Lobrecht | Im Land der wilden Pfoten | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Reihe: HarperCollins

Lobrecht Im Land der wilden Pfoten


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7499-5112-3
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Reihe: HarperCollins

ISBN: 978-3-7499-5112-3
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Abenteuer in Down Under

Eine Auszeit in Australien - das ist genau das, was Mieke nach der Trennung von ihrem Freund braucht. Doch als schon wenige Tage nach ihrer Ankunft verheerende Buschbrände ausbrechen, gerät sie in Gefahr - und wird gleichzeitig zur Retterin. Ihr wird klar, wie zerbrechlich die Schönheit dieses sagenumwobenen Kontinents ist und wie sehr jede Hilfe gebraucht wird. Ohne lange zu überlegen, beginnt sie, sich in der Wildtierrettung zu engagieren. Gemeinsam mit anderen Helfern vollbringt sie das scheinbar Unmögliche: Sie bringt Hoffnung dorthin, wo alle anderen aufgegeben haben.

»Eine interessante Geschichte, nicht nur für Australien-Fans.«



Lea Lobrecht ist studierte Naturschutzbiologin und setzt sich seit Jahren in ihrer Wahlheimat Australien für die Wildtiere ein. Während der Buschfeuer hat sie aktiv geholfen und hautnah erlebt, welchen Einfluss die Katastrophe auf Menschen, Tiere und Umwelt hat.

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Kapitel 1

Der Wald brannte. Staub wirbelte auf und vermischte sich mit dem immer dichter werdenden Rauch, der die Sicht auf das Bergpanorama des Regenwaldes nahm. Mieke fuhr so schnell es die holprige Straße erlaubte, ohne zu riskieren, dass ihr Mietwagen ins Schleudern geriet. Das Unterholz rechts von ihr, das zwischen den massiven Stämmen der Eukalyptusbäume die Straße säumte, hatte bereits Feuer gefangen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Funken übersprangen, die auch die Vegetation links von ihr in Flammen versetzen würden.

Ein Wanderparkplatz tauchte vor Mieke auf. Gestern noch war sie hier spazieren gewesen, hatte Fotos gemacht, von den Feigenbäumen mit ihrem weit ausschweifenden Wurzelwerk, von den Regenbogenloris, die sich in den Wipfeln tummelten, und den Filandern, die durchs Dickicht huschten.

Der legendäre Lamington Nationalpark sollte das erste Ziel ihrer dreimonatigen Urlaubsreise nach Australien sein. Doch ihre Pläne, sich hier von der Trennung von Alexander zu erholen, waren von dem Buschfeuer durchkreuzt worden.

Ein Schatten huschte über die Straße, und Mieke trat hart auf die Bremse. Sie verfehlte den Koala um Haaresbreite. Er hielt kurz inne, schaute den Wagen an und tapste dann hastig weiter, um im Gebüsch zu verschwinden. Gerade als Mieke aufs Gaspedal drücken wollte, kam Wind auf. Mieke biss sich auf die Lippen. Die Wipfel wogten hin und her, Funken flogen. Die Überlebenschancen des Koalas waren gleich null, aber sie selbst musste sich auch beeilen. Wie viel Zeit blieb ihr?

Ein Ast auf der bisher verschonten Straßenseite fing Feuer. Bald würden die Flammen die schmale Gebirgsstraße wie einen Tunnel umfangen.

Ein Blick in den Rückspiegel – niemand zu sehen. Sie war die letzte Besucherin der Kurrawong Lodge gewesen. Alle Gäste waren evakuiert worden. Irgendwo hinter ihr befanden sich nur noch Liam und Jenny, die Besitzer der Lodge, die in aller Eile ihr Hab und Gut zusammentrugen.

Als die Warnung ausgesprochen worden war, hatte Mieke sich nichts ahnend den Coomera- und den Yarrabilgong-Wasserfall angesehen, die gemeinsam in ein Becken stürzten, wie zwei Liebende, die sich auf ewig im schaumigen Nass vereinen wollten. Die kühle Luft nahe am Wasser war befreiend gewesen und hatte ihr geholfen, über die letzten Monate in Deutschland zu sinnieren, die ihr Leben so auf den Kopf gestellt hatten. Die Wasserfälle boten den Besuchern normalerweise ein beeindruckendes Spektakel, doch in dieser Zeit der Dürre waren sie auf ein dünnes Rinnsal reduziert. Das Land war zu trocken und ausgelaugt.

