London | Der Seewolf (Roman) | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 416 Seiten

London Der Seewolf (Roman)


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7306-9118-2
Verlag: Anaconda Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

ISBN: 978-3-7306-9118-2
Verlag: Anaconda Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In jungen Jahren lernte Jack London das harte Seemannsleben auf einem Robbenfänger kennen. In seinem Roman 'Der Seewolf' hat er später seine Erfahrungen als dramatischen Kampf ums Überleben geschildert. Kaum aus Seenot gerettet, gerät der Schöngeist Humphrey van Weyden in neue Gefahr: Kapitän Wolf Larsen, ein Mann von großer Kraft und Brutalität, terrorisiert alle Männer an Bord seines Schiffes. Auch van Weyden erlebt die Erniedrigungen durch den 'Seewolf' und sieht sich vor die Wahl gestellt: an ihnen zu zerbrechen oder ihnen zu widerstehen. Und er entdeckt ungeahnte Kräfte in sich.

Jack London wird am 12. Januar 1876 in San Francisco geboren und wächst in ärmlichen Verhältnissen auf. Er schlägt sich als Fabrikarbeiter, Austernpirat, Landstreicher und Seemann durch, holt das Abitur nach, beginnt zu studieren, geht dann als Goldsucher nach Alaska, lebt monatelang im Elendsviertel von London, gerät als Korrespondent im russisch-japanischen Krieg in Gefangenschaft und bereist die ganze Welt. Am 22. November 1916 setzt der berühmte Schriftsteller auf seiner Farm in Kalifornien seinem zuletzt von Alkohol, Erfolg und Extravaganz geprägten Leben ein Ende.
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1. KAPITEL


Ich weiß kaum, wo ich anfangen soll, obwohl ich manchmal spaßeshalber alles Charley Furuseth in die Schuhe schiebe. Er hatte ein Ferienhaus in Mill Valley am Fuße des Mount Tamalpais, das er nur in den Wintermonaten bewohnte, um dort auf der faulen Haut zu liegen, Nietzsche und Schopenhauer zu lesen und so auch im Kopf Ferien zu machen. Sobald es aber Sommer wurde, stürzte er sich wieder in das heiße und staubige Stadtleben und schuftete im Schweiße seines Angesichts rund um die Uhr. Wäre es nicht meine Gewohnheit gewesen, ihn jeden Samstagnachmittag zu besuchen und übers Wochenende zu bleiben, hätte ich mich an jenem besonderen Montagmorgen nicht in der Bucht von San Francisco befunden.

Sichere Schiffsplanken unter den Füßen, versteht sich, denn die Martinez war ein neues Dampfschiff, das im Fährdienst zwischen Sausalito und San Francisco eingesetzt wurde und eben seine vierte oder fünfte Fahrt absolvierte. Sie war gefährlich, weil dichter Nebel über der Bucht lag, was ich als Landratte aber kaum begriff. Vielmehr erinnere ich mich noch an die milde Erregung, mit der ich auf dem oberen Vorderdeck direkt unter dem Ruderhaus Aufstellung nahm und meine Einbildungskraft von dem geheimnisvollen Nebel gefangen nehmen ließ. Es ging eine frische Brise, und eine ganze Zeit lang stand ich allein in den undurchdringlichen Schwaden – und doch in Gesellschaft, denn über mir im Glaskasten befanden sich der Lotse und ein Mann, den ich für den Kapitän hielt, und auf eine verschwommene Weise war mir ihre Anwesenheit bewusst.

Wie angenehm sie doch war, dachte ich damals, diese Arbeitsteilung, die einen der Mühe enthob, sich mit Nebel, Wind, Gezeiten und Navigation auszukennen, wenn man seinen Freund auf der anderen Seite des Meeresarms besuchen wollte. Es war gut, dass sich die Menschen spezialisierten, kam mir in den Sinn. Die Spezialkenntnisse des Lotsen und des Kapitäns reichten für Tausende von Passagieren, die vom Meer und der Navigation ebenso wenig verstanden wie ich. Auf der anderen Seite brauchte ich meine Energie nicht darauf zu verschwenden, mir eine Vielzahl von Dingen anzueignen, sondern konnte sie auf einige wenige Gegenstände konzentrieren, so beispielsweise auf die Untersuchung der Stellung Poes in der amerikanischen Literatur – übrigens das Thema meines in der letzten Ausgabe des Atlantic abgedruckten Essays. Als ich an Bord ging und den Passagierraum durchquerte, hatten meine begierigen Augen einen beleibten Herrn ausgemacht, der den Atlantic las und ausgerechnet meine Abhandlung aufgeschlagen hatte. Und da stieß ich also wieder auf die Arbeitsteilung, das Spezialwissen des Lotsen und Kapitäns, das dem beleibten Herrn erlaubte, mein Spezialwissen über Poe zur Kenntnis zu nehmen, während sie ihn sicher von Sausalito nach San Francisco transportierten.

