Lloyd | Im Club der Trauernden | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Lloyd Im Club der Trauernden

Gespräche über das schlimmste Gefühl der Welt und die Freude, die wiederkommt
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-641-26572-4
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Gespräche über das schlimmste Gefühl der Welt und die Freude, die wiederkommt

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-641-26572-4
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Einen geliebten Menschen zu verlieren, reißt immer ein Loch in unser Leben. Es passiert uns allen, und doch ist das Gefühl überwältigend, ganz allein mit der Trauer zu sein. Cariad Lloyd weiß das aus eigener Erfahrung, im Alter von 15 Jahren verlor sie ihren Vater. Und spürt den Schmerz bis heute. Um nicht allein mit der Trauer zu bleiben und sie zu bewältigen, begann sie mit Menschen zu sprechen, Prominenten und Forschern, Freunden und Bekannten. Aus den Gesprächen hat sie gelernt: »Du bist nicht allein.« Nun heißt sie uns alle im ›Club der Trauernden‹ willkommen und zeigt, dass Humor und Lebensfreude, Zuversicht und die Erinnerung uns durch die Trauer tragen können. Ein bewegendes, ermutigendes Buch, das uns lächelnd an unsere verstorbenen Lieben denken lässt und Trauer aus der Tabuzone holt.

Cariad Lloyd ist eine englische Comedian und Autorin. Für ihren Podcast »Griefcast« wurde sie mit dem Britschen Podcast Award ausgezeichnet – unter anderem als unterhaltsamster Podcast. Dass Trauer nicht traurig und einsam sein muss, zeigt sie am Mikrofon, auf der Bühne und in ihrem Buch.
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Weitere Infos & Material


Kapitel 1:
Das Ende (der linearen Erzählung)
Wie soll sich Trauer anfühlen?


Du bist hier. Du betrittst den ersten Raum des Clubs mit deinem wütenden Trauerchaos* (*ein sich ständig bewegendes Geschlängel, wie ein Kampf in einem Cartoon, wobei Arme und Beine aus einer Wolke von Emotionen fliegen). Du betrittst diese neue Welt, und sie sind weg. Du bist allein … trägst nur deinen Kummer und, was dir vielleicht nicht bewusst ist, deine Erwartungen mit dir. Denn ob du dir dessen bewusst bist oder nicht, hattest du bereits vorgefasste Vorstellungen davon, wie Trauer aussehen und sich anfühlen sollte. Ideen, von denen wir kaum bemerken, dass wir sie in uns aufnehmen. Und jetzt bist du da, mit deinen schlimmsten Ängsten, die sich bewahrheitet haben, und mit deiner Trauer, die sich um dich herum ausbreitet.

Es wird eine lange Reise werden. Wir wollen dieses Chaos nicht beheben oder loswerden, sondern lernen, damit umzugehen. Aber wie können wir lernen, es mit Leichtigkeit zu ertragen? Wird es einen Tag geben, an dem es sich nicht mehr so schwer, so hart, so schmerzhaft anfühlen wird?7

Um den Prozess in Gang zu setzen, der dich in die Lage versetzt, dein Trauerchaos leichter zu ertragen, müssen wir unsere derzeitigen Vorstellungen von Trauer genauer anschauen. Zunächst kann es hilfreich sein, unsere Schuldgefühle zu untersuchen. Vielleicht bist du hier, weil du denkst, dass du bisher etwas »falsch« gemacht hast, was deine Trauer betrifft. Vielleicht prüfst du dein Verhalten vor und nach dem Todesfall und empfindest es beunruhigend merkwürdig, zu emotional, nicht emotional genug. Ich möchte nun nachhaken, woher diese Vorstellung von »guter Trauer« kommt. Was hat man dir als den richtigen Weg zu trauern beschrieben? Welche vorgefasste Meinung hast du darüber, wie dieser Prozess aussehen sollte? Lass uns am Anfang beginnen … Wo die Trauer begann.

