Lie | Der Dreimaster "Zukunft" | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 198 Seiten

Lie Der Dreimaster "Zukunft"


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3063-8
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 198 Seiten

ISBN: 978-3-8496-3063-8
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
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Ein Seemannsroman so rau und wild wie das Meer, das an Norwegens Küsten brandet. Lie wurde 1890 in die Königliche Wissenschafts- und Literaturgesellschaft in Göteborg aufgenommen.

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Marina war nun schon eine Frau mittleren Alters und ihr Haar begann zu ergrauen. Aber obschon von den langen Jahren draußen auf der Schär gebräunt und nicht mehr schlank, würde sich ein Fremder doch über ihre hübschen Züge und das etwas Ungewöhnliche in ihrer Figur gewundert und gedacht haben, sie müsse in ihrer Jugend doch sehr schön gewesen sein. Jon war bejahrt und vielleicht auch durch unglücklichen Einfluß der warmen Zipfelmütze schon recht kahlköpfig geworden. Das kräftige Gesicht mit den grauen Augen war so gefurcht und wetterzerrissen wie die braunen Langschären, um welche die See spült und der Wind braust, seine breitschultrige Gestalt aber gebeugt und sein Gang so schleppend, wie das Leben eines nordländischen Küstenbewohners, der beständig im Boote sitzt, es wohl mit sich bringt.

Eines Tages, als Marina mit den Kindern fort war und in dem prächtigen Sommerwetter Heu auf der Insel erntete, kramte Jon in dem großen Koffer, mit Marinas Hochzeitsputz, in dessen Ecke er auch einiges Silbergeld liegen hatte. Als er auf dem Boden nach einem Silberstücke suchte, das sich zwischen den Kleidern verschoben hatte, fand er zu seinem Erstaunen in ihrer Hochzeitshaube ein zusammengelegtes Papier und in diesem eine goldene Brustnadel. Gegen das Licht gehalten, las er die Buchstaben T. S., und es stieg der Gedanke in ihm auf, daß sie nur Thor Stuwitzens Namen bezeichnen könnten, der sich ja, ehe sie sich verheirateten, so verliebt in sie gestellt hatte.

Durch die offene Thür schien die Vormittagssonne warm hinein und beleuchtete hell vom Namen Marinas die Anfangsbuchstaben auf dem rotblumigen Koffer, während Jon, allein zu Hause, in tiefen Gedanken auf dem Rande des Koffers saß, die Brustnadel vor sich in der Hand haltend. So saß er eine Stunde und noch eine Stunde da. Seine Miene wurde immer finstrer, und sein Gesicht nahm zuletzt einen steinernen Ausdruck an. Er entsann sich des harten Kampfes in der Jugend, um endlich zusammenzukommen; er gedachte, wie fest er sich auf sie, wie auf den lieben Gott, verlassen hatte, und des geheimen Festes draußen auf dem Fjord nach der Trauung, als sie die Geschenke versenkten: – und nun, nach so vielen Jahren, doch eine Lüge!

Jon saß den Tag über auf dem Rande des Koffers und fühlte, wie ein Teil der Herrlichkeit seines Lebens dahinschwand; er besaß ihr Herz also doch nicht ganz und aufrichtig. Einen Augenblick hatte er im Sinne, sie geradezu zu fragen, wie sich die Sache verhielte; aber nach einigem Nachsinnen schwand ihm der Mut, und er wickelte den Schmuck zuletzt wieder in das alte Papier und legte ihn auf seinen Platz unter der Hochzeitshaube.

Den ganzen Herbst über war er düster und wortkarg, und Marina wunderte sich in der Stille oft darüber, was in ihm vorginge.

Mitten im Winter reiste Jon Zachariasen zu dem Kaufmann in Sörströmmen, um ihre getrockneten Fische zu verkaufen und zum Weihnachtsfeste einzukaufen. Jon war es schwer um das Herz; denn bei seinen jetzigen düstren Anschauungen hatte er wenig Aussicht, daß es ihm diesmal gelingen werde, die teuere Ausrüstung zu dem Winterfischfang im Februar zu erlangen. Seit jenem Tage, da er auf Marinas Hochzeitskoffer gesessen, vermochte er nicht mehr alles so leicht wie früher zu nehmen. – Unter den fünf Männern im Boote befand sich Morten. Jon war wie gewöhnlich »Hövedsmann«, d. h. Befehlshaber.

Vor der Abfahrt hatten sie die Netze heraufgezogen und einen großen Hakenfisch gefangen, der einen Dorsch, welcher auf die Angel gebissen, vollkommen verschlungen hatte. Das, hatte Groß-Lars einmal gesagt, bedeute schlechtes Wetter, und die Wahrheit dieser Worte sollte sich bald zeigen. Aus den Klüften des Gebirges brausten am Vormittage heftige Windstöße hervor, einer immer stärker als der andere, so daß sie gezwungen wurden, die Segel fast ganz zu reffen.

Was die Fahrt an diesem Tage bedenklich machte, war, daß der Sturm, der vom Lande wehte, immer mehr nach Osten ging. Wollten sie nicht weit in das Meer hinaus und in den sichern Tod getrieben werden, so mußten sie, trotz der schweren See, mit einer Seite immer unter Wasser, möglichst zu kreuzen suchen. Dicht am Lande vorwärts zu kommen, war unmöglich. Das erste nicht leichte Opfer, welches gefordert wurde, war, daß jeder die Hälfte seiner Fische über Bord werfen mußte.