Ein rotgesichtiger Mensch, der die Tür des Passagierraums hinter sich zuschlug und an Deck stapfte, unterbrach meine Überlegungen, obwohl ich mir das Thema für eine künftige Abhandlung merkte, die den Titel tragen sollte: »Unverzichtbare Freiheit. Ein Plädoyer für den Künstler«. Der Rotgesichtige warf einen Blick zum Ruderhaus, äugte in den Nebel, stampfte (offenbar auf Prothesen) quer über das Deck und zurück und hielt endlich, breitbeinig und mit einer von großem Vergnügen zeugenden Miene, neben mir an. Mein erster Eindruck, dass er sein Leben auf See verbracht hatte, sollte sich rasch bestätigen.

»So eine Waschküche hat schon manchem vor der Zeit graue Haare beschert«, sagte er und nickte zum Ruderhaus hinüber. »Ich wusste gar nicht, dass das so viel Mühe macht«, antwortete ich. »Es scheint doch ganz kinderleicht. Sie können die Richtung vom Kompass ablesen, kennen die Entfernung und die Geschwindigkeit, und der Rest ergibt sich – mit mathematischer Sicherheit.«

»Mühe!«, schnaubte er. »Kinderleicht! Mit mathematischer Sicherheit!«

Es schien, als lehne er sich gegen den Wind und mache sich auf einiges gefasst, während er mich anstarrte. »Und was ist mit dem Tidenstrom unter der Golden Gate?«, bellte er mehr, als er fragte. »Strömungsgeschwindigkeit? Abdrift, eh? Hören Sie sich das gefälligst mal an. Eine Glockenboje. Und wir halten genau darauf zu. Merken Sie, wie sie den Kurs ändern?«

Aus dem Nebel drang Trauergeläut, und ich konnte sehen, wie der Lotse das Ruder herumwirbelte. Die Glocke, die gerade noch direkt vor uns zu liegen schien, tönte nun von seitwärts herüber. Unser Signalhorn gab heisere Laute von sich, und ab und zu drang das Getute anderer Schiffe durch den Nebel.

»Das ist irgendein Fährboot«, sagte mein neuer Nachbar und meinte damit ein von rechts kommendes Tuten. »Und das da. Hören Sie’s? Mit dem Mund geblasen. Ein Leichter wahrscheinlich. Der Mann auf dem Kahn soll bloß aufpassen. Ah, hab’ ich mir’s doch gedacht. Jetzt schmort der aber im eigenen Saft.«

Das unsichtbare Fährboot tutete wieder und wieder, und der Bläser auf dem Leichter stieß jetzt panikartig in sein Horn.

»Und nun ziehen sie den Hut voreinander und sehen zu, dass sie Abstand gewinnen«, fuhr der Rotgesichtige fort, als das frenetische Lärmen aufhörte.

Sein Gesicht leuchtete, und die Augen blitzten vor Erregung, während er die Sprache der Hörner und Sirenen in menschliche Laute übersetzte. »Das ist eine Dampfsirene, dort drüben auf der linken Seite. Und was so klingt, als hätte jemand einen Frosch in der Kehle, stammt von einem Schoner, soweit ich das beurteilen kann, der sich von Heads kommend gegen die Strömung vorwärtskämpft.«

Ein schrilles, dünnes Tuten in einem verrückten Stakkato ertönte direkt von vorn und aus unmittelbarer Nähe. Auf der Martinez schlug man die Gongs. Unsere Schaufelräder hielten an, und ihr pulsierendes Schlagen verebbte, um dann von Neuem einzusetzen. Das schrille, dünne Tuten, wie Grillenzirpen inmitten des Gebrülls mächtiger Tiere, drang jetzt mehr von seitwärts durch den Nebel und wurde schnell schwächer. Ich wartete darauf, dass mich mein Gefährte aufklärte.

