Lienhard | Mr. Goebbels Jazz Band | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Lienhard Mr. Goebbels Jazz Band


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-627-02315-7
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-627-02315-7
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Format: EPUB
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Die verbotenen Rhythmen des Dritten Reichs: Faszinierender Einblick in die verbotene Jazzszene im Berlin der Nazizeit.  Nominiert für den Schweizer Buchpreis. Berlin, Fru?hjahr 1940. Auf Beschluss von Joseph Goebbels wird fu?r den Auslandsradiosender Germany Calling eine Big Band gegru?ndet, die als Mr. Goebbels Jazz Band internationale Bekanntheit erlangt. Die besten europäischen Musiker, darunter auch Ausländer, Juden und Homosexuelle, spielen im Dienst der NS-Propaganda wortwörtlich um ihr Überleben - ausgerechnet mit Jazz, der als »entartet« galt. Bis zu 6 Millionen britische Haushalte täglich lauschen den Swing-Stu?cken mit anti-alliierten Hetztexten und dem Star-Moderator William Joyce alias Lord Haw-Haw, der nach seinem Aufstieg in der British Fascist Union aus London nach Berlin geflohen war. Joyce soll den Erfolg »an der Front im Äther« literarisch dokumentieren lassen. Der dafu?r ausgewählte Schweizer Schriftsteller Fritz Mahler findet sich im Zuge seines Auftrags, einen Propagandaroman u?ber die Band zu schreiben, in verruchten Berliner Clubs und illegalen Jazzkellern wieder, trinkt zu viel Cointreau, verzettelt sich in seinen Recherchen und muss nicht nur die Skepsis der Musiker u?berwinden, sondern auch seine gefährlichen Auftraggeber u?ber das schleppende Vorankommen seines Unterfangens hinwegtäuschen. Demian Lienhard erzählt die ungeheuerliche (fast bis ins Detail wahre) Geschichte von Mr. Goebbels Jazz Band und des beru?chtigten Radiosprechers William Joyce. In furiosem Tempo jagt Lienhard seinen Figuren von New York nach Galway, London, Manchester, Zu?rich, Danzig und Berlin nach und stellt den menschenverachtenden Zynismus des NS-Staats ebenso bloß wie die Perfidie der Nazi-Propaganda. Gezeigt wird das Scheitern ku?nstlerischer Produktion im Dienste einer Ideologie, wobei auch die eigene Erzählung verschmitzt unterwandert wird, bis hin zum u?berraschenden Paukenschlag. »Die wahre Geschichte des Faschisten, der ins Nazideutschland flieht, dort Jazzsendungen moderiert, Musik, die verpönt, ja verboten ist, mutet absurd an. Demian Lienhard erzählt sie mit viel Witz und Ironie, mit Sinn für Details. Ein verrücktes Buch, das überrascht, bildet und die Wirkung und den Widersinn von Propaganda in feiner und präziser Sprache vorführt.«Susanne Wankell, WDR5 »Ein Roman, der faszinierende Einblicke in ein vergessenes Kapitel des ?Dritten Reichs? gewährt, lebendig und fesselnd bis zum furiosen Schlusstwist.«Buchjournal

Demian Lienhard, geboren 1987, aus Bern, hat in Klassischer Archäologie promoviert. Fu?r sein Romandebu?t »Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat« (FVA 2019) wurde er mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. Lienhards Roman »Mr. Goebbels Jazz Band«, fu?r den er u. a. Stipendien von Pro Helvetia, dem Literarischen Colloquium Berlin, der Stadt Zu?rich und dem Aargauer Kuratorium erhielt und Rechercheaufenthalte in Galway, London und Berlin absolvierte, erschien 2023 in der FVA und war für den Schweizer Buchpreis sowie den Kurt Marti Literaturpreis nominiert. Demian Lienhard lebt und arbeitet in Zu?rich.
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Gut gut, Berlin also. Die Stadt, die niemals schläft. Immer senkt sich irgendwo die künstliche Dämmerung über den Saal eines Lichtspielhauses herab, fortwährend spielt in diesem oder jenem Etablissement ein Orchester auf. Keinen Tag lässt man zu Ende gehen, ohne ihn mit einem knallenden Champagnerkorken gebührend verabschiedet zu haben, keine Nacht bricht hier ohne das feine Klirren kelchiger Cognacgläser an. Diese hektische Unruhe wird von ihren Bewohnern gerne mit Tatendrang und Einfallsreichtum verwechselt.

