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E-Book, Deutsch, 336 Seiten

Lien All die ungesagten Dinge

Roman | »Schmerzvoll und voller Schönheit.« Julia Phillips
23001. Auflage 2023
ISBN: 978-3-492-60413-0
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman | »Schmerzvoll und voller Schönheit.« Julia Phillips

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

ISBN: 978-3-492-60413-0
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Lasst ihn doch gehen.« Die junge Ky, Tochter vietnamesischer Einwanderer, empfindet bittere Reue, ihren Eltern diesen Satz gesagt zu haben. Nun ist ihr Bruder Denny tot, vor aller Augen ermordet auf der Feier seines erfolgreichen Schulabschlusses. Und nach Jahren kehrt Ky nach Cabramatta zurück, einem Einwanderervorort von Sydney, wo ihre Eltern noch immer leben. Mit ihnen will sie trauern, aber sie möchte auch Antworten auf ihre Fragen: Warum schweigen alle Augenzeugen? Warum hat sich nie jemand ernsthaft um die Aufklärung dieser Tat bemüht? Und warum hat sie selbst die Augen verschlossen vor dem Rassismus und den Ungerechtigkeiten, denen sie ausgesetzt war? Ein Drama von großer emotionaler Wucht, getragen von unvergesslichen Figuren. »Schmerzvoll und voller Schönheit.« Julia Phillips

Tracey Lien wuchs in Sydney auf und machte ihren Universitätsabschluss an der Universität von Kansas, bevor sie als Reporterin für die Los Angeles Times arbeitete. Heute lebt sie als Schriftstellerin in Brooklyn, New York. Dies ist ihr erster Roman.
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Kapitel 1


Die Umstände von Denny Trans Tod waren derart brutal, dass die meisten Menschen in Cabramatta vor lauter Entsetzen seiner Beisetzung fernblieben. So kam es zumindest seiner Schwester Ky vor. Die Aufbahrungshalle war nahezu leer gewesen: ihr toter siebzehnjähriger Bruder in dem geschlossenen glänzenden Sarg, ihre Eltern und ein paar Verwandte, die vor dem vergrößerten Foto eines grinsenden Denny knieten, und ein buddhistischer Mönch, der für ein Mittagessen Gebete sang.

Die einzigen Anwesenden, die nicht zur Familie gehörten, waren zwei Lehrerinnen und ein Lehrer aus Dennys Highschool, die eng beieinanderstanden, staunend und verwundert, weil es weder Sitzgelegenheiten noch Trauerreden gab. Bei der anschließenden Zusammenkunft im kleinen Reihenhaus der Familie blieben sie an der Tür stehen, in den Händen noch immer die Blumen und Beileidskarten, die sie mit zur Beisetzung gebracht hatten (niemand hatte ihnen gesagt, dass vietnamesische Familien Geld annehmen), und winkten Ky, als wollten sie eine Kellnerin auf sich aufmerksam machen.

»Hi, Ky!«, sagte Mr Dickson mit unangemessen fröhlicher Stimme, den Mund weit aufgerissen, offenbar bemüht, ihren Namen richtig auszusprechen. Er hatte sie immer Kai genannt, obwohl sie ihn im achten Schuljahr berichtigt hatte, als sie viermal die Woche in seinem Matheunterricht saß. »Kiiii«, hatte sie leise gesagt, »mit langem I, wie in Igel.« Vielleicht hatte er ja Amnesie, denn jedes Mal, wenn er die Klassenliste verlas, wurde sie wieder zu Kai, und nachdem sie ihn das dritte Mal korrigiert hatte, gab sie auf. Kii. Kai. Egal.

»Hi«, sagte Ky und machte rasch auf dem Couchtisch Platz für die Blumen.

