Lobsien | Die besten Geschichten vom Halligdichter Wilhelm Lobsien | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 194 Seiten

Lobsien Die besten Geschichten vom Halligdichter Wilhelm Lobsien


17. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8190-8676-2
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 194 Seiten

ISBN: 978-3-8190-8676-2
Verlag: epubli
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Eine Wanderung zur Hallig Oland und ein überraschender Sturm waren für Lobsien's Leben prägend. Ab diesem Zeitpunkt hatte er seinen schriftstellerischen Schwerpunkt gefunden. Bis zu seinem Tod wird er die Halligen immer wieder besuchen und seine Eindrücke schriftstellerisch immer wieder verarbeiten. Das wird ihm anerkennend die Bezeichnung 'Halligdichter' einbringen. 1947 stirbt Lobsien auf dem Weg zur Hallig Oland. Von Lobsien's zahlreichen Werken sind heute nur noch wenige erhältlich. Völlig zu Unrecht! Mit dieser Sammlung seiner besten Novellen wird ein Teil seines faszinierenden Werkes wieder neu zugänglich gemacht, bei dem der Leser viel vom existenziellem Leben auf den Halligen erfährt.

Wilhelm Lobsien (1872-1947) , bekannt als der 'Halligdichter'. Er arbeitete als Lehrer und schrieb daneben 50 Bücher mit Gedichten und Novellen, die meistens auf den Halligen spielen.
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Trutz, blanke Hans!


Die Leute droben an der Jammerbucht sprechen noch heute von der wilden Nacht, die den Todesschrei der fünfzig untergehenden Fischer hörte und erst spät dem nebeldunklen Sonntag wich, an dem die Witwen und Bräute ihre schwarzen Schleier wie dunkle Bahrtücher in die kleine, weiße Dünenkirche trugen.

Der Meergott stand draußen auf der Kimm und lachte, dass es wie heiseres Bellen von Texel bis nach Norwegens Klippenkranz scholl. Er packte die dunkelgrauen Wolkenballen und schleuderte sie über die dunkle Himmelskuppe bis weit über das zitternde Land hinüber, patschte dann seine Riesenfäuste in die kochende See, dass die Wellen erschreckt aufsprangen und wie gehetzte Wölfe gegen die Halligen rannten. Wie Schneeflocken taumelten die weißen Möwen durch das Dunkel und suchten Schutz hinter den festen Dämmen.

Er aber stand draußen und lachte, als seine weißen Wölfe auf die Deiche und Dämme hinaufsprangen und ihren flockenden Geifer weit ins Land hineinspien. Was war der Mensch? Und was sein Werk? Nichts als ein elendes Spielzeug, wenn er seine Fäuste ausstreckte und die See, die wilde, wundervolle See, vor sich herschob. Er hasste ihre Wurten und Deiche und hasste doppelt alle, die ihre blanken Spaten in die alte Kleierde des Wattenmeeres stießen und mit Steinblöcken und Faschinen die breiten Dämme kreuz und quer durch sein Wellenreich bauten, und darum packte er mit gellendem Hohnlachen die weit draußen im Watt vor Anker liegende Arbeiterwohnschute, rüttelte sie, hob sie hoch empor, kenterte sie und schleuderte sie dann krachend in die kochende See. Waren es Menschenschreie, die aus der Tiefe heraufgurgelten? Was kümmerte es ihn! Lauter als alles Menschenweh gellte sein Triumphlied über die rollenden Wogen.

Dann drängte er weiter, gegen die kleine Hallig, die als letzter Rest der großen Utlande, die er vor Jahrhunderten verschlungen hatte, einsam weit draußen vor der Küste lag. Ein paarmal stieg er schwarz und drohend an ihrem niedrigen Ufer empor, brüllte einen Fluch über das flache Land und schleuderte mit den Tatzen einige Wellenköpfe gegen das kleine, strohgedeckte Haus, dass sie prasselnd an den Fensterscheiben zerspritzten und die drei Bewohner erschreckt aufsprangen.