Erst als Mieke wieder in der Lodge angekommen war, hatte sie von der Evakuierung und dem drohenden Feuer erfahren, in Windeseile all ihre Sachen zusammengepackt und in den Mietwagen geworfen.

Mieke gab sich einen Ruck, schaltete den Motor ab und sprang aus dem Auto. Die heiße, mit Rauch geschwängerte Luft biss in den Augen, und sie hustete. Instinktiv hielt sie sich den Arm vor den Mund und rannte hinter dem Koala her. Vorbei an Pinien und Eukalyptusbäumen, die von unzähligen Ranken bewachsen waren, ein grün-braunes Durcheinander, das sich immer wieder in sich selbst verschlang. Der Berghang war steil, es kostete sie alle Konzentration, nicht abzurutschen. Binnen weniger Sekunden war sie schweißgebadet. Ihr Blutdruck stieg an und ließ ihr Herz rasen, gleichzeitig wurde ihr Mund trocken, als Adrenalin ausgeschüttet wurde. Sie kletterte über eine besonders widerspenstige Wurzel, und ihre Hände zitterten so stark, dass sie den Halt verlor. Fluchend rutschte sie ab und entdeckte endlich den Koala, der gerade dabei war, eine junge Akazie hinaufzuklettern. Der Baum war eine Todesfalle, denn dies war kein träges Feuer, das die Wipfel verschonte und somit den Tieren die Möglichkeit eines Rückzugs bot.

Vom Frühstücksraum der Lodge hatte Mieke vor ihrer Abfahrt noch einen Blick auf die Flammenwand an der gegenüberliegenden Bergwand erhaschen können. Es war mehr als deutlich gewesen, mit welch übermenschlichen Kräften sie sich vorwärtsschob, alles auffressend, was ihr in den Weg kam. Selbst die turmhohen Tallowwood-Bäume, deren Kronen bis zu sechzig Meter in die Höhe ragten, verschwanden binnen weniger Sekunden unter den leckenden Flammen. Schwärme von Kakadus waren krächzend aufgestiegen und gegen die Windrichtung davongeflohen.

Hier, wo Mieke jetzt war, brannte nur das Unterholz, aber das konnte sich jederzeit und schnell ändern. Der Koala war nur noch wenige Schritte entfernt. Sein angesengtes Fell rauchte, und er kam nur langsam den Baum hoch. Bei jeder Bewegung grunzte er gequält. Mieke sprang vor, griff ihn von hinten und hob ihn vom Stamm. Er war erstaunlich schwer, aber die Angst gab ihr Kraft. Mit einer Hand zog sie sich ihr T-Shirt aus, mit der anderen versuchte sie, den vor Schmerzen schreienden Koala auf den Boden zu drücken, um ihn daran zu hindern, weiter in sein Unglück zu rennen. Doch nicht der Druck, den sie ausübte, löste die Schmerzen aus, sondern die Wunden an seinen verbrannten Pfoten. Seine Klage erinnerte Mieke an das Weinen eines verzweifelten Kleinkindes, das nicht verstand, warum es leiden musste. Dieses Heulen war kaum auszuhalten, doch Mieke schluckte die Tränen hinunter, die aufzusteigen drohten. Sie durfte keine Zeit verlieren.

Schnell wickelte sie das Tier in ihr Shirt und sprintete mit der schweren Last zum Auto zurück. Wieder musste sie husten, ihre Augen tränten und ließen sie die Dinge nur unscharf erkennen. Endlich hatte sie den Wagen erreicht, warf sich mit dem verwundeten Tier auf den Fahrersitz und zog die Tür hinter sich zu.

Es dauerte ein paar Minuten, bis sie ein Handtuch aus einer ihrer Taschen gekramt, den Koala zusätzlich darin eingewickelt und dieses mit einer Jacke verknotet hatte, sodass nur noch sein Kopf herausguckte.

»Es tut mir so leid, es wird alles gut«, raunte Mieke dem Tier zu, das entsetzlich zappelte und versuchte, sich aus seinem Kleidergefängnis zu befreien. Sie streichelte dem Kleinen sanft über die Ohren. Das schien ihn zu beruhigen.

