E-Book, Deutsch, 456 Seiten
Locke Black Water Rising
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-948392-41-3
Verlag: Polar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Krimialroman
E-Book, Deutsch, 456 Seiten
ISBN: 978-3-948392-41-3
Verlag: Polar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Attica Lockes Roman 'Bluebird, Bluebird' hat 2018 den Edgar Award for Best Novel und den Ian Fleming Steel Dagger Award gewonnen. Zusammen mit 'Heaven, My Home' ist er bereits auf Deutsch im Polar Verlag erschienen. Locke ist Mitglied des Vorstands der Library Foundation of Los Angeles, stammt aus Houston, Texas, und lebt mit
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Kapitel 2
Am Montagmorgen kreuzt die Prostituierte mit einer Halskrause auf. Jay wirft nur einen Blick darauf und erklärt ihr, dass das Ding verschwinden muss. Mitten auf dem Flur fängt sie an, sie abzunehmen. »Nicht hier«, unterbricht er sie, ein weiteres Mal überrascht, dass man ihr wirklich alles sagen muss. Er schaut links und rechts den Flur hinunter und vergewissert sich, dass der gegnerische Anwalt nichts von den Vorbereitungen seiner Mandantin mitbekommen hat. Mit dem Kinn deutet er zur Damentoilette auf der anderen Seite. »Und passen Sie auf, dass niemand Sie sieht.«
Die Anhörung beginnt in drei Minuten, und bei diesem Richter sollten sie nicht zu spät kommen. Jay braucht alles an Wohlwollen und Gnade, was das Gericht zu gewähren bereit ist. In dieser Sache bewegt er sich auf dünnem Eis, und alle wissen das. Er fährt mit dem Finger über die Bügelfalte seiner Hose, die beste, die er besitzt, aus einer exklusiv für JCPenney hergestellten Polyestermischung. Dann streicht er sein Hemd unter dem Jackett glatt und hebt leicht die Arme, um die feuchten Flecken unter seinen Achseln zu begutachten. Ihm ist heiß und unwohl. Seit seinem Bad im Bayou Samstagnacht hat er Kopfschmerzen, ein dumpfes Pochen hinter den Ohren, ein nahezu konstanter quälender Schmerz, das nagende Gefühl, dass etwas nicht stimmt.
Es ist nur eine Anhörung, ruft er sich in Erinnerung. .
Er blickt auf die geschlossene Tür der Damentoilette und fragt sich, ob er seiner Mandantin jemanden hinterherschicken sollte.
Aber der Flur im dritten Stock ist praktisch leer.
Montagmorgens geht es beim Zivilgericht gemächlich zu. Hier fehlt es an der Konzentration oder der Zielstrebigkeit des Strafgerichts, wo es praktisch überall vor rechtschaffener Empörung knistert und selbst die banalste Bürotätigkeit von dem Gefühl durchdrungen ist, dass etwas Großes auf dem Spiel steht. Auf den Fluren begegnet man Mördern und Vergewaltigern, Betrüger und Diebe sind im Gebäude unterwegs, man sieht Handschellen und bewaffnete Polizisten. Dieses Schauspiel allein reicht, um den Eindruck zu erwecken, es gehe um die Verfolgung eines heroischen Ziels, oder zumindest um alle in aufgeregte Spannung zu versetzen. In einem Zivilgerichtssaal geht es dagegen nur um eins: Geld. Fragen nach richtig oder falsch, danach, wer wem was angetan hat, werden hier von jedem moralischen Aspekt befreit und auf eine mathematische Formel reduziert. Was ist dein Schmerz wert? Was ist der aktuelle Kurs von Trauer? Wenn es nicht gerade um das eigene Geld oder den eigenen Schmerz geht, fällt es schwer, größeres Interesse für die Verfahren aufzubringen, und sie ziehen auch nicht viele Zuschauer an. Der Gerichtssaal von Richter Hicks ist fast leer, als Jay ihn betritt, abgesehen vom Gerichtsdiener, der Protokollführerin und Charlie Luckman, der in einem cremefarbenen Anzug und braunen Krokodillederschuhen am Tisch der Verteidigung sitzt und als Einziger im Raum lächelt.
»Wo steckt denn Ihre Mandantin?«, fragt er Jay.
»Wo steckt denn Ihr Mandant?« Jay deutet mit dem Kopf auf den leeren Platz neben Luckman.
»Ich habe meinem Mandanten geraten, nicht zu erscheinen. Wir wollen diesem Antrag nicht mehr Gewicht verleihen, als ihm zukommt«, sagt Luckman und dreht den goldenen Ring am kleinen Finger seiner rechten Hand, direkt über dem dicken Knöchel. »Außerdem habe ich die Aussage des Polizisten«, fügt er hinzu und greift nach einer eidesstattlichen Versicherung, die neben seiner glänzenden ledernen Aktentasche auf dem Tisch liegt. »Ich habe meinem Mandanten gesagt, er soll die Anschuldigungen nicht durch seine Anwesenheit würdigen. Immerhin leistet Mr. Cummings wichtige Arbeit für die Gesellschaft.«
Jays Unterlagen stecken in einem ausgeleierten Akkordeonordner. Er legt ihn vor sich auf den Tisch. »Vielleicht hätte Ihr Mandant an seine gesellschaftliche Stellung oder auch an seine Frau denken sollen, bevor er eine Prostituierte in sein Auto einsteigen ließ.«
»Welche Prostituierte, Mr. Porter?«, fragt Luckman mit einem Zwinkern.
