E-Book, Deutsch, 221 Seiten
Lindstrøm Tage in der Geschichte der Stille
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-95757-836-5
Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 221 Seiten
ISBN: 978-3-95757-836-5
Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Merethe Lindstrøm, 1963 in Bergen geboren, war Sängerin in einer Berliner Rockband, bevor 1983 ihr erster Band mit Erzählungen erschien. Sie wurde mit mehreren wichtigen Preisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Literaturpreis des Nordischen Rates für Tage in der Geschichte der Stille.
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Ich habe ihn selbst hereingelassen.
Den Eindringling, wie ich ihn später genannt habe, aber er ist nicht eingedrungen. Er hat an der Tür geläutet wie jeder andere auch, und ich habe die Tür aufgemacht. Wenn ich daran denke, spüre ich heute noch dieselbe Unruhe wie damals. Und vielleicht quält das eigentlich am meisten. Er hat geläutet, und ich habe aufgemacht.
Ganz alltäglich.
Vielleicht hatte ich ihn am Morgen, als Simon zur Arbeit ging, schemenhaft am hintersten Ende des Gartens gesehen. Zwischen den Bäumen. Ein junger Mann, neunzehn oder zwanzig Jahre alt.
Als ich die Tür aufmachte, stand er auf der Treppe und wartete darauf, hereingebeten zu werden. Wie jeder, er hätte jeder sein können.
Guten Tag, sagte er. Kann ich Ihr Telefon kurz benutzen?
An diesem war irgendetwas. Heutzutage sagt das kaum noch jemand, aber damals, Mitte der Sechziger, war es ganz geläufig. Und trotzdem sagte er es nicht, als meinte er es ernst, eher als wäre heute kein guter Tag, oder als wünschte er mir das. Es wirkte dahingesagt, an alle und niemanden gerichtet.
Wir haben kein Telefon, wollte ich am liebsten antworten. Aber das war offensichtlich gelogen.
Aus dem Wohnzimmer hörte ich die Kinder. Helena war damals ein Säugling, sie lag in einer Tragetasche, und die beiden anderen spielten neben ihr auf dem Boden. Im Radio erklang das Zeitzeichen, draußen hinter ihm lag der Garten, so früh am Morgen steht die Luft dort still, der Regen vom Vorabend perlt als nasser Hauch auf den Blättern, dem grünen Gras, gerade erwacht, schlaftrunken, und wo Schatten unter der jähen Berührung durch Sonnenlicht weichen, flirrt es. Ich weiß nicht, wonach ich Ausschau hielt, vielleicht nach einer Entschuldigung, die Tür zumachen zu können.
Wir haben keine gute Leitung, sagte ich.
Ist schon in Ordnung, meinte er. Ich fragte mich, ob es ihm zustehe, das zu sagen. Sollten das nicht eigentlich meine Worte sein?
Wir waren bereits ein paar Minuten dagestanden, und weil ich das Gefühl hatte, unhöflich zu sein, machte ich schließlich die Tür ganz auf, trat zur Seite und ließ ihn ins Haus. In dem Moment, da er an mir vorbeiging, vernahm ich den Geruch, den er hereintrug. Den Geruch eines anderen Menschen, eines Menschen, der zu nahe gerückt war, diese Empfindung wurde durch meine Unruhe noch verstärkt. Er sah sich im Flur um, suchte nach dem Telefon oder nach sonst etwas. Ich nickte in Richtung des Garderobentischchens, und er hob nur ab, der Klang des Freizeichens summte, während er den Hörer über die Drehscheibe hielt, und dann das Klicken, als er ihn wieder auf die Gabel legte.
Er hatte nie vorgehabt zu telefonieren. Dass er das nie vorgehabt hatte, war jetzt klar. Er konnte es auf alles abgesehen haben.
Schönes Haus, sagte er.
Ja, sagte ich.
Mir war das an seinem Gürtel befestigte Etui aufgefallen, ein kleines Etui, in dem womöglich irgendetwas steckte, ein Werkzeug, ein Klappmesser? Zu diesem Zeitpunkt hatte er wohl die Kinder entdeckt. Greta, die vor einem großen Blatt Papier auf dem Bauch lag, vertieft in ihre Zeichnung, und um sie herum auf dem Teppich verstreut ihre Farbstifte. Kirstens Kleid war hochgerutscht, und so schaute die Windel, die sie noch brauchte, hervor, sie baute einen Turm aus Holzklötzen, stapelte ein Klötzchen auf das andere. Er muss sie betrachtet haben, muss sie eine Weile lang nur angesehen haben, bevor sie auf ihn aufmerksam wurden, denn meine Unruhe wuchs weiter an. Ich dachte, dass ich die Tür aufmachen sollte, dass ich ihn bitten sollte zu gehen, aber es war schlicht unmöglich.
Aus dem Radio das Surren einer tiefen Stimme, draußen die vom Wind bewegten langen Äste des Baums, die mit ihrem Wiegen den Anschein erweckten, dass irgendetwas anrückt und sich wieder entfernt. Ich habe oft wachgelegen und daran gedacht: die Kinder sehen auf, sehen mit fragendem Blick zu ihm, zu mir. Helenas wedelnde Ärmchen ragen aus der Tragetasche. Sie ist seit einer Weile wach, ich weiß, sie wird bald losheulen, aus Langeweile oder weil sie Hunger hat.
Ich gehe an ihm vorbei durch die Wohnzimmertür, nehme aus einem Reflex heraus die Babytragetasche vom Boden und trage sie zu dem großen Esstisch, weg von ihm, stelle sie auf den Tisch. Am Ende des Wohnzimmers.
