Lohmann | Wie du mich ansiehst | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Lohmann Wie du mich ansiehst

Roman | "Ein Buch wie ein Gespräch mit der besten Freundin." Süddeutsche Zeitung über "Das leise Platzen unserer Träume"
2. Auflage 2025
ISBN: 978-3-96161-263-5
Verlag: Eisele Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman | "Ein Buch wie ein Gespräch mit der besten Freundin." Süddeutsche Zeitung über "Das leise Platzen unserer Träume"

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-96161-263-5
Verlag: Eisele Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der neue Roman der Bestsellerautorin über die Chancen, die im Älterwerden liegen. Zwei Dinge hat Karl seiner Tochter Johanna hinterlassen: Den geliebten, verwilderten Garten - und eine tiefe Sorgenfalte auf der Stirn, die einfach nicht mehr weggehen will. Den Garten mo?chte Johanna behalten, aber die Sorgenfalte soll weg: Sie la?sst das erste Mal in ihrem Leben »etwas machen« und ist fasziniert, wie scheinbar einfach sich die Erschu?tterungen eines vierzigja?hrigen Lebens ausradieren lassen. Mit dem Verschwinden der Falte treten allerdings neue Fragen auf: Warum ist Johanna ihr Aussehen u?berhaupt so wichtig? Wie erkla?rt sie die Sache ihrer Tochter, der sie immer gepredigt hat, sich selbst bedingungslos scho?n zu finden? Und kann das A?lterwerden fu?r Johanna nicht auch eine große Freiheit bedeuten? »Eine kluge Erza?hlerin und genaue Beobachterin.« NDR Kultur 

 EVA LOHMANN, Jahrgang 1981, lebt als freie Autorin in Hamburg und hat eine Tochter. Wie du mich ansiehst ist ihr neuer Roman nach dem großen Erfolg von Das leise Platzen unserer Träume.
Lohmann Wie du mich ansiehst jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1.


Das hier ist ein erstes Mal.

Hier und jetzt vor dem großen Badezimmerspiegel wird es Johanna bewusst.

Sie wischt sich mit einem ölgetränkten Wattepad über die Augen, kurz verschwimmt alles, sie blinzelt, dann werden Rosas Umrisse wieder klar.

Rosa benutzt ein winziges bisschen Rouge und beginnt dann, sich die Wimpern zu tuschen. Sie hält kurz inne, als sie Johannas Blick bemerkt. Eine fünfzehnjährige Tochter, die ihr Make-up für den Abend aufträgt – und ihre vierzigjährige Mutter, die das Gegenteil tut. Die beiden lächeln sich im Spiegel an, es ist eine ungewohnte Situation.

Es ist ein erstes Mal.

»Darf ich dein Deo benutzen?«

»Klar.«

Johanna beugt sich übers Waschbecken, wartet, bis das Wasser warm aus dem Hahn kommt, wäscht sich das Gesicht. Sie greift nach dem Handtuch und trocknet sich ab, langsam, so dass sie Rosa noch ein bisschen beobachten kann.

Ihre Tochter trägt Jeans und einen Kapuzenpullover, die blonden Haare hat sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Die Party findet im Volleyballverein statt, vielleicht werden die Mädchen vorher noch eine Runde spielen.

Als Rosa fertig ist, betrachtet sie sich lange und prüfend im Spiegel.

»Hübsch«, findet Johanna.

»Na ja.«

Ein Mädchen, das aussieht wie ein lebendig gewordener Instagram-Filter, und so kritisch mit sich selbst. Johanna schaut in ihr eigenes, abgeschminktes Gesicht im Spiegel und schnell wieder weg.

Als Rosa zwei Jahre alt war, hat Johanna ihr vor diesem Spiegel das Zähneputzen beigebracht, damals konnte man das Kind zu diesem Zweck noch ins Waschbecken setzen. Später die vielen Wochenenden, an denen ihre Tochter die Kinderschminke hervorholte und sie sich gegenseitig angemalt haben. Rosa und Johanna im Spiegel als Tiger, als Schmetterlinge, als Rehe.

Und dann die unzähligen Morgen vor der Schule, an denen sie hier hinter ihrer Tochter gestanden und Zöpfe geflochten hat.

Es muss auch Momente gegeben haben, in denen sie zu dritt vor dem Spiegel standen, aber Johanna kann sich an keinen von ihnen erinnern.