Das ist natürlich Quatsch. Denn die Trauer hat nicht »begonnen«, sie war schon immer in uns. Leben heißt auch sterben. Die Bestattung der Gestorbenen ist eine der ältesten menschlichen Traditionen, und vermutlich entspringt sie dem Bedürfnis, dem Tod ein Ritual zu geben (und wohl auch, um die Ausbreitung der Krankheit zu verhindern, an der Ug, der Höhlenmensch, gestorben ist). Der Tod ist so alt wie die Zeit – und Trauer ist wie eine Katze, eine der uralten, von denen du dachtest, sie wäre längst gestorben, die aber immer noch in der Ecke sitzt und einen Haarball zerfleddert. Ich erzähle immer noch Quatsch, aber der Punkt ist derselbe: Man kann einfach nicht leben, ohne zu sterben; du kannst nicht leben, ohne dass die Trauer schließlich auch dich findet.

Für manche von uns beginnt die Vorstellung davon, wie sich Trauer anfühlen sollte, mit einem Buch von Elisabeth Kübler-Ross aus dem Jahr 1969, (deutsch 1971, ). Vielleicht kennst du kein Wort daraus, aber was du vermutlich kennst, ist die Theorie, die dieses Buch in die Welt gesetzt hat: das »Fünf-Phasen-Modell der Trauer«. Diese Theorie hat ein kulturelles Gewicht, das so schwer wiegt wie die Beatles oder der – sie sind in unserer heutigen Psyche verankert. Also auch wenn du die nicht gelesen hast, wirst du dir der zentralen Prämisse bewusst sein, der Vorstellung, dass die Trauer aus fünf Phasen besteht und dass diese Phasen dich durch den Schmerz dahin bringen, dass du deine Situation akzeptierst. Vielleicht hast du nicht mehr an diese Theorie gedacht, bis du dich selbst in der Trauer wiederfandest und nach einer Antwort suchtest, um ihr ein Ende zu setzen.

Du bist nicht der/die Einzige, der/die darauf hofft, dass die Trauer aufhört. Es ist nicht falsch, so zu denken. Du bist nicht töricht, weil du dir vorgestellt hast, dass es einen Weg gibt, der sinnvoll ist. Jahrelang hat man uns das gesagt, immer und immer wieder. Auch heute noch begegnen Menschen zum ersten Mal der Trauer, und man vermittelt ihnen die Vorstellung, dass sie »das Ende« erreichen, wenn sie einem ganz bestimmten Weg folgen – sich nämlich mit Erfolg durch die fünf Phasen durcharbeiten.

DAS IST NICHT WAHR.

ES IST EINE LÜGE.

WILLKOMMEN IN DER NEUEN WELT.

ES IST TRAURIG UND SCHMERZHAFT, ABER WENN MAN AUFHÖRT, NACH EINEM ENDE ZU SUCHEN, IST ES VIEL EINFACHER.

ICH SCHREIE GAR NICHT. OKAY, DOCH, EIN BISSCHEN. TUT MIR LEID.

– Noch mal einen Schritt zurück.

Ich möchte mich klar ausdrücken, weil die Menschen immer noch glauben, dass die fünf Phasen real sind. Sie werden immer noch als ein wirksamer Weg der Trauerbewältigung angeboten, und ich glaube ganz entschieden nicht,8 dass sie das sind.

Nun bin ich keine Trauerexpertin, keine Psychologin, keine Psychotherapeutin, keine Beraterin und nicht einmal eine gute Schwimmerin. Bevor ich also die berühmteste Trauertheorie ohne jede entsprechende Qualifikation auseinandernehme (abgesehen von meinen 57 Trauerpunkten – die sollten wir nicht vergessen), möchte ich erklären, warum es mich so verdammt wütend macht, dass die fünf Phasen (ironischerweise) auch heute noch »am Leben« sind. Denn vielleicht hast du bemerkt, dass ich ein wütend auf das Fünf-Phasen-Modell bin, und ein großer Teil dieser Wut rührt daher, wie mich vor Jahren wegen dieser Theorie gefühlt habe.

