Lohmeier Mit Carsten Niebuhr im Orient
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8042-3029-3
Verlag: Boyens Buchverlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zwanzig Briefe von der Arabischen Reise 1760-1767
E-Book, Deutsch, 270 Seiten
ISBN: 978-3-8042-3029-3
Verlag: Boyens Buchverlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Vor 250 Jahren, in den ersten Januartagen des Jahres 1761, ging eine international zusammengesetzte Gruppe von sechs jungen Männern von Kopenhagen aus an Bord eines dänischen Kriegsschiffes auf die Arabische Reise, eine vom König von Dänemark finanzierte Expedition in den Jemen, die die Teilnehmer zunächst nach Ägypten und zum Sinai führte. Fast sieben Jahre später, im November 1767, kehrte Carsten Niebuhr als einziger Überlebender nach Kopenhagen zurück, nachdem er das Zweistromland, Anatolien und den europäischen Teil des Osmanischen Reiches durchquert hatte. In Meldorf, wo Carsten Niebuhr nach der Auswertung der Reise eine Stelle als Landschreiber versah, ist sein Wohnhaus am Markt (Domgoldschmiede) und eine Skulptur seines Kopfes an der Domrückseite zu sehen.
Das Unternehmen, ein Projekt der Welt-Erkundung aus dem Geiste der Aufklärung, das keinerlei handels- oder gar machtpolitische Absichten verfolgte, sondern allein den Wissenschaften dienen wollte, wird hier in zwanzig Briefen gespiegelt, die Niebuhr während der Reise geschrieben hat. Sie geben einen unmittelbaren Eindruck davon, wie er das gefährliche Abenteuer erlebte und durchstand. Die begleitenden Texte zu den Briefen erläutern die Zusammenhänge, in die sie gehören, und Anmerkungen erläutern die zum vollen Verständnis erforderlichen Einzelheiten. Das Buch beruht auf der Erfassung und Auswertung der gesamten schriftlichen Überlieferung der Arabischen Reise und wird durch zeitgenössische Abbildungen illustriert.
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Einleitung
Vor 250 Jahren, in den ersten Januartagen des Jahres 1761, ging eine international zusammengesetzte Gruppe von sechs jungen Männern von Kopenhagen aus an Bord des dänischen Kriegsschiffes „Grønland“ auf die Arabische Reise, eine von König Friedrich V. von Dänemark finanzierte Expedition in den Jemen, die die Teilnehmer zunächst nach Ägypten und zum Sinai führte. Fast sieben Jahre später, im November 1767, kehrte Carsten Niebuhr als einziger Überlebender nach Kopenhagen zurück, nachdem er sich zunächst nach Bombay gerettet und dann – nach einem Abstecher zu den Ruinen von Persepolis – das Zweistromland, Anatolien und den europäischen Teil des Osmanischen Reiches durchquert hatte. Die Arabische Reise, ein Projekt der Erkundung der Welt aus dem Geiste der Aufklärung, das keinerlei handels- oder gar machtpolitische Absichten verfolgte, sondern allein auf den Erwerb von Wissen auf den verschiedensten Gebieten von der orientalischen Philologie über die Geographie bis zur Botanik ausgerichtet und von vornherein – trotz allen Interesses am Prestigegewinn für Dänemark und seine königliche Regierung – auf die Verbindungen mit der internationalen gelehrten Welt bedacht war, zieht aus historischem, kulturgeschichtlichem oder einfach menschlichem Interesse immer wieder die Aufmerksamkeit auf sich, verdankt aber seinen nachhaltigen internationalen Ruf vor allem seinem höchst beachtlichen wissenschaftlichen Ertrag. Daß es trotz des Todes von fünf Mitgliedern der „gelehrten Gesellschaft“ einen solchen öffentlich erkennbaren Ertrag überhaupt gab, ist das Verdienst Carsten Niebuhrs, der sich während der Arabischen Reise als ein verantwortungsbewußter, zuverlässiger und sorgfältig beobachtender Mann mit wissenschaftlichem Weitblick erwies. So nutzte er aus eigenem Antrieb die Fahrt der „Grønland“ durch den Atlantik, um die Methode zur Längengradbestimmung auf See, die sein Göttinger Lehrer der Astronomie, Tobias Mayer, entwickelt