Als Johanna vor fünfzehn Jahren Mutter wurde, hat sie ziemlich schnell verstanden, dass man sehr oft weiß, wann man etwas zum ersten Mal tut, aber nur selten, wann zum letzten Mal.

Am Anfang hat es nur erste Male gegeben.

Das erste Mal eine Bewegung des Kindes im eigenen Bauch spüren. Das erste Mal einen winzigen, frisch gewaschenen Babybody auf die Wäscheleine hängen. Das erste Mal das kleine Bündel in einen Kinderwagen legen und sich rauswagen.

Zwei Wochen nach Rosas Geburt war Johanna das erste Mal mit ihr im Kinderwagen nach draußen gegangen. Sie war mit dem Wagen ziellos durch die Straßen gewandert und hatte sich gewundert. Das war jetzt also sie, eine Mutter mit Kind – und anscheinend dachten alle Menschen, die an ihr vorbeigingen, das sei eine völlig normale Sache. Niemand hielt sie an und fragte, ob sie einen Führerschein für Mutterschaft gemacht habe oder ob in dem Wagen auch wirklich ein Kind liege und keine Puppe. Am seltsamsten aber war es, wenn Johanna anderen Frauen mit Kinderwagen begegnete. Dann musste sie – zumindest in der Anfangszeit – das starke Bedürfnis unterdrücken, im Vorbeigehen die Hand zu heben, um der anderen ein High Five anzubieten. Waren sie jetzt nicht alle im selben Team? Mit der Geburt des Kindes hatte jede von ihnen die gleiche Brücke überquert, ohne zu ahnen, was da eigentlich vor ihnen lag. Dass es keinen Weg zurück gab, hatten sie zwar gewusst – aber was das wirklich bedeutete, sickerte erst langsam ein.

»Ich habe übrigens noch eine Überraschung für dich«, holt Rosa sie aus ihren Gedanken.

»Ach, ja?« Johanna hängt das Handtuch über die Stange und folgt ihr aus dem Badezimmer in die offene Küche.

»Hier.« Rosa zeigt auf die Arbeitsplatte.

Im Chaos der dort angesammelten Dinge sieht Johanna nicht sofort, was ihre Tochter meint. Rosa greift nach etwas Rundem, Silbrigen und hält es ihrer Mutter hin.

Karls Wecker. Der Wecker von Johannas Vater. Deswegen hat sie heute Nachmittag so lange auf dem Dachboden herumgewühlt.

»Das ist die perfekte Lösung, Mama. Wir stellen ihn genau vor deine Schlafzimmertür und den Alarm auf dreiundzwanzig Uhr.«

Johanna starrt den Wecker an, erinnert sich gut an das fleißig-klappernde Geräusch, das er beim Losgehen macht. Ein Geräusch aus einer anderen Zeit.

Sie sieht ihrer Tochter dabei zu, wie die den Minutenzeiger des Weckers akribisch genau einstellt.

»Du kannst in Ruhe schlafen gehen und dich darauf verlassen, dass du dir erst dann Sorgen machen musst, wenn der Wecker tatsächlich klingelt. Das wird aber gar nicht erst passieren, weil ich um kurz vor elf nach Hause komme und ihn ausschalte.«

»Guter Plan.«

Rosa nickt zufrieden.

»Willst du kontrollieren?« Sie gluckst ein bisschen. In ihrer Stimme liegt schon jetzt die Vorfreude auf den kommenden Abend.

Als Baby hat Rosa auch auf diese Weise gegluckst. Stück für Stück pendelten sie und ihre Mutter sich damals im Alltag ein. Irgendwann zählte Johanna das Alter des Kindes nicht mehr in Tagen, schon kurz darauf auch nicht mehr in Wochen. Das Bedürfnis, Müttern auf der Straße ein High Five anbieten zu wollen, legte sich mit der Zeit.

Ein paar Jahre später wurde der Kinderwagen nicht mehr gebraucht, Rosa lief an Johannas Hand durchs Viertel. Und noch später, als ihre Tochter im Kindergarten war und Johanna wieder ohne Kind unterwegs, musste sie einen anderen, neuen Impuls unterdrücken: Müttern mit Kinderwagen und Kind entgegenzurufen: »Ich habe auch so eins, ich bin auch Mutter, das Kind ist nur gerade nicht bei mir, aber ich gehöre immer noch zu euch.«

Irgendwann wurde ihr bewusst, dass die allermeisten Frauen über vierzig, die ohne Kinder auf der Straße unterwegs waren, mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls Mütter waren – auch wenn sie ihre Kinder gerade nicht bei sich hatten.

