E-Book, Deutsch, 156 Seiten
Lie Hof Gilje
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3065-2
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 156 Seiten
ISBN: 978-3-8496-3065-2
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
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Eine norwegische Familiengeschichte aus der Zeit Mitte des 19. Jahrhunderts. Lie wurde 1890 in die Königliche Wissenschafts- und Literaturgesellschaft in Göteborg aufgenommen.
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In der Küche auf Hof Gilje herrschte eine emsige Thätigkeit, denn die Weihnachtsschlachterei war im Gange. Vom Beischlag drang ein kalter Zug herein, und in der Luft schwebte ein Geruch von Muskatblüte, Ingwer und Gewürznelken. Laut trommelten die Hackmesser, und dumpf dröhnte das Stampfen im großen Steinmörser, woran Stor-Ola mit einer weißen Schürze und einer Serviette um den Kopf arbeitete, daß das Haus zitterte.
Oben am langen Küchentisch saß Ma mit Stopfnadel und Hanfzwirn und nähte Rollwürste zusammen, während einige Käthnerfrauen und Thea, weiß wie die Engel, damit beschäftigt waren, Fleisch für den feinen Kloßteig zu schaben.
Hinten auf der Küchenbank saß die kürzlich nach Hause gekommene Thinka mit blutigen, mörderisch aussehenden Armen und stopfte Blutwürste über einem großen Trog. Das machte sie mit großer Fertigkeit und sehr rasch vermittelst eines großen Wursthorns. Sie steckte einen langen Dorn durch jede Wurst und band einen der großen, unheimlichen Riesenblutegel nach dem andern, während deren Brüder und Schwestern in gewaltigen Kesseln brodelten, woran die Flammen in die Höhe leckten und in den Schornstein schlugen.
Auch der Hauptmann war in die Küche gekommen und übersah mit einem gewissen Vergnügen das Schlachtfeld. Das waren ja recht angenehme Aussichten, woran man gern denken mochte, und kleine Proben der fertigen Erzeugnisse waren ihm auch fortwährend auf sein Dienstzimmer geschickt worden, damit er seine Meinung darüber zum besten gebe.
»Ich werde euch 'mal zeigen, wie man hacken muß, ihr Mädchen,« sprach er und nahm Torbjörg die beiden Hackmesser aus der Hand, und nun flogen sie so rasch auf dem Brett auf und nieder, daß man sie kaum unterscheiden konnte, und die in der Küche versammelte Gesellschaft, ganz verblüfft über dieses Meisterstück, die Arbeit unterbrach und laut ihre Bewunderung aussprach. Es dauerte freilich nur zwei bis drei Minuten, während Torbjörg und Aslak den lieben, langen Tag mit den leinenen Schürzen dastehen und hacken mußten. Aber ein Sieg ist nun einmal ein Sieg, und als der Hauptmann nachher in die Stube ging und stillvergnügt ein Liedchen vor sich hinsummte, that er das nicht ohne einen kleinen, verschmitzten Nebengedanken an seine Kriegslist, denn, ja, meiner Seele, die Arme schmerzten ihn hinterher doch ganz gewaltig. Er rieb sie sich ein paarmal, ehe er sich eine Serviette um den Hals band und sich an den Tisch setzte, um den warmen Blutürsten mit Rosinen und Butter, womit Thinka gerade eintrat, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
»Ein bißchen Senf, Thinka!«
Thinkas schlanke Gestalt glitt lautlos an den Eckschrank, um das Verlangte zu holen.
»Hör 'mal, du, wenn der Teller ein bißchen wärmer wäre, schadete das auch nichts ... er muß für Butter und Rosinen eigentlich fast glühend heiß sein.«
Die allzeit flinke Thinka war im Nu mit einem Teller draußen am Herde, und als sie gleich darauf wieder eintrat, hielt sie ihn mit einer Serviette, denn mit der bloßen Hand konnte man ihn nicht anfassen.
»Nun gieß' nur alles hier auf diesen Teller, Vater, dann sollst du 'mal sehen.«
Eine der glücklichsten häuslichen Seiten, die Thinka nach ihrer Rückkehr offenbarte, war die unvergleichliche Geschicklichkeit, womit sie den Vater zu behandeln verstand. Von Gereiztheit war fast keine Rede mehr. Dabei war mit ihrer launigen, gemütlichen Fügsamkeit eine wahre Ruhe ins Haus eingekehrt, denn der Hauptmann wußte, er brauchte ihr nur den kleinsten Wink in Hinsicht auf die Zubereitung einer Lieblingsspeise zu geben, er wurde stets beachtet. Sie war so gefällig, wahrend Ma sich immer nur in einer schwerfälligen, ungeschickten Weise fügte, als ob es, bildlich gesprochen, in ihr krachte, so daß er brummig wurde und anfing zu zanken, trotzdem sie wußte, daß ihm das sehr schlecht bekam.
Nun war seit Montag morgen wirklich außerordentlich viel geleistet worden, und sie konnten darauf rechnen, morgen abend fertig zu werden. Zwei Kühe, ein Kalb und ein Schwein, das war keine kleine Schlachterei – von den Schafen ganz zu schweigen.
»Der Vogt! – Das Pferd des Vogtes ist auf dem Hofe!« verkündete plötzlich in der Dämmerung eine Stimme der in der Küche arbeitenden Gesellschaft.
