Lob der Torheit | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 270 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

Lob der Torheit

Fischer Klassik PLUS
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-10-401241-4
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Fischer Klassik PLUS

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Reihe: Fischer Klassik Plus

ISBN: 978-3-10-401241-4
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Mit dem Werkbeitrag aus Kindlers Literatur Lexikon. Mit dem Autorenporträt aus dem Metzler Lexikon Weltliteratur. Mit Daten zu Leben und Werk, exklusiv verfasst von der Redaktion der Zeitschrift für Literatur TEXT + KRITIK. Das berühmteste Buch des Erasmus von Rotterdam ist ein Meisterwerk der Satire und Ironie. Im 16. Jahrhundert war es eines der einflussreichsten Pamphlete, das Humanismus und Reformation den Weg bereitete. Da sich aber hinter den historischen Masken der menschlichen Dummheit ewig wiederkehrende Gesichter verbergen, finden wir uns auch heute in ihnen wieder: als eitle Allesversteher etwa und Gefangene des Wohlstandskäfigs, nicht zuletzt aber auch als Narren unserer ganz privaten, ach so heiligen Gefühle.

Erasmus von Rotterdam wurde am 28. Oktober 1466 oder 1469 in Rotterdam geboren. Seine Schulausbildung erhielt er in Gouda und Deventer, um 1487 war er Augustinerchorherr in Steyn bei Gouda. 1492 zum Priester geweiht, war er 1493 Sekretär des Bischofs von Cambrai. Von 1495 bis 1505 studierte er in Paris Theologie, danach hielt er sich längere Zeit in England und Italien auf und ab 1514 in Basel. Den Zeitgenossen wie der Nachwelt gilt Erasmus, der am 11. oder 12. Juli 1536 in Basel starb, als der größte Humanist nördlich der Alpen.
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Lobrede welche die Narrheit sich selbst hält


Was die Sterblichen auch immer von mir schwatzen mögen (ich weiß es, meine Herren, ich weiß es, in welchem bösen Rufe die Narrheit auch bei den größten Narren steht), so bin doch ich es, ich, wie Sie mich hier vor sich stehen sehen, durch deren übermenschliche Kraft den Herzen der Götter und der Menschen die muntersten Freuden eingeflößt werden. Wollen Sie hierüber einen Beweis? Hier ist ein überzeugender:

Kaum war ich aufgetreten, um in dieser zahlreichen Versammlung eine Rede zu halten, so ward plötzlich jedes Antlitz mit einem neuen und ungewöhnlichen Schimmer der Fröhlichkeit übergoldet; plötzlich entfaltete sich jede Stirn; im hellsten liebenswürdigsten Lächeln wird mir von allen Orten der holdeste Beifall zugewinkt. Wo ich meinen Blick hinrichte, sehe ich Gesichter, die mich nicht anderst denken lassen, als jedermann habe sich bei dem Nektar, dem es die Homerischen Götter bei ihrem Gelache gewiß an dem Safte des die Traurigkeit verbannenden Ochsenzungenkrautes nicht fehlen lassen, in die beste Laune getrunken: und vorhin sah jeder so finster und grämlich aus, als ob er geradesweges aus einer Eremitenzelle zurückkomme. Wie wenn die Sonne am frühen Morgen ihr goldschönes Antlitz der Erde zuwendet; wie wenn nach dem rauhen Winter der neue Frühling mit seinem belebenden Hauche kömmt: jugendlich glänzt das Antlitz der ganzen Natur; Farbe, Anzug, alles hat sich verjüngt: also, meine Herren, hat sich auch auf ihren Angesichtern, sobald sie einen Blick auf mich gerichtet hatten, alles geändert. Große Redner! schwarze Sorgen wollt ihr aus den Herzen der Zuhörer verbannen; und wie betreibt ihrs? In einer viele Nächte hindurch abgezirkelten langweiligen Rede arbeitet ihr oft vergeblich daran. Schämet euch! Sehet, mit einem einzelnen Blicke hab ichs zu Stande gebracht!

Warum ich heute in einem so ungewöhnlichen Aufputze erscheine? Sie werden es sogleich vernehmen, meine Herren, wenn es ihnen nicht zu beschwerlich ist, mir ein geneigtes Ohr zu gönnen; aber bei Leibe ja nicht ein solches, das Sie den ehrwürdigen Kanzelrednern zuwenden, sondern ein solches, das Marktschreiern, Possenspielern und Lustigmachern immer offen steht; ein solches, wie ehedem unser Midas dem Pan ein stattliches Paar zuwendete.

