Lohmann | Mein Weg hinaus | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Lohmann Mein Weg hinaus

Kindheit und Jugend in engen Verhältnissen
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-910732-56-8
Verlag: Dittrich Verlag ein Imprint der Velbrück GmbH Bücher und Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Kindheit und Jugend in engen Verhältnissen

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

ISBN: 978-3-910732-56-8
Verlag: Dittrich Verlag ein Imprint der Velbrück GmbH Bücher und Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Ulla Lohmann erzählt von ihrer Kindheit und Jugend zwischen 1949 und 1969 an der niederländischen Grenze: vom Aufwachsen in der Nachkriegszeit in einem konservativ geprägten Elternhaus, der Bevormundung durch ihre Eltern, von Familienurlauben- und -festen, von der Verwandtschaft, Schule und Kirche, vom Leben auf dem Dorf, Kommunion, Beichte und Prozessionen - und ihrem wachsenden Wunsch nach Veränderung und Selbstbestimmung. Es geht um das Erwachsenwerden einer jungen Frau, die schließlich zum Studium in die Großstadt aufbricht, und sich damit aus den engen Verhältnissen befreit. In klarer Prosa und einem nüchternen Ton, der Vorwurf und Abrechnung vermeidet, wird ein gesellschaftliches Umfeld lebendig, das eine ganze Generation geprägt hat: »Mein Weg hinaus« ist die Geschichte einer Frau, die sich wie viele andere jener Zeit aus einem Geflecht aus seelischer Armut, überlieferten Kriegstraumata und Lieblosigkeit befreien musste, um ihren eigenen Weg gehen zu können.

Ulla Lohmann, 1949 im Rheinland nahe der niederländischen Grenze geboren und aufgewachsen, lebt und arbeitet seit 1969 in Hamburg. Nach dem Studium der Naturwissenschaften arbeitete sie viele Jahre in der Forschung sowie in der Stadt- und Landschaftsplanung. Daneben hat sie sich von 1978 bis 2001 kulturpolitisch engagiert. Seit über fünf Jahrzehnten sammelt sie Gegenwartskunst. Seit 1994 organisiert sie Veranstaltungen in ihrem nichtkommerziellen Ausstellungsraum C15 - so Autorenlesungen im Rahmen der Gesprächsreihe dialogKULTUR. Ulla Lohmann ist Herausgeberin und Autorin von Veröffentlichungen zu Kunst und Gesellschaft und mit dem Format LOHMANNdialog in der Kunstvermittlung tätig, und ist Vorstand der ULLA UND HEINZ LOHMANN STIFTUNG für experimentelle Gegenwartskunst.
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


01 erzähl doch mal von früher S. 9
02 alles auf Anfang S. 13
03 niemals Heimweh S. 18
04 Musik vom Akkordeon S. 25
05 Sehnsucht nach dem Süden S. 28
06 schnittfeste kalte Butter S. 37
07 Petticoat und Caprihosen S. 41
08 Mythos und Realität S. 46
09 Alltag bei der Omia S. 50
10 ein Schaf und ein Schwein S. 55
11 der Garten ernährt uns S. 58
12 das hat man jetzt so S.61
13 der MERZbau und das Tote Haus u r S. 66
14 Gerüschtes und Geblümtes S. 71
15 der Pfarrer nahm besser dienstfrei S. 74
16 ein spärliches Licht S. 77
17 fleißig sein! brav sein! fromm sein! S. 81
18 allein meine Unachtsamkeit? S. 86
19 die Sache mit der Beichte S. 92
20 am zweiten Tag das Samtkleid S. 97
21 dieses emotionale Vakuum S. 105
22 Prozession und Segen S. 115
23 Kultur und Vergangenheit S. 118
24 das Minimalprogramm musste genügen S. 121
25 die Zwergschule S. 129
26 der lange Weg zur Bildung S. 133
27 zwischen Wien und Poserna S. 139
28 Erkenntnisse S. 144
29 wir ziehen um S. 148
30 Oma Netta S. 155
31 das Gymnasium S. 164
32 vor dem Abitur S. 173
33 nach dem Abitur S. 181
34 zwei Welten S. 185


03
niemals Heimweh


Brombeerranken wuchsen wild am Mauerwerk. Der hellgrüne Putz war fahl geworden. Heruntergekommen, verwahrlost, ohne Aussicht auf Fürsorge, fristete das Haus die Jahre nach dem Verkauf ein betrübliches Dasein. Längst waren wir ausgezogen, die Omia war vor geraumer Zeit gestorben. Der neue Besitzer vernachlässigte das Gebäude. Bevor es ein Opfer drohenden Verfalls wurde, ließ er es abreißen. Die Obstbäume wurden gerodet, der Garten eingeebnet.