Sie konnte spüren, wie die drei das Wohnzimmer ihrer Eltern betrachteten, alles identifizierten, was ihnen vertraut war (Fernseher von Panasonic, uraltes McDonald’s-Spielzeug aus Happy-Meal-Packungen auf dem Videorekorder, Kys gerahmter Hochschulabschluss, Fotos von Denny, wie er vier Jahre hintereinander die Auszeichnung als bester Schüler bekam), und alles, was ihnen fremdartig erschien (der Ahnenaltar mit Schwarz-Weiß-Fotos ihrer ernst blickenden toten Großeltern, ein an der Wand über dem Fernseher hängender leuchtend roter Kalender, der daran erinnerte, dass 1996 das Jahr der Ratte war, säuberlich aufgereihte Schuhe vor einer Tür). Die beiden Frauen, es waren Ms Faulkner und Ms Buck, studierten weiter den Raum, lächelten Kys kleine Cousins an, von denen einer mit einer Grimasse antwortete.

»Sind deine Eltern da?«, fragte Mr Dickson.

»Mum ist in der Küche.«

Ihre Mutter war in der Nacht zuvor aufgeblieben und hatte über hundert Klöße mit der Hand gerollt. Ky hatte mitgeholfen, auf jeden Kloß einen Tupfen rote Lebensmittelfarbe zu stempeln, aber Zweifel angemeldet, ob es wirklich nötig sei, so viel Essen zuzubereiten. Denn obwohl sie seit fast fünf Jahren nicht mehr in Cabramatta lebte, wusste sie, wie der Stadtteil funktionierte: Wenn eine Familie einen »guten« Tod zu beklagen hatte – einen, der alte Menschen traf, einen, auf den jeder vorbereitet war –, kamen die Asiaten praktisch mit der ganzen Verwandtschaft an und überreichten Umschläge voll mit Geld. Aber wenn es ein »schlechter« Tod war – einer, der durch ein schreckliches Unheil verursacht wurde, bei dem es um Kinder oder Gangs oder Heroin ging –, waren plötzlich alle zu beschäftigt oder gerade verreist oder hatten es zu spät erfahren. Ihre eigenen Eltern hatten sich bei Freunden und Bekannten schon ähnlich verhalten und behauptet, sie hätten nicht freibekommen, obwohl sie in Wirklichkeit fürchteten, ein solches Unheil könnte auf sie abfärben, wenn sie ihm zu nahe kamen.

»Diesmal ist es anders«, hatte ihre Mutter gesagt, nachdem Ky gefragt hatte, wer denn das viele Essen verspeisen sollte, das sie zubereiteten. Sie mied Kys Blick, als sie antwortete. Sie wollte nicht eingestehen, dass Denny einen schlechten Tod gestorben war, den schlimmsten, ein Albtraum, der ihr die Sprache raubte und ihre Familie verstummen ließ. Sie wollte nicht zur Ruhe kommen, als fürchtete sie, die Wahrheit würde sie einholen, wenn sie auch nur für einen Moment aufhörte zu arbeiten.

Ky hatte den Stempel demonstrativ auf die Arbeitsplatte fallen lassen. »Wieso ist es diesmal anders?«, fragte sie, versuchte, den Blick ihrer Mutter aufzufangen, versuchte, jemanden – irgendwen – in der Familie dazu zu bringen, ihr in die Augen zu sehen und mit ihr über ihren Bruder zu reden.

»Weil er mein Sohn ist«, sagte ihre Mutter und knallte den Teig so fest wieder auf die Platte, dass es schien, als würde ihr Körper gleich in sich zusammenfallen.

