E-Book, Deutsch, 206 Seiten
Reihe: tredition GmbH
Liebkopf Sawische-Shalom Herr Kaiser
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-347-58965-0
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 206 Seiten
Reihe: tredition GmbH
ISBN: 978-3-347-58965-0
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Matthias Liebkopf, Baujahr 1970, Sternzeichen Zwilling, gelernter Kfz.-Schlosser, Rennfahrer, Selbständiger, Rastloser, Bestatter, Weltenbummler, Wüstenliebhaber und unfallgefährdeter Autonarr, lebt in Berlin.
Autoren/Hrsg.
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Es war so ein normaler Augusttag. Schön warm schon am frühen Morgen, aber doch durch den leiser gewordenen Klang der Vogelstimmen in den Bäumen und den leicht über der Spree in Berlin stehenden Nebelschwaden, den nahen Herbst ahnend.
Ich hatte bald Urlaub, dringend nötig geworden war er. Zu lange hatten ungeklärte Fälle auf meinem Schreibtisch gelegen und auf ihre Bearbeitung gewartet. Nun war ich fast fertig mit dem angesammelten Mist.
Auch war, wie fast immer vor meinem Urlaub, mein Chef wieder einmal auf die Idee gekommen, mich auf Auslandseinsätze zu schicken, um ungeklärte Kriminalfälle und Tötungsdelikte an deutschen Staatsbürgern zu untersuchen, meist mit mäßigem Erfolg.
Die wirklich interessanten Fälle lagen schon wieder reichlich lange zurück.
Meine Arbeit hatte mal wieder den Punkt erreicht, mir eher eine Last zu sein als Gefallen an ihr zu finden.
Man kann auch sagen, ich befinde mich im Strudel des Alltags; jeder Tag als hätte man ihn schon hundertfach erlebt und könnte den nächsten minutiös voraussagen.
Auch privat lief es leider nicht viel anders.
Sie kennen das?
Ach ja, ich vergaß mich vorzustellen. Mein Name ist Ion Kaiser, Sie kennen mich vielleicht aus meinen vorigen Erzählungen.
Lang ist es her, als ich mit meiner jetzigen Frau den Fall der in Rumänien verschwundenen Touristen aufgeklärt oder mich danach an der Jagd nach dem verschollenen Brennstab aus dem bulgarischen Arkutino beteiligt hatte.
Das waren noch Zeiten, da war ich gefragt, wurde gebraucht, auch international als Polizist beachtet und anerkannt.
Es ist doch ruhiger geworden, die Fälle beschränken sich meist nur noch auf hässliche Eigentums- und Raubdelikte, manchmal auch einem Mord oder Suizid eines deutschen Touristen im Ausland, oder einem Steuerflüchtling, der dem deutschen Fiskus nicht auf die Schnelle entwischen soll.
Meine Frau Hannah lernte ich ja im Fall der verschwundenen Touristen in Rumänien kennen. Sie war mir von Europol, der europäischen Polizeibehörde, einfach vor die Nase gesetzt worden.
Mein Gott, was hatten wir für schöne Zeiten miteinander!
Auch beim Fall der Plutoniumbrennstäbe in Bulgarien war sie an meiner Seite und natürlich auch Sonja, der bulgarische sexy Wirbelwind und Dritte im Bund.
Wir hatten zusammen eine schöne Zeit damals, alle Drei, dann kam Nachwuchs bei Hannah und mir. Es wurde irgendwie schwieriger, die Leichtigkeit des Seins zu genießen, im Privaten wie im Beruf.
So kam es wie es kommen musste, unser Kind wurde größer und unsere Ehe wurde eine angenehme Begleiterscheinung. Nichts konnte einen am Anderen noch faszinieren, wir waren nur noch Mama und Papa. Und das, obwohl meine Mutter doch eher Mama Nummer zwei war. Ein Omakind, wohnt am liebsten in der Woche gleich dort. Angeblich ist der Weg zur Schule kürzer, aber wohl eher, Oma erlaubt Sachen, die bei uns niemals durchgehen würden.
Ach ja Sonja, zu ihr haben wir immer noch einen super Kontakt. Sie ist irgendwie ein Stück Familie in Bulgarien für uns.
Ja und meine Hannah! Mensch, da muss ich mich auch wieder etwas mehr kümmern. Zu lange leben wir irgendwie aneinander vorbei, Tag für Tag, ohne es zu ahnen, den Alltag als Normalität zu akzeptieren. Die kleinen Fluchten aus dem Alltag fehlen unserer Beziehung komplett. Mal nett Essengehen beschränkt sich meist am Dönerstand um die Ecke an der Dienststelle.
Aber das wollte ich gar nicht erzählen.
An diesem Augusttag ging ich also zum Briefkasten, um mal wieder die vergessene Post von gestern heraus zu holen. Werbung, Möbelhäuser mit Lockangeboten und Gratis-Zeitungen fielen mir entgegen.
Alles landet normalerweise sofort in der Papiertonne, als mein Blick auf einen Brief mitten in den Werbeprospekten fiel.
Anwalt und Notar aus Dresden, an mich adressiert!
Kann nichts Gutes bedeuten, Post mit solchem Absender verspricht meist die Ankündigung von Ärger und Stress.
Oben in der Wohnung angekommen, nahm ich Platz auf der Couch im Wohnzimmer und öffnete dieses ominöse Briefkuvert. Die merkwürdige Art des komischen Gefühls in der Magengrube werde ich nie vergessen.
Was ich las, war keinesfalls eine schlimme Nachricht für mich, konnte ich doch mit der Person, um die es ging, recht wenig anfangen.
