London | Das verlorene Mädchen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 463 Seiten

Reihe: Lübbe

London Das verlorene Mädchen

Kriminalroman
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7325-5004-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 463 Seiten

Reihe: Lübbe

ISBN: 978-3-7325-5004-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



London 1987: Am Morgen nach dem großen Sturm macht sich die fünfzehnjährige Tania Mills auf den Weg zu ihrer Freundin. Danach wurde sie nie mehr gesehen. 27 Jahre später wartet ihre Mutter noch immer auf ein Lebenszeichen. Als DS Sarah Collins von der Londoner Polizei den Fall übernimmt, lässt sie die rätselhafte Geschichte um Tanias Verschwinden nicht mehr los. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Lizzie Griffith versucht sie, die Ereignisse jenes schicksalhaften Tages zu rekonstruieren - und stößt auf eine beunruhigende Spur ...



Kate London studierte in Cambridge, bevor sie zunächst nach Paris ging, um dort Schauspielunterricht zu nehmen und eine eigenes Ensemble zu gründen. Danach unterrichtete sie in London, Amsterdam, Madrid und Tel Aviv, bevor sie 2006 in den Dienst der Metropolitan Police eintrat, wo sie schließlich als Kriminalbeamtin der Mordkommission an zahlreichen großen Fällen mitarbeitete. Kate London verabschiedete sich 2014 aus dem Polizeidienst. Das verlorene Mädchen ist ihr zweiter Roman.
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Prolog


OKTOBER 1987

Der große Sturm von 1987 war die Zäsur zwischen Vorher und Nachher im Leben von Claire Mills. Auch mehr als fünfundzwanzig Jahre später wachte sie noch manchmal mitten in der Nacht auf, setzte sich zur Salzsäule erstarrt im Bett auf und sah mit erschreckender Klarheit die entwurzelten Bäume und zertrümmerten Fahrzeuge vor sich. In Gedanken ging sie dann immer wieder durch, ob sie nicht doch etwas Auffälliges hätte bemerken müssen. Sie machte sich unzählige Vorwürfe, unter anderem auch deshalb, weil sie es versäumt hatte, auf das eine oder andere böse Omen zu achten.

Sie wusste, dass ihre Tochter Geheimnisse hatte.

Sie wusste auch, dass ihr Mann eine Affäre hatte. Aber wann immer ihr seine allzu offensichtliche Untreue in den Sinn kam – und sie musste zugeben, dass sie sich bemüht hatte, dies zu verhindern –, entschied sie sich jedes Mal, sie lieber zu ignorieren. Irgendwann wäre es damit vorbei. Sein Fremdgehen konnte vielleicht nicht als alleinige Ursache für das gelten, was passiert war, doch es war ein weiteres Symptom für ihre Schlafstörungen. Sie hing viel zu sehr an ihrem geruhsamen Leben. Das Haus war immer ordentlich und sauber, und sie liebte ihre Zentralheizung, die Teppichböden und die neu installierten Fenster.

Mit dem anbrechenden Tag kam dann der Trost der Vernunft. Der Sturm hatte die nachfolgenden Ereignisse möglicherweise in gewisser Weise gefördert, aber er war sicher kein übernatürlicher Vorbote gewesen. Dennoch musste sie sich jedes Jahr, wenn die Tage im Herbst kürzer wurden, ganz allein ihrer Überzeugung stellen, dass es ihre eigene willkürliche Blindheit gewesen war, die eine solche Katastrophe über sie hatte hereinbrechen lassen.

Diese Bäume! Diese nach oben verdrehten Wurzeln!

In den gemütlich warmen Zimmern des Hauses der Adresse 14 Eccleshall Drive war am Abend des 15. Oktober 1987 alles so wie immer. Claire hatte spät am Abend allein in ihrem Wohnzimmer gesessen und die Wettervorhersage im Fernsehen geschaut. Michael Fish – der Sprecher mit Stirnglatze und Brille – stand zuversichtlich vor seinen Isobaren. »Heute hat eine Frau bei der BBC angerufen und erklärt, ein Hurrikan sei unterwegs«, sagte er und kicherte. In den Achtzigerjahren war es noch einfacher, weibliche Ängste nicht ernst zu nehmen. »Keine Sorge«, fuhr er lächelnd fort, »es ist kein Hurrikan unterwegs.«

Damit ging England zu Bett. Das Land hatte sich neu aufgestellt. Eine eiserne Lady hatte das »Groß« in den Namen Britanniens zurückgebracht. Dies war keine Nation, die sich vor Wind fürchtete.

