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E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Lister Selbstauslöser

Roman
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-455-81022-6
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-455-81022-6
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In außergewöhnlicher Form beschreibt Michael Lister in seinem Roman eine quälend lange Nacht, die zum gnadenlosen Existenzkampf wird. Knapp und rhythmisch, mit rasanter Wortgewalt, zieht er den Leser ins Geschehen und setzt ihn einer Atmosphäre von Angst und Beklemmung aus.

Nach seiner Rückkehr ins ländliche Florida erwacht in Remington James eine alte Leidenschaft: die Fotografie. Als er eines Nachmittags in die Wildnis aufbricht, um die Schnappschüsse seiner im Wald installierten Kamerafalle zu kontrollieren, ahnt er nicht, dass die schrecklichste Nacht seines Lebens auf ihn wartet. Schockiert stellt er fest, dass der selbstauslösende Apparat einen bestialischen Mord aufgenommen hat. Und bevor er einen klaren Gedanken fassen kann, steht der Mörder vor ihm. Es beginnt eine atemlose Hetzjagd, während der Remington nicht nur ums Überleben kämpft, sondern sein bisheriges Leben wie einen Film an sich vorbeiziehen sieht. Nur wenn er bis zum Morgengrauen durchhält, gibt es Hoffnung auf Rettung.

»Aus einer einzigen dunklen Nacht hat Lister auch noch das letzte Quäntchen an Gänsehaut herausgeholt.« Michael Connelly

