E-Book, Deutsch, 446 Seiten
Liu Maybe It's Us. Joyce & Jonah
23001. Auflage 2023
ISBN: 978-3-646-60988-2
Verlag: Impress
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gefühlvolle Own Voice New Adult
E-Book, Deutsch, 446 Seiten
ISBN: 978-3-646-60988-2
Verlag: Impress
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kalin Liu wurde 1996 in China geboren, wuchs in Oberösterreich auf und zog für ihr Studium nach Salzburg. Bereits in jungen Jahren faszinierte sie die kreative Seite des Lebens und mit 12 Jahren schrieb sie die ersten Geschichten und veröffentlichte diese auf Fanfiction-Portalen. Neben dem Schreiben lebt sie ihre Kreativität als Buchbloggerin auf ihrem Instagram-Kanal aus und flaniert am liebsten zwischen den Zeilen ihrer liebsten Bücher.
Autoren/Hrsg.
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Prolog
Joyce
Sie ist tot.
Mom hat sich mit leisen Schritten aus unser aller Leben verabschiedet und dabei ein ohrenbetäubend lautes, unendlich tiefes Loch hinterlassen. Es ist nicht die Angst vor der Finsternis, die mich jagt, sondern die Ungewissheit, ob wir jemals wieder dort rauskommen werden.
Als ich jünger war, faszinierte mich das Konzept des Durchschlagpapiers. Es war toll zu sehen, wie man etwas draufschrieb und es Abdrücke auf der nächsten Seite hinterließ. Vielleicht kann man den Verlust eines geliebten Menschen ganz gut damit vergleichen. Mom schrieb, während sie lebte, prägte unser aller Sein mit jedem Wort und jeder Tat – und nun wurde ihre Seite vom Tod herausgerissen. Wie ein Fehler einfach korrigiert.
Heute Morgen ist sie gestorben. Als ich meine Kreuze auf das gelbliche Papier des Aufnahmetests für die University of Colorado gesetzt habe, setzte der Krebs ein Kreuz bei ihr. Um acht Uhr morgens, wo andere einen neuen Tag damit beginnen, Mutter zu sein, hat sie damit aufgehört.
Meine Finger umschließen das Smartphone in meiner Hand fester, ich klammere mich daran, als wäre es der Hoffnungsschimmer, nach dem ich gesucht habe. Die Worte meines Vaters drücken auf mein Herz wie eine Müllpresse. Hoch, runter. Hoch, runter. Bis es irgendwann hoffentlich so winzig ist, dass der Schmerz mitschrumpft.
Mein Vater musste den Satz nicht beenden, seine tränenerstickte Stimme hat mir bereits verraten, wie er enden würde: … .
Dad fragte mich gleich nachdem er sich wieder gefangen hatte, wie es mir gehe, und ich fragte mich währenddessen, wie ich mich jemals von einem Menschen verabschieden sollte, der mich zu der Person gemacht hat, die ich heute bin.
Mein Blick ist auf die vorbeiziehende Landschaft geheftet und ich spüre, wie meine Augen in der Geschwindigkeit des Zuges, in dem ich stehe, den orange-goldenen Blättern draußen zu folgen versuchen.
Drei Jahre, 1095 Tage, hat der verfluchte Krebs gebraucht, um einen der stärksten Menschen, den ich kenne, in die Knie zu zwingen. 1095 Tage hören sich für viele an wie eine Ewigkeit, aber für mich ist es die kürzeste Ewigkeit, die es je gab. Drei Jahre voller Tränen, Ängste und unbeschreiblicher Liebe – einfach vorbei. Übrig bleibt mein Müllpressenherz. Ich würde lügen, wenn ich behauptete, ich wäre nicht darauf vorbereitet gewesen … hätte den Sieg des Multiplen Myeloms nicht kommen sehen.
Die Ärztinnen und Ärzte haben uns nie Hoffnung auf Heilung gemacht. Dieser Krebs war ein Todesurteil, das früher oder später gefallen wäre. Es ging nie darum, Moms Leben zu retten, sondern mehr darum, den Tod hinauszuzögern. Und dennoch ist die Diagnose damals über mein achtzehnjähriges Ich hereingebrochen wie ein Tsunami.
Ich stand kurz vor meinem Highschool-Diplom, konnte das feste Papier, auf dem mein Zeugnis gedruckt werden würde, bereits zwischen meinen Fingern spüren. Auch die lauen Sommerabende an den Stränden von Kalifornien oder die heißen australischen Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Ich wollte nach dem Abschluss die großen und kleinen Winkel der Welt entdecken, auf das Jeder-kennt-jeden-Leben in meinem Heimatstädtchen Brentwood zurückschauen – mit der Frage, was das Leben noch für mich bereithalten würde.
Für diese Bilder im Kopf hatte ich hart gearbeitet, hatte jeden einzelnen Dollar, den ich bei Marjorie im Tante-Emma-Laden die Straße runter verdienen konnte, in ein albernes Einmachglas geworfen. klebt heute noch darauf.
Moms Diagnose hat die Träume eines naiven Teenagers zu Staub zermahlen. Anstatt der glühenden Sonne und des salzigen Geschmacks des Meeres lernte ich nach meinem Schulabschluss das Innere von Krankenhäusern kennen. Laborergebnisse. Notaufnahme. Chemotherapie. Die restliche Zeit, die nicht der Krebs gefressen hatte, arbeitete ich weiterhin bei Marjorie im Laden. Ich habe bei ihr angefangen, als ich sechzehn war, um meine Schülerinnenkasse ein bisschen aufzubessern. Nach dem Schulabschluss bin ich dann noch weitere drei Jahre bei ihr hängen geblieben. Ich habe dort zwar kein großes Geld gemacht, aber die Arbeit hat mir ein kleines Stück Normalität verschafft.
