E-Book, Deutsch, 148 Seiten
Reihe: tredition GmbH
Lipinski Megazan mischt die Aeronauten auf
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-347-89032-9
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 148 Seiten
Reihe: tredition GmbH
ISBN: 978-3-347-89032-9
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Am 3. August 1969 wurde Thorsten Lipinski in Unna (NRW) geboren. 1992 zog er nach Brüssel. Dort studierte er Bildhauerei und Steinrestauration an der Akademie für Bildende Künste sowie Kunstwissenschaften und Archäologie an der Freien Universität. Er arbeitete als Übersetzer, Sprachlehrer, Journalist, Fahradmechaniker im eigenen Laden und verbrachte Zeit als Restaurateur auf Ausgrabungen im Nahen Osten. Seit 2006 ist er freier Schriftsteller.
Autoren/Hrsg.
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Noch bevor die Sonne über den Horizont kriechen konnte, waren die drei Verschwörer den umfangenden Mauern der Stadt Brava-Wreit entkommen und auf dem Weg nach Süden zur nächstgrößeren Stadt: Wowalois. Megazan trottete voran durch die enge Schlucht, die sie aus dieser Bergkette hinaus auf offenes Land herausführen sollte.
Hinter ihm ging Calziom, der hörbar keuchte, obwohl er scheinbar nicht viel Gepäck hatte; die beiden Söldner ahnten nichts von den vielen Kilos Papier, die er unter seiner Kleidung trug. Den Abschluss bildete Natifa, immer ein Auge im Hinterkopf offen haltend. Aber noch war keine Spur ihrer Verfolger zu sehen, und wenn sie erst über diese Gebirgskette gekommen waren, hatten auch die Aeronauten kaum noch die Chance sie einzuholen. Ihr Reich war schließlich begrenzt, dachten sie.
Auf der Ebene müssten sie eigentlich in Sicherheit sein, und ein Gefühl der Erleichterung überkam sie, als die Schlucht, die den Zugang zu Brava-Wreit formte, hinter ihnen lag.
Sie wichen nun vom eingefahrenen Schlammweg ab, der nur auf kurzen Stücken noch über Asphalt aus einer anderen Zeit verfügte, und folgten ihm parallel nach Süden. Geradewegs nach Wowalois.
Die Großmeisterin der Aeronauten wurde unsanft aus ihren Schlaf geweckt. Dabei hatte sie gerade so gut geschlafen nach einer langen Nacht, die den ersten erfolgreichen Start einer Rakete seit einer langen Zeit gesehen hatte. Sie hatte von unbeschränkter Macht geträumt, als ihr persönlicher Diener in ihr Gemach gestürmt kam.
Ihre Reflexe funktionierten trotz des Alters noch immer sehr gut. Bevor der Bote an ihr Bett stürmen und seine Nachricht überbringen konnte, war sie schon hellwach und hatte einen Dolch gezückt, dessen scharfe Klinge der Bote an seinem Kehlkopf spürte. Er dankte der Großmeisterin für die Beherrschung ihrer Dolchkunst.
Als die Aeronautin richtig erwacht war und erkannte wer sie in tiefer Nacht zu stören wagte, zog sie blitzschnell die Klinge zurück und ließ sie in ihrem orangenen Umhang verschwinden. Ihr persönlicher Bote hatte sicherlich keinen Grund sie grundlos aus dem Schlaf zu reißen.
Dafür erinnerte er sich wohl noch zu deutlich das Ende seines Vorgängers. Die Großmeisterin war schließlich nicht bekannt für freundlichen Umgang mit dem Hauspersonal.
„Was gibt's!“, fauchte sie und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Der Bote schluckte, das Wasser der Furcht stand in seinen Augen. Dieses Gefühl stellte sich immer ein, wenn er der Großmeisterin gegenüber stand. Und nun hatte er alles andere als gute Nachrichten für sie.
„Jemand ist in die Bibliothek eingebrochen!“
„Waaas!“
Die Großmeisterin hatte den Dolch schneller wieder hervorgezaubert, als ein Kind Ja zu Süßigkeiten sagen kann. Mit Wucht schleuderte sie ihn in die hölzerne Tür, wo er zitternd stecken blieb.
„Wer wagt es, unseren Boden auf so dreiste Weise zu betreten! Ich wusste, dass die Vorfälle der letzten Tage nur ein Vorzeichen von noch größerem Übel sein würden. Ich hasse es, wen ich recht behalte!“
Bei ihrem Pessimismus kein Wunder, dachte der Bote, wollte seine Zunge aber nicht verlieren und sagte deshalb nichts. Er kniff die Lippen aufeinander, um bloß keine Silbe entweichen zu lassen.
„Was ist geschehen?“, wollte die Aeronautin wissen. Sie hatte ihre kalte Fassung wieder gefunden, der sie nur selten entschlüpfte.
„Der Bibliothekar bemerkte heute morgen, dass jemand in den Büchern der Register herumgeschnüffelt hat und entdeckte voller Grauen, das Bücher aus der verbotenen Kammer gestohlen wurden.“
Kannal Asin hatte große Mühe sich unter Kontrolle zu halten. Seit Tagen schon wusste sie, dass etwas im Busch war. Sie hatte zuerst den Kommandanten der Wache im Verdacht gehabt, aber sie traute es ihm letztendlich nicht zu. Kannal Asin war verschiedenen Spuren gefolgt, hatte aber nichts entdecken können. Sie hatte schlichtweg geduldig gewartet. Mit solch einem frühen Handeln des Gegners - und solch einer Dreistigkeit - hatte sie allerdings nicht gerechnet. Ein weiterer Beweis, dass ihr Feind nicht zu unterschätzen war.
