E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Locker Reberg
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-903184-22-0
Verlag: MILENA
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-903184-22-0
Verlag: MILENA
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Liane Locker, geb. 1960 in Linz, Autorin, Musikerin und Liedermacherin, unterrichtet an einem Gymnasium Deutsch und Geschichte. Diverse Veröffentlichtungen, darunter 1996 der Roman 'Im Zeichen des Wahnsinns'. Musical 'Christina oder Über die alltägliche Gewalt gegen Kinder', Theaterstücke: 'Der Panikmacher', 'Die Steinigung', 'Cashbox'.
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II
In der Klasse war die Hölle los. Einige Schüler saßen auf den Tischen, andere lümmelten auf einem ausgedienten grünen Sofa herum, das im linken hinteren Eck der Klasse stand. Rebergs Aktion war Hauptgesprächsthema.
Leitner, das Lateingenie, stand mit Tom am Fenster.
»Und?« Leitner kaute so geräuschvoll an seinem Kaugummi, dass sein Schmatzen Gefahr lief, den Lärm in der Klasse zu übertönen.
Tom war genervt, flog Leitner an, ob er das mit dem Kaugummi nicht lassen könne. Die erste Stunde hatte noch nicht einmal begonnen, und er hatte schon jetzt keinen Bock mehr.
Leitner war beleidigt, schnaubte verächtlich, zischte, das könne Tom ja wohl völlig egal sein, was er, Leitner, mit seinem Kaugummi mache und fabrizierte absichtlich eine riesengroße Blase.
Tom schüttelte den Kopf, wollte zu seinem Platz.
Leitner hielt ihn am Ärmel fest. Sog die Blase ein. »Ich habe dich was gefragt. Abhauen gilt nicht.«
Tom blieb stehen. Er nahm Leitners Hand von seinem Ärmel. »Vorsicht«, sagte er.
Leitner kam zur Besinnung. Er war zwei Köpfe kleiner als Tom und wog doppelt so viel, war also bewegungsmäßig mehr als eingeschränkt. Er murmelte eine Entschuldigung und erklärte, er habe nur wissen wollen, was jetzt passiere, das werde man ja wohl noch fragen dürfen.
Tom gab ihm zu verstehen, dass er es selbst nicht wisse und zog die Worte absichtlich in die Länge, damit Leitner endlich kapierte.
Leitner war nun noch beleidigter, versuchte es mit der Strebernummer. »Und wo warst du gestern? Die Kaufmann …« Er bekam wieder Oberwasser.
»Ich weiß, dass sie sauer war«, unterbrach ihn Tom. »Und weißt du, was?«
Leitner sah ihn aufmerksam an.
»Es ist mir scheißegal.« Er ließ Leitner mit seinem Kaugummi allein und setzte sich auf seinen Platz.
Lemnitz steuerte auf ihn zu. Er fuchtelte mit den Armen und wirkte wie ein Boot bei starkem Wellengang. »Glaubst du, wir sind dran?« Seine Stimme war noch höher als sonst. Er setzte sich auf den freien Stuhl neben Tom, schlug die Beine übereinander und warf den Kopf zurück. »Und? Glaubst du?«
Tom wandte seinen Blick ab, sah Richtung Fenster. »Und wenn? Reberg ist tot.«
Lemnitz seufzte tief. »Der Glückliche!«
»Idiot«, sagte Tom halblaut.
Lemnitz warf noch einmal den Kopf zurück, stand auf und trollte sich.
Leitner brachte sich nun vor der Klasse in Position. »Hey, hört mal alle zu. Ich habe gestern noch alles übersetzt.«
Keiner reagierte, Leitner zuzuhören interessierte niemanden.
Er schnappte sich den Lehrersessel, stellte sich darauf, formte mit seinen Händen einen Trichter. »Hallo! Ich habe noch alles übersetzt! Ein bisschen Anerkennung wäre angebracht.« Er sang es fast.
Einige johlten halbherzig, klatschten.
Lisa, ein pummeliges warmherziges Mädchen, das Krankenschwester werden wollte und mit einem ausgeprägten Helfersyndrom aufwarten konnte, steckte sich zwei Finger in den Mund. Der Pfiff ging durch Mark und Bein.
Leitner war am Wort. »Also, wie ich schon gesagt habe, ich habe gestern noch alles vollständig übersetzt.« Er machte eine Pause. Doch der erwartete Applaus blieb aus.
»Und? War’s das?« Das war Meier. Der Beste in Mathematik. Er und Leitner konnten einander nicht ausstehen.
Leitner beeilte sich fortzusetzen, bevor die Stimmung umschlug. »Es war nichts mehr Wesentliches dabei. Ein paar sehr kluge Sprüche halt, ihr kennt ja Reberg … besser gesagt, ihr habt ihn gekannt …« Er sah zu Tom. »Willst du uns vielleicht gnädigerweise mitteilen, was bei Beltzer los war?«
Die Revanche für die Kaugummibeleidigung.
Eva, die sich während Leitners Ansprache neben Tom gesetzt hatte, gab ihm einen Stoß und zu verstehen, dass er nach vorne gehen sollte. Er sei schließlich Klassensprecher. Dabei sah sie ihn bittend an.
