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Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, 313 Seiten
Loke Auster und Klinge
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-406-70060-6
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 313 Seiten
ISBN: 978-3-406-70060-6
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lilian Loke, geboren 1985, studierte Englische Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Neuere deutsche Literatur und lebt in München. Ihr Debütroman 'Gold in den Straßen' erschien 2015 und wurde mit dem Bayerischen Kunstförderpreis und dem Tukan-Preis ausgezeichnet. Für ihre literarischen Arbeiten erhielt sie u. a. das Literaturstipendium der Stadt München, das Werkstattstipendium der Jürgen-Ponto-Stiftung und der Autorenwerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin. Seit 2016 ist sie Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.
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Absichten
Ein Murmeln aus Dutzenden Mündern erfüllt das Callcenter, während Georg auf seinem Merkblatt herumkritzelt, stets lächeln beim Sprechen, Verständnis zeigen, Essverbot am Platz, Georg zeichnet Herzkranzgefäße, Aorta, Muskelgewebe mit schnellem, fließendem Strich quer über die schnörkellose Computerschrift. Das menschliche Herz, ein Klopfen, Pochen, Jagen, Stechen, ein Rhythmus in Brust, Kehle, in jeder Faser, wenn wir lieben, hassen, fürchten, leiden, Sitz der Seele oder bloß Blutpumpe, ein zuckender Klumpen Fleisch – Georg dreht rasch das Blatt um, als der Abteilungsleiter durchs Büro geht wie ein Lehrer bei einer Klassenarbeit, ihm einen kurzen prüfenden Blick zuwirft.
Georg schätzt, in Törners Augen ist er wohl eine Personalnotlösung, Schublade Alt und braucht das Geld, dreiundvierzig, brotloser Akademieabschluss, null Erfahrung im Vertrieb, geschweige denn im Beschwerdemanagement, doch andere Bewerber waren offenbar noch untauglicher, obwohl Georg sich das schwer vorstellen kann. Er macht den Callcenterjob erst seit vier Wochen, tatsächlich hat er dringend Geld gebraucht, weil sich der Kater alle Knochen gebrochen hat beim Sturz vom Dach in den Hof, dann hieß es tausendfünfhundert Euro für die Operation oder eben keinen Kater mehr. Dabei gehört ihm das Vieh nicht mal, ist ihm vor einem halben Jahr zugelaufen und hat sich entschieden zu bleiben, was heißt, dass es jeden Tag kommt, wenn es ihm passt, um zu fressen, zu schlafen oder Georg die Hosenbeine vollzuhaaren, bevor es wieder spazieren geht. Auf den Aushang Kater zugelaufen hat niemand reagiert, das Tierheim wollte Georg ihm nicht antun, aber einen Namen hat er ihm nicht gegeben, er sagt Kater, dem Tier ist es egal. Dank des Katers hat Georg jetzt den ganzen Tag Leute am Telefon, die ihn zur Sau machen, weil ihr Handy, Laptop, Drucker nicht mehr funktionieren, Georg ist erste Anlaufstelle, bevor es gegebenenfalls zur Technik geht. Der Job war ein Fehler. Mein Gerät, brandneu, alle wollen, ich habe, macht mich glücklich, Bedürfnisse, mein Gerät, Schnäppchen, größer, flacher, schneller, andere Farbe als der Vorgänger, mein Gerät, wieso schon kaputt? Er hätte sich besser um den Putzjob in der Kolonne am Flughafen beworben, aber dort haben sie Referenzen verlangt, die er nicht hatte. Hier haben sie nichts verlangt, du kriegst eine unbezahlte Schulung und los. Er muss sich nach einer anderen Arbeit umsehen, aber wenn die vom Callcenter mitkriegen, was er den Kunden inzwischen den ganzen Tag erzählt, setzen sie ihn ohnehin vor die Tür. Telefonate werden aufgezeichnet, außer, der Kunde widerspricht, was dieser aus Faulheit oder Komplizenschaft selten tut, schließlich sind Callcenteragenten alles Affen, Qualitätskontrolle ist gut. Demnächst wird vermutlich ein Qualitätsmanager mit lautem Knall in einer Wolke Schwefelrauch erscheinen, Georg am Kragen packen und aus dem Großraumbüro schleifen, bis dahin telefoniert er.
«Servicecenter, guten Tag.»
«Ja, hallo? Endlich, Gott sei Dank! Das Display meines Handys fällt dauernd aus, das Ding ist eine Unverschämtheit!»
Ein angestrengtes Schnauben rauscht in der Leitung, in der Stimme des Anrufers liegt die übliche Mischung aus Wut, Leid und Erleichterung, die Warteschleife überwunden zu haben, und natürlich der Hoffnung auf ein Heilsversprechen für das kaputte Gerät. Georg lehnt sich auf seinem Stuhl zurück.
«Innereien wie die Ihres Telefons werden sechs Tage die Woche in Zwölf- bis Fünfzehn-Stunden-Schichten zusammengeschraubt, bei einem Monatslohn von vierzig bis zweihundertfünfzig Euro, aber das können Sie sich ja denken beim Preis für Ihr Gerät. Außerdem möchte der Hersteller, dass Sie bald ein neues kaufen, spätestens nach Garantieablauf.»
Kurz herrscht Stille am anderen Ende, dann überdreht die Stimme des Anrufers so stark, dass es in der Leitung scheppert: «Wollen Sie mich verarschen? Ich habe über vierhundert Euro dafür bezahlt!»