»Spute dich, Jörgen, lauf hinauf in die Dienststube zu Vater und sag' ihm, er möchte herunterkommen und ihn empfangen,« rief Ma nach kurzer Ueberlegung. »Du mußt das,« auf die Schürze zeigend, »ablegen und aufhören, Stor-Ola, so ungelegen es auch ist.«
»Der hat gewittert, daß wir Würste im Kessel haben, glaube ich,« rief Marit in ihrer derben Hochlandssprache. »Ist das nicht schon das zweite Mal, daß er uns mitten in unser Weihnachtsschlachten kommt? Gewiß ist er seinen Leuten zu Hause im Wege.«
»Nimm dein Mundwerk in acht, Marit,« sprach Ma ärgerlich. »Der Vogt mag sich wohl zu Hause nicht allzu behaglich fühlen, seit er seine Frau verloren hat, der arme Mann.«
Aber es war doch sehr ungelegen, daß er gerade heute kam – grenzenlos ungelegen. ... Allein man mußte aushalten, es war nicht angängig, die Arbeit zu unterbrechen.
»Der Vogt bleibt bis morgen hier,« rief der Hauptmann, hastig in die Küche tretend. »Da ist nichts zu machen, Ma! Ich werde ihn auf mich nehmen, wenn wir bloß etwas bekommen, daß wir nicht verhungern.«
»Ja, das ist leicht gesagt, Jäger! ... So, wie wir hier stehen und alle Hände voll zu thun haben.«
»Krammetsvögel ... Frikandellen ... ein bißchen frische Wurst. Das ist doch nicht schwer zu beschaffen ... ich hab' ihm gesagt, daß er Metzelsuppe essen muß – und hör 'mal, Thinka, ein Glas Grog,« rief er seiner Tochter mit einem freundlichen Nicken zu, »etwas Toddy – so rasch als möglich«.
Thinka war schon in Bewegung und rannte nur einen Augenblick hinauf an ihre Kommode.
Von Natur anspruchslos und gar nicht blöde, war sie gleich nachher wie der Wind mit dem Toddybrett und einer frischen blauen Schürze unten, und dann, nachdem sie den Vogt begrüßt hatte, am Schrank, um Rum und Arrak herauszunehmen, dann wieder am Rauchtisch, wo sie ein Bündel Fidibusse holte und den Herren aufs Theebrett legte, ehe sie wieder in der Küchenthür verschwand.
»Du mußt dich waschen, Torbjörg, und oben das Fremdenzimmer für den Vogt in Ordnung bringen ... und dann müssen wir nach Anne Vaelta schicken, daß sie hier hilft, so wenig sie auch taugt. – Jörgen, spring 'mal gleich hin,« sprach Ma, die sich ihrer allernotwendigsten Truppen mehr und mehr beraubt sah.
Stor-Ola hatte das Pferd des Vogts in den Stall gebracht und stand nun wieder in seiner großen weißen Schürze, die wie ein Chorhemd aussah, vor dem Mörser und stampfte bum, bum, bum.
»Seid ihr denn rein aus dem Häuschen? Denkt ihr denn gar nicht ein bißchen nach?« sprach der Hauptmann, der plötzlich hereingestürzt kam. Er dämpfte zwar seine Stimme, war aber um so ärgerlicher. »Warum rollt ihr nicht gleich auch noch ein bißchen? Damit der Vogt es richtig über und unter sich rumpeln hört. Es ist ja so, daß im Zimmer alles wackelt.«
Ma machte eine Gebärde der Verzweiflung, und in ihren Augen erschien plötzlich ein düsterer, wilder Ausdruck, der fast wie Auflehnung aussah ... nun fing auch er noch an, sie zum Aeußersten zu treiben ... aber es kam nur zu einem entsagungsvollen: »Nimm deinen Mörser hinaus auf den steinernen Flur des Beischlags, Stor-Ola.«
Thinka wurde die Aufsicht über die im Gange befindlichen Arbeiten und die Herrichtung des Abendessens übertragen, so daß Ma drinnen bleiben konnte; allerdings saß sie wie auf Nadeln, und es mußte doch so aussehen, als ob nichts vorginge.
Als Ma hereinkam, herrschte anfangs zwischen ihr und dem Vogt aus Anlaß des schweren Verlustes, der ihn betroffen hatte, eine etwas feierliche Stimmung, denn sie war noch nicht mit ihm zusammengetroffen, seit er vor drei Monaten seine Frau begraben hatte. ... Er fühle sich sehr vereinsamt, da er nur eine Schwester, Fräulein Gülke, bei sich habe. Vigo und Baldrian – was eine Verkürzung von Balthasar vorstellen sollte – wären beide auf dem Gymnasium und kämen erst im nächsten Jahre nach Hause, wenn Vigo die Universität bezöge.
Der Vogt blinzelte etwas und machte eine traurige Gebärde, als habe er die Absicht, sich über ein Auge zu fahren, aber weiter auch nichts. Er hatte sozusagen an jeder Thürschwelle des ganzen Bezirks Trauervorstellungen gegeben; hier aber war er zu Leuten gekommen, die viel zu vernünftig waren, als daß sie an einem gedeckten Tische einen umständlichen Schmerzensausbruch von ihm erwartet hätten.
So entwickelte sich denn eine längere Sitzung von einem Austausch sich steigernder, starker Artigkeiten begleitet, wenn während der Mahlzeit Gelegenheit war, etwas von der Hausfrau zu sehen, oder bei jeder neuen Schüssel, die Thinka dampfend und verlockend unmittelbar aus der Pfanne hereinbrachte ... ein richtiger Schlachteschmaus mit altem schäumenden Flaschenbier, da das neue Weihnachtsgebräu noch zu frisch war, und außerdem ein paar wohlangebrachte Schnäpse.
Der Vogt wußte sehr wohl, was im Hause vorging...




