Locke | Heaven, My Home | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 582 Seiten

Locke Heaven, My Home


1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-945133-92-7
Verlag: Polar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

E-Book, Deutsch, 582 Seiten

ISBN: 978-3-945133-92-7
Verlag: Polar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



HEAVEN, MY HOME setzt dort an, wo BLUEBIRD BLUEBIRD aufhört. Auch diesmal geht es um ein Hassverbrechen. Nur solle es in Marion County von einem Afroamerikaner an einem weißen Kind begangen worden sein. Texas Ranger Darren Mathews ist auf der Suche nach dem 9-jährigen Levi King, der allein in der Dunkelheit des riesigen Caddo-Sees in einem Boot verschwunden ist. Zuletzt hat ihn Leroy Page gesehen, der hilflos mitansehen musste, wie sich auf seinem verpachteten Land ein Trailer Park mitsamt Anhänger der rassistischen Bruderschaft ABT ansiedelte. Sie haben ihn bedroht und sein Haus mit rassistischen Sprüchen verunstaltet. Mathews wird von seinem Vorgesetzten an den See beordert, um letzte Beweise gegen arische Bruderschaft zu sammeln, bevor Trump Präsident wird. Selbst plagen ihn private Sorgen. Seine Ehe ist in der prekären Zustand der Wiederannäherung und seine Karriere liegt in den Händen seiner Mutter, die eine Waffe an sich gebracht, die Mathews Verstrickung in einen Mord beweist. Jahrhundertealte Verdächtigungen und Vorurteile brechen angesichts eines sich verändernden politischenKlimas neu auf, während Mathews sich bemüht, Jungen zu finden und sich selbst zu retten. Attica Locke hat 'BLUEBIRD, BLUEBIRD' geschrieben, bevor Trump zum Präsidenten gewählt wurde. In ihrem Roman 'Heaven, My Home' stellt sie sich der veränderten Situation in einem zutiefst gespaltenen Land.

Attica Lockes Roman Pleasantville hat 2016 den Harper Lee Prize for Legal Fiction gewonnen. Ihr erster Roman, Black Water Rising, wurde für einen Edgar Award, sowie einen Los Angeles Times Book Prize nominiert. Im Polar Verlag erschien der mit dem Edgar und Dagger Award ausgezeichneter Roman Bluebird. Bluebird. Locke war zuletzt Autorin und Produzentin der FoxSerie Empire. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Los Angeles, Kalifornien.
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Texas, 2016


Dana würde ihm die Hölle heiß machen, wenn er es bis Sonnenuntergang nicht über den See nach Hause schaffte.