Bevor mein Vater starb, bevor ich dem Club beitrat, hatte ich bereits von den »Fünf Phasen der Trauer« gehört. Ich kannte sie, hatte dieses Modell unbewusst aufgenommen, und es lag da, bereit, hervorgezogen zu werden, wenn es gebraucht wurde. Ich wusste einigermaßen, dass es um Verleugnung, Wut und einige andere Dinge ging. Es war eine Liste von Gefühlen, die man durchmachen würde, wenn man einen Todesfall erlebte. Das wäre sehr traurig, aber am Ende würde man sich besser fühlen – man wäre damit durch. Ich habe das nirgendwo gelesen, ich wusste es einfach. (So wie ich wusste, dass Menschen, die an Krebs erkrankten, etwas blass aussehen, weise Dinge von sich geben und dann friedlich sterben, indem sie ihre Augen schließen.) Ich hörte, wie die Leute von den Trauerstadien sprachen, wenn jemand gestorben war. Ich sah es in Filmen, in Fernsehsendungen und wusste genau, dass es nach dem Tod einen Prozess gab, eine schöne gerade Linie, der man folgen konnte – eine Folge von Gefühlen, die man abhakt, und ein Ziel, auf das man zustrebt. Gut zu wissen. Es ist gar nicht soo schlimm.

Wenn also jemand nach einem Todesfall immer noch traurig war, hatte er/sie die Phasen vielleicht nicht richtig durchgearbeitet? Hatte er/sie die Anleitung nicht aufmerksam genug gelesen und es nicht richtig gemacht? Scheint so, als hätte er/sie es sich ausgesucht, immer noch traurig zu sein. Vielleicht hatte er/sie sich nicht genug angestrengt, um durch die Phasen zu kommen? Vielleicht wollte er/sie nicht wirklich glücklich sein? Alles völlig vernünftige Annahmen, wenn man glaubt, dass das Fünf-Phasen-Modell der Wahrheit entspricht.

1998. MEIN VATER STIRBT.

Die Trauer beginnt, plötzlich, gewaltsam, grausam. Meine Welt wird auf den Kopf gestellt, in einer Waschmaschine gedreht, herumgeschleudert und durchgestampft. Ich stehe unter Schock. Ich bin wütend. Auch bin ich todunglücklich und … dann fühle ich wieder nichts, oder besser gesagt, ich fühle zu viele Dinge: einen Ansturm von tausend Gefühlen, die so laut und so heftig sind, dass ich sie unmöglich einzeln auseinanderhalten kann. Ich weiß nur, dass ich FÜHLE. Ich weiß nicht genau, was, aber es sind auf jeden Fall Gefühle – und ganz gewiss keine lustigen. Es ist so verdammt schrecklich. Ich bin fünfzehn, also habe ich noch nie einen Schock oder ein Trauma in diesem Ausmaß erlebt. Ich war noch nie wirklich deprimiert oder so traurig (das ist mir jetzt klar). Ich weiß, dass ich mich schlecht fühle. Ich weiß, dass das nicht schön ist. Ich weiß, dass ich nicht glücklich bin.

Ich suche nach einer Roadmap. Die magische Karte der fünf Phasen, die mich aus diesen GEFÜHLEN herausbringt. Ich suche nach etwas, was alles verlangsamt, was mich einzelne Emotionen isolieren lässt, damit ich überhaupt weiß, was ich jetzt so intensiv fühle. Aber wenn ich versuche herauszufinden, in welche Richtung ich mich wenden soll, während ich immer mehr über die fünf Phasen lese, ergibt das für mich keinen Sinn. Ich habe die richtige Karte in der Hand, er ist definitiv tot. Ich kann meinen blauen Punkt sehen – da bin ich, umgeben von dem blassblauen Kreis der Trauer, aus dem es anscheinend keinen Ausweg gibt. Gibt es denn nicht einen Weg, der nicht aus Trauer besteht? Mein blauer Punkt scheint sich jedenfalls in die falsche Richtung zu bewegen – oder gelegentlich schwebt er herum, und manchmal ist er nicht da, wo ich dachte, dass er sei. Ich muss doch wohl etwas falsch machen. Ich glaube, ich sollte mich in einer bestimmten Phase befinden. Wo sind die denn? Ich sollte mich durcharbeiten, Vorspeise, Hauptgericht, dann Pudding. Ich will zum Pudding...


Lloyd, Cariad
Cariad Lloyd ist eine englische Comedian und Autorin. Für ihren Podcast »Griefcast« wurde sie mit dem Britschen Podcast Award ausgezeichnet – unter anderem als unterhaltsamster Podcast. Dass Trauer nicht traurig und einsam sein muss, zeigt sie am Mikrofon, auf der Bühne und in ihrem Buch.



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