„Was wurde gestohlen?“
„Alles antike Schriften, darunter viele Bücher über das Apollo-Programm, in denen auch von der Formel gesprochen wird, wenn auch nicht von der Herstellung der zwei …“
„Genug!“, unterbrach Kannal Asin. „Ich brauche keinen Vortrag! Ich weiß, dass diese Schriften in den Händen unserer Feinde eine gewaltige Waffe und für uns einen großen Verlust bedeuten, ganz zu schweigen von der Blamage. Wir dürfen diese Diebesärsche auf keinen Fall entkommen lassen!“ Sie richtete sich an ihren persönlichen Boten.
„Wissen wir schon, wer es war?“
Der Diener nickte, seine Zunge klebte vor Aufregung am Gaumen.
„Natifa und Megazan sind beim Appell nach dem Einbruch in der Bibliothek nicht erschienen. Der Kommandant hatte den Neuling und diese falsche Hexe schon seit Tagen im Verdacht, sagt er …“
„Nachher ist dieser Trottel immer schlauer. Bei mir wusste er nichts von ungewöhnlichen Vorfällen, außer, dass eine Flasche auf ihn wartete, sobald sich die Tür zwischen uns geschlossen hatte.“
Sie strich sich übers Kinn und befahl:
„Bringe mir sofort den Hauptmann Hotscher der Geheimabteilung hierher!“
„Jawohl!“, verneigte sich der Diener. Er wollte sich schon davon machen, als die Großmeisterin ihn aufhielt. Sie grinste hämisch.
„Noch etwas …“
Er wartete gehorsam.
„Es wird Zeit für einen neuen Wachkommandanten! Sorge für das Nötige!“
„Jawohl!“, erwiderte der Diener. Er wusste, was dies bedeutete.
Unfähigkeit konnte nicht ewig toleriert werden.
Der Wachkommandant befand sich in einem tiefen Koma, verursacht durch die multitoxische Mischung von verschiedenen Drogen in seinem Blut. Sein Mund stand weit offen. Speichel rann ihm aus den Mundwinkeln, und er schnarchte. Er sah und hörte nichts, als drei Männer in seine Stube schlichen. Die Schergen der Großmeisterin hatten keine Zeit verschwendet. Ein weiteres Zeichen dafür, dass die Organisation, welche die Großmeisterin Kannal Asin im Geheimen, das heißt ohne das Mitwissen der anderen Aeronauten des Rates, aufgebaut hatte, vorbildlich funktionierte. Jedenfalls, wenn man eine Gruppe von Mördern und Rabauken mit dem Adverb 'vorbildlich' in Zusammenhang bringen wollte.
Der Wachkommandant bekam seinen Tod nicht einmal mit. Bevor er richtig aufgewacht war, war es schon vorbei gewesen. Die drei Dolche in seiner Brust sprachen dafür, dass er nie wieder trinken würde.
Die drei Männer keuchten unter dem Gewicht des Ex-Kommandanten der Stadtwache, als sie ihn wegtrugen. Schon morgen würde sein Platz von jemand anderem besetzt sein, während seine Leiche irgendwo in den Wäldern um Brava- Wreit verschwinden würde … In einem namenlosen Grab.
Während sich die drei Flüchtlinge durch das Flachland hinter der Schlucht kämpften, trat Hauptmann Hotscher, einige Minuten nachdem er benachrichtigt worden war, ins Audienzzimmer der Großmeisterin. Ehrfürchtig salutierte er vor ihr, seine orangene Uniform tadellos schnittig genau wie sein Gesichtsausdruck. Dabei bewegte er sich leise. In seinen Augen lag eine unschätzbare Schläue.
„Sie haben mich rufen lassen, Großmeisterin?“
Sie betrachtete den strammen Hauptmann von Kopf bis Fuß. Ihr Blick blieb etwas länger auf seinem Hintern haften. Sie lächelte zufrieden.
„Es sieht so aus, als hätten wir ein Problem mit Spionen. Was wissen Sie darüber, Hauptmann?“. Das letzte hauchte sie dem verwirrten Hotscher mit verführerischen Atem ins Ohr, wobei sie ihren Körper so nah an ihn drückte, dass er ihre Körperwärme deutlich spüren konnte.
„Wir tun was wir können!“, antwortete der Angemachte und versuchte dabei den Tentakeln seiner Arbeitgeberin zu entgehen. „Unsere Leute sind schon seit Tagen damit beschäftigt sich unter die Bevölkerung zu mischen, da wir einen Spion schon nach dem ersten Vorfall beim Start vermuteten. Und wir haben etwas herausgefunden.“
Der Hauptmann drehte sich mit einer geschickten Bewegung aus dem Handbereich der Großmeisterin.
„Einer unserer besten Informanten ist in den Fall verwickelt. Calziom ist verschwunden, zur selben Zeit wie die beiden Ganoven.“
Er atmete tief durch, seine muskulöse Brust schwelte an wie ein Ballon.
„Aber wir werden sie finden! Noch in dieser Stunde sind unsere Leute unterwegs zu allen Außenposten und unseren Agenten in Wowalois. Bestimmt werden sich diese Ratten dort verkriechen, um ihre Beute zu verkaufen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie solches Diebesgut irgendwo anders zu einem redlichen Preis...