Ky hatte sich eine Erwiderung verkniffen. Sie hatte sich auf die Zunge gebissen, während ihr alle möglichen Gedanken durch den Kopf wirbelten. Daran, dass Nachbarn nicht zur Beisetzung kommen würden. Daran, dass Kollegen ihrer Eltern – die normalerweise Hochzeitseinladungen von Leuten erwarteten, die sie kaum kannten – praktischerweise zu beschäftigt für einen Beileidsbesuch wären. Wie sie Mah-Jongg miteinander spielten und gekochte Erdnüsse aßen, während sie über den guten Jungen, den schlauen Jungen, den schmerzlich bedauernswerten Jungen plauderten, der zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen war. Sie sah, wie sie kopfschüttelnd darüber klagten, dass die Welt sich so verändert hatte, wie skrupellos die Menschen geworden waren, wie willkürlich das Schicksal an einem Viertel wie Cabramatta, in einem so verwirrenden Land wie Australien zuschlug. Und das machte sie wütend. Ky knirschte unwillkürlich mit den Zähnen, wenn sie daran dachte, was die Leute wohl über ihren Bruder sagten, denn was zum Teufel wussten die schon? Unheil, das war sinnlos, defätistisch. Unheil, das hieß aufgeben, bevor es angefangen hatte – eine Fußnote, etwas, das anderen Leuten zustieß. Unheil – es weckte in Ky den Wunsch, den verkrampften Mund zu öffnen und ihre abwesenden Nachbarn anzuschreien. Aber sie wusste, selbst wenn sie es versuchte, würde kein Laut herauskommen. Sie konnte immer nur davon fantasieren; sie konnte nie wirklich gehört werden.

Die Leute würden kommen, wiederholte Kys Mutter, während ihre dicken Hände den Teig kneteten und quetschten und drehten, als würde ihre Liebe zu ihren Kindern daran gemessen, wie viel Schweiß sie vergoss, wie viel Essen sie zubereitete, wie fluffig die Klöße nach dem Dämpfen waren. Die Leute würden für ihren Sohn kommen, wiederholte sie, und es wäre beschämend, dann nicht genug zu essen anbieten zu können, und die Familie konnte es sich nicht mehr leisten, beschämt zu werden.

Ky wünschte, ihre Mutter hätte recht. Denny hatte eine große Trauergemeinschaft verdient. Mehr als nur eine normale Gemeinschaft, er hatte die Anwesenheit jedes Menschen verdient, den er je kennengelernt hätte, wäre sein Leben nicht so früh zu Ende gewesen. In den Tagen vor der Beisetzung ertappte Ky sich dabei, wie sie von Hunderten, nein, Tausenden Fremden träumte, die wegen ihres Bruders nach Cabramatta pilgerten. In ihrer Fantasie drängten sie sich in der Einfahrt ihrer Eltern, reichten bis auf den Bürgersteig, verstopften die benachbarten Straßen und schrien laut, wie sehr sie wünschten, ihn gekannt zu haben. Doch obwohl sie selbst diese Tagträume erdacht hatte, verlor sie immer wieder die Kontrolle darüber, und ihr Geist ließ zu, dass Minnie, die sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, nicht seit sie den schlimmsten Streit ihres Lebens gehabt hatten, darin auftauchte und den Fokus auf Ky lenkte. Dann wandten sich die Fantasiepilger einmütig Ky zu, wollten wissen, wo sie gewesen war, warum sie am Ende nicht für Denny da gewesen war, wie sie derart egoistisch hatte sein können, ihren kleinen Bruder so im Stich zu lassen. Dann erstarrte Fantasie-Ky unweigerlich, ihre Tagtraumzunge wurde in ihrem trockenen Tagtraummund schwer und nutzlos, bis sie sich zwang, aus dem Traum zu erwachen.

Zurück im Wohnzimmer starrte Mr Dickson Ky an und wartete darauf, dass sie ihn in die Küche führte. Ky starrte zurück. Normalerweise wusste sie, was von ihr erwartet wurde, was sozial angemessen war, aber sie reagierte nur langsam. Es kam ihr vor, als würde sie sich selbst im Fernsehen zuschauen, anstatt ihren eigenen Körper zu bewohnen. Und in diesem Moment wollte sie sich bei der Vorstellung, Mr Dicksons Beileidswünsche für ihre Eltern übersetzen zu müssen – ganz zu schweigen von dem unangenehmen, peinlichen Gespräch, das darauf folgen...



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