Livingstone | Die Frauen der Rothschilds | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 555 Seiten

Reihe: Quadriga

Livingstone Die Frauen der Rothschilds

Das unterschätzte Geschlecht der mächtigsten Dynastie der Welt
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-1858-5
Verlag: Quadriga
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Das unterschätzte Geschlecht der mächtigsten Dynastie der Welt

E-Book, Deutsch, 555 Seiten

Reihe: Quadriga

ISBN: 978-3-7517-1858-5
Verlag: Quadriga
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ihre Dinnerpartys waren legendär, sie haben Wahlkämpfe choreographiert, sich für soziale Reformen eingesetzt, an der Börse gehandelt und wissenschaftlich geforscht. Hinter den Kulissen hielten sie die Fäden in der Hand, aber in Erscheinung traten immer nur ihre Männer: die Frauen der mächtigen Rothschilds. Die Biographien dieser charismatischen Personen lässt die Historikerin Natalie Livingstone nun in ihrem Buch wieder aufleben. Beginnend mit Gutle Rotschild, der Mutter der Dynastie, beschreibt sie die faszinierenden Lebensgeschichten der bislang unterschätzen Seite der Familie. Entstanden ist nicht nur eine Würdigung, sondern ein völlig neuer Blick auf 200 Jahre europäischer Geschichte.



Natalie Livingstone ist in London geboren und aufgewachsen. Sie schloss 1998 mit einem erstklassigen Abschluss in Geschichte am Christ's College in Cambridge ab. Ihre Karriere als Feuilletonistin begann sie beim Daily Express. Heute schreibt sie für verschiedene Magazine, u. a. für US Vogue, Elle und The Times. Als Romanautorin hat sie sich in England bereits einen Namen gemacht. Natalie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in London.
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Einführung


Rothschild. Ein Name, der Bilder von Reichtum und Macht heraufbeschwört. Ein dynastischer Faden, der große Häuser und goldene Lebensart miteinander verbindet. Eine Bank, deren Unterstützung Monarchen und Staatsmänner auf der ganzen Welt suchten. Eine Bank, deren Entscheidungen Märkte bewegen konnten und deren Berühmtheit zwei Jahrhunderte voller historischer Veränderungen überdauerte. Der schnelle und dramatische Aufstieg der Rothschilds aus der beengten Welt des Frankfurter Ghettos in die Hauptstädte Europas ist sowohl das Thema zahlreicher Bücher als auch unzähliger Verschwörungstheorien. Es gibt nur wenige Studien über das moderne Judentum, die Finanzwirtschaft des 19. Jahrhunderts oder die Gründung des Staates Israel, in denen die Rothschilds nicht vorkommen. Die Dynastie ist so tief in die europäische Geschichte verwoben, dass man die Rothschilds schon als »die erste Europäische Wirtschaftsgemeinschaft« bezeichnet hat, und die moderne jüdische Geschichte ist derart mit der des Hauses Rothschild verbunden, dass man sie die »First Family des Judentums« nennt oder sogar »die königlich-jüdische Familie«. Aber was auf den ersten Blick als eine der am besten dokumentierten, wohlbekanntesten und durch und durch mythologisierten Dynastien erscheint, ist in Wahrheit nichts dergleichen. Denn die Hälfte der Rothschilds, nämlich die Frauen, ist fast unbekannt.

Nahezu alles über die Rothschilds – all die Bücher und Artikel, die Kolumnen, Mythen, Filme und Theaterstücke – drehen sich ausschließlich um die Männer der Familie. Mayer Amschel Rothschild wird stets als der »Gründervater« beschrieben, als habe die Dynastie ihren Ursprung nur in ihm allein. Und während seine und die Söhne seiner Frau Gutle, insgesamt fünf an der Zahl, weltberühmt sind, kennen nur wenige auch nur eine einzige ihrer fünf Töchter. Selbst Bücher, die behaupten, die Familie als Ganzes zu behandeln, beschäftigen sich tatsächlich nur mit den Männern. Count Cortis The Rise and Reign of the House of Rothschild besteht aus zwei Bänden und 34.140 Zeilen Text, von denen sich jedoch 34.000 allein auf die Männer konzentrieren11. Selbst Niall Fergusons »Die Geschichte der Rothschilds«, ein neueres Werk, das auch die Archive der Frauen als Quellen heranzieht, enthält mehr als fünfmal so viele Referenzen zu den Männern der Familie wie zu den Frauen.2

