E-Book, Deutsch, Band 2, 304 Seiten
Reihe: Das Haus auf Hoarder Hill
Lish / Ngai Das Geheimnis des magischen Spiegels
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-492-99940-3
Verlag: you&ivi
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 2, 304 Seiten
Reihe: Das Haus auf Hoarder Hill
ISBN: 978-3-492-99940-3
Verlag: you&ivi
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mikki Lish, wohnhaft in den USA, und Kelly Ngai, wohnhaft in Australien, sind ein außergewöhnliches, junges Autorenduo. Obwohl sie auf unterschiedlichen Kontinenten leben, erschaffen sie gemeinsam spannende und magische Welten - auch wenn es dabei nicht ungewöhnlich ist, dass eine der beiden im Schlafanzug vor dem Laptop sitzt. Dabei ist Kelly, die mit ihren beiden Söhnen in Australien lebt, oft diejenige, die sich mitten in der Nacht mit Mikki die wildesten Geschichten ausdenkt. »The House on Hoarder Hill« ist das zweite Projekt, das auf diese Weise entstanden ist.
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Kapitel 1
EINE KLEINE VERÄNDERUNG
»Spencer! Pass auf!«
Spencer van Beer riskierte während seines Fluges einen Blick hinter sich. Der steinerne Greif näherte sich ihm, seine Flügel schlugen schnell. Noch schlimmer war die ausgestreckte Kralle, die auf seinen Knöchel zielte. Er jaulte auf, zog seine Beine an, bevor der Greif ihn packen konnte, trieb seine eigenen Flügel zu einem schnelleren Schlag an und sauste in Richtung der Bäume.
Das schrille Pfeifen seines Verfolgers verstummte, als er den Waldrand umrundete. Eine Minute später tauchte er zwischen die Baumstämme und flog wahllos nach links, rechts, oben und unten, um den Greifen von seiner Spur abzuschütteln. Mit seinen Flugmanövern wirbelte er das Herbstlaub auf.
Als er schon nicht mehr zählen konnte, wie oft er sich gedreht hatte, spähte Spencer über seine Schulter. Er war inzwischen im schattigen Herzen des Waldes. Ein Vogel flog durch die Luft, aber es war kein Greif zu sehen. Vielleicht hatte er ihn abgeschüttelt. Ich muss zurück zu den anderen, dachte er nervös. Mit Argusaugen schlängelte er sich bis an den Rand des Waldes und wagte dann den Endspurt in Richtung Sicherheit.
Da waren sie, winkten ihm wild zu. Doch als er nur noch ein paar Meter entfernt war, flitzte der Greif aus den Bäumen hervor. Er schoss direkt auf ihn zu, und Spencer spürte, wie ihm vor Panik die Kontrolle über seine Flügel entglitt. Er taumelte, sein Flügelschlag geriet aus dem Takt. Den Sieg witternd, streckte der Greif mit einem jubelnden Kreischen eine Kralle nach ihm aus. Spencer überschlug sich in der Luft und ließ sich schwerfällig und außer Atem auf die Erde fallen. Er spuckte ein Mundvoll Gras aus. Der Greif landete auf ihm und krächzte: »Erwischt!«
Die anderen lachten.
»Geht’s dir gut?«, fragte seine ältere Schwester Hedy und hielt ihm die Hand hin, um ihm auf die Beine zu helfen. »Du sahst aus, als wärst du mitten in der Luft gestolpert.«
»Gut geflogen, Rotschopf-Recke!«, rief Jelly, seine Cousine.
»Rotschöpfe sind die besten Recken«, sagte Spencer. Mit einem genervten Blick auf den Greifen fügte er hinzu: »Ich kann nicht glauben, dass sie schon wieder gewonnen haben. Hey, Max, hat der Greif geschummelt?«
Auf die Anschuldigung hin pfiff der Steingreif entrüstet und ließ sich von seinem jüngsten Cousin Max streicheln. »Ich glaub’ nicht«, sagte Max. »Also hat Hedy immer noch die meisten Punkte.«
Natürlich hat sie das, dachte Spencer, während er die verzauberten Flügel abschnallte, die sie sich von seinem Großvater geliehen hatten.
