E-Book, Deutsch, 294 Seiten
Lindstrøm Aus den Winterarchiven
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-95757-650-7
Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 294 Seiten
ISBN: 978-3-95757-650-7
Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Merethe Lindstrøm, 1963 in Bergen geboren, war Sängerin in einer Berliner Rockband, bevor 1983 ihr erster Band mit Erzählungen erschien. Sie wurde mit mehreren wichtigen Preisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Literaturpreis des Nordischen Rates für 'Tage in der Geschichte der Stille'.
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AUF DEM NACHHAUSEWEG merkst du, dass du deinen Schlüssel verloren hast. Du durchsuchst deine Hose, deine Jacke. Du bist zehn, die Weihnachtsferien sind bald vorbei. Der Bus fährt durch Straßen, die du kennst, die Stadtlandschaft, später erinnerst du dich daran, wie du vom Bus aus die Stadt betrachtet hast, schon in diesem Moment sahen die Häuser aus wie Kulissen, ihre Fassaden am Boden festgeklebt, mit Lichtern geschmückt, und über den Fassaden liegt die Winterdunkelheit, die Stadt gaukelt dir nur vor, dass du sie kennst. Du warst lange von zu Hause weg, zum ersten Mal hast du Weihnachten bei deinem Vater gefeiert. Als du aus dem Bus steigst, beginnt es wieder zu schneien. Du siehst die Reihenhäuser im Grevinneveien, das Haus steht noch da, wo du es verlassen hast, am Ende der Straße. Du rennst los, gleich bist du zu Hause. Der Papierstern im Fenster ist weg, aber den nimmt sie immer früh ab, am ersten Weihnachtsfeiertag, da räumt sie auf, deine Mutter, der Schmuck wird weggepackt, der Weihnachtsbaum in den Garten geworfen, wo er dann vertrocknet, und seit dein Vater ausgezogen ist, sitzt sie meist rauchend auf dem Sofa, konzentriert auf ihre Zigaretten, diese Arbeit, Inhalieren und Ausatmen, als bliese sie warmes Glas und nicht Rauch.
Das Fahrrad deiner Schwester ist weg, sie lässt es immer einfach fallen, es schneit ein, die Lenkergriffe ragen aber noch heraus, als würde sich jemand nach oben kämpfen, bevor neuer Schneefall wieder alles bedeckt. Vor der Haustür ist nichts, nur eine scharfe, weiße Schneekante hängt am Geländer und an der Treppe. Noch etwas ist anders, vor der Tür steht jetzt eine Laterne, und um die Fußmatte herum liegen Fichtenzweige. Das Läuten der Türklingel ist kurz und gepresst, wie immer. Du wischst dir mit dem Ärmel über die Nase und wartest, drinnen bewegt sich jemand, durch das Glasviereck in der Tür siehst du einen Schatten, er wird größer, verschwindet wieder, deine Schwester, deine Mutter?
Der Mann, der öffnet, ist groß, bärtig, du hast ihn noch nie gesehen. Er sieht dich geduldig an. Ein Nikolausbesuch mit vertauschten Seiten, du, eigentlich hier zu Hause, stehst draußen, und er, ein Fremder, macht dir die Tür auf. Er spricht mit dir, als würdet ihr euch gut kennen, so als hätte er fast darauf gewartet, dass du kommst. Mats, sagt er, komm rein, komm rein. In dem Haus, das du für deines gehalten hast, herrscht ein anderer, ein neuer, schärferer Geruch, vielleicht ist es das falsche Haus, vielleicht hast du den Weg vergessen, hast dich verirrt, du warst noch nie in einem Haus, das deinem so ähnelt und doch so verschieden ist. Und ihn hast du noch nie gesehen, diesen bärtigen Typen, der sich als Roar vorstellt. Das Schuhregal ist neu, das Telefon ist noch genauso grau, steht aber auf einem anderen Tisch; darüber hängt ein Spiegel mit Plastikrahmen. Der fremde Mann holt einen Zettel hervor, wählt eine Nummer, wartet mit dem Hörer in der Hand, er schaut die Wand an, nicht dich, dann legt er wieder auf, niemand zu Hause, sagt er.
