E-Book, Deutsch, 149 Seiten
Lie Großvater
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3064-5
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 149 Seiten
ISBN: 978-3-8496-3064-5
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Stille Weisheit spricht aus dem 'Großvater' , einem Roman mit autobiografischen Zügen der in den letzten Jahren des großartigen norwegischen Schriftstellers entstand.
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Der Großvater saß auf der Treppe draußen und sonnte sich, und Stefanie kam mit ein paar Zeitungen, die sie gelesen hatte, aus dem Lusthaus. Sie hat wohl die Rubriken für Sanatorien und Badeorte studiert und welche Persönlichkeiten in der neuen Saison angekommen und abgereist waren, dachte der Großvater bei sich.
"Huf," – seufzte sie gelangweilt, – "diesen Nachmittag werden wir Paul Höeg wieder hier haben: so ließ er uns durch Ingwald melden. Eigentlich bist ja Du es, Großvater, dem seine Besuche gelten, und ich bin fast froh, daß ich Kopfschmerzen habe und mich nicht zu zeigen brauche. Ich vertrage diesen Herrn nicht mit all seinem Geistreichthun und diesem taktlosen unpassenden Anschneiden alter, langst erledigter Familienskandale ...
Der Großvater saß und lächelte ihr nach. Er war eben anderer Meinung – –
– Ja – ja, ja, – ja – Er sehnte sich in seinem Herzen darnach, daß der Sohn nächste Woche endlich von den Waffenübungen heimkehre. Es war ja in seiner Art eine Erleichterung gewesen, nicht sehen zu müssen, wie Gunnar von diesem beständigen verborgenen Seelenleiden gequält herumging. Aber das Haus hier ohne den Mann – –
Glücklicherweise waren sie in dieser Zeit vom Herrn Konsul nicht mehr als ein einzigesmal heimgesucht worden, – mit Musizieren und Waldpromenade. Nicht behaglich, nein. Drittermann, und als Jasager dabei sein zu müssen ...
Es war jedenfalls ganz gut, ganz heilsam, daß Gunnar nun kam: – ein Haus ohne Mann wird gewissermaßen zu locker in den Fugen ... Und da gehen diese zwei erwachsenen gedrückten Kinder herum, für die alle Wände durchbrochen sind durch diese unglückseligen Ahnungen, an die sie weder zu denken noch vor einander zu rühren wagen.
Es pfiff unten an der Dampfschiffbrücke, und gleich darauf kamen Paul und Ingwald in vollem Disput den Weg herauf.
... "Nein, es fiele Ingwald gar nicht ein in diesem Land zu bleiben," – wurde eifrig fortgesetzt, nachdem man den Großvater begrüßt hatte. – "Das Technikum so rasch wie möglich absolvieren, und dann fort, – weg wie eine Zwetsche."
"Weg wie eine Zwetsche?" – wiederholte Paul. – "Das heißt, Ingwald, Du bleibst dieselbe Zwetsche, ob Du nun nach Amerika oder Australien gehst oder hier bleibst. Nur das Land ist ein anderes."
"Anderes Erdreich zum Wachsen, ja. Ich meine es bei Gott ernst, – habe die ganzen Ferien auf eigene Hand Tag und Nacht studiert, seitdem der Vater fort ist. Und im Winter beziehe ich die technische Schule."
"O ja, – in Büchern büffeln kannst Du überall," wendete Paul ein. "Jedoch das Land, in das Du kommst, das mußt Du von neuem ausstudieren. Dein eigenes studieren, das hast Du daheim gethan, siehst Du; das hast Du in Dich gesogen mit der Muttermilch und in Dich hineingegessen mit jeder Speise; – dieses Land also, das kennst Du, und zwar so, wie Du nie irgend ein fremdes in Dein Blut bekommst. Hier kannst Du Deine Zwetschen ziehen, mein Junge, und zwar besser als irgend anderswo, – nur mit dem Fünfteil des Kopfes, den Du draußen dazu brauchst."
"Nein, pfui!" Ingwald spuckte zornig auf die Treppe aus. "Und wenn ich mich zehnmal so sehr plagen soll, – fort will ich!" –
– "Ich komme mit noch einem Appell an das gute Gedächtnis des Herrn Zollinspektors," – unterbrach ihn Paul, während der Blick suchend über den Garten und die Fenster flog. – "Das Södermannsche Vermögen, das nun geteilt ist ... Aha! Klein Terna sitzt im Jungfrauturm und näht," – unterbrach er sich und war im Nu beim Vorratshaus und bettelte, um sie mitzukriegen. – "Der Großvater wird so gemütlich, wenn Du auch dabei bist und zuhörst, – erinnert sich dann viel leichter. Die Stimmung ist's, auf die es ankommt ... was sagst Du dazu, wir bekommen ihn zu einem Spaziergang und dann geht das Pumpwerk los – – Die Säumerei? – Wenn ich Dir nun sage, es ist mir wichtig, etwas aus ihm heraus zu kriegen ... Diese Södermann'sche Familie, wie sie anfänglich zu ihrem Vermögen kam. Der Urheber, der falsch schwur, sitzt, will ich hoffen, in der Hölle und zählt Schilling um Schilling glühend zwischen den Fingern ... Du magst nicht? ... Es kommt eine ganze Liebesgeschichte vor", – drang er in sie.