Als der D-Zug 43 hier anlangt – am Anhalter Bahnhof, um präzis zu sein, und zwar wie vom Fahrplan vorausgesagt auf die Minute genau um 21.59 Uhr –, da befindet sich Mahler in alles andere als passender Verfassung für derlei Zerstreuungen. Ruhe, denkt er, als er endlich wieder festen Boden unter seinen Ledersohlen spürt, Ruhe und ein Bett, das ist alles, was ich mir jetzt wünsche. Und schon spürt er bretthart gestärkte Laken auf seiner Haut wohlig kratzen, für einen Augenblick gar meint er seinen Kopf sanft in seidenbezogene Daunenkissen sinken, bestickt mit den verschlungenen Goldlettern, die zusammen den Namen des Hotels Kaiserhof ergeben.

Nichts da, werden diese Pläne von einer näselnden Stimme durchkreuzt, die jählings in seine Gedanken einbricht, als hätte sie diese erraten – oder hatte Mahler sie etwa in einem Anflug von Selbstvergessenheit verlautlicht? Sich darüber zu wundern jedenfalls bleibt keine Zeit: Im selben Augenblick nämlich sieht er sich auf geradezu rätselhafte Weise seiner beiden Koffer entledigt, die er durch fremde Hände auf einen Gepäckwagen spediert und eins, zwei durch die Halle davonhuschen sieht. Halt, piepst er müde, will dem Treiben mit erhobenem Arm Einhalt gebieten, doch sowohl den einen als auch den anderen findet er bereits untergehakt bei – ja bei wem denn eigentlich? Mahler sieht sich um, oder vielmehr: Er sieht herab, rechterhand auf eine Frau, deren Erscheinung sich eigentlich in die Unbeschreibbarkeit entzieht, aber er versucht es trotzdem: Rothaarig ist sie, schmale Brauen, das fällt einem immerhin auf, auch der Mund ist schmal, überhaupt alles, das Gesicht, der Hals, die Fesseln. Linkerhand indes ein Mann im mittleren Alter, kräftiger Kiefer, entschlossener Blick, hartnäckiges Grinsen, wie mit dem Messer ins Antlitz geschnitten. Auch sonst allerorten viel Schneid, Schnitt, Schnelligkeit: streng gezogen der Scheitel, schmiegsam der Mantel, entschlossen der Schritt, schnell das Sprechen. Seinem scharfen Atem nach zu urteilen, hat der Mann bereits einen Schnaps getrunken, und wenn Mahler seiner Vorahnung trauen darf, dann dürfte das heute auch nicht der letzte gewesen sein.

Man sei eigentlich, sagt dieser nun, Mahlers Gedanken aufs Neue erratend, auf eine längere Verspätung eingerichtet gewesen und habe sich deshalb bereits am Buffet gütlich getan. Ob Mahler vorweg auch schon einen Schluck … nein? … umso besser, dann könne man das gleich in Ruhe nachholen.

Und ehe Mahler etwas dagegen einzuwenden vermag, findet er sich von den beiden Gestalten, in denen er, auch wenn sie sich ihm nicht förmlich vorgestellt haben, natürlich längst das Ehepaar Joyce erkannt hat, durch die Halle gezogen und ruckzuck in ein davor auf Kundschaft lauerndes Taxi bugsiert. Doch Mahler sperrt sich, einfach so, ohne weiteres, mir nichts, dir nichts, einzusteigen.

Wo seine Koffer seien, will er wissen.

Reise- und Handgepäck, alles auf dem Weg in den Kaiserhof.