Die Wurzel dieser Ausgrenzung ist klar: Die Finanzwelt des 19. Jahrhunderts, in der die Familie zu Berühmtheit gelangte, war eine männliche. Aber die Rothschilds waren nie nur eine Bankiersfamilie. Zwar gründete ihr Einfluss stets auf ihren Bankgeschäften, doch er reichte weit darüber hinaus, in Literatur, Bildung, Sport, Naturwissenschaften, Gartenbau, Musik und Politik. Und dass die Frauen der Familie genau diesen Beschäftigungen nachgegangen sind, wird einem bei einem Blick in die historischen Aufzeichnungen sofort klar: Ihre Namen erscheinen in zeitgenössischen Zeitungsartikeln, Memoiren und Abonnentenlisten, Abbildungen von ihnen finden sich in Karikaturen, auf Fotos und auf Familienporträts. Aber sie bleiben stumm, ihre Geschichten unerzählt. Werke, die sich ausschließlich mit den Frauen der Familie Rothschild beschäftigen, beschränken sich auf eine Handvoll Essays und ein paar Einzelbiografien. Die meisten davon sind von weiblichen Nachfahren der Familie geschrieben, die sich darüber wundern, warum ihre Vorfahren gleichen Geschlechts in den historischen Aufzeichnungen nicht auftauchen.

Vor ein paar Jahren bin ich auf eines dieser Werke gestoßen: Rothschild Women von Miriam Rothschild, ein Essay in einem Katalog zu einer Ausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt3. Das Leben der Autorin, die 2005 verstorben ist, war an sich schon ein überraschender Hinweis darauf, dass die Frauen der Rothschilds bisher sträflich vernachlässigt worden sind. So fand ich heraus, dass Miriam eine typische Universalgelehrte des 20. Jahrhunderts war: eine brillante Zoologin, die unter anderem in Bletchley Park gearbeitet hat, und eine Pionierin der Umweltbewegung. Sie hat sowohl zu Schizophrenie geforscht als auch zu Gartenbauthemen, saß als erste Frau im Aufsichtsrat des Naturhistorischen Museums London und war als »Königin der Flöhe« bekannt, da sie sich wie kaum jemand sonst mit den flügellosen Insekten auskannte. »Es ist vollkommen unmöglich, sich auf ein Treffen mit Miriam Rothschild vorzubereiten«, schrieb ein Journalist. »Stellen Sie sich Beatrix Potter auf Speed vor. Das kommt dem schon recht nahe.«4 Dank Miriams Essay begann ich, immer mehr über eine ganze Linie von Rothschild-Frauen zu lernen, jede einzigartig in ihren Talenten, ihrem Charakter und in dem, was sie getan und geleistet hat. Nur eines hatten sie alle gemeinsam: die Prägung durch ihre außergewöhnliche Familie.

Miriam begann ihren Essay mit einem Zitat der Literaturkritikerin und Spezialistin für jüdische Geschichte Naomi Shepherd: »In der gesamten historischen Literatur, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts produziert worden ist, sind Frauen nur eine Fußnote in der Geschichte des jüdischen Überlebens.« Und nirgends, so erkannte ich, war das stärker ausgeprägt als in der Geschichte der Rothschild-Frauen. Inspiriert von Miriams Essay begann ich daraufhin mit meinen eigenen Studien zu diesen äußerst faszinierenden »Fußnoten«. Die Geschichte der Frauen der Familie Rothschild beginnt mit einem Ausschluss. Mayer Amschel Rothschild, der Gründer der Bankiersdynastie, verbot seinen weiblichen Nachfahren und den Ehefrauen der männlichen in seinem Testament ausdrücklich, je Anteile am Vermögen der Bank zu halten oder gar in die Entscheidungsprozesse einzugreifen. Deshalb hatte ich auch nicht erwartet, dass die Geschichte der Rothschild-Frauen ein Spiegelbild der männlichen sein würde; aber wie unterschiedlich sie wirklich war, das hat mich dann doch überrascht.