Jedenfalls hatte sie das gesagt, als sie ihn auf die Stufen des Trailers gesetzt hatte – genau in dem Moment, in dem Rory Pitkin mit ausgeschaltetem Motor auf seiner Indian Scout heranrollte und dabei die Spitzen seiner Motorradstiefel durch den Sand zog. Sie hatte Levi den Schlüssel zum Bootsschuppen ihres Großvaters und die letzten Dollar aus ihrem Portemonnaie gegeben und ihn angewiesen, wieder zu Hause zu sein, bevor Ma und Gil zurück wären, weil sie sonst vor seinen Augen alle seine Pokémon-Karten verbrennen würde. Mann, seine Schwester konnte ein echtes Miststück sein, und weil ihm der scharfe Klang des Wortes gefiel, sprach er es laut aus, , ein Geheimnis zwischen ihm und den Zypressen. Das rostrote Licht, das zwischen dem Spanischen Moos hindurchfiel, verriet ihm, dass er es niemals vor Einbruch der Dunkelheit nach Hause schaffen würde, was bedeutete, dass er zwei Regeln seiner Mom gebrochen hatte: rechtzeitig daheim zu sein und nicht allein mit dem Boot hinauszufahren. Es war Levi nicht erlaubt, in Grandpa’s altem drei Meter fünfzig langen Skiff mit dem V-förmigen Rumpf auf das offene Wasser des Caddo Lake hinauszufahren – ein Gewässer, das so riesig war, dass man, wenn man Zeit und Lust auf einen Tag mit geräucherten Austern und sauberem Wasser hatte, bis nach Louisiana fahren konnte. Gil sagte, es gebe nirgendwo im Land etwas Vergleichbares, es war der einzige See, der sich über zwei Countys und eine Staatsgrenze erstreckte. Doch Gil behauptete alles Mögliche, wenn der Tag lang war – vor allem, dass er Ma liebte. Nur dass er sich nicht so verhielt. Levis richtiger Daddy war für gewöhnlich hinter sie getreten, wenn sie am Herd stand und Fleischwurst briet, hatte sie auf den Hals geküsst und zum Kichern und Lächeln gebracht und dazu, seinen Kuss zu erwidern. Jedes Mal wenn Gil ein Zimmer betrat, fing Mom entweder an, ihn zu beschimpfen, oder sie erstarrte vor Angst, so als könnte sie sich auf dem braunen Cordsamt unsichtbar machen, in den Gil mit der Zigarette ein Dutzend Löcher gebrannt hatte, seit er eingezogen war. Levi traute Gil nicht mehr als dem Lächeln eines Alligators. Aber jetzt, wo er allein über das Wasser fuhr, dachte Levi, dass Gil vielleicht doch recht damit gehabt hatte. Der Caddo Lake war ein Monster; ein Gewässer, das einen Jungen wie ihn einfach verschlingen konnte. An vielen Stellen ähnelte er mehr einem von Unkraut überwucherten Sumpf als einem richtigen See, einem Zypressenwald, der vor Äonen überschwemmt und verlassen worden war, und Levi gestand sich ein, dass er hier draußen allein Angst hatte. Durch die breite Wasserstraße südlich von Goat Island wäre es bis nach Hopetown, der kleinen Siedlung aus Trailern und Shotgun Houses am nordöstlichen Ufer, wo Levi mit seiner Mutter und Schwester und Gil lebte, nur ein kurzes Stück. Er blies eine blonde Haarsträhne weg, die ihm in die Augen gefallen war, und ließ den Bootsmotor aufheulen. Er riss die Pinne nach links und riskierte eine Abkürzung.

Allein in den letzten Minuten schien sich das Licht von der Farbe von Pflaumenbranntwein in das Blaugrau der hereinbrechenden Nacht verwandelt zu haben, und eine Dezemberbrise drang unter den dünnen Stoff seiner weißblauen KARNACK-HIGHSCHOOL-INDIANS-Windjacke, die er sich aus der Schrankhälfte seiner Schwester genommen hatte. Er stellte sich vor, wie sie und Rory Pitkin sich nackt in dem Zimmer herumwälzten, das er und Dana sich teilten, und spürte, wie ihn ein Schauer überlief, der ihm peinlich war. Er war nicht blöd. Er wusste, was sie taten. Vögeln. C.T. nannte es so.

Das hier war seine Schuld. Nicht die von C.T. wie er fand. Levi hatte auf C.T.s Xbox Fußball gespielt und die Zeit vergessen. Er war dabei gewesen, ein Fantasy Team zusammenzustellen, denn Mom hatte gemeint, dass dieses Jahr vielleicht eine Xbox unterm Weihnachtsbaum liegen würde, falls Gil mit dem Geschäft Erfolg hätte, das er von Jefferson aus betrieb. Doch in der ganzen Zeit, die er bei ihnen war, hatte keins von Gils Vorhaben je dazu geführt, dass Levis Leben einfacher wurde. Sie hatten noch immer die Hälfte der Zeit keine Milch im Kühlschrank.

Nachdem er am Nachmittag aus dem Trailer verbannt worden war, war Levi mit dem kleinen Boot die sieben Meilen am Seeufer entlang bis zur Hütte von C.T.s Familie auf der anderen Seeseite in Harrison County gefahren. Dort hatte er über dem Videospiel alles um sich herum vergessen. Er war in den Genuss von etwas gekommen, von dem er tief im Innern wusste, dass er es nie haben würde. Er war so eifersüchtig auf seinen Freund gewesen, dass er sich im Gehen einen der Gamecontroller geschnappt und in die Tasche seiner Windjacke gesteckt hatte. Er hasste es, wenn er so etwas tat, doch er konnte es auch nicht sein lassen. Manchmal überkam es ihn einfach. Es war, als würde sein Gehirn vor lauter einfach abschalten – nach dem Eigentum der anderen Kinder, sei es eine Xbox oder ein Dad, der zu Hause war –, sodass er einfach zugriff. Er spürte, wie ihn die Ecke des Controllers durch seine Nylonjacke in die knochige Seite stach. Hier draußen auf dem Wasser, wo Gott allein sein Zeuge war, war ihm ganz heiß vor Scham.