Jetzt, wo du mit Roar durchs Haus gehst, stellst du fest, dass es komplett verändert ist, die Zimmer haben alles Alte abgeschüttelt. Er fragt, ob du hier im Flur warten willst, du nickst und weißt nicht genau, worauf. Die Wände sind neu, voller Bilder mit fremden Gesichtern. Ein Foto von Roar im Anzug, die Frau daneben trägt einen Schleier und ein weißes Kleid, sie haben sich einander zugewandt, blicken dich aber direkt an, die Arme der Frau enden in einer Blumenflut, ein Bild in Schwarz-Weiß. Man stellt dir einen Hocker hin. Durch die offene Küchentür kannst du sehen, dass sich Roar mit der Frau von dem Foto an den Tisch gesetzt hat. Du horchst. Sie sprechen miteinander, diskutieren, doch die Geräusche von Besteck, Gläsern und Tellern übertönen fast ihre Stimmen. Er nennt sie Cecilia.
Roar kommt in den Flur und versucht noch einmal anzurufen. Cecilia fragt dich, ob du hungrig bist, willst du etwas essen, hast du Durst? Du betrachtest die Tür, die Wand, deine Hose, von deinem Handrücken lösen sich die Überreste eines Piratenschiffs, eines mit Wasser festgeklebten Tattoopflasters, du nickst, und sie führt dich zu dem Tisch in deiner eigenen Küche. Neue Vorhänge, geweißte Wände, nur die Schranktüren haben noch die vertraute Farbe, deine Mutter nennt sie eine Beleidigung und plant ständig, die Schränke neu zu streichen. Du kriegst einen Teller, der Kühlschrank brummt wie immer. Du nimmst das Wasserglas und trinkst, es schmeckt genau wie vorher, es ist dein Wasser! Roar sagt, heute gibt es Fisch, Cecilia sagt, iss einfach so viel du willst, du sitzt zwischen ihnen und tust so, als wärst du ein normaler Gast, oder vielleicht ein Kind, das mit ihnen zusammenlebt, und sie tun auch so. Es gibt hier keine Kinder, wo sind ihre Kinder, leben sie alleine, du merkst, dass sie sich Sorgen machen, wie könntest du hier reinpassen, wo sollen sie mit dir hin.
Nach dem Essen, das du nicht geschafft hast, fragst du, ob du aufs Klo gehen kannst. Sie nicken, irgendetwas an der Frage macht sie froh. Dein Körper funktioniert, wie er soll, du wirst durchkommen. Du musst erschöpft sein, sagt Cecilia. Du weißt zwar nicht warum, nickst aber und stehst vom Tisch auf.
Dein Zimmer ist weg. Die Wände sind leer, die Fußballposter abgerissen. Ohne Gardinen ist das Fenster ein furchteinflößendes Loch. Das Schlafzimmer von Cecilia und Roar ist nebenan, auf dem Nachttisch liegt Geld, ein paar Scheine unter einer Vase. Du nimmst einen Schein und steckst ihn in die Hosentasche, ein geschmeidiges Stück Papier, deine Fingerspitzen sind feucht. Auf dem Klodeckel Rückstände vom Scheuermittel, auf der Badablage ein Stück Seife, in dieser Badewanne hast du deine Schwester nackt gesehen, sie stand auf, Wasser lief an ihr hinunter, über eine glatte, beinahe geölte Oberfläche, sommersprossige Haut, und wo sich die Schenkel treffen, ein flaumiger Pfeil, dann schrie sie, mach die Tür zu, diese Haken hat dein Vater montiert, als er noch bei euch gewohnt hat, du hast ihm die Schrauben gehalten, die gesamte Aktion war von einer Ernsthaftigkeit geprägt, da hing immer dein Handtuch, daneben das deiner Schwester. Die Haken sind leer. Du pinkelst einen dünnen Strahl in das alte Klo. Fragst dich, ob sie zurückkommen. Deine Mutter. Deine Schwester.