Er ist ein paar Schritte in den Raum getreten, steht da und beobachtet die Mädchen, aus Gretas Strichen entsteht ein großes Haus, ein Mädchen mit einem dreieckigen Kleid, rechts oben in der Ecke die Sonne. Sie müht sich mit einer Blume ab.
Warum sitzen sie auf dem Fußboden?, fragte er dann.
Sie spielen, antwortete ich.
Danach habe ich nicht gefragt, sagte er. Die Gereiztheit in seiner Stimme. Ich hörte es. Jetzt kommen wir der Sache wohl näher, dachte ich, vielleicht dem Grund, warum er gekommen war. Vielleicht sollten wir seiner Meinung nach so weit kommen, vielleicht hatte er die ganze Zeit hierhin gewollt, an diesen Punkt.
Wie wäre es mit einem Kaffee?, versuchte ich dem Unweigerlichen zu entkommen, wollte einen Schritt zurück, zu etwas, was das Ganze hätte sein können, dieser Besuch.
Er schüttelte den Kopf. Danke, ich möchte nichts.
Dass er nichts wollte, war nicht wahr, das hatte ich verstanden.
Helenas wedelnde Ärmchen, sie versuchte mit einer Hand ihre andere zu greifen. Greta, die aufgestanden war, und uns jetzt betrachtete.
Ich wagte etwas.
Ich habe ein bisschen Geld, sagte ich. In meinem Unterleib krampfte es, zuerst schien es, als hätte er mich nicht gehört oder als interessierte es ihn nicht, als könnte auch Geld nichts klären. Ich dachte: Wenn es doch nur Geld wäre, was er wollte. Er stellte sich ans Fenster, das auf den Garten hinauszeigte. Das Haus war damals schon dasselbe, wir haben nicht viel umgebaut. Nur der Garten war kleiner, es gab mehr Bäume, mehr Wald, der in den eigentlichen Garten reichte, Bäume, die wir später fällten.
Wie viel hast du?, fragte er und drehte sich um, war vor dem Licht nur mehr eine Kontur, ein verschattetes Gesicht.
Als ich zu meiner Tasche im Flur ging, folgte er mir.
Zwanzig Kronen, antwortete ich. Das ist alles.
Ich legte ihm das Geld in die Hand. Eine bleiche Hand, ich kann mich an die Hand erinnern, wahrscheinlich für immer. Er streckte sie aus, als wollte er das Geld nicht nehmen, sondern annehmen, als läge dazwischen ein riesiger Unterschied. Ich registrierte es. Für die damalige Zeit war das nicht viel Geld, aber auch nicht wenig. Er stopfte es in die Hosentasche, und ich sah ihn an, und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass sich unsere Blicke begegneten. Als hätte ich vorher nicht zu seinen Augen vordringen können. Ich spürte mein Herz, es war aus dem Takt geraten, es schlug gegen die Rippen, schneller und schneller und wollte sich nicht mehr beruhigen.
Wir haben uns vermutlich beide genau in dem Moment umgedreht, als es passierte. Greta will auf einen der Esstischstühle klettern, vielleicht um zu versuchen, das mittlerweile heulende Baby zu trösten. Sie zieht die leichte Tasche zu sich heran, der Stuhl kippt um, fast reißt sie im Fallen die Tasche mit. Greta heult, fasst sich ans Bein und schreit. Das Baby bekommt Angst und brüllt laut los. Ich tröste Greta, nehme sie fest in die Arme, sehe mir ihr Schienbein an, an dem ein tiefroter Fleck prangt. Ich stelle die Tasche auf den Boden. Ich vergesse ihn, vergesse, dass er direkt hinter mir steht.
Und als ich mich umdrehe, steht er nicht mehr da. Er ist weg, Kirsten auch. Für einen Augenblick ist es still. Die Kinder haben aufgehört zu weinen, die Stimme im Radio macht eine Pause, nur der Ast vorm Fenster bewegt sich sachte.
Ich möchte schreien, aber Greta ist zu nah. Ich sage es vorsichtig. Kirsten, sage ich, Kirsten. Ich beginne zu suchen, ich schaue mich um, als könnte ich sie nur aufgrund einer Störung in mir selbst nicht sehen. Als ich in den Keller hinunterlaufen will, bemerke ich die offene Terrassentür. Im Garten weht ein schwacher Wind, ich weiß nicht mehr, was ich anhatte, einen dünnen Pullover und eine Hose, oder ein Kleid, vielleicht mit einer Schürze darüber, so etwas benutzte ich damals. Der Garten leuchtet, ich rieche das feuchte Gras. Am hintersten Ende befindet sich der Zugang zu einem kleinen Wald. In den Jahren danach sollten wir die Bäume fällen und nur ein paar stehen lassen, weil wir uns einbildeten, unsere Kinder sollten Bäume sehen, dass sie das bräuchten. Ich gehe durch die Büsche, in das Wäldchen.
Sie sitzt auf einem Baumstamm, scheint etwas zu beobachten. Sie ist in diesem Moment absolut regungslos, und ich bekomme Angst, ich sage ihren Namen. Sie dreht sich um, sieht erst zu mir und deutet dann auf die Büsche. Vielleicht ist sie ihm gefolgt, vielleicht hat er sie mitgenommen.
Sie wirkt unversehrt. Sie sitzt auf dem breiten Stamm und deutet in den Wald. Als...




