E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Longley Wenn die Kühe heimkehren
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6951-6758-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-6951-6758-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Peter Longley wuchs im Südosten Englands auf und besuchte in den 1950er Jahren die Tonbridge School, bevor er in Cambridge Theologie studierte. Im Jahr 1965 verbrachte er den Sommer als Kibbuznik in Israel. Von 1967 bis 1977 war er Gutsverwalter von Tullamaine Castle in Irland, das sich damals in amerikanischem Besitz befand, und es führte ihn nach Georgia, USA, wo er 1978 als Schiffskünstler zur See fuhr. Später wurde er Kreuzfahrtdirektor bei der Royal Viking Line, und 1989 wechselte er zu Cunard als Kreuzfahrtdirektor der Queen Elizabeth 2, wo er seine in Bayern geborene deutsche, inzwischen geschiedene, Frau kennenlernte, die Solokonzerte auf dem Schiff spielte. In den 1980er und 1990er Jahren bereiste er mit Kreuzfahrtschiffen die ganze Welt, bis er sich zur Ruhe setzte und Gartenbauinterpret des Botanischen Gartens Springfeld in Missouri, USA, wurde. 1978 begann er mit dem Schreiben von Romanen und kehrte 2017 nach England zurück.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Almabtrieb am Königssee 2019
Brigitta Husselmann zog ihre Arme durch die geflochtenen Ärmel ihres Anoraks und schlang das Kleidungsstück um sich. Ihre rosigen Wangen spiegelten die feuchte Kälte wider, als sie sich an das extra für den Viehtransport aus Fichtenholz gezimmerte Geländer der Reling der Fähre lehnte, welche aus zwei Landauern bestand. Die Reling trennte das mitfahrende Almpersonal von den Kühen und bewahrte alle vor einem Sturz in den kalten Königssee. , dachte sie, als sie die Wärme des Atems ihrer Kuh im Nacken spürte, die sich an sie schmiegte. Der See war in Nebel gehüllt, als sie nach vorne starrte und sah, wie die vollbeladene, träge dahingleitende Fähre das glatte Wasser in langen, niedrigen Wellen zu beiden Seiten teilte. Die Schiffsmotoren, surrten ruhig und die Kuhglocken bimmelten, ihr Klang hallte von den grauen und steil abfallenden Felswänden rund um den Königssee wider.
Brigittas Stiefel waren schlammig von dem Kuhmist vor der Almhütte, in der sie, ihre Schwester Ingrid und ihr Vater die Nacht verbracht hatten. Die Unterröcke ihres Dirndls waren bespritzt. Ihre jüngere Schwester schaute mit großen Augen zu Brigitta auf – Ingrid war zum ersten Mal dabei. Ein Strahl der Herbstsonne drang durch den Nebel und beleuchtete die strohfarbenen Zöpfe des jungen Mädchens. „Unsere Fuiklkronen (Kopfschmuck der Kühe nach einem unfallfreien Almsommer) werden die schönsten sein“, sagte Ingrid. „Lila, weiß und gold, das ist viel schöner als Karls rosa und schwarz.“
Brigitta lächelte. Sie wusste, dass Ingrid sie necken wollte. Sie dachte an den langen Sommer mit Karl zurück – Heu machen, Beeren pflücken und im Mondschein im Hintersee schwimmen.
Das zunehmende Sonnenlicht brach durch den Nebel, als sie den großen Königsbach-Wasserfall passierten, der den steilen Berghang zu ihrer rechten Seite hinunter stürzte. Ingrid blickte zu ihrer Schwester auf. „Weißt du, was mein Freund in der Schule gesagt hat: ‚Hitler und Eva Braun sind dort nackt baden gegangen‘.“
Brigitta errötete, was ihre rosigen Wangen noch mehr betonte. Dann lichtete sich der Nebel und gab den Blick auf einen blauen Himmel frei, der die herbstlichen Bäume auf der Christlieger-Insel in verschiedenen Gelb-, Grün- und Brauntönen erstrahlen ließ.
