Liliencron | Leben und Lüge | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Liliencron Leben und Lüge


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3076-8
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-8496-3076-8
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein autobiografischer Roman des 1909 verstorbenen deutschen Lyrikers. Liliencron war einer der bedeutendsten Lyriker seiner Zeit. Sein Werk ist dabei äußerst vielgestaltig und lässt sich nur schwer einer bestimmten Literaturepoche zuordnen.

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Schüler und Schulen



Kais Eintritt zu Michaelis in die Gelehrtenschule, der sofort erfolgte, war nicht angenehm zu nennen. Denn gleich in der Pause des ersten Tages wurde er nicht nur von seinen Mitschülern der Sexta »verhauen«, sondern, einzig in seiner Art, von sämtlichen Schülern des ganzen Gymnasiums, ganz gleich, ob von jungen Grafen oder von Tagelöhnersöhnen. Er wäre erschlagen worden, wenn sich nicht die Lehrer mit äußerster Anstrengung dazwischen geworfen hätten, um ihn aus dem wütenden Knäuel herauszureißen. Wie ein verirrtes Tier, das versehentlich in eine andre Tiergattung hineingeraten ist, von dieser Gemeinschaft angefallen und getötet wird, so fast geschah es mit ihm in der Pause seines ersten Schultages in Kiel. Der Rektor selbst, ein alter, sehr gelehrter Herr, und Abgeordnete der Lehrerschaft brachten ihn in einem Wagen ins Haus seiner Mutter.

Diese gradezu unglaubliche Tatsache erklärt sich: In den fünfziger Jahren waren in Schleswig-Holstein die Dänen wie die Preußen gleichermaßen verabscheut. Die Preußen wurden als Verräter gehaßt, weil man sich in den Herzogtümern nicht von der Meinung trennen konnte, daß sie in der Schlacht bei Idstedt Schleswig-Holstein verraten und den Dänen ausgeliefert hätten. Das schien fest eingewurzelt zu sein. Als nun Kai, der einzige »Preuße«, in die Schule in Kiel eintrat, wurde er als »Verräter« angesehen. Diesen Namen hat er die ersten Jahre in Kiel wohl oder übel tragen und ertragen müssen. Später freilich ist es anders, ganz anders geworden.

Die Dänen! dies lustige, freundliche, gastfreie Volk auf ihren buchenstolzen, ostseeumglitzerten, fruchtreichen Inseln und in Jütland, zu dem wir, wie gammel Danmark zu uns, in den besten Beziehungen stehen, zu dem wir pilgern, wie dies sinnreiche und geistvolle Völkchen zu uns kommt – die Dänen wurden damals bis in den Grund der Seele verdammt. Das stille, treue, ruhige, sich stets gleichbleibende Schleswig-Holstein hatte Grund dazu: Dänemark vergewaltigte Schleswig in nie dagewesener Weise: es wollte selbst die deutsche Sprache in Schleswig vernichten. Das hat sich noch niemals eine Nation in der ganzen Weltgeschichte gefallen lassen, wenigstens nicht ohne äußersten Widerstand. In Holstein durften die Dänen nicht so maßlos auftreten, weil Holstein zum Deutschen Bunde gehörte. Aber wie und wo sie nur konnten, nur wagen konnten, wirtschafteten sie auch in Holstein; dazu gehörte in erster Linie die Vernachlässigung der Schulen, namentlich der Gymnasien. So war es auch gekommen, daß die Gelehrtenschule in Kiel auf unerhörte Art darniederlag.

Natürlich wollte Frau von Vorbrüggen ihren Sohn sofort aus der Schule nehmen, ja, in den ersten Stunden dachte sie daran, wieder abzureisen aus diesem unwirtlichen Lande, wo man ihr ihren Sohn wie einen Geschändeten ins Haus gebracht hatte. Doch endlich gab sie den vereinigten Bitten der ganzen Lehrerschaft nach. Selbst eine Abordnung der Stadt, die zu ihr gekommen war, um sie und ihren Sohn gleichsam um Verzeihung zu bitten, beschwor sie so inständig, in Kiel zu bleiben, daß sie endlich ihren Unmut vergaß.

Die ganze Gelehrtenschule hatte, so weit sich dies durchführen ließ, eine achttägige Haushaft zu überstehen. Darauf erschien Kai wieder in der Sexta und setzte sich, innerlich noch nicht ganz beruhigt, auf seinen Platz. Seine schwarzen Augen sahen sich scheu im Kreise um.

Die Pause kam. Neben ihm ging sein Klassenlehrer. Hinter ihm stand, zum Beistand, mit einem Rohrstock in der Hand gegen die unartigen Knaben, der über hundert Jahre alte Schuldiener Soltikoff, genannt der Hetman: ein dünnes Männchen, mit langem weißem Bart, mit halbblinden, zwickernden Augen, der einen unendlich spaßhaften Eindruck machte. Das war eine der Plackereien der Dänen: sie ließen diesen wunderlichen Greis in seiner Stellung.