Je mehr ich recherchierte, desto mehr staunte ich über all die Leben, die in vorhergehenden Werken übersehen worden waren, wie auch über die komplizierten Muster aus Einflüssen und Reaktionen, die diese Biografien zusammenhielten. Am Anfang von alledem steht die Mutter des Geschäfts, Gutle, die ihren Mann über die Mitgift mit dem nötigen Grundkapital versorgt hat, und während sie sich um den Familienhaushalt kümmerte, hat sie auch noch eine wichtige Rolle in den frühen Jahren der Bank gespielt. In der darauffolgenden Generation, als das Unternehmen der Rothschilds rapide wuchs, schufen zwei Persönlichkeiten – eine eingeheiratet und eine in die Familie geboren – äußerst unterschiedliche Modelle für die Frauen der Rothschilds im 19. Jahrhundert. Hannah Rothschild (geb. Cohen) wurde im Privaten zur unersetzlichen Ratgeberin des Gründers des englischen Zweigs der Familie, während sie gleichzeitig das öffentliche Bild der Rothschilds formte. Zur selben Zeit schuf Henriette Rothschild, ihre Schwägerin, ein kühneres Modell dessen, was eine Rothschild-Frau sein sollte. Nachdem sie sich den Versuchen ihres Bruders erfolgreich widersetzt hatte, sie an einen »unpassenden« Mann zu verheiraten, zog Henriette nach London und ehelichte einen Mann, den die meisten ihrer Verwandten nie kennengelernt hatten. Dann half sie ihm, sein eigenes Geschäft zu gründen, das in direkter Konkurrenz zu dem ihrer Familie stand. Später, während ihrer langen Witwenschaft, erlangte sie auch persönliche Berühmtheit ob ihrer Dinnerpartys in Mayfair und ihres »großen Fundus an gewagtem, altem jüdischen Humor«.

Die dritte Generation der Rothschild-Frauen, die erste, die in ungeheurem Wohlstand geboren wurde, baute auf die Möglichkeiten auf, die ihre Mütter und Tanten geschaffen hatten, aber sie unterwanderte sie auch. So sorgte Hannah Mayer Rothschild für einen Skandal, als sie einen Christen heiratete und dem Judentum abschwor. Louisa de Rothschild wiederum ging ganz und gar im Studium der Literatur und Religion auf, und Charlotte von Rothschild sollte in die öffentliche Rolle schlüpfen, die Hannah begründet hatte. Es dauerte auch nicht lange, bis Charlotte die einflussreichste Gastgeberin im viktorianischen London geworden war. Ende des 19. Jahrhunderts sollte dann eine vierte Generation von Rothschild-Frauen einer noch größeren Zahl von unterschiedlichen Beschäftigungen nachgehen. Sie stellten die Familienregel auf die Probe und brachen sie manchmal auch, während sie in Kunst und Politik neue Rollen für sich suchten. Die einflussreiche Grosvenor Gallery, ein Zentrum für viktorianische Maler, die von der konservativen Royal Academy of Arts ausgeschlossen waren, wurde von einer Tochter der Familie Rothschild mitbegründet: Blanche Lindsay. Unter dem Titel Lady Rosebery entwickelte die Frau, die als Hannah Rothschild geboren worden war, einen beachtlichen politischen Einfluss. Sie verwandelte ihr Heim ins »gesellschaftliche Hauptquartier des Liberalismus« und brachte ihren Mann auf den Pfad zum Amt des Premierministers. Constance Rothschild wiederum war so entsetzt ob der sozialen Probleme im spätviktorianischen London, dass sie sich voll und ganz sozialen Reformen widmete. Auch war sie eine der treibenden Kräfte in der Frauenbewegung Ende des 19. Jahrhunderts. Emma, Lady Rothschild, hingegen hielt sich weitgehend im Hintergrund und nahm unter großen Opfern die traditionelle Rolle einer Rothschild-Matriarchin an, um die Familie durch all die Umwälzungen und Turbulenzen im Großbritannien des Fin de Siècle zu führen.

Die Geschichte der Familie zu Anfang des 20. Jahrhunderts wurde von zwei Frauen beherrscht, die in die Familie Rothschild eingeheiratet hatten: Rózsika, geb. Wertheimstein, war eine verwegene ungarische Intellektuelle mit einer...



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