«Wussten Sie, dass sich die Leute in der chinesischen Elektronikindustrie reihenweise umbringen? Sie klettern aufs Fabrikdach und springen in den Tod.»
«Sagen Sie, sind Sie geistesgestört? Nennen Sie das Kundenservice? Ich will Ihren Vorgesetzten sprechen, ich –»
«Tut mir leid, das geht nicht, bleiben Sie dran, ich verbinde Sie mit dem Techniksupport.»
Georg dachte, seine Zeit beim Krisentelefon würde ihm helfen hier im Callcenter, rein nervlich, aber das ist zu optimistisch gewesen. Die Telefonseelsorge macht er bald zehn Jahre, zwei Mal im Monat, Krankheit, Scheidung, Todesfall, Geld-, Alkohol-, Drogenprobleme, Selbstmordgedanken, Georg hört zu, erzählt auch von sich, wenn der Anrufer fragt, verbindet auf Wunsch mit einem Psychologen, aber die meisten wollen das nicht, wollen mit einem normalen Menschen sprechen, was immer das ist.
Georg solle sich eine Beschäftigung suchen, bei dem er sein Sprechen trainiere, etwas, das ihm gefalle, riet der Sprachtherapeut, als das Stottern plötzlich wieder ausbrach, nachdem Georg es jahrelang im Griff gehabt hatte. Das Krisentelefon ist eine von Georgs Sprachtherapien, er stottert seit seinem sechsten Lebensjahr, aber er hat gelernt, es zu kontrollieren, Atmung, Zwerchfell, Tempo, Rhythmus. Wörter, über die er stolpert, schiebt er nach hinten im Satz, umgeht sie notfalls. Au-Au-Auto. Er sagt Wagen. Die meisten merken nichts. Das Schlimmste ist, wenn Leute denken, dein Verstand wäre so verkrüppelt wie dein Sprechen. In Georgs Kindheit war das Stottern ein Monster, das ihm die Zunge aus dem Hals reißen wollte, heute ist es bloß noch ein kurzer Spuk, ab und zu. Beim Krisentelefon, abgeschirmt von drei Pappstellwänden mit Notfallnummern, stottert er nie. Manchmal fühlt er sich wie ein Priester im Beichtstuhl, nur Absolution erteilt er nicht, aber er glaubt, wenn du gibst, wird dir gegeben. Viele schweigen lange, bevor sie sprechen, manche legen einfach wieder auf, manche weinen bereits, wenn sie anrufen. Er hat gelernt, die Gespräche nach der Schicht hinter sich zu lassen, auch wenn er sich fragt, wie viele von denen, die mit ihm über Selbstmord gesprochen haben, jetzt noch am Leben sind. Ob er geholfen oder Fehler gemacht hat. «Ich sterbe auch nicht mit jedem Patienten», sagte eine der anderen Ehrenamtlichen, eine Krankenschwester. «Du sprichst mit ihnen, Georg, du hörst sie, das ist viel.»
Aber die Art Abhärtung hilft ihm hier nicht weiter.
«Servicecenter, guten Tag.»
«Ich habe ein Problem mit meinem Laptop, der Lüfter macht komische Geräusche, ich habe aber noch Garantie.»
«Wussten Sie, dass –»
Um zwölf macht Georg Pause in der Kaffeeküche, Barbara sitzt am Tisch wie ein Häuflein Elend, vor ihr eine Tupperdose voll Nudelsalat, dick Mayonnaise, Wurst, Erbsen, bei dessen Anblick Georg jedes Mal übel wird, ein paar nennen Barbara hinter ihrem Rücken Tonne, Presssack, Jabba the Hutt und ähnlich Charmantes, aber Barbara ist eine der wenigen gewesen, die überhaupt Hallo gesagt haben, als Georg hier angefangen hat. Er sieht Angst in ihren Augen, Herr Törner steht am Küchentresen, redet mit falscher Freundlichkeit auf sie ein. Ob Barbara nicht mal Gas geben wolle. Die Kollegen hätten so viel mehr Biss, das sei ja auch eine Frage von Stolz, niemand sei gerne Bodensatz.
Barbara ist in der Vertriebsabteilung für einen Druckerpatronenhändler, ihre Zahlen sind nicht überragend, aber darum geht es Törner nicht, Törner, ein untersetzter, halbglatziger Kerl, frisst Barbaras Angst wie Brot, er genießt es, auf seinen Leuten rumzuhacken, einfach, weil er es kann. Georg beobachtet die beiden einen Moment schweigend, er hat Leute so satt, die ihr Maul aufmachen, bloß um Schmerz zu erzeugen. Es heißt, kleine Sünden bestrafe Gott sofort, aber Georg glaubt nur an Chaos, Zufall. Die Einzigen, die bei Sünden zusehen, falls überhaupt einer zusieht, sind Komplizen oder Gaffer, unbeteiligte Dritte. Georg bemerkt Törner hinter sich, erkennt den Schimmer seines hellen Hemds im Metall des Kaffeeautomaten, als Georg eine Tasse unter den Auslass stellt, die Maschine beginnt zu brummen, lässt in einem dünnen Strahl Kaffee in die Tasse rinnen. Wenn jemand einem anderen etwas antut, weil der ihm zuvor etwas angetan hat, heißt das Rache. Georg betrachtet die wirbelnden Schaumbläschen in der dunklen...