Der Prozess, in dem ich langsam anfing zu zerbrechen, war genauso schleichend wie der Krebs. Die Krankheit bedeutete für meine ältere Schwester Charlie und mich nicht nur, uns mit dem drohenden Tod unserer Mutter abzufinden, es hieß gleichzeitig, dass es an der Zeit war, ein Stückchen unserer Jugend und Leichtigkeit abzugeben.
Mom und Dad bemühten sich, uns trotz der ganzen Umstände ein halbwegs normales Leben zu ermöglichen, indem sie schlechte Neuigkeiten verschwiegen oder beschönigten. Sie wussten nichts davon, dass Charlie und ich uns nachts nicht in unsere Zimmer schlichen, um gemeinsam Angst vor der Ungewissheit zu haben. Normalität – wie absurd mir dieser Begriff plötzlich erscheint.
Ich stehe im Gang dieses maßlos überfüllten Zuges und versuche krampfhaft meine Tränen zu unterdrücken. Gleichzeitig will ich einfach nur schreien und nie wieder einen Laut von mir geben. Ich beiße mir fest auf die Unterlippe, als mir ein leises Lachen entwischt. Menschen sind immer der Meinung, dass es nur Art gibt, um mit Verlust umzugehen. Sie erwarten die hässliche Art. Die schreiende. Trauer hat jedoch so viele Facetten. Manche trauern leise für sich, andere wiederum lachen laut. Nicht weil sie glücklich sind, sondern weil sie zu viel auf einmal fühlen. Vielleicht ist das Lachen eine Kurzschlussreaktion? Ein Schutzmechanismus oder eine Wundsalbe, die die Risse eines Herzens klebt.
Ich schlage mir die Hand vor den Mund und merke, wie die Sicht vor mir langsam verschwimmt. Ein Weichzeichner legt sich über das Herbstbild. Mit den bunten Blättern dort draußen fallen auch meine ersten Tränen hier drinnen.
»Guten Tag! Den Fahrschein, bitte.«
Eine rauchige Stimme reißt mich ruckartig aus meiner Trance und ich drehe mich zu einem älteren Mann in Uniform um. Er legt fragend seine Stirn in Falten.
»Ist alles in Ordnung?«
Seine Stimme ist sanft und erinnert mich an die meines Vaters. Seine weißen Augenbrauen ziehen sich besorgt zusammen und er neigt den Kopf leicht nach rechts. Die Hitze kriecht meinen Körper hinauf und legt sich auf meine Wangen. Himmel, ist das unangenehm!
Ich nicke hastig und fange an, in meiner kleinen braunen Lederhandtasche nach der Fahrkarte zu wühlen. Meine Fingerspitzen zittern so sehr, dass ich kaum den Reißverschluss aufbekomme.
»Warten Sie! Vergessen wir es einfach, in Ordnung? Ich bin mir sicher, dass Sie eine Fahrkarte haben.«
Ich stoppe den Versuch, meine Tasche aufzubekommen, und starre ihn verwundert an.
»Ich weiß zwar nicht, was Sie gerade durchmachen, aber ich hoffe, dass es bald vorbei sein wird. Haben Sie noch einen schönen Tag.« Er schenkt mir ein warmes, aufmunterndes Lächeln und setzt zum Gehen an.
»In diesem Abteil sind noch einige Sitzplätze frei. Es ist zwar die erste Klasse, aber da ich Ihr Ticket nicht gesehen habe, weiß ich ja nicht, was daraufsteht.« Mit einem letzten verschwörerischen Grinsen lässt er mich stehen und verschwindet im nächsten Abteil.
Mein Blick folgt ihm, bis er aus meinem Sichtfeld tritt, und bleibt ein paar Sekunden länger an dem Platz haften, an dem ich ihn eben noch gesehen habe. Mein Herz zieht sich krampfartig zusammen. Die Luft scheint mir plötzlich zu dickflüssig und zäh, um sie einzuatmen. Ich lache, während mir der salzige Geschmack meiner Tränen wie eine bittere Decke auf der Zunge liegt.
Diese kleine freundliche Geste ist der Hammer, der meine Mauer aus zurückgedrängten Emotionen mit einem Ruck splittern lässt. Ich lege meinen Kopf in den Nacken und atme tief ein und aus, in der Hoffnung, meine Gefühle, die alle gleichzeitig gefühlt werden wollen, zu beruhigen. In diesem Moment wünsche ich mir nichts sehnlicher als eine feste Umarmung meiner Mom. Ihre Umarmungen gehörten zu denen, die sich wie ein Schutzschild um einen legten. Sie fühlten sich an, als würde man wie von selbst damit aufhören zu zerfallen.
Ich ziehe mir den Ärmel meines schwarzen Hoodies über meine Hände, wische mir über meine brennenden Wangen und straffe meine Schultern.
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Das Abteil, von dem der Kontrolleur vorhin gesprochen hat, ist tatsächlich fast leer bis auf eine alte Dame, die mit ihrer Nase tief in ihrem Buch versunken zu sein scheint, und einer jungen Frau, die gedankenverloren aus dem Fenster sieht. Ich...