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A bend. Herbst. Nordflorida. Blaugrüner Himmel über rostigem Rand der Erde. Schwarzer Wald vor leuchtend pflaumenlila Wolken. Verblassende Glut. Wachsendes Dunkel. Tief in den kalten Wäldern des Apalachicola-Beckens kommt Remington James auf dem mit herabgefallenen Nadeln bedeckten Boden unter einem Baldachin aus Kiefern, Eichen und Zypressen nur langsam voran; er bereut es, keine bessere Jacke angezogen zu haben, und gleitet immer wieder aus, denn seine hohen Chippewa-Stiefel, die vor Schlangen schützen, finden auf dem glatten Grund keinen Halt. Über ihm fährt ein kräftiger Wind durch die Zweige, wiegt die Baumwipfel in uraltem Tanz und lässt abgestorbene Blätter und Kiefernnadeln niederregnen. Es ist seine Lieblingstageszeit in seiner Lieblingsjahreszeit, und im Jagdrevier seiner Familie versteckt er sich am liebsten vor dem klaustrophobischen Kleinstadtleben, das ihn zunehmend beengt. Schreie. Was er da hört, klingt wie die Schreie eines Menschen aus großer Entfernung, doch er kann sich nicht vorstellen, dass hier draußen noch jemand ist, also geht er davon aus, dass es wohl ein Tier war oder eine akustische Täuschung, denn dazu kommt es oft, wenn er so tief im verwirrenden Wald allein ist. Nervös macht es ihn trotzdem. Zumal … Da ist es wieder. Ein Tier, das so klingt, hat er noch nie gehört, und der Laut beunruhigt ihn sehr viel mehr als jeder andere, der ihm hier draußen schon einmal zu Ohren gekommen ist. Das ist kein Mensch, sagt er sich. Nein. Ausgeschlossen. Und selbst wenn, hier draußen würde man niemanden finden. Die Laute hören auf … und er geht weiter. Gebrauche deine Sinne. Alle Sinne. Sieh hin. Sieh wirklich hin. Stell dir etwas vor. Sieh nicht das, was ist, sondern das, was sein könnte. Er versucht, nicht mehr an Schmerzensschreie zu denken, und zwingt sich, seine Aufmerksamkeit ganz auf das zu fokussieren, was er vorhat. Die neue Kamera steckt nach wie vor sicher in seiner Tamrac-Sling-Pack-Fototasche, die er sich auf den Rücken geschnallt hat, und wird erst dann hervorgeholt, wenn er die Aufnahmen, die er machen will, vor seinem geistigen Auge sieht. In der Fotografie geht es zumindest nach seinem Verständnis nicht darum, möglichst viele Bilder zu machen, sondern um das, was man visualisieren kann, bevor man die Kamera überhaupt zur Hand nimmt. Er ist gerade erst zu dieser Kunstform zurückgekehrt und hat eine Weile gebraucht, um sich mit der digitalen Technik vertraut zu machen, und obwohl die Versuchung groß ist, als Testlauf für die neue Ausrüstung einfach draufloszuknipsen, ist er fest entschlossen, Disziplin walten zu lassen. Auf einen Knopf drücken und ein Bild machen kann jeder. Seine Ambitionen sind künstlerisch. In seiner Jugend hat er mit mehreren Kunstformen experimentiert  – je nach Phase wollte er Kerouac sein, Hemingway, Godard, Picasso –, doch letzten Endes hat es ihn immer wieder zur Unmittelbarkeit der Fotografie hingezogen. Naturfotograf, Fotojournalist, Kriegsberichterstatter, Paparazzo oder auch Porträtfotograf – doch das Leben lacht über die Pläne, die man macht, und aus den Träumen und Ambitionen junger Menschen werden rasch diese peinlichen Erinnerungen, die man als Erwachsener hat. Realistisch. Praktisch. Ausbildung. Arbeit. Aufgaben. Hochzeit. Hypothek. Erst als sein Vater gestorben war und er überstürzt nach Hause kommen musste, um in der Kleinstadt das Waffengeschäft mit angeschlossener Pfandleihe zu führen und sich um seine Mutter zu kümmern, hatte er wieder eine Kamera zur Hand genommen – eine verstaubte, uralte, vollautomatische Nikon, die Jahre zuvor versetzt worden war und im Regal geschmachtet hatte, während elektrisches Werkzeug und Kleingeräte kamen und gingen. Wiederentfacht. Wiedererwacht. Die kleine, misshandelte Kamera fühlte sich in seinen Händen wie Heather an, und aus seinem Bewusstsein stieg ein alter Traum empor, um in der Realität noch einmal Gestalt anzunehmen. Ein gutes Foto. Obwohl er den Laden früh geschlossen hat – was bei seinem Dad nie vorkam, schon gar nicht während der Jagdsaison  –, bleibt ihm sehr wenig Spielraum, nicht mehr als ein schmaler Streifen Licht, der durch eine angelehnte Tür fällt und in dem es hell genug ist für ein Bild. Die Fahrt hinaus bis an die Grenze des Lands, das seiner Familie gehört, dann mit dem ATV, dem schweren, vierradgetriebenen Quad, in die Flusssümpfe hinein, zu Fuß durch viele Morgen voller Blattwerk, das schon braun wird, aber nach wie vor dicht ist – die Tür geht immer weiter zu, doch er will nur nach seinen Kamerafallen sehen und mit der neuen Kamera ein gutes Foto machen. Er wird marschieren, so weit er kann, suchen, solange er kann – im letzten Moment seine Aufnahme machen und notfalls im Dunkeln zurückstolpern. In Anbetracht seiner