Die Geschichte Soltikoffs: Er war als Offizier, Wachtmeister, Hetman, keiner kannte seinen Dienstgrad, achtzehnhundertdreizehn mit Kosacken in Holstein eingeritten und im Gefecht von Braak bei Alt-Rahlstedt von einem dänischen Dragoner vom Pferde gestochen worden. Schon damals war er über fünfzig, wie er selbst erzählte. Man hatte den Schwerverwundeten aufgehoben und so lange, Monate lang, verpflegt, bis er genesen war. In Schleswig-Holstein hängen geblieben und in die Ehe getreten, hatte er die Schuldienerstelle der Gelehrtenschule erhalten. Nie mehr war er seit der Zeit von Kiel abwesend gewesen.

Nun äußerte sich die Wut der Kieler Gelehrtenschüler auf eine andere Art; sie ließen Kai gänzlich links liegen, zischelten im Vorbeigehen mit nach der andern Seite gedrehten Augen: »Verräter«, taten, als wenn er Luft sei, gingen ihm aus dem Wege, wo sie konnten, kurz: übersahen ihn mit augenfälliger Absicht.

Nur zwei Krabauter aus seiner Klasse traten nach einigen Tagen einmal offen zu ihm und boten ihm ihre Hand: Du, komm, wir wollen gut mit dir sein.

Diese beiden hießen Henning von Smalstede auf Schloß Smalstede, Sohn eines Großgrundbesitzers in der Landschaft Schwansen (Schwansee) bei Eckernförde, aus dem Schleswig-Holsteinischen Uradel, und Klaus Klünder, Sohn eines armen Pantoffelmachers in Kiel, dem alles darauf ankam, seinem gescheiten Jungen Klaus die »gelehrte Laufbahn« freizulegen.

Henning von Smalstede hat es bis zum Kommandierenden General gebracht in seinem spätern Vaterlande Preußen. Schleswig-holsteinisch-treu, sich selbst, seinen Freunden, seiner Heimat, ein ebenso ausgezeichneter Mensch wie Soldat, verstand er im Leben: zu schweigen. Und wer zu schweigen versteht, nun, der macht, wie jeder weiß, sein Leben. Auch seinen beiden Schulfreunden, Kai und Klaus Klünder, ist er bis an seinen Tod treu geblieben. Ganz andern Weg ging Klaus Klünder. Sein lebhafter, durchdringender Verstand brachte ihn auf stürmischen Wogen nach den Inseln des Gelehrten, des Naturforschers, des Weltweisen. Sein Lieblingsmensch in der Geschichte war Friedrich der Große. Auch er war treu sich selbst, seinen Freunden und seinem neuen Vaterlande Preußen. Er war einer der ersten, der die Größe Preußens erkannte, der das Pflichtgefühl, die fast barbarische Strenge und Gerechtigkeit der Beamten liebte, der ihre Einfachheit, Genügsamkeit und Uneigennützigkeit hochschätzte. Er hat diese seine Liebe zu seiner neuen Heimat bis an seinen letzten Atemzug bewahrt.

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Graf Enewold war bei der Ankunft seiner Verwandten in Kiel gewesen und hatte sie in seinem Thienenschen Hause auf der Prüne, das über und über mit köstlichem Empire angefüllt war, empfangen. Bald darauf war er nach Schloß Tangbüttel bei Hamburg zurückgereist. Ihre Exzellenz hatte ihm in großer Erregung von dem Vorfall mit ihrem Sohn geschrieben und ihn gebeten, wieder wegziehen zu dürfen. Doch Enewold überredete sie zu bleiben. Eine solche Roheit würde sich nicht wieder ereignen. Zu den Weihnachtstagen lud er Frau von Vorbrüggen und Kai zu sich nach Tangbüttel. Die Einladung wurde mit Dank und Jubel angenommen.

Das Fest war herangekommen. Kai brachte seiner Mutter das erste Klassenzeugnis. Es stand darin:

Fleiß: lobenswert.

Aufmerksamkeit: lobenswert.

Betragen: sehr lobenswert.

Hurra! Nun nach Tangbüttel. Mutter und Sohn kamen mit der Altona-Kieler-Christians des Achten-Bahn in Altona an. Auf dem Bahnhof wurden sie von Enewold abgeholt und fuhren mit ihm im schönsten Schneewetter in einem Rokokoschlitten, der lange Jahre versteckt gestanden haben mochte, in zwei Stunden nach Tangbüttel. Ein altes weißes Schloß mit dicken Mauern und zwei mehreckigen, efeuüberzogenen Halbtürmen, rechts und links vom Eingang, guckte ihnen unter seiner Schneehaube finster und mürrisch entgegen.

Inzwischen war es dunkel geworden. Als sie vor der geöffneten Haustür des Schlosses hielten, strömte ihnen aus der Halle eine solche Lichterhelle und Wärme entgegen in Schnee und Winter, daß sie einen Augenblick wie geblendet saßen.

Eine Schar von Lakaien stand bereit. Aus dem Hintergrunde trat eine wohl über siebzig Jahre zählende Dame in einem mächtigen Reifrock. Diese Dame machte einen tiefen, feierlichen Knicks vor der Generalin.

Die Dame mit der mächtigen Krinoline hieß Fräulein Malvine Schnittchers, genannt Tante Malchen. Sie war die Haus- und Ehrendame des Schlosses, und regierte schon über fünfzig Jahre in Tangbüttel. Man konnte wirklich von ihr sagen: sie verstand die Würde des Hauses zu wahren.

Frau von Vorbrüggen wurde von Tante Malchen in die Zimmer der Königin geführt, und Kai von Enewold in die Zimmer Friedrichs des Fünften. Doch nicht nur...



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