Obwohl hier die 30er Jahre und der Krieg die Jugend der Mutter bestimmt hatten, war sie es, die das Haus nach dem Tod der Omia unbedingt verkaufen wollte. Sie vermisste schmerzlich ihre Mutter, das Elternhaus schien ihr ohne Belang. Von ihrer Jugend hat sie selten gesprochen, Fragmentarisches erzählte sie, das meiste blieb ungesagt. Bruder Hans und Schwägerin Sophie waren mit dem Verkauf einverstanden, alle verfügten inzwischen selbst über Eigentum. Vermietung wäre nicht infrage gekommen, in diesem ländlichen Milieu lebte man nicht zur Miete.

Einige Wochen nach dem Schulabschluss hatte ich die Gegend verlassen, war selten zu kurzen Besuchen zurückgekommen. Niemals verspürte ich Sehnsucht, niemals bemerkte ich die geringste Spur von Heimweh. Doch wie oft bin ich in Gedanken, die Kindheitserinnerungen im Kopf, durch die bescheidenen Zimmer, den Garten und die Obstwiese gelaufen, habe renoviert, umgebaut und renaturiert. Hunderte Kilometer trennten mich seit langem vom Ort dieser Visionen. Sechzehn Jahre lang war dort mein Zuhause gewesen, Heimat war es mir nie. Dörfliche Enge, eine herbe Abgeschiedenheit prägten die bodenständige, bäuerliche Gemeinde. Die vielen zugewanderten Arbeiter, seit Ende des 19. Jahrhunderts fanden sie im benachbarten Chemiebetrieb ihren Unterhalt, änderten daran wenig.

Aber warum nur wollte ich, wenn ich dort in der Nähe war, zumindest einmal nach »unserem« alten Haus und sogar zum Hof der Tante Bäbchen – der Schwester der Omia – schauen? Auch dieses Gebäude war längst in fremdem Besitz. Warum haben sich meine Gedanken wieder und wieder in den Vorstellungen von Restaurierung und Renaturierung verstrickt?

Die Mutter, deren 14 Jahre jüngerer Bruder Hans und ich wurden in einer kärglichen Mansarde in diesem Haus der Omia geboren. Entscheidende Phasen unseres Lebens hat es geprägt. Die Eltern, ich und nachher meine zehn Jahre jüngere Schwester Paula bewohnten die Räume links vom Eingang. Die Omia und Hans lebten rechts vom Eingang. Links, das war ein kleines Wohnzimmer mit einem Kohleofen und einer dahinter liegenden noch kleineren Küche, so winzig, dass es keiner Heizung bedurfte. Trotz der Enge, des Mangels und der Unzulänglichkeit habe ich in der Kindheit nie Armut oder Bedürftigkeit empfunden.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit mussten sich die Menschen mit dem begnügen, was übrig war, was Bomben, Plünderungen und Willkür an Hab und Gut gelassen hatten. Das Haus ist von größeren Beschädigungen verschont geblieben. Nach Aufhebung der Einquartierung richtete sich die Familie wieder in den einfachen Wohnräumen ein und die Eltern, Elli und Bert, konnten endlich heiraten. Die Trauung fand unter ärmlichen Bedingungen statt. Rationierungen und Nahrungsmittelmarken gehörten weiter zur Normalität. Trotzdem wurden die Gäste, Familie und Nachbarn nach der kirchlichen Zeremonie mit köstlichem Kartoffelsalat bewirtet. Ausreichend für alle, war er in einer kleinen Zinkwanne zubereitet worden. Die Eier hatten die Hühner gelegt, die übrigen Zutaten, Kartoffeln, Gurken, Kräuter und Lauch, wuchsen im Garten. Zur Feier des Tages wurde »Knolli« serviert, selbstgebrannter Kartoffelschnaps. Wer wollte bei einem solch freudigen Ereignis an einer privaten Destillation Anstoß nehmen?