Lachend ließ er sich wieder in die See zurückgleiten und in seinem großen Wiegenbett schaukeln. Es kam ihm plötzlich die Lust an, mit dem winzigen Stückchen Erde zu spielen, und so warf er sich herum und drängte die Wellen nach einer anderen Himmelsrichtung, dass sie sich an den großen Inseln weit draußen brachen und nur noch mit halber Kraft, wie spielende Meerfrauen, an der Halligkante vorbeiglitten. Die verhetzten Wolkenballen sammelte er, presste sie in die tiefen Wogentäler des Ozeans und zerriss die graue Himmelsdecke, dass der Mond Bahn bekam und sein silbernes Licht auf See und Sand hernieder zittern ließ.

Da schloss der alte Bonke — und es war ein feines Klingen in seiner sonst so harten Stimme — sein Gebet: „Herr, du erlösest uns aus Sturm und Wassersnot. Dir sei Lob, Ehr’ und Preis. Amen“, klappte bedächtig sein Bibelbuch zu und wandte sich, den Blick noch einmal durchs Fenster werfend, an sein Weib und sein Kind: „Der Sturm flaut ab. Last uns schlafen gehen!“

Noch einmal schritt er mit schweren, stampfenden Tritten durch den Stall, ließ die breiten Hände liebkosend über den blanken Rücken seiner Kühe gleiten, schaute noch einmal ins Wetter und kroch dann zu seiner Frau ins breite Wandbett, während sich die Tochter Binne in die große, zu einem Bett hergerichtete Truhe kuschelte, die in der Küche stand.

„Schläfst du schon, Sabbe?“ sagte er, selbst schon halb im Schlaf. Nein, sie schlief nicht; aber sie antwortete ihm nicht, sondern lag mit gefalteten Händen, die großen Augen ins Dunkel gerichtet, und dachte daran, dass sie in diesen Tagen ihre schwere Stunde erwartete, und ob wohl der Sturm so weit nachlassen werde, dass ihre Schwester zur Hilfeleistung werde herüber segeln können. Aber nicht lange lag sie so; der dumpfe Choral, den draußen Sturm und See sangen, lullte sie bald in Schlaf.

Aber noch war die Nacht nicht um, als sie schon wieder erwachte und den Blick vom Wandbett aus durch die Fenster gleiten ließ. Die ganze Hallig war weiß; es sah aus, als habe es geschneit und als fiele der Schnee noch immer in wirbelnden Flocken herab. Aber was weiß stiebend gegen Dach und Wand flog, war kein Schnee, sondern der Schaum der an der Halligkante sich brechenden Brandungswogen. Sturm und See hatten sich abermals herumgeworfen, und wieder stand der Meergott auf der Kimm und hetzte seine Wölfe gegen die verhassten Wurten und Dämme. Heulend fuhr der Sturm über das Meer, hetzte und trieb, drängte und schob, zerrte und riss am Strohdach und lachte sein wildestes Lachen, als die Wellenwölfe die Kanten übersprangen und bellend mit ihm um die Wette gegen das einsame Haus rannten.

„Bonke! Bonke!“ schrie das Weib auf. Aber es bedurfte des Weckrufes nicht. Das Krachen und Knarren im Dachgebälk, das Klappern der Luken, das Heulen und Pfeifen im Schornstein, das Brüllen des ängstlich gewordenen Viehs riss auch Binne aus dem Schlaf. Hastig warfen sich alle drei in ihr Zeug und standen zunächst ratlos und wussten nicht, was sie beginnen sollten. Die kleine Binne warf einen Blick zum Fenster hinaus und schrie plötzlich laut auf: die ganze Hallig war ein einziges schäumendes Meer, das schon an der Wurt empor leckte, sich höher und höher schob und mit den weißen Armen nach den Büschen unter den Fenstern langte. Herrgott, wie schnell das Wasser stieg! Und dabei war es noch Ebbezeit und einige Stunden vor Flut.

„Die Sandsäcke, schnell.“

Sie drängten alle drei nach dem Stall hinaus, schleppten die schweren Säcke herbei und stapelten sie vor den Türschwellen auf. Aber was half es? Der Druck der Flut war so stark, dass das Wasser gleich schwarzen Schlangen sich durch den Wall hindurch wand und bald den ganzen Flur überflutete. Und immer lauter heulte der Sturm und brüllte die See.