»Eine von diesen rücksichtslosen Barkassen«, sagte er. »Fast wünschte ich, wir hätten den Rowdy auf den Meeresgrund geschickt. Diese Dinger verursachen immer mehr Ärger. Und gut sind sie zu überhaupt nichts. Jeder Trottel setzt sich rein und schippert damit von Pontius zu Pilatus, übertönt mit seiner Tröte das ganze Orchester und verklickert dem Rest der Welt, bloß aufzupassen, weil jetzt einer kommt, der nicht auf sich selbst achtgeben kann. Weil so einer kommt. Dabei hat man schon genug am Hals. Vorfahrt! Zivilisiertes Betragen! Die wissen nicht einmal, was diese Worte bedeuten.«

Ich fand seinen Wutanfall ganz amüsant, und während er entrüstet herumstapfte, beschäftigte ich mich in Gedanken mit dem romantischen Zauber des Nebels. Denn fraglos war er romantisch – der Nebel. Wie der graue Schatten eines unergründlichen Geheimnisses lag er über unserem herumgewirbelten Fleckchen Erde; und die Menschen, bloße Sonnenstäubchen und beladen mit dem Fluch einer irrwitzigen Arbeitswut, drangen auf ihren Rössern aus Holz und Stahl tief ins Innere des Geheimnisses ein, tasteten sich blindlings vorwärts und gaben dabei mit viel Lärm und Getöse ihrer Zuversicht Ausdruck, während ihre Herzen in Wirklichkeit schwer waren vor Ungewissheit und Furcht.

Die Stimme meines Gefährten ließ mich auflachend wieder zu mir kommen. Auch ich war Halt suchend herumgetapst, während ich mir einbildete, sehenden Auges das Geheimnis zu durchdringen.

»Oho, einer kommt auf uns zu«, sagte er gerade. »Hören Sie das? Und zwar schnell. Schnurstracks. Hört uns wahrscheinlich noch nicht. Der Wind weht aus der falschen Richtung.« Die frische Brise blies uns direkt ins Gesicht, und ich konnte das Horn nicht weit voraus und etwas seitlich ganz deutlich hören.

»Fähre?«, fragte ich.

Er nickte und setzte dann hinzu: »Sonst hätte sie nicht so ein Tempo drauf.« Er gluckste in sich hinein. »Die werden unruhig da oben.«

Ich schaute hoch. Der Kapitän hatte Kopf und Schultern aus dem Ruderhaus gesteckt und starrte so durchdringend in den Nebel, als könne er ihn durch bloße Willensstärke vertreiben. Sein Gesicht war ebenso besorgt wie das meines Gefährten, der sich über das Geländer beugte und mit derselben Konzentration nach der unsichtbaren Gefahr ausspähte.

Dann passierte es, und zwar mit unvorstellbarer Geschwindigkeit. Der Nebel riss auf, als sei er mit einem Keil gespalten worden, und der Bug eines Dampfers erschien, von dem an beiden Seiten Nebelgirlanden herabhingen wie Seetang aus dem Maul eines Meeresungeheuers. Ich konnte das Ruderhaus sehen und einen Mann mit einem weißen Bart, der sich, auf seine Ellbogen gestützt, halb herauslehnte. Er trug eine blaue Uniform, und ich weiß noch, wie untadelig ruhig er aussah. Unter diesen Umständen war seine Ruhe fürchterlich. Er akzeptierte das Schicksal, marschierte im Gleichschritt mit ihm und schätzte kühl den Schlag ab, zu dem es ausholte. Während er dort lehnte,...


London, Jack
Jack London wird am 12. Januar 1876 in San Francisco geboren und wächst in ärmlichen Verhältnissen auf. Er schlägt sich als Fabrikarbeiter, Austernpirat, Landstreicher und Seemann durch, holt das Abitur nach, beginnt zu studieren, geht dann als Goldsucher nach Alaska, lebt monatelang im Elendsviertel von London, gerät als Korrespondent im russisch-japanischen Krieg in Gefangenschaft und bereist die ganze Welt. Am 22. November 1916 setzt der berühmte Schriftsteller auf seiner Farm in Kalifornien seinem zuletzt von Alkohol, Erfolg und Extravaganz geprägten Leben ein Ende.



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