Lobe | Mach das Internet aus, ich muss telefonieren | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 6480, 193 Seiten

Reihe: Beck Paperback

Lobe Mach das Internet aus, ich muss telefonieren

Kuriose Geschichten aus der digitalen Steinzeit
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-406-79117-8
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kuriose Geschichten aus der digitalen Steinzeit

E-Book, Deutsch, Band 6480, 193 Seiten

Reihe: Beck Paperback

ISBN: 978-3-406-79117-8
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Deutschland, in einer anderen Zeit. Homeoffice hieß Teleheimarbeit, Fernsehonkel Manfred Krug warb für die T-Aktie, und in den Wohnstuben der Republik stand eine pralinenschachtelgroße Box, die das Tor zur neuen Welt öffnete: das Modem. Das Internet war teurer als die Sexhotline und nicht mehr als ein aufgemotzter Bildschirmtext, aber für Digital Natives war es auch eine Verheißung. Man konnte surfen, ohne durch heftige Shitstorms segeln zu müssen. Nachrichten ungelesen im Postfach lassen, ohne gleich für tot erklärt zu werden. Und Webseiten besuchen, ohne dabei verfolgt zu werden. Adrian Lobe kehrt in seinem Buch in die digitale Steinzeit der 90er und frühen Nullerjahre zurück. Sein Mix aus Technikgeschichte, Generationenporträt und BRD-Gesellschaftssatire ist ein großer Lesespaß!

Adrian Lobe Lobe ist Politikwissenschaftler und Journalist. Den Umgang mit digitalen Technologien lernte er bei seinem Vater, der Informatiklehrer ist. 2016 wurde er für seine Artikel über Datenschutz und Überwachung mit dem Preis des Forschungsnetzwerks Surveillance Studies ausgezeichnet. Für seinen Artikel "Wir haben sehr wohl etwas zu verbergen!" bei ZEIT ONLINE erhielt er 2017 den ersten Journalistenpreis der Stiftung Datenschutz, 2020 den UMSICHT-Wissenschaftspreis in der Kategorie Journalismus. Bei C.H.Beck erschien von ihm zuletzt "Speichern und Strafen. Die Gesellschaft im Datengefängnis" (2019).
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Autoren/Hrsg.


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1. Start me up


Deutschland, in den 90ern. Über die Bonner Republik hatte sich ein Mehltau gelegt, alles wirkte bräsig, behäbig, biedermeierlich. Die Rente war sicher, die Lohntüte voll, und die Frisur saß dank Drei Wetter Taft. Die Samstagszeitung war so dick, dass sie kaum in den Briefkasten passte. Am Weltspartag gab es noch Zinsen und Geschenke. Und in den katholischen Kindergärten wurden sündige Gemeindefeste mit Freibier und Helferbratwürsten gefeiert. Die Nation hatte sich sattgefressen am Wohlstand. «Tagesschau»-Sprecher Jo Brauner verlas in ockerfarbenem Anzug mit Einstecktuch die Nachrichten in einer Monotonie, dass man meinen konnte, er sage jeden Tag dasselbe an. In der ARD lief der Fernsehpfarrer «Fliege», bei den Privaten talkte Margarete Schreinemakers. Und wer Probleme mit sich und der Welt hatte, postete kein Status-Update auf WhatsApp, sondern rief bei der Familientherapeutin Brigitte Lämmle an, die im SWR, der damals noch SWF hieß, in der Sendung «Lämmle Live» mit volkspädagogischem Eifer die Seelenklempnerin der Nation gab. Irgendwie waren wir alle ein bisschen «Bluna».

Als Bundeskanzler Helmut Kohl 1994 in einer Fernsehsendung gefragt worden war, wie er den Ausbau der Datenautobahnen fördern wolle, faselte er irgendetwas von Stopp-and-Go-Verkehr[1] – und verwies auf die Zuständigkeit der Länder: Straßenbau sei Ländersache.[2] Kein Wunder, dass der Datenverkehr nur schleppend vorankam. Aber auch der Grünen-Abgeordnete und einstige Straßenkämpfer Joschka Fischer hielt nicht viel von Info-Highways. In einer Rede im Deutschen Bundestag am 6. September 1995 sagte er: «[…] klinken Sie sich einmal in das Internet ein […], wenn Sie glauben, dass in diesem Bereich viele Arbeitsplätze entstehen könnten. Das, was da gegenwärtig an Schrott sozusagen über die Datenautobahn fährt, wird teilweise nur noch von dem überboten, was Sie an Regierungserklärungen abgeben.»[3] Die Politiker kamen mächtig ins Schlingern – einen digitalen Elchtest hätte wohl kaum einer bestanden.