Auf einmal stieg es draußen schwarz empor, eine riesige heranrollende Welle bäumte sich auf, kenterte und warf sich klatschend gegen die Fenster. Noch eine und noch eine, die ganze rollende Nordsee brach herein, reckte sich und hämmerte mit trommelnden Fäusten gegen das zitternde Haus, dass ein ächzendes Stöhnen durch das Gebälk ging und schauerlich in das Gebrüll der Kühe klang, die an den klirrenden Ketten rissen und verzweifelt die flutüberspülte Stalldiele stampften.

„Es wird schlimm, Mutter! Wir müssen auf den Boden hinauf. Ich will nur erst das Vieh losbinden.”

Als er eben die Tür hinter sich geschlossen hatte, hetzte der Meergott eine neue Wolfsmeute gegen das Haus. Ein Sprung, ein Schrei — und klirrend sprangen die Fenster ins Zimmer, und hinterdrein platschte das schwarze, gurgelnde Wasser, immer mehr, immer mehr, als stünde das Meer berghoch um die Hallig herum. Hastig eilten die drei Halligleute die Leiter empor, und es war ihnen, als kröche die Flut hinter ihnen drein, so schnell stieg sie, füllte Flur und Stube und tanzte mit Tischen und Stühlen.

Bonke schloss die Luke unter sich; er wollte nicht sehen, was drunten vorging. Aber die Bodenluke öffnete er und blickte hinaus. Herrgott, war das eine See! Und der Sturm! Ein Zucken und Beben ging durch das Haus, und das Dach schwankte und tanzte. Wie lange würden die Mauern noch standhalten? Wie lange die Stützbalken dem furchtbaren Druck widerstehen?

Bonke blickte sich um. Die kleine Binne lag auf einem Bündel Heu und hatte die Schürze über den Kopf geschlagen, um nichts zu hören und zu sehen. Sabbe lehnte sich gegen einen Balken, gerade neben dem Sarg, den sie hier draußen immer für alle Fälle bereit haben, hielt die Augen geschlossen und wand sich in Schmerzen. Bonke ging zu ihr. Er wollte ihr Liebes tun und sagen; aber er konnte es nicht, das lag ihm nicht, und so ließ er nur sacht die großen Hände über ihren zuckenden Leib gleiten.

„Leg dich, Sabbe, dann wird es besser.“

Sie sank in die Knie und stieß gegen den Sarg, dass der Deckel herunterfiel; aber es erschreckte sie nicht; dies letzte Bett war ihr durch den täglichen Anblick vertraut. Und so fand sie auch nichts dabei, dass Bonke Stroh in den Sarg legte und sie darin bettete.

„Sei nicht bange, Sabbe; die See wird schon stiller.“

Sie tat, als vertraue sie ihm, und las doch in seinen Augen, dass er selbst nicht an diese Worte glaubte.

Unruhig erhob Bonke sich und trat wieder an die Bodenluke. Mein Gott, was kam da von draußen heran, schwarz, drohend, in rasendem Tanz, bald hoch emporschießend, bald tief niederstampfend? Ein Schiffsmast war es, der wie ein Rammblock näher und näher kam und dann krachend die Mauer durchstieß und wie ein Hammer in Flur und Stube stampfte. Einen Augenblick nur dauerte es, dann brach die ganze Mauer ein, und nur noch die tief in die Erde hineingelassenen Eckbalken trugen das schwankende Dach, und hohnlachend riss der Sturm die Bodenluke aus den Angeln und schleuderte sie wie einen Fetzen Papier über die See.

Mit einem furchtbaren Schrei bäumte Sabbe auf und warf sich dann weh durchwühlt wieder zurück. Ihre schwere Stunde war gekommen.

Der Sturm heulte und pfiff, drückte durch die offene Luke, packte das Strohdach und riss große Fetzen heraus, dass bald nur noch die Sparren übrig waren. Ab und zu spritzte eine Welle weiß stiebend hindurch, und hin und her schwankte und tanzte das knackende Gebälk. Die Kranke wimmerte, Bonke mühte sich um sie und sprach ihr Trost zu, und Binne kniete und betete mit zitternder Stimme, die wie ein heiserer Schrei klang: „Vater unser, der du bist im Himmel“, betete und betete und konnte doch nicht...



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