: Bis heute erledigt Philipp Hochmair wichtige Gespräche gerne beim straffen Gehen und sucht Seen, Flüsse oder Kanäle zum Baden auf, wenn er sich „abkühlen“ muss, wie er es nennt: Als würde kaltes Wasser seinen Stoffwechsel neu starten.
An Kindergeburtstage, Fasching oder ausgelassene Gartenpartys bei Hochmairs mit Nachbarn oder Freunden dagegen kann sich niemand erinnern: „Ich war nicht besonders interessiert an Freunden“, sagt die Mutter. „Nur an den Leuten, die ich wirklich mochte.“ Die kleine Familie blieb unter sich. Dreißig Jahre lang besuchten die Hochmairs in den Ferien immer die gleichen Freunde: der Familienrahmen wurde mit allen Mitteln eingehalten. Die Eltern unternahmen alle Reisen gemeinsam, die Kinder kamen nicht immer mit: „Das war nicht nötig“, erklärt Sylvia Hochmair, „ich hatte ja meine Mutter.“ Diese Hamburger Großmutter, die in Wien lebte, war streng, achtete sehr auf Etikette und hatte einen eher kühlen, norddeutschen Charme und sprach auch reinstes Hochdeutsch – was wahrscheinlich einer der Gründe war, warum Philipp Hochmair später seinen Wiener Dialekt ohne besondere Nebenwirkungen abtrainierte und, noch viel später, Hamburg zu seiner Wahlheimat machen würde. Die andere Großmutter, Augustine, war die Lieblingsgroßmutter. Sie lebte in einem bescheidenen Haus in der Nähe von Braunau in Oberösterreich auf dem Land mit einem übersichtlichen Garten zwischen anderen Gärten und nahe großer Felder und Bauernhöfe. Diese Großmutter war fürsorglich und liebevoll, spielte, ließ den Brüdern viel Freiheit und verlangte nichts. „Sie war mein wichtigster Ansprechpartner als Kind“, sagt Philipp Hochmair. „Sie hat sich sehr meiner angenommen, ich habe mich bei ihr immer willkommen und zu Hause gefühlt.“ Sie starb, als Philipp zehn Jahre alt war. Ihr Haus – fast unverändert seitdem – ist bis heute der Ort, an dem Philipp Hochmair sich am ehesten „zu Hause“ fühlt. „Es ist ein Stück Heimat, ein Rückzugsort“, an den es ihn zieht, wenn er ein paar Tage Ruhe sucht oder lesen und Text lernen muss.
Der Vater, der auf allen Fotos von damals ernst aussieht, kümmerte sich darum, dass seine Söhne in der Schule mitmachten. „Wir haben immer zusammen gelernt“, sagt er. „Viel mitgeben konnte ich ihnen ja nicht, aber ich konnte darauf achten, dass sie gut durch die Schule kommen. Bis der Philipp darauf gekommen ist, dass es auch alleine und freiwillig geht. Bis dahin habe ich eben darauf geachtet, dass es ‚freiwillig‘ geschieht.“ Der Fokus der Eltern im Hause Hochmair lag auf hohen Werten wie einer guten Ausbildung und „etwas aus sich machen“, die Beschäftigung mit den Kindern war an Leistung, Erwartungen und Funktionieren gebunden. „Es ging immer um ‚Funktionieren‘ oder ein Bestehen in der Gesellschaft oder in der Schule“, erklärt Philipp Hochmair. „Wir sollten in diesem Getriebe funktionieren. Wir haben nicht gelernt, uns als Menschen wahrzunehmen. Mich selbst zu spüren – das musste ich mir schwer erarbeiten.“
Auch wenn die späten 1970er-Jahre eigentlich als eine Zeit galten, in der andere, ganz neue Ideale entstanden – die Röcke wurden kürzer, die Haare immer länger, es gab Flower-Power und Linksterrorismus, die Musik wurde lauter und die Farben bunter –, passierte dies im konservativen Wien nur in sehr kleinen Schritten. Das Wien der 1970er- und 1980er-Jahre war kein bisschen mondän, sondern grau, düster und arm. Viele Stadtteile waren so heruntergekommen, dass Gebäude und Geschäfte zugenagelt wurden, weil niemand dort wohnen oder gar Geschäfte eröffnen wollte. Wien war noch nicht cool, obwohl es ein paar gute Clubs gab – aber das Problem war, dass die letzte Straßenbahn um 20:30 Uhr fuhr: Wer ausgehen wollte, musste hinterher zu Fuß nach Hause laufen. Gleichzeitig gab es zwar den unglaublich fortschrittlichen Bruno Kreisky, der moderner war, als Willy Brandt es je sein wollte. Es gab Trotzkisten, Terroristen und Sekten, auch im Schatten des Eisernen Vorhangs wurden Regeln und Tabus hinterfragt, es gab Aufstände der Jungen gegen ihre Väter – aber in Österreich gab es bei allen fortschrittlichen Bemühungen eine strenge Spaltung zwischen Fortschritt und Konservativismus: Wie heute. Neben Lehrern, die immer noch Schüler schlugen, gab es antiautoritäre Bestrebungen und „Kinderläden“, die von den Medien als...