1995, also in dem Jahr, als Amazon das erste Buch verkaufte, auf eBay der erste Artikel versteigert wurde und die Suchmaschinen Lycos und Altavista an den Start gingen, wählte die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) den Begriff «Multimedia» zum Wort des Jahres. Auf den Plätzen sechs bis acht landeten die Begriffe «anklicken (mit der Computermaus)», «virtuelle Realität» und «Datenautobahn».[4]

«Multimedia» klingt in heutigen Ohren etwas altmodisch, genauso wie «EDV» (elektronische Datenverarbeitung). Mitte der 90er Jahre war das aber ein schillernder, progressiver Begriff, unter den man alles, was mit «neuen Medien» zu tun hatte, fasste. Allein, dieses Klingelwort, durch dessen Verwendung damals jeder Forschungs- und Fördermittelantrag durchgewunken wurde, war natürlich völlig nichtssagend. (Wenn man unter «Medien» auch Luft und Wasser versteht, dann war ja gewissermaßen schon der Urknall multimedial und der redende und schreibende Cicero ein Multimedia-Talent.)

Genaugenommen war Multimedia natürlich eine milliardenschwere Verheißung: Computerfirmen, Softwareproduzenten, Elektrohersteller, Telefongesellschaften und Medienkonzerne sollten zu einem Mega-Markt zusammenwachsen. «Nach einer Nachrichtensendung informiert er sich in einem elektronischen Lexikon, bummelt dann in einem virtuellen Kaufhaus und bestellt einen Pay-Spielfilm, klickt eine CD-Rom an und bezahlt zum Schluss noch seine Rechnungen per Telebanking», skizzierte der «Spiegel» die Zukunft.[5]

Für die ABC-Schützen, die wie ich zwischen 1992 und 1998, in der Spätphase der Kreidezeit, eingeschult wurden, war die erste Begegnung mit Multimedia der Tageslichtprojektor (auch modisch «Overheadprojektor» genannt), auf dem man vor versammelter Truppe auf sich wellenden Folien Buchstaben nachfahren oder Rechenaufgaben lösen musste. So wie die Tafel, die ein wöchentlich rotierender «Tafeldienst» zu «löschen» hatte, oder der analoge Rechenschieber gehörte der Tageslichtprojektor zum Inventar der deutschen Klassenzimmer. Längst ein Exponat für technikgeschichtliche Museen, begleitete uns der vormoderne Beamer bis zu unseren Abschlussprüfungen in den späten Nullerjahren. Ein Klassenkamerad von mir versuchte mal, den optischen Bildwerfer zu sabotieren, indem er eine Salamischeibe auf die Linse legte, was zu üblen Geruchsbelästigungen in den vorderen Reihen führte. Das Geruchskino war schon vorher ein Flop, doch das Gerät war unkaputtbar. So dehnbar wie die Folien war auch sein didaktischer Anwendungsbereich: Ob binomische Formeln oder Vokabeln – alles war projektionsfähig. Ich glaube, wir litten chronisch unter Overheadprojektor-Fatigue, anders lässt sich die ständige Müdigkeit nicht erklären. Was den Einsatz «neuer» Medien («neu» war gefühlt alles nach dem Buchdruck) betraf, gab es unter deutschen Pädagogen doch einige Bedenkenträger. Sie bremsten die Einführung der neuartigen Lernmittel merklich ab.