Die zwei, die du nicht kennst, stehen im Flur, Roar legt den Hörer auf, sagt: Schade, dass das so gelaufen ist, jemand hätte dir Bescheid geben müssen. Hast du Lust fernzusehen? Im Wohnzimmer haben sie die Möbel neu angeordnet, Möbel, die du nicht kennst, auf der anderen Seite des Raums, du wusstest nicht, dass das geht, es war wie ein Gesetz, das Sofa muss da stehen, der Sessel dort, du glaubtest, sie ließen sich nur innerhalb eines bestimmten Radius bewegen. Jetzt sind sie nicht nur neu angeordnet, sie sind verschwunden. Das Zimmer ist eine Ansage, auf nichts ist Verlass, das Ganze ist eine Bühne, auf der Requisiten wie selbstverständlich durch neue ersetzt werden, Menschen kommen und gehen. An der Wand diffuse, auffällige Lücken, Schatten, Ellipsen und Vierecke. Das klinische Licht einer Lampe mit weißem Schirm, der Weihnachtsbaum hat dichtere Nadeln als sonst, die Kugeln blitzen. Im Bauch die Angst als leichtes Zwicken, wenn sie weg sind, deine Familie verschwunden ist, warum haben sie dich nicht mitgenommen.
Du gehst mit Roar zum Nachbarn, Roar erklärt, es gebe ein Problem. Der Nachbar, den du vom Sommer her nur als sonnenverbrannten Rücken auf dem Rasen kennst, steht in der offenen Tür, ist plötzlich eine wacklige Brücke zu alten Zeiten, als du hier gelebt hast. Er hat Gäste zum Weihnachtsessen, drinnen drückt jemand auf einem Akkordeon eine Taste nach der anderen, der Atem des Nachbarn macht sich breit, umarmt die kalte Luft und nistet sich in deinen Nasenlöchern ein, Schnaps, Rippchen und gefülltes Konfekt. Roar fragt nach deinem Vater, Scheiße aber auch, sagt der Nachbar, den zu finden wird schwer, der sitzt bestimmt schon irgendwo in einer Kneipe, du weißt, dass das stimmt, dein Vater kann fünf Sprachen, unterrichtet am Handelsgymnasium in Tønsberg, aber an Restaurants oder Cafés kommt er nicht vorbei. Er trinkt mit seinen Freunden, und wenn seine Freunde gegangen sind, trinkt er mit dem Personal, mit dir. Danach trinkt er im Wohnzimmer, oder auch im Auto, einmal glaubst du, gesehen zu haben, wie er getrunken hat, obwohl er schlief, im Schlaf hat er das Glas hochgehoben, den Mund gefunden, es wieder auf dem Tisch abgestellt und weitergeschlafen. Ihr geht zurück zu Cecilia. In dem alten, neuen Wohnzimmer wartest du mit den zwei Menschen, die du nicht kennst, mit Roar und Cecilia, du träumst einen Augenblick, von einem flüssigen Stoff, er rinnt wie kaltes, klares Wasser durch dein Denken, dann wachst du von der Haustürglocke auf.
Dein Vater kommt herein, die Sendung im Fernsehen ist zu Ende, eine neue geht los, du bist jetzt in einem Zustand von Wärme, Verwirrung, das Ganze hier, das Wohnzimmer und alles, schmilzt und vermischt sich vor einem schwankenden, schreiend grellen Hintergrund. Du solltest im Bett sein, aber du hast kein Zimmer mehr. Dein Vater ist sauer, er hat gerade erfahren, dass deine Mutter mit deiner Schwester nach Oslo gezogen ist, er kann es nicht erklären, er bremst...