augenblicklichen Lebensumstände und des Mangels an Möglichkeiten gibt es nichts, was er lieber täte, und er verbringt seine wenigen kurzen Abendstunden am liebsten mit der Suche nach dem vollkommenen Bild. Verlust. Sinnlosigkeit. Fühllosigkeit. Die Fassade von Remingtons Leben hat durch den frühen Tod seines Vaters zahllose winzige Sprünge bekommen, sie ist mit einem feinen Spinnennetz aus Haarrissen überzogen und bedroht von Zusammenbruch und Zerfall. Fassade oder Fundament? Vielleicht zerspringt nicht nur die Oberfläche seines Lebens, sondern auch der Kern. Er weiß es nicht genau und will nicht darüber nachdenken, auch wenn etwas in ihm glaubt, dass er ganz allein in die Wälder geht, damit er gezwungen ist, genau das zu tun. Er wäre schon seit über zehn Jahren gern Outdoor-Fotograf gewesen, und dass er gerade jetzt auf den Auslöser drückt, nach dem Tod seines Vaters, der seine kleine Existenz noch immer schwer erschüttert, dass er so viel investiert und wie besessen jede freie Minute mit diesem Vorhaben verbringt  – das ist der fieberhafte Versuch eines verängstigten Mannes, der Sterblichkeit den Stachel zu nehmen, und er weiß es genau. Er weiß nur nicht, was er sonst anfangen soll. Heather könnte es ihm sagen. Heather. Wie man sich nach Hause sehnt, wenn man sich in den Wäldern verlaufen hat, so führen in diesen Tagen alle seine Gedanken zurück zu ihr. Sie hatte angerufen, als er den Pick-up seines Vaters stehen lassen musste und gerade das ATV vom Anhänger fuhr, um sich damit weiter in den Wald hineinzuwagen. Wie der Pick-up und der Anhänger und das Leben, das er jetzt führt, gehört auch das ATV seinem Vater. Oder besser, gehörte. Jetzt ist es seins. Dass das Telefon in seiner Tasche vibrierte, überraschte ihn, denn er war davon ausgegangen, dass es so tief im Wald kein Signal mehr gab. Ein paar Meter weiter, einen Augenblick später, und es wäre so gewesen. Als er ihren Namen – Heather – auf dem kleinen Display sieht, empfindet er, wie immer in letzter Zeit, widerstreitende Gefühle, Freude und Bedrohung. — Hallo. Das Licht als wesentlichstes Element der Fotografie blutet schon aus; der Tag wird bald erloschen sein. Zeit ist Licht, und von beidem hat er nicht mehr viel. Trotzdem ist es keine Frage, ob er ans Telefon geht. — Alles okay? — Ja. Warum? — Irgendwie fange ich gerade an, mir Sorgen um dich zu machen. Mit diesen wenigen Worten wird der Tag kälter, der Wald dunkler. Heather hat manchmal etwas im Gefühl – und zwar so, dass man sie in früheren Zeiten deswegen an einen Pfahl gebunden und verbrannt hätte –, und fast immer behält ihr Gefühl recht. — Bist du da?, fragt sie. — Ich bin da. In seiner Vorstellung trägt Heather Lavendel, was ihre zarten Züge auf die gleiche Weise hervorhebt wie es auf den weichen Blättern der Blume liegt, deren Name sie trägt, Heather, Heidekraut. Sie duftet auch nach Blumen, berauschend  – selbst in den Grenzen seiner Erinnerung. — Wo bist du? Ich kann dich kaum hören. — Im Wald. Wir hängen gerade an einem Signal, das nur ein einziges Strichlein ist, sagt er und denkt, dass diese Metapher auch auf ihre schwächelnde Beziehung passt. Er stellt sie sich vor, in der kleinen Galerie nicht weit vom Campus des Rollins College in Winter Park, im Hintergrund das Geratter des Amtrak-Zugs, der mäßig lebhafte, abendliche Verkehr, der an ihrer offenen Tür träge vorbeizieht, und er muss daran denken, wie weit weg sie doch ist. — Das hältst du jetzt sicher für eine Art Metapher. — Du nicht? — Ich denke nicht wie du. Hab ich noch nie. — Hab ich auch nie verlangt. — Alles okay? — Bestens. Will nur nach meinen Fallen sehen und meine neue Kamera ausprobieren. — Dann sei vorsichtig. — Bin ich immer. — Gut. — Hat du wieder was im Gefühl? — Ich weiß nicht genau. — Entweder du hast oder du hast nicht. — Nicht immer. Manchmal muss sich das … wie soll ich sagen … erst noch entwickeln. — Komisch. — Ich versuche nur, eine Sprache zu sprechen, die du verstehst. Er muss gehen, will aber nicht. — Sei besonders vorsichtig, sagt sie, ich rufe dich an, wenn sich was entwickelt. — Dann habe ich kein Signal. — Bis wann? — Bis ich zurück bin. Etwa eine Stunde nach Einbruch der Dunkelheit. — Vielleicht gehst du besser nicht. — Sag du es mir. Ich habe nie irgendwas im Gefühl. — Ich bin so froh, dass du wieder durchs Objektiv siehst. Will dich nicht...


Lister, Michael
Michael Lister wuchs im Nordwesten Floridas auf, wo er heute noch lebt. Er hat sich als Autor von Romanen, Essays, Theaterstücken und Drehbüchern einen Namen gemacht. Wenn er nicht schreibt, studiert er Literatur, Film und Theologie und unterrichtet am Gulf Coast Community College. Sein Roman Selbstauslöser (Hoffmann und Campe 2011) wurde mit dem Florida Book Award ausgezeichnet.



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