In der Kälte überzog der Wellenschaum das Boot mit einer immer dickeren Eisrinde, so daß es schwerer zu regieren war. Noch eine Gefahr zeigte sich, indem sie eine Zeitlang in einen dichten Frostnebel gerieten, der sie über die Richtung im Ungewissen ließ. Jon gab deshalb das Kreuzen auf und ließ das Boot mit halbem Winde vorwärts treiben, da er meinte, sie könnten auf diese Weise vielleicht die »Vogelinsel« erreichen, oder doch jedenfalls aus dem Nebel herauskommen; und letzteres gelang ihnen auch. Aber die See ging hoch, und der Oststurm war jetzt so eisig kalt, daß sich annehmen ließ, das Boot werde sich, der Eisrinde wegen, die Nacht über nicht auf dem Wasser halten können. Morten, der wahre Luchsaugen hatte, behauptete, er hätte zweimal in gerader Richtung einen fernen, weißen Schaum gesehen, und kurz darauf glaubten die anderen dasselbe zu sehen. Vielleicht war es die Vogelinsel. Aber im stillen meinte Jon, zehnmal wahrscheinlicher wäre es eine Brandung, die um ein paar Schären koche.

Mit einemmale sprang der Sturm unter heftigen Schauern nach Nordwesten um, so daß sich das Meer schwer nach dem Lande zu wälzte. Zuweilen trat dichtes Schneegestöber ein; die Wellen schlugen oft in das Boot, der Schöpfer wurde beständig gebraucht, und der Mann am Vordersteven hatte nasse Arbeit. Jetzt hatten sie wenigstens erkannt, wo sie sich befanden, und der Kurs wurde nach den Tenholmen gerichtet, einer weit im Meere hinaus liegenden Schär, mit einer kleinen Handelsstelle während der Fischzeit, die Heggelund zugehörte.

Vor den Untiefen, die Morten gesehen hatte, und über denen sich unaufhörlich Schaumsäulen erhoben mit Rauchwolken gleich rauchenden Schornsteinen, erblickten sie ein gekentertes Boot mit drei Männern auf dem Kiel, die um Hilfe winkten. Ihre Rufe konnten gegen den Sturm nicht gehört werden. Der Mann im Vorderteil legte ein Seil bereit und warf es, als eine schwere Welle sie dicht vorbeitrieb, zu ihnen hinüber. Leider wurde es nur von dem Hintersten der Männer ergriffen, der denn auch an Bord gezogen wurde, während die beiden anderen Gefahr liefen, in die Untiefe geschwemmt zu werden.

Da drehte Jon das Steuer auf die Seite und kommandierte: »Kehrt!« zum Entsetzen seiner Begleiter, die aber mit dem Segel den Wendungen des Steuerruders folgen mußten. Es schien nicht geraten, den Vordersteven gegen die Wellen zu richten. Das Boot wendete, und die Wellen schlugen über dasselbe. Als Jon es wieder genügend über Wasser gebracht hatte, ließ er es abfallen. Seine Absicht war, obgleich er große Gefahr dabei lief, sein schweres, eisbedecktes Boot gerade über das umgestürzte zu lenken.

Jon wählte den Augenblick meisterhaft. In dem Moment, da sein eigenes Boot stieg und das andere in dem Wellenthale sank, fuhr Jons »Femböring« quer über den Kiel des letztern, von dem die Verunglückten an Bord gezogen wurden, je ein Mann auf jeder Bordseite. Darauf wurde die Fahrt nach den Tenholmen fortgesetzt, wo sie irgendwo am Ufer die Nacht zuzubringen hofften. Der eine der Geretteten war fast ohne Lebenszeichen, während die beiden anderen völlig ermattet auf dem Boden des Bootes lagen. Vor der engen Einfahrt waren, wie gewöhnlich an solchen Stellen, einige kleine Schären mit Vogelwehren; aber während des Sturmes saßen die Vögel wie eine lebendige Decke auf allen Klippen. In der Finsternis suchte Jon vergebens nach der Einfahrt; überall traf er auf weiße Sturzwellen, und der Sturm, der wieder kalt von Osten kam, nahm von neuem zu.

Einige Stunden lang hatte er so vor den Klippen auf Tod und Leben gekreuzt. Mit Eis überzogen und dem Versinken nahe, wie das Boot jetzt war, schien ihm eine Wahl länger nicht möglich. Sie überließen sich Gottes Gnade und fuhren geradeaus drauf zu.

Das Boot fiel ab, das Segel wurde ausgespannt, und wie im Fluge ging es durch die Brandung hindurch, die man bald wie einen Wasserfall brausen und donnern hörte. Kurz darauf lief das Boot auf dem Rücken einer ungeheueren Welle auf den Strand, gegen den es mit solcher Gewalt stieß, daß der Mast unten brach. Glücklich warf Jon den Anker, wand ein Tau fest um den Stamm des Stevens und sprang, während die Welle sich wieder zurückzog, an das Land, indem er mit der einen Hand das Tau festhielt und mit der anderen Morten um den Leib gefaßt hatte. Als die gewaltige »Socht« überstanden war, waren bereits alle Männer vor dem Boote am Strande und zogen es so weit an das Land, daß sie vor der nächsten Welle so ziemlich gesichert waren.

Daß sie sich nicht auf einem der Tenholme befanden, sondern nur auf einer der davor liegenden kleinen Schären, davon überzeugten sie sich bald; – hin und wieder glaubten sie von dem Handelsorte Licht schimmern zu sehen.

Über das Riff brauste der Sturm so gewaltig, daß ein Mann im Winde nicht aufrecht zu stehen vermochte, und der Wellenschaum die ganze Zeit darüber forttrieb. Endlich gelang es ihnen nach vielen Anstrengungen den Femböring umzukehren, so daß er sich wie ein Haus über ihnen wölbte; vor der Öffnung hatten sie das Segel zeltartig befestigt. Sie erwärmten sich dadurch, daß sie dicht...



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