Der Wortlaut ging in etwa so!
Hiermit muss ich Ihnen leider mitteilen, dass Ihre Tante mütterlicherseits, Frau Renate Höft, geborene Leibner, am 4. Juni des Jahres in Dresden verstorben ist.
Als Verwandter der Verstorbenen möchte ich Sie zur Nachlasseröffnung am unten angegebenen Datum in mein Büro bitten.
Na toll, die Schwester meiner Mutter, das Biest!
Sie war immer die Hexe der Familie, meine Mutter hatte schon damals kein Wort mehr mit ihr geredet und es flogen schon die Fetzen, wenn sie sich nur begrüßt hatten. Meine Mutter war das Nesthäkchen der Familie. Wohl ein Nachzügler und nicht geplant. Ihre Eltern waren bei ihrer Geburt schon fast zu alt für Kinder.
Drei Schwestern waren es eigentlich mal. Gerda war schon im Krieg gestorben, von ihr weiß ich so gut wie gar nichts. Doch beim reiflichen Überlegen kommt mir der Ort ihrer Bestattung in den Sinn. Crossen an der Oder. Meine Mutter hatte dort auf dem Friedhof ihr Grab gesucht. War über die Jahrzehnte aber eingeebnet worden.
Als mein Vater damals starb, war unsere gesamte kleine Familie zur Beisetzung erschienen. Nur meine Tante war nicht zur Beisetzung erschienen, ich hatte ihr extra einen Brief geschrieben und sie über die Dienststelle ausfindig gemacht.
Auch auf meinen Anruf reagierte sie nicht, der Anrufbeantworter von ihr, den ich erreichte, war genauso unfreundlich wie sie selbst.
Also war die Sache für mich beendet.
Das Schicksal sah es aber wohl etwas anders. Ich liebe es, wenn mir das Leben mal wieder in meine Planung spuckt.
Ich rief meine Mutter an, sie hatte auch einen Brief vom Notar erhalten mit der Aussage, Schwester gestorben, geerbt wird nichts. Sie wurde wegen Differenzen miteinander aus dem Testament gestrichen. Damit konnte sie wohl gut leben. Ihrer Aussage nach war meine Mutter froh, dass es das Familienbiest endlich erwischt hatte.
Na gut, lassen wir das mal unkommentiert im Raum stehen. Wer weiß schon, was in den Jahren so alles in einer Familie passiert.
Beim Abendessen erzählte ich Hannah eher beiläufig, was mir so ins Haus geflattert sei. Ihre Warnung habe ich noch im Ohr. Es könnte doch sein, dass ich jetzt die Schulden meiner Tante bezahlen soll. Die suchen bestimmt bloß einen Idioten, der alles finanziell übernimmt.
Die nächsten Tage war ich etwas mit meinem Privatkram beschäftigt, ließ ich doch ein wenig den Namen meiner Tante durch die Polizei- und Justizcomputer laufen.
Viel war es nicht, was sich so darin fand. Adresse, Bankverbindung, natürlich ohne Höhe des Saldos auf dem Konto, ehemalige Ehemänner. Insgesamt vier, sehr interessant!
So hätte ich sie gar nicht eingeschätzt, hatte sie nach außen doch den Charme eines alten Dachziegels verströmt.
Die Wohnadresse von Erbtantchen war reizvoll, Dresden im Außenbezirk an der Elbe in Hanglage, Ortsteil Loschwitz.
Per Google war wenig zu sehen, hohe Mauern von der Straße und von oben, nur große Bäume ohne Ende.
Hannah wollte oder konnte an dem besagten Tag im Oktober nicht mit nach Dresden kommen, also war ich Einzelkämpfer beim Advokaten.
Ich hasse diese Typen, meist schleimig und gewand, wie eine Schlange, um einem mit einem Biss die Halsschlagader zu durchtrennen.
Die topgestylten Halbmänner in teuren Anzügen und teuren Autos! Okay, ein wenig Neid spricht da schon aus mir. Durch meinen Job hatte ich öfter mit dieser Klientel zu tun. Geld ohne Ende, selbstsicher und von sich eingenommen.
Es war also Oktober geworden, als ich sehr früh in Berlin Richtung Dresden fuhr und einen Tag Urlaub entbehren musste.
Pünktlich stand ich vor einem schön restaurierten Gründerzeithaus in einer recht wohlhabenden Wohngegend Dresdens.
Ein dunkelhaariger junger Mann im teuren Nadelstreifenanzug kam mir entgegen, nickte mir kurz höflich zu und schien auf ein Taxi oder einen Abholer vor dem Grundstück zu warten.
Der Neid beschlich mich wieder, auch nach dem Blick auf den neuen Porsche auf dem Hof und die niedliche Bürokraft, die mir im netten, kurzen blauen Kleid öffnete.
Sie bot mir Kaffee und Kekse an, die ich gerne annahm, um einen Blick in ihre tief ausgeschnittene Bluse zu erhaschen, was mir auch gelang.
Als sich die Tür zum Anwaltsbüro öffnete, stieg meine Anspannung etwas an, war doch das Leben meiner Tante an mir spurlos vorbei gegangen und hatte nur durch die Erzählungen meiner Mutter einen stark negativen Beigeschmack hinterlassen. Meist fielen Worte wie Biest, Zicke, Miststück oder ähnliche Nettigkeiten.
Ein älterer, grauhaariger Mann begrüßte mich freundlich kühl und wies mir einen Platz zu. Schon wieder gab es Kaffee, bis er endlich zum Thema...