Die Tür zum Richterzimmer öffnet sich. Zuerst erscheint ein Justizbeamter, dann der Richter. Alle erheben sich. Jay dreht sich um und blickt über die Schulter. Seine Mandantin betritt gerade den Saal, die Halskrause für alle sichtbar in der rechten Hand. Während sie auf Jay zugeht, flüstert sie ziemlich laut, es sei verdammt schwierig gewesen, das Ding runterzubekommen. Jay schließt die Augen und holt tief Luft. Er ist als Erster dran.
Im Zeugenstand hat die Prostituierte einen Namen: Dana Moreland. Und einen neuen Beruf: Hostess. Sie spricht leise, mit einer einstudierten Verletzlichkeit, von der Jay weiß, dass sie sie an den Wochenenden geübt hat, so wie man einen neuen Tanzschritt für den Abschlussball lernt. Immerhin ist das ihr großer Auftritt, die Chance, ihre Geschichte so zu erzählen, wie die anderen sie hören sollen. Und die lautet: Eine Freundin hat sie mit Mr. Cummings zusammengebracht. (»Nein, Sir, er ist nicht im Gerichtssaal anwesend.« Jay möchte, dass das ins Protokoll aufgenommen wird.) Sie erklärte sich damit einverstanden, ihn auf dem Parkplatz eines Fischrestaurants im Norden der Stadt zu treffen. Sie einigten sich auf den Preis, und sie stieg in sein Auto. Dann bat sie ihr »Date«, mit ihr raus nach Pasadena ins Gilley’s zu fahren. hatte sie mindestens zehnmal gesehen und wollte dort tanzen, wo John Travolta und Debra Winger geheiratet hatten. Für eine Runde Line Dance und einen BJ war J. T. damit einverstanden. (»Einen ›BJ‹?«, fragt Jay, weil er es fragen muss. Sie beugt sich im Zeugenstand zum Mikrofon vor, als wollte sie es an Ort und Stelle vorführen. »Einen Blowjob«, erklärt sie.) Ihr »Date« fuhr mit ihr zwanzig, dreißig Meilen über die Stadtgrenze hinaus (»keine Kleinigkeit, der Sprit kostet teilweise einen Dollar fünfunddreißig die Gallone«). In dem Club amüsierten sie sich so prächtig, dass Mr. Cummings unvorsichtig wurde und ein oder zwei (»vielleicht waren es auch drei«) Long Islands zu viel trank, und auf dem Rückweg fuhr er Schlangenlinien. Sie bat ihn mehrmals anzuhalten. Aber er weigerte sich, er war ja gerade ihr Arbeitgeber. Irgendwo auf der Rückfahrt, berichtet Jays Mandantin, baute Mr. Cummings einen Unfall: Er fuhr gegen einen Telefonmast.
»Und wo befanden Sie sich zum Zeitpunkt des Unfalls?«
»In seinem Schritt.«
Die Protokollführerin hebt den Kopf. Der Gerichtsdiener grinst.
»Na ja, also … nur mein Kopf.«
Der Richter hüstelt kurz.
Jay schießt der Gedanke durch den Kopf, dass er sich zum Idioten macht mit seinem JCPenney-Anzug und seinem beschissenen Fall. Er hat die Geschichte schon ein Dutzend Mal gehört, und nie hat sie lächerlicher geklungen als in diesem Moment, wo Dana im Zeugenstand steht. Offen gestanden hat er nicht damit gerechnet, dass es so weit kommen würde. Er ist sicher gewesen, dass die Erwähnung von Ms. Morelands Namen und ihrem Beruf sowie die Behauptung einer wie auch immer gearteten Verbindung zu Mr. Cummings für eine umgehende außergerichtliche Einigung mit dem gegnerischen Anwalt reichen würden. Er hat sich tatsächlich eingebildet, die Angelegenheit wäre mit einem einzigen Telefonat erledigt. Aber da hat er Charlie Luckmans Neigung zum Zocken grob unterschätzt.
Jay wirft einen Blick auf seine Notizen. »Ein gewisser Officer Erikson kam zum Unfallort?«
»Ein State Trooper, ja.«
»Und als er Mr. Cummings hinter dem Lenkrad sah, betrunken, und Sie mit dem Kopf zwischen seinen Beinen eingeklemmt … was hat er da gemacht?«
»Nichts.«
»Nichts?«
»Er hat sich praktisch bei dem Kerl entschuldigt.«
»Und was haben Sie daraus geschlossen?«
»Dass er J. T. erkannt hat und ihn nicht in Schwierigkeiten bringen wollte.«
Jay wartet auf den Einspruch: »rein spekulativ«, »fehlende Grundlage«, »irrelevant« … irgendwas. Aber wie er mit einem raschen Blick aus dem Augenwinkel feststellt, hat Charlie Luckman sich auf seinem Stuhl zurückgelehnt und verfolgt das Geschehen wie eine Sportveranstaltung, die ihn nicht besonders interessiert.
»Er hat Ihnen keine medizinische Hilfe angeboten?«
»Nein, Sir.«
»Also wird sich das Ausmaß Ihrer Verletzungen in dieser Nacht vermutlich nicht genau feststellen lassen, weil Sie nicht sofort medizinische Hilfe erhielten?«
Erneut wartet er darauf: »Die Zeugin ist keine medizinische Expertin.«
Aber Luckman sagt nichts.
Er sieht einfach nur zu, wie Jay diese aussichtslose Sache weitertreibt, seine Mandantin durch den Rest ihrer...