Und wir nicht?

Iwo.

Aber …

Na na.

Wohin denn dann?

Dat möcht ick och jerne ma wissen, schnoddert voller Ungeduld der Fahrer, der sich mit dem Namen Krenek ansprechen lässt. Und Recht hat er: Noch immer hat sich der Wagen vom Anhalter Bahnhof kein Stück weit entfernt.

Where exactly do we want him to go, erklingt zu Mahlers Rechten in reizendem Manchesterenglisch Mrs. Joyces Stimme.

Rankestraße, sagt mit retroflexivem R ihr Mann halb zu ihr und halb zu Krenek, der ob so viel Angelsachsentum langsam aber sicher misstrauisch wird:

Seid ihr Spione oder so?

Mit einer raschen Handbewegung hält ihm der Gefragte einen Zettel unter die Nase, der ob all der Hakenkreuzstempel einen recht offiziellen Eindruck macht. Krenek reißt die Augen auf und zieht eine Schnute.

Gut, keine Spione.

Er lässt den Motor an, drückt das Pedal gleich gehörig herunter, prescht los. Und ehe man sich’s versieht, hat sich der Wagen in eine Lücke gezwängt, die streng genommen so noch gar nicht existierte, und eidechselt durch den immer spärlicheren Verkehr davon.

Froehlich indes, ganz in seiner Rolle des Amphitryon aufgehend, dreht sich mit dem Oberkörper nach hinten und versucht, der inzwischen erloschenen Konversation neue Nahrung zu geben.

Wissen Sie eigentlich, fragt er Mahler, warum am Bahnhof, an dem Sie angekommen sind, sämtliche Züge anhalten?

Vielleicht weil es ein Kopfbahnhof ist?, versetzt dieser scharfsinnig.

Weil er Bahnhof heißt.

Froehlich brüllt los, seine Frau lupft kichernd eine Braue, und Krenek, nachdem er eine Weile nachgedacht hat, tut es ebenfalls.

Das also ist der vielgerühmte britische Humor, denkt Mahler, derweil sich ihm vom Beifahrersitz eine Hand entgegenstreckt.

Ich bin Froehlich, übrigens.

Das ist mir nicht entgangen.

Nein nein, ich heiße so.

Ich dachte, ich sei mit einem William Joyce verabredet.

Aber aber. Das bin doch ich. Joyce heißt . Joyce – joyeux – Froehlich, verstehen Sie?

Klar, sagt Mahler, und denkt: Ich bin doch nicht blöd.

Und das ist meine Frau, die, wenn sie Lust dazu hat, auf den Namen Margaret hört.

Sie streckt ihm die Hand hin.

Enchanté.

Kaum hat Krenek seinen ölglänzenden Opel, Kennung IA 36320, in der Charlottenburger Rankestraße zum Stehen gebracht, angelt seine Rechte aus dem Dunkel des Fußraums eine Flasche oberschlesischen Schnapses, und fast im selben Augenblick füllen sich daraus vier Gläschen, die mit einem Mal auf dem Handteller seiner Linken erscheinen. Ahs und Ohs, die Männer langen aus den Weiten der Kabine nach dem wärmenden Wasser, nur Margaret hebt abwehrend die Hände: Danke, ich bestelle drinnen erst einen Martini. Immer wenn ich Schnaps auf leeren Magen trinke, wird mir ganz schwindlig.

Krenek nimmt’s achselzuckend hin und kippt sich kurzerhand den überzähligen Schnaps in den Schlund, wo die Wärme des ersten noch gar nicht verglüht ist.

Nun aber auf! Froehlich, der seinem Namen immer größere Ehre macht, lässt ein paar Scheine hervorwandern, die er Krenek mit einem saufbrüderlichen Schulterklopfen darreicht, und schon hat ihn die Nacht wieder. Auch die anderen steigen aus, und in funkelnder Laune strebt man zu vieren der Ciro Bar zu. Vier? Ja, denn Krenek hat sich, wie Mahler mit einiger Verwunderung feststellen muss, kurzerhand angeschlossen, kaum dass er den Namen der Bar spitzgekriegt hatte, obschon der allenfalls ein Raunen aus des Angelsachsen Mund gewesen war.