Einen Steinwurf entfernt lebte die ältere Schwester der Omia mit ihrer Familie. Barbara – alle nannten die zarte Person nur »Bäbchen« – und die Omia waren gegen Ende des 1. Weltkrieges in das Dorf Unterbruch gekommen. Die beiden jungen Frauen, gerade mal 19 und 23 Jahre alt, hatten zuvor in einer Fabrik in Stolberg Stecknadeln und Druckknöpfe produziert, nun fanden sie Arbeit in der Chemie-Fabrik. Sie blieben für immer.

Das Hochzeitsfoto, eine professionelle Studioaufnahme im Postkartenformat, zeigt Tante Bäbchen und ihren Mann als kultiviertes Paar. Selbstbewusst stehen sie nebeneinander. Eine auffallend makellos schlichte Szene. Er trägt einen eleganten hellen Anzug, sie ein kurzes, in den 20er Jahren modisches weißes Kleid in gerader Silhouette, ohne Schleier, ohne Dekoration. Nur eine goldene Spangenuhr ziert das rechte Handgelenk der Braut, ein geschmackvolles Schmuckstück im Art-Deko-Stil. Es war lebenslang ihr ständiger Begleiter und zog meine ungeteilte Bewunderung auf sich.

»Scheng«, eigentlich Johannes, aus einer Bauernfamilie stammend, hatte Wohnhaus und Werkstätten des elterlichen Hofes geerbt. Im Carré des ehemaligen Gehöftes blühten im Sommer die schönsten Stauden und Rosen. Das abgeschlossene Areal war das Zuhause einer alten, zutraulichen Schildkröte. Vorsichtig, genussvoll fraß sie frische Blätter direkt aus der Hand. Onkel Scheng arbeitete mittlerweile, wie so viele Menschen der Region, auch in der Fabrik. Eine Nebenbeschäftigung hatte er sich bewahrt. Er stellte Körbe und Holzschuhe her. Dieses Handwerk hatte einige Jahrzehnte zuvor das Niederungsgebiet zwischen Rur und Wurm geprägt.

Onkel Schengs Werkstatt glich einer Wunderkammer. In einem alten Schuppen lagerten verschiedene, akkurat gestapelte Hölzer. Weidenruten, naturbelassen oder geschält und gebleicht, lehnten geordnet an der Wand. Die Arbeitsgeräte hatten ihren Platz in Kästen und Regalen. Fertige und soeben begonnene Stücke waren getrennt deponiert. Mit einer Lederschürze über den Knien saß er dort in der Freizeit im blauen Drillich an der Werkbank. Seine Körbe aus gebleichtem Material verwendeten wir bei der Wäsche, die anderen taten gute Dienste zur Obst- und Kartoffelernte. Ausgestattet mit dicken Socken, benutzten wir die Klompen im Garten. Scheng erlebte früh den zerstörerischen 1. Weltkrieg, da war er ein junger Mann gewesen. Später ertrug er die zweite verheerende Katastrophe. In der Werkstatt fand er einen Ort der Ruhe und Zufriedenheit. Er sprach wenig. Hier allein war seine Welt. Das Alltägliche regelte Bäbchen.

Das Wohnhaus teilten sich die beiden mit der Familie der Stieftochter Lene, einer aufgeschlossenen, hübschen jungen Frau. Sie war literarisch interessiert, las gern und viel und sie war glücklich mit ihrem freundlichen, liebevollen Ehemann und den drei Kindern. Ohne Zweifel belastete die Trennung von den Geschwistern ihr Leben schwer. Der Vater war früh gestorben, ein Fahrradunfall. Zurück blieb ihre Mutter mit fünf Kindern. Zu deren Entlastung übergab man Lene, die jüngste Tochter, kurzerhand der Schwester der Mutter, die gerade ihren kleinen Sohn verloren hatte.