Mich hat die Laune angewandelt, mich Ihnen für eine Weile als Sophistin zu weisen; nicht von der Art jener, die in unsern Zeiten der Schuljugend einige Armseligkeiten ängstlich einbläuen, und dabei lärmend ein mehr als weibisches Gekeif ergellen lassen. Ich werde jene Alten nachahmen, die sich, um dem mir so verhaßten Namen der Weisen klüglich auszuweichen, Sophisten nannten. Sie übernahmen es, das Lob der Götter und der Helden herauszustreichen. Man halte sich also in Bereitschaft, eine Lobrede anzuhören; nicht auf einen Herkules, einen Solon, sondern auf mich, d.i. auf die Narrheit.

Ich mache mir nicht das geringste daraus, wenn jene Weisen jeden, der sich selbst lobt, für einen Narren und Unverschämten ausschreien. Närrisch so viel sie wollen, wenn sie nur eingestehen, daß es dem Charakter angemessen sei. Und was könnte sich für die Narrheit besser schicken, als ihr Lob selbst auszuposaunen, und nach ihrer eigenen Pfeife zu tanzen? Wer wird mich natürlicher schildern, als ich es selbst tun kann? Wer steht in genauerer Bekanntschaft mit mir, als ich?

O ja, man wird mir eingestehen, daß ich mich noch bescheidener betrage, als der Haufe der Großen und Weisen, welche bei einer verkehrten Schamhaftigkeit, einen fuchsschwänzerischen Schwätzer, oder einen windichten Dichter mit barem Gelde dingen, um aus seinem Munde ihr eigenes Lob anhören zu können; das ist, eitele Lügen: und dann steht der Schamprahler da, wie der Pfau, der mit dem ausgebreiteten Schweife stolziert, den Kamm hochtragend. Der unverschämte Schmeichler vergleicht den Taugenichts mit den Göttern; er streicht ihn als das vollkommenste Tugendmuster heraus, und weiß doch, daß derselbe himmelweit davon entfernt sei; er verziert eine kleine Krähe mit fremden Federn; wascht einen Mohren; macht aus einer Mücke einen Elefanten. O ich, ich folge dem gemeinen Sprichworte: wenn niemand mich loben will, so lob ich mich selbst.

Verwundern muß ich mich über das Betragen der Sterblichen. Ists Undankbarkeit? ists Trägheit? Sie machen mir alle den Hof; meine Wohltätigkeit gegen sie erwecket in ihnen vieles Vergnügen: doch ist seit so vielen Jahrhunderten noch niemand aufgetreten, der aus Erkenntlichkeit das Lob der Narrheit feierlich angestimmt hätte; und doch schonte man die Herausstreichung eines Bustiris, eines Phalaris, des viertägigen Fiebers, eines Kahlkopfs, oder was dergleichen tolles Zeug mehr sein mag, weder der Nachtlampe, noch dem Schlafe.

Eine unausgearbeitete und im Stegreife gehaltene, deswegen aber um so viel natürlichere und die Wahrheit angemessener Rede werden Sie von mir hören. Bilden Sie sich ja nicht ein, ich sage dieses nach der Weise gemeiner Redner, um dadurch meinen Geistesfähigkeiten Bewunderung zu erkünsteln. Diese haben sich etwa bei Verfertigung einer Rede dreißig Jahre hindurch erschwitzt, wenn es ja nicht gar eine zusammengeborgte Ware ist: und doch behaupten sie mit einem tapfern Eidschwure, sie haben sie inner drei Tagen spielend zu Papier gebracht. Meine Sache aber ist es, alles gerade heraus zu sagen, wie es mir auf die Zunge springt.

Man erwarte nicht, daß ich mich, nach der Weise der Alletagsredner, bei einer kunstmäßigen Beschreibung meiner selbst, oder wohl gar bei einer kopfbrechenden Einteilung meines Gegenstandes, verweilen werde. Beides würde für mich sehr unschicklich sein. Wie! ich sollte mir selbst Schranken setzen, mir, deren Herrschaft sich über die ganze weite Welt erstreckt? Ich sollte da pedantisch trennen und teilen, wo alle Völker in ihrer Berechnung übereinstimmen? Wozu würde es dienen, ein wirkliches Schattenbild von mir hier aufzustellen, da man mich selbst mit Augen sehen kann? Ich mache Sie, meine Herren, zu Augenzeugen: bin ich nicht die echte Austeilerin alles Guten, die man in der ganzen Welt die Narrheit zu nennen gewohnt ist?