hatte, erstmals praktisch zu erproben, und leistete damit einen Beitrag zur Entwicklung der modernen Navigation. In Ägypten kopierte er, ohne damit beauftragt zu sein, Hieroglyphen und tat das mit großer Sorgfalt, weil er zu der Überzeugung gelangte, daß es sich dabei um eine Form von Schrift mit einem begrenzten Inventar an Zeichen handele (was auch prominente Gelehrte damals noch grundsätzlich bestritten), und in Persepolis kopierte er, gleichfalls aus eigenem Antrieb, ebenso sorgfältig die Keilschriftzeichen, die er als eine von rechts nach links zu lesende Schrift mit drei verschiedenen Alphabeten identifizierte, und stellte damit das Material bereit, mit dessen Hilfe mehrere Jahrzehnte später Georg Friedrich Grotefend die Keilschrift entzifferte und so den Schlüssel zu den schriftlichen Zeugnissen des Alten Orients fand. Als Niebuhr 1764 allein in Bombay saß und sich auf die lange Rückreise vorbereitete, sorgte er dafür, daß die Materialsammlungen seiner verstorbenen Kollegen auf dem Seewege nach Kopenhagen gelangten: die vielen losen Blätter, auf denen der Botaniker Petrus Forsskål seine Beobachtungen von Flora und Fauna notiert hatte, sowie Forsskåls Herbarium, sein „Fischherbarium“ und sein Reisetagebuch, die Zeichnungen, die der Maler Georg Wilhelm Baurenfeind für Forsskål von Pflanzen und Tieren, die sich nicht konservieren ließen, und für Niebuhr von Orten, die die Reisenden unterwegs besuchten, angefertigt hatte, sowie das Reisetagebuch des Philologen Frederik Christian von Haven. Auch einen Teil der von ihm selbst gezeichneten Karten und Stadtgrundrisse ließ Niebuhr mit diesen Sendungen nach Europa gehen, wo alles wohlbehalten ankam. Als Niebuhr dann selbst 1767 nach Kopenhagen zurückkehrte, war im Jahr zuvor König Christian VII. seinem Vater auf dem Thron gefolgt. Nun verlor die kosmopolitische Kulturpolitik, die von den beiden wichtigsten Ratgebern des verstorbenen Königs, Oberhofmarschall Moltke und Außenminister Bernstorff, betrieben worden war und für die die Arabische Reise ein besonders eindrucksvolles Beispiel gab, allmählich ihre Grundlage: Moltke wurde schon 1766 in Ungnade entlassen, kehrte dann zwar noch einmal in die Regierung zurück, erlangte aber seine alte Machtfülle nicht wieder und mußte im Dezember 1770 endgültig gehen, wenige Monate, nachdem auch Bernstorff seinen Abschied erhalten hatte. Für Niebuhr änderte sich freilich zunächst nichts. Er wurde bald nach seiner Rückkehr vom Ingenieur-Leutnant zum Ingenieur-Hauptmann („Capitain“) befördert und zehn Jahre lang aus dem Militäretat besoldet. Er war aber vom Dienst freigestellt und hatte dafür den Auftrag, seinen Reisebericht auszuarbeiten und zu veröffentlichen. Die königliche „Particulärkammer“, die die gesamte Arabische Reise finanziert hatte, bezahlte die Kupferplatten für die zahlreichen Illustrationen und Karten, die Niebuhr benötigte, und entlohnte auch die Kupferstecher, die diese Platten stachen; Niebuhr erhielt die Platten sogar als sein Eigentum. Aber als die Drucklegung der Bücher begann, geriet Niebuhr in Schwierigkeiten. Ihm wurden zwar für jeden der geplanten drei Bände 500 Reichstaler als Zuschuß zugesagt und ausgezahlt, aber das war weniger als ein Fünftel der gesamten Druckkosten von 2736 Reichstaler, die Niebuhr nach seiner eigenen Aussage für die erste seiner Veröffentlichungen, die 1772 erschienene „Beschreibung von Arabien“,1 aufzubringen hatte. Die wenig später erschienene französische Übersetzung dieses Werks2 mußte er anscheinend ganz allein finanzieren. Dennoch ließ Niebuhr sich nicht davon abbringen, zu tun, was er für seine wissenschaftliche und zugleich seine patriotische Pflicht hielt. 