Claire stand aus ihrem Fernsehsessel auf. Ihr Mann Ben saß im Esszimmer und büffelte mit gesenktem Kopf für seinen Segelschein. Er verschwendete keinen Gedanken an die Schiffe, die sich in der Nacht aus ihrer Vertäuung losreißen würden. Claire schaltete den Fernseher aus. In der Küche brachte sie Wasser zum Kochen, füllte eine Wärmflasche und stieg in Hausschuhen die Treppe hinauf zu ihrer Tochter, die an ihrem Schreibtisch saß und Hausaufgaben machte. Sie schlug die Decke des Jugendbettes zurück und legte die Flasche hinein.

»Zeit, schlafen zu gehen, Tania.«

In den frühen Morgenstunden wurde Claire sich eines ständigen Polterns bewusst, als ob über ihrem Kopf Pferde über einen harten Boden galoppierten. Verschlafen, wie sie war, konnte sie das Geräusch zunächst nicht einordnen. Was war da los? Stritt da jemand? Warf jemand Schornsteinaufsätze vom Dach? Nur langsam kehrte sie in die Realität zurück. Sie hörte ein klagendes Glissando, als ob die Schichten hoch über dem Erkerfenster ihres Schlafzimmers wie eine singende Säge zum Jaulen gebracht würden. Das Haus, so stellte sie inzwischen völlig wach geworden fest, bewegte sich. Es bewegte sich tatsächlich, neigte sich und knarrte. Sie rüttelte ihren Mann und sagte: »Ben, Ben«, aber er drehte sich weg von ihr, stöhnte und zog sich die Decke über die Ohren. Sie setzte sich auf, steckte die Füße in die rosafarbenen Pantoffeln, die neben dem Bett bereitstanden, zog ihren Bademantel über und ging nach unten.

Tania war schon dort und stand barfuß in einem elfenbeinfarbenen Seidenpyjama im vorderen Zimmer. Draußen heulte der Sturm, wütete und richtete Schaden an, doch sie schien ihre eigene kleine Insel der Ruhe gefunden zu haben. Der Strom war ausgefallen, und sie stand im Dämmerlicht, das durch das Fenster drang. Ihre Tochter so zu sehen machte Claire glücklich. Normalerweise legte Tania die Befangenheit vieler junger Mädchen an den Tag, die ihrer Schönheit nicht trauen oder sich schämen, die sich ducken und die Blicke anderer meiden, aber hier fühlte sie sich unbeobachtet und stand anmutig in der zeitlosen Haltung einer von Degas gemalten Tänzerin. Ihr zur Vorbereitung der nächsten verrückten Frisur in mehrere lange Zöpfe geflochtenes Haar fiel ihr über den schmalen Rücken. Ihr Gewicht ruhte auf einer Hüfte, den anderen Fuß hielt sie gewölbt mit den Zehen nach unten, so wie damals als Grundschülerin in ihrer Ballettklasse. Claire hatte die langen, schmalen Füße ihrer Tochter immer geliebt und kannte die harten kleinen Fersen schon vor Tanias Geburt. Schon im Mutterleib hatten sie Ausbuchtungen in die straffe Haut ihres Bauchs gemacht, als ob sie kleine Ambosse in ihrem Leib trüge.

Sie trat zu ihrer Tochter ans Fenster. Seite an Seite standen sie da und beobachteten die Linde im Garten gegenüber, die sich in dem verzweifelten Versuch, dem Wind zu gehorchen, wie ein Höfling verbeugte. Das Toben ließ keine Sekunde nach, klagte und polterte. In den anderen Häusern auf der Straße gingen nach und nach die Lichter von Taschenlampen und Kerzen an. Gesichter starrten aus anderen Fenstern.

Leise sagte Tania: »Ich liebe es, Mum. Ich finde es toll.«

»Hast du keine Angst?«

Tania, fasziniert von den Anstrengungen des Baumes, antwortete nicht sofort. Ein Blumentopf war von einem Fenstersims im ersten Stock gefallen und auf der Straße zerschellt. Eine einsame, entwurzelte Geranie lag auf dem Pflaster. Eine Mülltonne nahm die Gelegenheit wahr, ihrem üblichen düsteren Schicksal zu entkommen, und rollte die Straße entlang.