Nachdem Rosa gegangen ist, wirken die Zimmer auf eine neue, merkwürdige Art still. Die Idee mit dem Wecker ist tatsächlich nicht schlecht, findet Johanna. Natürlich könnte sie wach bleiben, bis Rosa von der Party nach Hause kommt, aber morgen früh will sie um sechs auf dem Großmarkt sein und deswegen so früh wie möglich ins Bett. Die Sache ist also definitiv einen Versuch wert – auch wenn Johanna den Verdacht hat, dass sie später trotzdem auf jedes Geräusch in der Wohnung lauschen wird.

Es ist erst acht, Johanna könnte einen Film schauen, sie könnte die Buchhaltung für den Laden machen, ein bisschen aufräumen. Sie tut nichts davon, ignoriert sogar die Pizzakartons vom Abendessen, die immer noch auf dem großen Esstisch liegen.

Sie läuft lediglich noch einmal durch alle Zimmer, um eine Spur aus Licht anzuknipsen, die Rosa später ein heimeliges Gefühl geben wird, wenn sie zurück in die Wohnung kommt.

Die Sonne ist schon lange untergegangen, aber die großzügig geschnittene Altbauwohnung wird nie ganz dunkel. Mit Blick auf den Hafen und seine ewig blinkenden Lichter muss man normalerweise keine Lampe einschalten, um sich nachts in den Räumen zu orientieren. Johanna legt die Lichtspur trotzdem, knipst Rosas Nachttischlampe an, in der offenen Küche schaltet sie die Vitrinenbeleuchtung ein.

Sie kontrolliert den Wecker nun doch noch einmal, schließt die Schlafzimmertür hinter sich, zieht sich um und legt sich mit einem Buch ins Bett.

Es ist ein breites, luxuriöses Bett, und an den allermeisten Tagen ist es ungemacht. Manchmal legt sich Rosa am Wochenende mit einem Buch auf die andere Bettseite und liest, zwischen Mutter und Tochter eine Schale mit Croissants, deren buttrige Splitter sich allmählich auf den weißen Laken verteilen. Johanna streicht danach niemals die Kissen glatt, und sie versucht auch nicht ernsthaft, die Reste zu beseitigen.

»Wer nie sein Brot im Bette aß, weiß nicht, wie Krümel pieksen«, hat Karl immer gesagt. Jedes Mal, wenn Johanna einen Croissantkrümel unter ihrem Rücken hervorholt, muss sie an den Spruch ihres Vaters denken. Und unweigerlich auch an ihre Mutter: »Wie man sich bettet, so liegt man.« Ein Satz von Betty, in dem immer ein leichter Vorwurf mitschwang. Beide Sprüche spiegeln ziemlich exakt die unterschiedlichen Sichtweisen ihrer Eltern auf diese Welt. Karl jedoch schaut, wenn überhaupt, nur noch von oben auf diese Welt, vier Monate ist er nun tot.

Als er im Krankenhaus lag und beide schon wussten, dass es vorbeiging, hat sie so oft es ging seine Hand gehalten. Sie hat daran gedacht, dass es auch diese Berührung ein erstes Mal gegeben haben muss. Johannas kleine Babyhand in der Hand ihres Vaters. Und plötzlich, viele Jahre, aber eigentlich nur einen Wimpernschlag später – Johannas erwachsene Hand, die die Hand ihres todkranken Vaters hält. Ein letztes Mal.

Johanna schlägt ihr Buch auf. Das Lesen hat sie sich erst wieder antrainiert, früher konnte sie es stundenlang, heute muss sie sich sehr zusammennehmen, nicht alle zehn Minuten zum Handy zu greifen. An diesem Abend ist es aber nicht das Handy, das sie ablenkt. Immer wieder bleibt Johannas Blick zwischen den Zeilen hängen, während sie darüber nachdenkt, was ihre Tochter jetzt gerade macht, mit wem sie zusammen ist, wie es ihr geht. Rosa, wie sie gemeinsam mit den Freundinnen durch die um diese Jahreszeit noch so kalten Straßen radelt, Rosa im furchtbar dünnen Mantel, den sie sich nicht ausreden lässt. Wie sich die Mädchen im Dunkeln Dinge zurufen, übertrieben laut lachen und Insider austauschen, von denen Johanna schon lange nichts mehr...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.