1774 kam der erste Band seiner „Reisebeschreibung nach Arabien und andern umliegenden Ländern“ heraus.3 Dann erschienen 1775 in zwei Bänden die Aufzeichnungen Forsskåls zu Fauna und Flora, die Niebuhr mit Hilfe des Botanikers Johan Zoëga veröffentlichte,4 sowie 1776 ein schmaler Band mit den dazugehörigen Kupferstichen nach Zeichnungen Baurenfeinds, die Niebuhr ihres teilweise großen Formats wegen gesondert herausbrachte.5 Der König unterstützte die Drucklegung nach demselben Muster wie bei Niebuhrs eigenen Werken: Niebuhr erhielt durch die Partikulärkammer einen Zuschuß zu den Druckkosten von 800 Reichstalern, die Kosten für die Kupferplatten wurden ihm erstattet, und die Kupferstecher wurden für jede einzelne Platte entlohnt. Aber auch in diesem Falle mußte Niebuhr wohl einen Teil der Kosten selbst tragen, dazu die Löhne der Künstler, die einen Teil der Kupferstiche aquarellierten, und des Buchbinders, der die vier Exemplare, die Niebuhr für die königlichen Herrschaften abzuliefern hatte, mit repräsentativen Einbänden versah. Schließlich folgte in der Reihe der Veröffentlichungen 1778 der zweite Band der „Reisebeschreibung“, der entgegen der ursprünglichen Planung schon mit dem Bericht über die Ankunft in Aleppo endete, so daß Niebuhr nun noch einen dritten Band ankündigte. Abb. 1. Titelblatt der „Beschreibung von Arabien“ (1772). – Für seine erste Buchveröffentlichung fand Niebuhr das Format und die großzügige, gefällige Typographie, die er dann auch für seine „Reisebeschreibung“ benutzte. Für die Titelblätter entwarf der Bildhauer Johannes Wiedewelt (1731-1802) die Vignette, die von J. F. Clemens (1748-1831) in Kupfer gestochen wurde. Sie stellt Personifikationen der beiden Wissenschaften dar, die Niebuhr betrieb: Geographie und Astronomie. Über die Jahre nach dem Sturz Bernstorffs berichtet Barthold Georg Niebuhr in der Biographie seines Vaters, „Mißverständnisse und Entzweiung“ hätten diesem den Aufenthalt in Kopenhagen verleidet, und als er dann hörte, der Chef des Ingenieurkorps, General Wilhelm von Huth, wolle ihn bei der in Vorbereitung befindlichen geographischen Landesaufnahme in Norwegen als Landmesser beschäftigen, habe Niebuhr beschlossen, den Militärdienst zu verlassen und sich für den zivilen Verwaltungsdienst zu bewerben.6 Briefquellen oder andere Zeugnisse, die diese Darstellung bestätigen oder modifizieren könnten, sind nicht bekannt. Gesichert ist jedoch, daß Niebuhr sich mit Erfolg um die Stelle des Landschreibers in Süderdithmarschen bewarb und im Frühsommer 1778 zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Kindern, der vierjährigen Tochter Christiane und dem zweijährigen Sohn Barthold Georg, Kopenhagen verließ und nach Meldorf umzog. Die Auswertung der Ergebnisse der Arabischen Reise war seitdem nur noch seine Privatsache. Der dritte Band der „Reisebeschreibung“ blieb nun im Manuskript liegen und wurde erst 1837 zum Druck gebracht. Niebuhrs Plan, auch Forsskåls Reisetagebuch, von dem er bereits eine Übersetzung ins Deutsche hatte anfertigen lassen, zum Druck zu bringen, wurde anscheinend sang- und klanglos begraben. Das könnte durchaus den Eindruck erwecken, als sei der Umzug von Kopenhagen nach Meldorf ein tiefer Bruch in Niebuhrs Leben gewesen. In der Tat kam Niebuhr 1778 in Verhältnisse, die ganz anders waren als diejenigen, in denen er während des letzten Jahrzehnts gelebt hatte. Dore Hensler schrieb im „Lebensbild“ ihres Schwagers und Freundes Barthold Georg Niebuhr über Meldorf, das sie von vielen Besuchen kannte: „In jenem kleinen altväterisch gebauten, größtentheils von Marsch umgebenen, und in einer baumlosen Gegend gelegenen Flecken verlebte Niebuhr seine Kindheit und Jugend in stiller Eingezogenheit. Entfernt von besuchten Straßen und weder durch sich selbst noch durch seine Umgebung anlockend, konnte der Ort nicht leicht jemand zum Besuche reizen, den nicht persönliches Interesse dahin führte. Der Ruf des berühmten Reisenden zog wohl zuweilen einen Fremden an, und manche Freunde besuchten ihn; aber es verflossen doch Monate und vielleicht...