Der Himmel sagte ihm, dass es schon nach fünf war.

Er hatte keine Zeit, denselben Weg, den er gekommen war, zurückzufahren – an der nördlichen Uferlinie des Sees und einen schmalen, relativ sicheren Kanal entlang, mit Verandalampen an Bootshäusern und heruntergekommenen Hütten, die Spuren von Zivilisation verrieten. Das würde beinahe eine Stunde dauern. Bis dahin wäre es stockdunkel, und Levi hatte keine Taschenlampe dabei. In einer dünnen Jacke und mit nichts an Bord als dem alten Radio seines Grandpa und einem einzelnen Paddel, das teilweise verrottet und von seinem Grandpa dazu benutzt worden war, sich an Land zu ziehen, hatte er sich aufgemacht. Der Radioempfang war unbeständig. Die Antenne war auf halber Länge abgeknickt, und in den stillen Momenten packte ihn eine bohrende Angst. Er hatte gehört, dass der See bei Einbruch der Nacht verstummte, dass das Spanische Moos auf den Bäumen sämtliche Geräusche schluckte, sodass man sich in diesem urzeitlichen Gewässer an der Staatsgrenze wie am Ende der Zeit fühlen konnte, beinahe so, als wäre man der letzte Überlebende.

Nicht dass er je so spät draußen auf dem Wasser gewesen wäre, nicht einmal, als sein Grandpa noch lebte. Der hatte an Abendessen um Punkt fünf Uhr geglaubt. Die hätte längst im Bootsschuppen zum Trocknen gelegen und Grandpa vor dem Fernseher mit seinem dritten oder vierten Bier gesessen. Der alte Mann hatte sich nach Einbruch der Dunkelheit vom See ferngehalten und Levi stets gewarnt, dass man sich allzu schnell verfuhr, wenn man sich lediglich mit Hilfe eines schwachen Scheinwerfers oder blassen Monds zu orientieren versuchte. Der See war so groß und verzweigt – die vielen Bayous, Neben- und Zuflüsse wie ein Schlangengewirr auf der texanischen Seite, jedenfalls der Teil, der sich in Marion County befand –, ein labyrinthisches Feuchtgebiet, das Fremde seit zwei Jahrhunderten in die Irre führte. Wenn man den See nicht gut kannte, konnte man schnell eine Zypresse mit einer anderen verwechseln, in den falschen Bayou einbiegen und nicht mehr herausfinden, jedenfalls nicht, wenn es stockfinster war. Bei dem Gedanken begann Levis Herz zu rasen. Das Radio plärrte wieder los und erschreckte ihn, als Patsy Cline durch ein plötzliches Rauschen hindurch erklang. Es war ein Sender außerhalb von Shreveport, der gegen Abend von Zydeco auf Country umstellte – ein weiterer Hinweis darauf, dass er spät dran war.

Midnight. Mitternacht.

Das Wort fühlte sich wie eine Warnung an. Sein Grandpa hatte es »eine Nacht im Caddo Motel verbringen« genannt. . Grandpa erinnerte sich an die Geschichten von Schwarzbrennern und Mördern, die Großvater erzählt hatte, und die sich angeblich auf den zahllosen großen Inseln auf dem See versteckten. . Grandpa war mit Schauergeschichten von Schießereien und Messerstechereien aufgewachsen, ganz zu schweigen von den Geistergeschichten über Seelen, die sich auf dem Wasser tummelten, und Gespenster, die sich in den Bäumen versteckten. Laut Grandpa ließ sich nicht sagen, wie viele Menschen auf diesem Gewässer verschwunden waren.

Levi versuchte, die Jolle um den dicken Stamm einer Zypresse zu manövrieren, rutschte jedoch mit den feuchten Händen von der Pinne ab, die nach links schnappte. Als er den Kurs zu korrigieren versuchte, stieß er mit dem Bootsheck gegen Baumwurzeln. Der Motor klackerte ein paarmal, wie wenn eine Murmel eine Treppe hinabhüpfte. Er schaltete das Radio aus und lauschte, ob der Motor weiter Schwierigkeiten machte. Doch das Klackern war...



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