Froehlichs Faust klopft kräftig gegen die Tür, und bald klackt darin eine Klappe auf; ein Lichtstrahl schnellt hinaus, sprengt grell in unsere Gruppe: Beine werden der Dunkelheit entrissen, blank polierte Schuhe blitzen auf. Aus dem Sehschlitz verteilt ein weißes Augenpaar rasche Blicke, und schon springt mit einem metallischen Seufzer die Tür auf, die bis obenhin ausgefüllt ist von einem grimmig glotzenden Türsteher, dessen einsilbige Körpersprache sich zu einer einzigen Frage zu verdichten scheint: Was wollt ihr hier? Allein der Schein trügt: Herzlich vergräbt er den kleinen Iren in seinen kräftigen Armen, und unter einem Platzregen von Grußworten bittet er die Truppe herein.

Schnell sind die Schultern der Mäntel und Jacken entledigt, die dienstbeflissen ein herbeigehuschter Kellner davonträgt. Und schon finden sich die vier von einem düsteren Durchgang empfangen, an dessen Ende unter zwei vierarmigen Kerzenleuchtern die Theke glimmt. Sofort wird bestellt, die Dame kriegt ihren Martini, das Trio lässt sich fürs Erste was gegen den Durst geben, denn ja: Die Luft fühlt sich zäh und klebrig an wie Grenadinesirup, und ob des trockenen Zigarrenrauchs fällt einem das Atmen schwer. Schnell also das Glas gekippt, los los. Tshaaaa, macht Krenek, und auch Mahler, der sich mit dem Ärmel den Schaum vom Mund abwischt, fühlt die Lebensgeister in sich geweckt. Er wendet sich ab von der Theke, um den Saal auf sich wirken zu lassen, doch kaum sind die ersten Schlucke genommen, kaum hat die Kehle sich ob dem kalten Kindl etwas gekühlt, macht sich Froehlich erbötig, seinen Gast etwas herumzuführen. Gemach, gemach, sagt der, ob man denn keine Zeit habe. Alle der Welt, versetzt Froehlich mit saturnischer Geste und klopft dem Schweizer begütigend auf die Schulter. Dieser atmet erleichtert auf: endlich ein paar Minuten Ruhe.

Doch nichts da. Wo Mahler noch eben eine schwarze Wand geglaubt hat, stechen plötzlich Lichtstäbe von der Decke herab, eine Bühne schnellt aus der Dunkelheit, während alles, was eben noch im diesigen Dämmerlicht lag, der totalen Düsternis anheimfällt. Mahler kneift die Augen zu Schlitzen zusammen, Krenek verschattet sich mit der Hand sein Gesicht, langsam nur gewöhnen sich die Pupillen ans gleißende Licht. Nach und nach aber materialisiert sich ein verwaistes Schlagzeug auf der Bühne, und gegen den schwellenden Samtvorhang sticht in dezentem Honigbraun ein Pianoforte ab. Neugier knistert in der Luft, man horcht nach der Bühne, und in der Tat werden aus dieser Richtung vereinzelte Seufzer einer...


Demian Lienhard, geboren 1987, aus Bern, hat in Klassischer Archäologie promoviert. Fu¨r sein Romandebu¨t »Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat« (FVA 2019) wurde er mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. Lienhards Roman »Mr. Goebbels Jazz Band«, fu¨r den er u. a. Stipendien von Pro Helvetia, dem Literarischen Colloquium Berlin, der Stadt Zu¨rich und dem Aargauer Kuratorium erhielt und Rechercheaufenthalte in Galway, London und Berlin absolvierte, erschien 2023 in der FVA und war für den Schweizer Buchpreis sowie den Kurt Marti Literaturpreis nominiert. Demian Lienhard lebt und arbeitet in Zu¨rich.



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