Tom erhob sich schwerfällig, stellte sich direkt neben Leitner. Dieser war mit Sessel kaum größer als Tom ohne. Die Klasse brach in Gelächter aus, was Leitner rot anlaufen ließ. Er verzog sich in die letzte Reihe. Tom erhob die Hand und alle verstummten.
»Brav«, sagte er und lächelte. Er wusste um seine Ausstrahlung, nicht umsonst hatte er jede Klassensprecherwahl souverän gewonnen. »Ich habe Beltzer alles erzählt, so, wie wir es beschlossen haben. Unten in der Halle. Auf einem der Sofas.« Tom war klar, dass dieses Detail völlig unwichtig war. Genoss aber die Spannung, die dadurch entstand.
»Und, weiter?« Katharinas Stimme überschlug sich fast. Sie gehörte mit Eva zu den schlechtesten Schülerinnen der Klasse und stand unter enormem Druck. Sie saß in der letzten Reihe auf einem der Tische, strich ihr blondes, kurz geschnittenes Haar zurück und kämpfte mit den Tränen. Fragte dann, was denn das blöde Sofa damit zu tun hätte und sah Tom ebenso verzweifelt an wie vor einem Jahr, als sie hoffnungslos in ihn verliebt gewesen war und er sie mehr als einmal dazu hatte auffordern müssen, ihr Unterfangen aufzugeben.
Tom fuhr fort. »Keine Panik, hat er gesagt. Er wird es überschlafen.«
»Keine Panik?« Katharina lachte hysterisch und stieß dabei hervor, Beltzer hätte leicht reden, der hätte seine Matura schon, woraufhin sich jeder bemüßigt fühlte, sich am Gespräch zu beteiligen, was wiederum Toms Autorität kurzfristig untergrub.
»Ich mach das, Tom. Du kannst dich setzen.«
Tom drehte sich um. Direktor Klaus Wagenbach stand vor ihm.
»Alles klar«, sagte Tom, ging zu seinem Platz. In der Klasse wurde es still. Als Tom sich neben Eva setzte, ergriff sie sofort seine Hand.
»Das war mein Vater«, flüsterte sie ihm ins Ohr. »Der hat angerufen. Ganz sicher.«
Wagenbach räusperte sich, sah sich in der Klasse um, faltete seine Hände. Seine große hagere Gestalt mit dem kantigen Gesicht hatte etwas Geisterhaftes. »Ich habe einen Anruf bekommen«, sagte er dann.
Niemand in der Klasse rührte sich.
»Ich glaube, ihr wisst alle, worum es geht. Tom?«
.
Tom erhob sich.
»Ja, Herr Direktor?«
Wagenbach sah Tom auffordernd an. »Also, Tom, worum ging es in dem Anruf? Was glaubst du?«
Tom war irritiert. Diese Spielchen passten nicht zu Wagenbach. »Es ging um die Mathematikschularbeit. Und um Professor Reberg«, sagte er.
Wagenbach holte tief Luft. Ließ nun die Arme hängen, bestätigte Toms Antwort, fragte, ob alle wüssten, was das bedeutete und fragte sie, was ihnen da eigentlich eingefallen war.
Niemand sagte ein Wort. Alle starrten auf ihre Tische. Bis auf Tom.
Wagenbach seufzte, deutete Tom an, sich zu setzen.
Tom setzte sich, und Eva legte die Hand auf seinen Arm.
Wagenbach ging nun vor der Tafel hin und her. Wie ein gefangenes Tier. »Die Schularbeit ist natürlich ungültig. Und wir müssen einen Elternabend einberufen.« Er blieb stehen, schien betroffen und ratlos zugleich. »Ich versteh euch nicht«, sagte er dann. Und wusste gleichzeitig, dass das eine Lüge war.
Er sah noch einmal über die Köpfe hinweg. Dann verließ er ohne ein weiteres Wort den Klassenraum. Auf dem Gang traf er Joachim, warf ihm im Vorbeigehen hin, dass er mit ihm reden müsse.
Wagenbach hatte Stefan immer gemocht. Wagenbach hatte überhaupt die meisten Kollegen immer gemocht, das heißt, er mochte sie natürlich immer noch, denn sie waren ja noch am Leben, außer Stefan. Während der letzten sieben Jahre, in denen Wagenbach Direktor war, hatte er sich nie mit dem Tod eines Kollegen beschäftigen müssen, mit Krankheiten ja, echten oder vorgeschobenen, mit seelischen Zusammenbrüchen, lauthalsen Widerständen gegen Stundenpläne und Stundenzuteilungen, aber niemals mit einem Todesfall im Kollegenkreis. Es war sein erster. Und ausgerechnet Stefan. Sie kannten einander aus der Studienzeit, genauso wie Joachim, und als Wagenbach damals seinen Posten an dieser Schule antrat, war er froh gewesen, Stefan unter seinen Lehrern zu wissen. Er war gewissenhaft, pflichtbewusst, nicht zu streng und nicht zu modern, nicht zu kreativ und nicht zu bieder. Stefan war die goldene Mitte, ein Glücksfall unter den Lehrern, und Wagenbach wusste das zu schätzen. Wenn Stefan anrief und Krankenstand beantragte, was äußerst selten vorkam, war er wirklich krank, das wusste man, und wenn er sich engagierte und...