Entschlossen blickte Mieke auf. Sie musste den Motor starten und so schnell wie möglich von hier verschwinden. Der graue Schleier um sie herum war jetzt so dicht, dass sie die Straße kaum noch erkennen konnte. Es war laut, das Feuer brüllte, und überall knackte und krachte es, wenn Äste auf dem Boden aufschlugen. Panik erfüllte Mieke. Hoffentlich kam sie hier lebend heraus. Ihre Hand zitterte, als sie den Startknopf des Autos drückte. Der Motor blieb stumm. Wieder versuchte sie es, dieses Mal hektischer, aber nichts passierte.

Es waren noch etwa zwanzig Kilometer bis ins Tal, wo der Lamington Nationalpark endete und gerodeten Kuhwiesen Platz machte, durch die sich der Nerang River wand. Der Fluss versprach Rettung, aber der Weg war zu Fuß nicht schnell genug zu schaffen.

Ein Blick auf ihr Handy zeigte Mieke, dass sie keinen Empfang hatte. Entsetzt hob sie beide Hände vor den Mund.

»Verdammter Mist«, presste sie zwischen ihren Fingern hervor. Alexander hätte bestimmt gewusst, was mit dem Auto nicht stimmte, er war gut in technischen Dingen. »Hätte, hätte, Lichterkette«, dachte sie und suchte das Armaturenbrett nach Hinweisen ab.

Als ein Motorengeräusch ertönte, schaute Mieke hoffnungsvoll auf. Ein Feuerwehrauto raste um die Ecke und legte nur wenige Meter vor ihr eine Vollbremsung hin. Heraus sprang ein Mann Mitte dreißig in orangefarbener Uniform, der ohne Umschweife auf sie zukam und die Autotür aufriss.

»Kommen Sie mit, schnell«, rief er ihr auf Englisch zu.

Ohne den Koala loszulassen, schnappte Mieke sich ihre Bauchtasche mit dem Reisepass, warf sich ihren noch immer mit dem Nötigsten gepackten Wanderrucksack über eine Schulter, kletterte umständlich aus dem Auto und folgte ihrem Retter.

Gerade hatte sie es sich mit dem Koala auf dem Beifahrersitz des Feuerwehrautos bequem gemacht, da sah sie, wie sich ein weiteres Fahrzeug aus dem Rauch schälte. Liam und Jenny.

Ach du Schande, ging es Mieke durch den Kopf, ich blockiere die Straße. Und tatsächlich schaffte Liam es nicht, an ihrem Hyundai SUV vorbeizukommen.

Die Türen gingen auf, und die beiden Lodgebesitzer stiegen aus, stolperten auf sie zu und kletterten ebenfalls zu ihnen in den Wagen. Mieke rutschte näher an den Fahrersitz, während Liam eng zu ihr aufschloss, damit auch Jenny noch Platz fand. Beide waren außer Atem, und die Angst und Verzweiflung stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Keiner sagte ein Wort.

Zwei bange Minuten fuhr das Feuerwehrauto rückwärts die gewundene Straße hinab. Mieke vermied den Blick zur Steilkante, an der es mehrere Hundert Meter bergab ging.

Der Feuerwehrmann bemerkte ihre Unruhe. »Alles gut, ich habe das schon öfter gemacht«, beruhigte er sie und warf hinterher: »Ich bin übrigens Rob, und ich bringe euch hier heil heraus. Versprochen.«

Dankbar schaute Mieke ihn an, und die Erleichterung rieselte beinahe physisch spürbar ihren Rücken hinunter. Robs erdige Stimme hatte einen beruhigenden Klang, souverän und vertrauenswürdig.

Kurz darauf fand er einen Aussichtspunkt, breit genug, um das Fahrzeug zu wenden. Trotzdem kam er dem Hang dabei so nah, dass Mieke zu fühlen glaubte, wie die Kante unter ihnen bröselte. Ihre Zuversicht fiel in sich zusammen, und für einen Moment durchflutete sie Panik, bis die Reifen wieder auf festem Boden griffen. Rob schien ihr lautes Aufatmen nicht zu bemerken, er war vollkommen auf sein gewagtes Manöver konzentriert. Jenny neben ihr weinte, und Liam beruhigte sie mit leisen Worten. Mieke konnte nur erahnen, wie es den beiden gehen mochte. Sie verloren gerade ihr Lebenswerk,...



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