O ja, ich Närrin hätte dieses zu sagen nicht nötig gehabt. Aus meinem Antlitz läßt sichs sehen, auf meiner Stirn lesen, was ich im Schilde führe. Wenn mich jemand für die Minerva ausgeben wollte, für die Göttin der Weisheit, so würde er widerlegt sein, so bald man mir ins Angesicht sähe. In diesem, wenn ich auch den Mund nicht auftue, ist meine Gemütsart nach dem wahren Leben geschildert. Ich bediene mich keiner Schminke; wie ich von innen bin, zeig ich mich von außen; ich bin mir immer so gleich, daß man mich auch an denen nicht verkennen kann, die sich unter der Larve der Weisheit für hochweise Männer ausgeben; Affen, die im Purpurröckchen einher strotzen; Esel, die in einer Löwenhaut umher traben: wenn sie sich auch noch so listig verstellen, so verraten doch die hervorragenden Öhrchen ihren Midas.

In Wahrheit, das sind undankbare Geschöpfe: sie sind unstreitig unsre Zunftgenossen, und schämen sich doch öffentlich unsern Namen anzunehmen; ja sie schimpfen auf die, welche von sich ein ehrlicheres Bekenntnis ablegen. Da sie wirklich Erznarren sind; und doch für weiser als ein Thales wollen angesehen werden: können wir sie nicht mit allem Rechte Närrisch-Weise nennen? Es scheint, daß sie diesorts unsern heutigen Rednern nacheifern, die sich bald gar für Götter halten, wenn sie die Leute bereden können, daß sie, gleich den Blutsaugern, zweizüngig seien; sie sehen sich für Helden an, wenn sie eine lateinische Rede mit einigen griechischen Wörtern durchspicken, und also eine unschickliche Musikarbeit zu Markte bringen können. Und wenn es ihnen an ausländischen Wörtern fehlt, so scharren sie aus verschimmelten Schriften etliche veraltete Wörter hervor, mit denen sie dem Leser einen Dunst vor die Augen zaubern: dadurch setzen sie sich in die Gunst derer, die sich darauf verstehen; die übrigen werden um so viel tiefer in Verwunderung gesetzt, je unwissender sie sind. Auch dieses macht einen schönen Teil unsrer Wonne aus, daß wir uns durch das, so von weitem kommt, am meisten rühren lassen. Die, welchen es an Ehrfurcht nicht fehlt, lächeln ihren Beifall zu, und bewegen geheimnisvoll, gleich den Esel, die Ohren, damit man denke, sie seien mit der Sache tief bekannt: ja, sprachen sie scharfsinnig: die Sache verhält sich wirklich so, wie sie sich verhält. Ich lenke wieder ein.

Sie wissen also meinen Namen, Sie, meine Herren! Welchen Ehrentitel soll ich Ihnen beilegen? Das Wort Erznarren wird Ihnen wohl nicht zuwider sein; mit einem schicklichern weiß die Göttin der Narrheit ihre Verehrer, die mit ihren Geheimnissen vertraulich bekannt sind, nicht zu bezeichnen. Weil aber meine Abkunft eben nicht vielen bewußt sein wird, so will ich solches unter dem guten Beistande der Musen zu eröffnen trachten.

Nicht Chaos, Orkus, Saturn, Jupiter war mein Vater, noch irgend einer der veralteten und ausgedienten hausgrunzerischen Göttergreisen: Plutus hieß er; dieser, und dieser allein (trotz dem Hesiodus, dem Homerus, und dem Jupiter selbst) war der Vater der Menschen und Götter; Plutus, auf dessen Wink auch jetzt noch, wie vor Zeiten, alles, was heilig und unheilig ist, unter einander gemengt wird. Krieg, Friede, Reiche, Ratsversammlungen, Gerichtsplätze, Landtage, Ehen, Bündnisse, Verträge, Gesetze, Künste, das Scherzhafte; das Ernsthafte (o an Atem gebrichts mir!), kurz alle öffentlichen und besonderen Angelegenheiten der Sterblichen, richten sich nach seiner Willkür. Ohne sein Zutun würde das ganze poetische Göttervolk (ich will freier von der Brust weg reden), würden selbst die Götter der ersten Klasse entweder gar nicht sein, oder doch gewiß am häuslichen Tisch ihr Leben sehr sparsam...


Erasmus von RotterdamErasmus von Rotterdam wurde am 28. Oktober 1466 oder 1469 in Rotterdam geboren. Seine Schulausbildung erhielt er in Gouda und Deventer, um 1487 war er Augustinerchorherr in Steyn bei Gouda. 1492 zum Priester geweiht, war er 1493 Sekretär des Bischofs von Cambrai. Von 1495 bis 1505 studierte er in Paris Theologie, danach hielt er sich längere Zeit in England und Italien auf und ab 1514 in Basel. Den Zeitgenossen wie der Nachwelt gilt Erasmus, der am 11. oder 12. Juli 1536 in Basel starb, als der größte Humanist nördlich der Alpen.



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