Tania sagte: »Es ist zwar beängstigend, aber auch irgendwie fantastisch. Wie im Zauberer von Oz. Ich habe immer den ersten Teil lieber gemocht, den in Schwarz-Weiß. Wie sich das Haus im Wirbelsturm dreht, die Kuh am Fenster vorbeifliegt und die beiden Männer im Ruderboot Dorothy mit den Hüten grüßen. Der ängstliche Löwe und der Zinnmann sind schon in ihren Overalls. Und dann der Zauberer selbst in seinem Pferdewagen …«

Claire unterbrach sie, indem sie Professor Marvel nachahmte. »Geh lieber in Deckung, Sylvester, da draußen bläst ein Sturm, ein Mordsding.«

Tania lachte. Claire legte ihren Arm um die schmale Taille ihrer Tochter und zog sie an sich. Normalerweise fühlte sich Tania dafür zu alt, doch irgendwie schien der Sturm eine Ausnahme zuzulassen.

»Oh ja. Das hat mir auch immer gefallen. Der heulende Wind, die galoppierenden Pferde und die Bäume vor dem Fenster, genau wie jetzt.«

Das schrille Läuten des Telefons riss sie am Morgen aus dem Schlaf. Tania war schneller als ihre Mutter, polterte die Treppe hinunter und hob den Hörer ab. Claire drehte sich auf den Rücken und rieb sich die müden Augen. Ben war bereits fort, ohne sich zu verabschieden, aber das Bett enthielt noch seinen männlichen Geruch und die warme Vertiefung seiner schlafenden Gestalt. Ohne die Zerstörungen zu beachten, hatte er sich in seinem neuen Audi durch die blockierten Straßen geschlängelt. Er war stolz auf dieses Auto, es war ganz neu – goldfarben.

Claire rief nach unten: »Was ist?«

Leichtfüßig kam Tania die Treppe hinauf. Plötzlich hatte sie es eilig, steckte aber kurz ihren Kopf durch die Schlafzimmertür.

»Oh, das war nur Katherine, Mum. Die Schule fällt heute aus. Anscheinend liegen überall Bäume herum. Wir treffen uns gleich.«

Katherine war Tanias beste Freundin. Schon seit der Grundschule waren die beiden Mädchen unzertrennlich. Als Katherine anfing, Violine zu spielen, hatte Tania darauf bestanden, auch Geigenunterricht zu bekommen. Katherine entstammte einer sehr musikalischen Familie, doch schon von Anfang an stellten alle Beteiligten fest, dass Tania diejenige mit dem echten Talent war. Claires Herz wollte fast zerspringen, wenn sie die beiden Mädchen in ihren Schuluniformen mit ihren Geigenkästen die Straße entlanggehen sah. In letzter Zeit kamen sie weniger gut miteinander klar – vielleicht lag es daran, dass Tanias Violinspiel unwiderruflich besser war als das ihrer Freundin –, aber trotzdem hätte Claire die Hand dafür ins Feuer gelegt, dass dies eine jener Freundschaften war, die alles überdauern würden. Sie konnte die beiden schon bei ihren jeweiligen Hochzeiten vor sich sehen.

Sie ging nach unten und machte sich daran, das Frühstücksgeschirr ihres Mannes abzuräumen. Bald würde sich etwas ändern müssen. Mrs Hitchens, die Frau, deren Kind sie betreute, hatte wieder nicht angerufen. Sie sollte versuchen, irgendeine Arbeit zu finden. Claire schaltete das Radio ein. Von oben kamen ein lauter Beat und eine weibliche Stimme voller Sehnsucht. Sie erkannte das Lied. River Deep Mountain High von Ike & Tina Turner.

Sie rief nach oben: »Tania, mach bitte leiser, ich versuche, Radio zu hören!«

Bahnlinien wurden gesperrt, und Tausende Haushalte sind ohne Strom

Durch die Decke drangen reinste Phil-Spector-Klänge. Seltsam, dass Tania solche Musik hörte. Eigentlich war sie dafür zwanzig Jahre zu jung. Die Musik war laut und rhythmisch, riss...



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