"Ach, nein, nein, – dergleichen ist immer so traurig. Laß uns nur von etwas anderem reden." Sie legte das Nähzeug zusammen und folgte ihm.
"Ich will nur eine einzige Bemerkung machen", – sagte er und ließ die Augen auf ihr ruhen, während sie über den Hofraum gingen.
"Nun?" – sie blieb stehen.
"Ich habe niemals irgend wen so gehen gesehen so – merkwürdig – unbegreiflich ... Du gehst nicht, Du springst nicht, Du – Du" ...
"Aber ich komme doch von der Stelle, meinst Du", – lachte sie.
"Paul muß Publikum haben, Großvater", – neckte sie und setzte den Hut auf ... "Machen wir also einen Spaziergang. Es ist die Södermann'sche Sache, in die wir gründlich eingeweiht werden sollen".
"Das Södermann'sche Vermögen, ja wohl, das nun geteilt ist", – rief Paul mit großen Augen.
Sie nahmen den Waldweg zur Mühle ...
"Hier hast Du eine Himbeere, Terna. – Und hier – da hier", – sprach Paul eifrig und begann zu pflücken. "Ein förmlicher Beerenhügel, das da". –
"Aber die Södermann'sche Sache, – wo ist die hingeraten?" drängte ihn Terna.
"Da habe ich eine Handvoll große, reife für Dich. Nichts geht über Himbeeren!"
"Iß selbst, – ich sammle für den Großvater; so kann er sie verspeisen, während Du ihm die Södermann'sche Geschichte vortrügst."
"Hier werden 's immer mehr, immer mehr, die Sonnenseite hinan", fuhr Paul unbeirrt fort, – "vorzügliche reife Beeren. Ob Du willst oder nicht, Du wirst diese drei hier kosten, Terna! – Bewahre, ich sage nicht aus meiner Hand, sondern aus der Hand des Waldes, der Natur!"
"Ja, sie waren wirklich ausgezeichnet," bestätigte sie.
"Und hier sind noch – noch", – rief er. "Wollen wir um die Wette probieren, wer zuerst zwanzig hat ... Und das bin ich", – kam es gleich darauf, während er die Hand ausstreckte.
"Darf ich zählen?" – sagte sie zweifelnd, – "denn ich habe bloß neun – Schwindel!"
"Also noch einmal!"
"Danke, nein; ich gehe nicht mehr auf Deine Leimrute."
"Man hat nicht mehr den Rücken zum Beeren suchen, nein," – sagte der Großvater und stützte sich auf seinen Stock. "Wahrhaftig eine schöne Aussicht, – wert, betrachtet zu werden."
"Merkwürdige Aussicht!" – beteuerte auch Paul. "Der Fjord, die Schären. – Etwas weiter rechts taucht wohl die Spitze des Leuchtturms auf" ...
"Ja wohl, – ja wohl," – bestätigte der Großvater.
"Wir können uns ja hier unter den Baum setzen," meinte Terna. "Dann kann Paul mit seiner Södermann'schen Sache loslegen."
"Hier, mitten auf dem Himbeerhügel ... wo man nicht im stande ist, an etwas anderes zu denken als an die eine Beere, die besser ist als die andere! Was meinst Du zu diesem kleinen Himbeerzweig für Deinen Hut, Terna?"
Sie befestigte den Zweig so gleichgiltig, als vergäße sie es sofort wieder, und Paul stand und grübelte und sah ihrem Hut nach, der sich zwischen den Büschen bald hob, bald sich senkte.
... "Wahrhaftig eine merkwürdige Aussicht," – wiederholte der Großvater. Sein Gesicht zeigte ein still humoristisches Lugen, wahrend er fügsam die Beeren aß, die Terna ihm brachte.
"Ein Siebenstern!" .. rief Paul; – "den – den sollst Du haben, – das will ich, Terna. Und weißt Du warum? Weil er ein Unikum ist, – die einzige Blume ihrer Art, – von der siebenten Ordnung, – die sich in Europa befindet."
"Du kannst ja Deine Botanik schrecklich gut, wie ich höre."
"Ich sage, weil sie ein Unikum ist und die Prinzessin aller Waldblumen," klang es warm.
"Es giebt nichts, was einzig wäre...