»Na ja, noch habe ich ja keine Runde am Himmel gedreht«, sagte Doug, der sprechende Bärenteppich. Er spuckte den Tausendfüßler aus, den er heimlich vom Boden aufgeschleckt hatte.
»Ich erinnere mich deutlich daran, dass du mal gesagt hast, wenn du zum Fliegen bestimmt wärst, wärst du mit einem Schnabel geboren worden«, sagte Stan, der ausgestopfte Hirschkopf.
»Nur weil ich nicht dazu geboren wurde, heißt das nicht, dass ich es nicht kann«, grummelte Doug. »Übrigens, du siehst lächerlich aus. Was um alles in der Welt hat Jelly dir angetan?«
Jelly hockte sich zufrieden auf ihre Fersen. »Das ist nur ein bisschen Lipgloss. Und ein bisschen Glitzer auf dem Geweih. Und ein Strassstein zum Aufkleben zwischen den Augen. Das geht wieder ab, keine Sorge. Es sei denn, du willst es dran behalten, Stan?« Sie hielt Stan einen kleinen Spiegel hin, damit er sein Spiegelbild betrachten konnte.
»Hmm. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob der Effekt … die notwendige Eleganz ausdrückt«, murmelte Stan zweifelnd.
»Aber auffallend ist es«, sagte Jelly. »Ist das nicht, was du wolltest? Es ist genau wie bei mir und Hedy. Hedy sieht umwerfend aus, nicht wahr? Jetzt fällt sie total auf!«
Hedy berührte zaghaft den Strassstein, den Jelly zwischen ihre glitzerbestäubten Augen geklebt hatte, die ziemlich im Widerspruch zu ihrem verblichenen Sweatshirt und den abgewetzten Turnschuhen standen.
»Es gibt verschiedene Arten, auf die man auffallen kann: Entweder weil man ein Vierzehnender-Geweih hat und sich nicht scheut, es zu zeigen, oder weil man ein fetter Bienenstich auf dem Hinterteil eines Wiesels ist«, sagte Doug. »Also, Spencer, fliegen wir jetzt los?«
Als die Sonne sich langsam am Himmel senkte, fuhr die außergewöhnliche Gruppe mit ihren Fahrrädern zurück ins Dorf: Marberry’s Rest. Sie hatten sich schon seit Wochen auf diese gemeinsame Zeit in den Herbstferien gefreut. Spencer, Hedy und ihre Mutter waren zu Besuch, während ihr Vater auf einer langen Fahrradtour war, um Geld für eine Hilfsorganisation zu sammeln. Sobald der Plan beschlossen worden war, hatten die Kinder darum gebeten, dass Ihre Cousins Jelly und Max auch zu Besuch kamen.
»Kannst du mir noch einmal erzählen, wie du Tante Rose gefunden hast?«, fragte Max.
»Nicht schon wieder!« Jelly stöhnte auf. »Max, das hast du doch schon mindestens achtundsiebzigtausendmal gehört.«
Aber Hedy blickte lächelnd über ihre Schulter zu Max. Sie wurde nicht müde, ihm zu erzählen, wie sie und Spencer vor fast zwei Jahren das Rätsel um ihre verschwundene Großmutter Rose gelöst und sie vor dem Kaleidos gerettet hatten.
Am liebsten hörte Max immer wieder, wie Spencer und Hedy Hilfe von den zahlreichen magischen Gegenständen und Bewohnern bekommen hatten, die Opa John über die Jahre gehortet und geheim gehalten hatte. Neben Doug und Stan gab es die Holzspione, die durch die hölzernen Oberflächen des Hauses wanderten, und die kleinen Steinstatuen, die man Grotesken nannte und die oben auf Opa Johns Dach saßen, um ihn vor Eindringlingen zu schützen.
Doug war jetzt in eine Getränkekiste auf dem Gepäckträger von Spencers Fahrrad gequetscht. Stan war an Hedys Lenker geschnallt und der Greif und der Gargoyle saßen in den Fahrradkörben von Jelly und Max. Niemand in Marberry’s Rest sollte wissen, dass Opa John magische Artefakte sammelte. Seit die Ladenbesitzerin des Dorfes, Mrs Sutton, Hedy einmal beim Fliegen beobachtet hatte – und von Oma Rose davon überzeugt werden musste, dass sie wohl einen riesigen Vogel mit einem Menschen verwechselt hatte –, hatten sie die strikte Anweisung, Opa Johns Flügel nicht in Sichtweite der Nachbarn zu benutzen.