Die Kühe brüllten freudig erregt, als ob sie wüssten, dass sie nach Hause kommen würden. Die aufpolierten Kuhglocken glitzerten bronzefarbig im plötzlich hellen Licht.
„Du nimmst zuerst Arabella mit“, sagte ihr Vater. „Mutter wird bereit sein, ihr in dem geflochtenen Votzzaum die Fuikl (Ledergeschirr und Kopfschmuck) anzulegen, aber du wirst sie führen müssen.“
„Was ist mit mir?“ fragte Ingrid schelmisch zwinkernd.
„Du kannst Brigitta helfen ... Mutter und ich werden die anderen beiden bringen.“
Als die mit wertvoller Last beladene Fähre auf die Seelände (Königssee-Hafen) zusteuerte, schlossen sich die anderen Bäuerinnen in ihren Dirndln und die Burschen in Lederhosen den erfahrenen bayerischen Bauern an, um die wartenden Touristen zu begrüßen, die sich am Ufer drängten. Sie alle wussten, dass diese altehrwürdige alpenländische Zeremonie ein beliebtes jährliches Ereignis war. Allerdings wussten nur wenige, dass das Vieh traditionell nur für den Heimweg geschmückt wurde, wenn während des Sommers keinerlei Unglück bei Bauern und Vieh zu beklagen war. Die kalte Unbehaglichkeit auf den nebelverhangenen Alpenwiesen, die sie zuvor begrüßt hatte, war einer warmen Herbstsonne gewichen. Der gepflasterte Platz war voller wartender Menschen, die Crêpes aßen und Bier tranken. Ganz langsam schob sich die Fähre mit der vorderen Klappe in die mit dicken Holzstämmen gesicherte Anlegestelle der Seelände. Brigittas und Ingrids Mutter war da und hielt bereits Arabellas Fuikl und Votzzaum in der Hand. Das Gold glitzerte über den Bändern in Lila und Weiß.
Kaum hatte Brigitta ihre Kuh Arabella an Land gebracht, kam ihre Mutter schon mit dem Kopfschmuck in der Hand. Das Gesicht von Brigittas Mutter war ledrig und braun gebrannt im Vergleich zu der rosigen Porzellanhaut ihrer ältesten Tochter.
Ihr Onkel legte Arabella den Votzzaum an und hielt dann ihre Hörner fest, während Mutter und Tochter die Fuikl am Kopf der Kuh befestigten. Jedes Mal, wenn Arabella den Kopf schüttelte, ertönte die große Kuhglocke, die unter ihrem Hals baumelte.
Nachdem sie ihre Aufgabe erfüllt hatte, wandte sich Brigitta zur Menge der Schaulustigen. Ein Lächeln überzog ihr Gesicht, als sie die Fuikl betrachtete, die sich nun von ihrer federkielgestickten Lederhalterung zwischen Arabellas Hörnern erhob. Sie hatte etwa 30 Stunden damit verbracht, diese etwa 200 Blumen und Sterne in weißer und violetter Farbe – den Familienfarben ihrer kleinen Hinterwälder-Herde – aus feinen Holzbändern, sogenannten Gschabertbandln, zu fertigen.
Ihre Kühe waren von einer rasch aussterbende Rasse, aber Brigittas Familie hatte sie seit drei Generationen mit Stolz am Leben erhalten. Die warmen Strahlen hatten inzwischen auch den Schlamm an Brigittas Rocksaum getrocknet. Die Touristen machten ihre Fotos. Ingrid gesellte sich zu ihrer Schwester und versuchte, nach der Fuikl zu greifen. Arabella schüttelte den Kopf und scharrte mit einem Fuß auf dem Kopfsteinpflaster.
„Sei vorsichtig, Ingrid!“ sagte Brigitta. „Das mag sie nicht.“
Ihre Mutter war nun damit beschäftigt, zusammen mit ihrem Vater die anderen drei Hinterwälder aufzukränzen (zu schmücken). Der Platz, auf dem sie warteten, füllte sich mit verschiedenen Bauernfamilien, die mit Stolz und Freude ihre Kühe zum Abschluss der langen Sommermonate auf den Almweiden um den Königs- und Obersee schmückten.