Lene konnte den Tod des Jungen nicht ungeschehen machen und Tante Bäbchen, so gutherzig und wohlwollend sie sein mochte, war nicht in der Lage, die vier Geschwister, vor allem nicht die beiden munteren, immer fröhlichen Schwestern, zu ersetzen. Niemals ist der Versuch unternommen worden, diese tragischen Verhältnisse zu verstehen, geschweige denn aufzulösen. Stattdessen wurde Lene zu Unrecht mit Vorwürfen konfrontiert. Angeblich schlief sie morgens zu lange, hörte zu oft Radio, las zu viele Bücher und soll darüber den Haushalt vernachlässigt haben.

Diese gestörten Wahrnehmungen und wohl auch das eigene Trauma des Kindstodes dienten Tante Bäbchen zum unabweisbaren Vorwand, sich vollständig der Betreuung und Erziehung von Lenes Sohn zu bemächtigen. Ohne kindliche Entwicklungschancen, ohne eigene Erfahrungen im Jugendalter, erzog Bäbchen den Jungen in nahezu panischer Besorgnis zu einem lebensunfähigen Menschen. Lene flüchtete in ungesunde Ernährung und nachher in Tablettenkonsum, bis ihre Konstitution versagte. Unablässig ist sie mit meiner Mutter verglichen worden, die als »rechte Hand« der Omia eigene Ideen und Gestaltungskraft vermissen ließ. Ihre Elli war die Beste, die Fleißigste, war beispiellos und unersetzlich. Das taten Bäbchen und die Omia überall und ungefragt kund. Wie Lene diese stetigen Kränkungen empfand, interessierte niemanden.

Tante Bäbchen besuchten wir häufig. Sie hatte ihren knapp bemessenen Räumen durch wenige zierliche Möbel und bei Bedarf weit zu öffnende Verbindungstüren zwischen Wohnküche und Wohnzimmer einen geräumigen Eindruck gegeben. Das »Zimmerchen«, wie sie liebevoll ihr Wohnzimmer nannte, war tatsächlich winzig, und es lag zwei Stufen höher, weil sich darunter ein Kriechkeller verbarg. Hatte Tante Bäbchen zu einer Feier geladen, wurde vor dem Essen effektvoll der raumfüllende unechte Perserteppich zurückgeschlagen und an einem mächtigen, versenkbaren Messingring eine Klappe im Fußboden aufgezogen. Eine Leiter wurde ausgefahren. Man reichte die köstlichsten Kuchen oder kalten Platten herauf. Staunend sah ich diesem Schauspiel zu.

War die Kaffeetafel abgeräumt, kamen die Raucher zu ihrem Recht. Festliche Ereignisse nahmen die alten Herren, Onkel Scheng und Sophies Vater, Opa Fritz, zum Anlass, sich aus der Zigarrenkiste zu bedienen. Die Luft wurde blau, Linderung versprach ein ungewöhnliches Modeobjekt, der Rauchverzehrer. Die hohle Figur aus dünnem, bemaltem Porzellan leuchtete geheimnisvoll. Das Duftöl darin ließ zusätzlich graue Wölkchen aufsteigen – man vertraute eben dem Wohlgeruch. Der Vater mied die Zigarren. Während des Krieges war er zum Kettenraucher...


Ulla Lohmann, 1949 im Rheinland nahe der niederländischen Grenze geboren und aufgewachsen, lebt und arbeitet seit 1969 in Hamburg. Nach dem Studium der Naturwissenschaften arbeitete sie viele Jahre in der Forschung sowie in der Stadt- und Landschaftsplanung. Daneben hat sie sich von 1978 bis 2001 kulturpolitisch engagiert. Seit über fünf Jahrzehnten sammelt sie Gegenwartskunst. Seit 1994 organisiert sie Veranstaltungen in ihrem nichtkommerziellen Ausstellungsraum C15 – so Autorenlesungen im Rahmen der Gesprächsreihe dialogKULTUR. Ulla Lohmann ist Herausgeberin und Autorin von Veröffentlichungen zu Kunst und Gesellschaft und mit dem Format LOHMANNdialog in der Kunstvermittlung tätig, und ist Vorstand der ULLA UND HEINZ LOHMANN STIFTUNG für experimentelle Gegenwartskunst.



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