Im Dorf verhielten sich Doug und Stan genauso, wie es sein sollte – unbeweglich, ohne zu blinzeln und schweigsam –, aber die Grotesken vergaßen immer wieder stillzuhalten und mussten von den Kindern regelmäßig zum Schweigen gebracht werden.
»Wartet hier draußen«, sagte Hedy, als sie ihr Fahrrad vor Suttons Gemischtwarenladen abstellte. Das Schaufenster war für Halloween dekoriert, mit geschnitzten Kürbissen, riesigen schwarzen Spinnen und einer lustigen Spielzeughexe auf einem Besenstiel. »Ich hole den Kuchen.«
Ein älteres Ehepaar kam um die Ecke, und die Kinder schlurften den Bürgersteig entlang, um Platz zu machen. Spencer hatte sie noch nie gesehen und vermutete, dass sie zu Besuch in der Gegend waren.
»Guten Tag«, sagte der Mann, lächelte die Kinder an und starrte auf Stan und Doug. »Eine ziemliche Sammlung habt ihr da. Hier in der Gegend kann man wohl gut jagen, was?«
Er scherzte natürlich, aber die Jagd war ein sehr sensibles Thema für die Tiere. Spencer konnte spüren, wie Doug tief in seiner Kehle grummelte, und er sah, wie sich Stans Nasenlöcher aufblähten.
»Wir dürfen keine Haustiere haben«, erklärte Spencer, »also nehmen wir stattdessen diese hier mit.«
»Oh, aber wie ich sehe, ist euch zumindest ein Haustier erlaubt«, sagte die Frau zu Max. Sie blinzelte Richtung Gargoyle in seinem Korb und runzelte die Stirn. »Oje, was für eine merkwürdig aussehende Katze.« Mit »merkwürdig« meinte sie eindeutig hässlich.
Anstatt stillzuhalten und sie glauben zu lassen, er sei eine Statue, die die Kinder zum Spaß herumkarrten, zischte der Gargoyle die Frau an, sodass die nach Luft schnappte und den Arm ihres Mannes umklammerte.
»Es tut mir so leid«, sagte Jelly hastig. Sie unterdrückte ein Lachen und tätschelte dem Wasserspeier heftig den Kopf. Er ließ sich in den Korb sinken und grinste. »Wir haben ihn erst vor Kurzem aus einem Tierheim geholt und er ist nicht sehr gut trainiert.«
Zum Glück klingelte die Ladentür und Hedy trat mit einer großen Kuchenschachtel heraus. Die leutselige Mrs Sutton stand direkt hinter ihr.
»Hallo Spencer, Angelica, Max!«, trillerte sie. »Ihr geht mit euren Lieblingen spazieren, wie ich sehe!« Mrs Sutton hatte ihnen vorbehaltlos ihre Geschichte abgekauft, dass sie keine echten Haustiere haben durften, und war es gewohnt, die Bande mit Doug, Stan und den Grotesken herumfahren zu sehen. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Neuankömmlinge. »Willkommen in unserem Dorf! Woher sind Sie zu Besuch? Wollen Sie nicht hereinkommen …?«
Das ältere Ehepaar, immer noch verblüfft von der fauchenden »Katze«, konnte ihrem freundlichen Geplapper nicht widerstehen und wurde nach drinnen gezogen. Die Kinder verabschiedeten sich von Mrs Sutton und verschwanden.
Hoarder Hill war zu dieser Jahreszeit ganz anders als bei Spencers und Hedys erstem Besuch. Die Gärten waren mit neuen Sträuchern und blühenden Pflanzen bepflanzt. Im Haus war Großvater Johns Gerümpel mit viel mehr Sorgfalt verstaut worden und Großmutter Rose hatte alle »modernen« Haushaltsgeräte mit großer Neugierde angenommen.
Zur Freude der Kinder parkte ein alter Milchwagen in der Einfahrt, was bedeutete, dass Frau Pal und Soumitra zum Abendessen gekommen waren. Sie radelten in den hinteren Garten, von wo es für die Grotesken am sichersten war, auf das Dach...