Anders ausgedrückt: Die deutschen Schulen waren bis ins 21. Jahrhundert hinein lange ein Digital-Detox-Camp, in dem es rezeptfrei analoge Entgiftungskuren gab. «Bring your own device» hieß damals: Lamy- oder Pelikan-Füller, Federmäppchen und Schreibheft (liniert oder kariert). «Jede Zahl hat ihr eigenes Kästchen», bläute uns der Mathelehrer ein. Second Screen? Das war neben dem Tafelbild der Siku- oder Barbie-Prospekt, auf den man unter dem Tisch spickte. Hefte und Bücher galt es einzubinden, wobei sich die milieuspezifischen Unterschiede darin zeigten, dass man als Kind der ökologisch bewussten Mittelschicht seine Utensilien selbstverständlich mit Papier einband. Plastik hatte nur der Idiot. Als ich in der Hausaufgabenbetreuung in der Grundschule mit verkrampfter Schreibhaltung Mathematikaufgaben löste, schwatzte mir die zur Kontrollvisite erschienene Schulleiterin einen Plastikgriff auf. Den Neigungswinkel des Schreibgerätes konnte man nicht vorschreiben, aber zumindest Haltungsnoten fürs Schreiben verteilen. Wobei ich bei der B-Note schummelte: Die Grundschullehrerin konnte nicht ahnen, dass ich beim Schönschreiben Großbuchstaben wie E oder F mit dem Lineal gezogen hatte und dafür jede Menge grüne Punkte einheimste. Grüner Punkt im Heft, Grüner Punkt auf dem Tetrapack. Toll gemacht!

Zu den bewährten Disziplinarmaßnahmen gehörte Ende der 1990er Jahre noch das In-die-Ecke-Stellen, genauso wie «Strafarbeiten» und Einträge ins Klassenbuch. Einmal musste ich 20 gleiche Buchstaben aus der Zeitung ausschneiden und auf ein Blatt Papier kleben, weil ich einem Klassenkameraden angeblich ein Schimpfwort hinterhergerufen hatte. Die Sträflingsarbeit löste zu Hause leichte Irritationen aus, weil so eigentlich nur Entführer kommunizierten (zumindest im Fernsehen). Auf welche Zukunft wurde man da vorbereitet?

Unser «Medienraum» im Gymnasium in Stuttgart-Bad Cannstatt war eine fensterlose Rumpelkammer, wo in einem TV-Schrank mit abschließbaren Seitentüren ein Röhrengerät verstaut war – so als müsste man das Gerät vor der Schülerschaft verstecken. Dort, im stillen Kämmerlein im zweiten Stock, wurden uns alte Filmklassiker vorgeführt. «Die Klassenlehrerin», «Tote tragen keine Karos», was die Lehrer halt so im verstaubten Archiv fanden. Leider blieb das TV-Gerät von digitaler Obsoleszenz verschont. Der Erdkundelehrer zeigte alte Dia-Fotos, der Biolehrer schob im Sexualkundeunterricht VHS-Kassetten aus den 80ern ein (Petting!), und im Französischunterricht schepperte aus den Boxen des CD-Players die nächste Découvertes-Lektion: «Arthur est un perroquet». Wir lernten Vokabeln wie «Rollschuhfahren», obwohl wir längst mit Inlinern unterwegs waren, und in den Schulbüchern hatten die Protagonisten noch ihren Walkman, wo wir Jugendliche doch schon längst illegal heruntergeladene Musik auf MP3-Playern hörten.

Wir schleppten das analoge Gepäck unserer Elterngeneration noch eine Weile mit uns herum. In unseren Kinderzimmern hörten wir Benjamin-Blümchen- und Bibi-Blocksberg-Kassetten, und wenn der Kassettenrekorder mal wieder Bandsalat produzierte, wurde das Magnetband mit einem Bleistift durch die Spule aufgerollt – eine Kulturtechnik, die außer uns, der letzten analogen Nachhut, wohl kaum jemand mehr beherrscht.

Ich bin Teil einer Schwellengeneration: Das Internet kam gerade auf, da spielten wir noch mit Wählscheibentelefonen und Agfamatic-Kameras. Aus unserer Kindheit gibt es keine Handyfotos, sondern Abzüge, die man entwickeln musste und in Alben einklebte. VHS-Kassetten, für die es heute womöglich gar kein Abspielgerät mehr gibt....


Adrian Lobe Lobe ist Politikwissenschaftler und Journalist. Den Umgang mit digitalen Technologien lernte er bei seinem Vater, der Informatiklehrer ist. 2016 wurde er für seine Artikel über Datenschutz und Überwachung mit dem Preis des Forschungsnetzwerks Surveillance Studies ausgezeichnet. Für seinen Artikel "Wir haben sehr wohl etwas zu verbergen!" bei ZEIT ONLINE erhielt er 2017 den ersten Journalistenpreis der Stiftung Datenschutz, 2020 den UMSICHT-Wissenschaftspreis in der Kategorie Journalismus. Bei C.H.Beck erschien von ihm zuletzt "Speichern und Strafen. Die Gesellschaft im Datengefängnis" (2019).



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