Brigitta sah zu, wie Karl Jensen sich mit den Hörnern seiner Kuh abmühte. Sie lachte, aber Karl war zu sehr auf seine Aufgabe fixiert, um zu reagieren. Bald würden die Kühe im gemächlichen und zielstrebenden Schritt durch das Dorf ziehen, bis sie die Straße dahinter erreichten. Sie führte durch die Hochfläche der Schönau und würde sie zu ihren Winterweiden und Ställen nach Hause bringen.
Arabella war die erste Kuh, die aus dem Gatter kam, und Brigitta hielt sich mit aller Kraft an ihrem Führstrick fest, aber Karl und seine Kuh mit dem rosa-schwarzen Kopfschmuck waren dicht dahinter.
Ingrid schaute zu ihm zurück und rief: „Wir waren die Ersten im Gatter! Ich wette, wir sind zuerst zu Hause.“ Augenblicke später gab es einen Knall. Brigitta drehte sich um. Karls Kuh war in einen Stand mit Touristenschmuck vor dem Königssee-Dirndl-Shop gerast. Die etwas spröde Frau Forster, die den Laden führte, fuchtelte verzweifelt mit den Armen, in der Hoffnung, dass die Kuh nicht durch die Eingangstür käme. Das Hufgetrappel hinter Arabella übertönte jedoch die Aufregung. Mehr von Brigittas Aufmerksamkeit wurde von den Pfiffen einiger ihrer Berchtesgadener Schulfreunde in Anspruch genommen, die sie anfeuerten. Ingrid lachte, als Arabella einen großen Kuhfladen kackte, der direkt vor den Jungs auf das Kopfsteinpflaster spritzte. Die Kühe trotteten unter dem Jubel der Touristen weiter.
Sobald die Kühe das Dorf verlassen hatten, entspannten sie sich und schlenderten die Straße von Schönau entlang, während sie in die Luft schnupperten, weil sie wussten, dass sie zu Hause waren. Die Menschen liefen herbei, sie zu beobachten und zu fotografieren, bis sich die Kühe trennten, um den Wegen zu ihren verschiedenen Höfen und Winterweiden zu folgen.
Brigitta und Ingrid führten Arabella den Weg hinunter zum Husselmann-Hof, einem Holzhaus mit Balkonen, die noch mit späten Petunien und Geranien überquollen. Ihre Eltern waren mit den beiden anderen Kühen dicht hinter ihnen, und auf dem Hof wurden den Kühen zur ihrer offensichtlichen Freude die lästigen Fuikln und Gurte abgenommen. Die Hinterwälder wurden auf ihre Weide entlassen, wo sie wieder ihr gewohntes Leben führen und wiederkäuen konnten.
„Das habt ihr gut gemacht“, sagte Brigitta Husselmans Mutter Bernadette, „aber jetzt ab ins Bad mit euch beiden. Ihr habt heute Abend eine Messe in der Stiftskirche. Wir wollen nicht, dass ihr wie ein Kuhstall riecht.“
Brigitta und Ingrid waren die Weihrauchträgerinnen für Pater Johannes in der Stiftskirche, die an das alte königliche Schloss in Berchtesgaden grenzt.
Das Schloss, ein ehemaliges Chorherrenstiftsgebäude der Augustiner, wird noch von den Wittelsbachern – den früheren weltlichen Herrschern Bayerns – genutzt, welche seit der napoleonischen Zeit bis 1918 die Könige gestellt hatten.
Man munkelte vor Ort, dass sie die Abdankung auf den bayerischen Thron am Ende des Ersten Weltkriegs nie unterschrieben hätten, aber das wurde nicht sehr ernst genommen. Der nun als Herzog von Bayern bekannte Franz Bonaventura Adalbert Maria verbrachte jedes Jahr eine kurze Zeit des Sommers in Berchtesgaden, immer zu der Zeit, wenn seine Rosen am...




