Loosli Die Schattmattbauern
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-85869-652-6
Verlag: Rotpunktverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-85869-652-6
Verlag: Rotpunktverlag
Format: EPUB
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Carl Albert Loosli, geboren 1877 im Emmental, wächst bei einer Pflegemutter, dann in Erziehungsanstalten auf, lässt sich 1904 in Bümpliz nieder. Korrespondent und Redaktor bei verschiedenen Zeitungen, zahlreiche Buchveröffentlichungen. Loosli stirbt 1959 in Bümpliz; er hinterlässt ein reiches schriftstellerisches und publizistisches Werk.
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Habligen gehört bei weitem nicht zu den größten, wohl aber zu den reichsten Gemeinden des Unteremmentals. Im Jahre 1893 mochte sie an die 2600 Einwohner zählen, wovon freilich höchstens ein Fünftel im eigentlichen Dorfe niedergelassen war. Aber die Gemeinde Habligen umfaßt, außer den zahlreichen, voneinander getrennten Gehöften der unmittelbaren Umgebung des Dorfes, den Stieren- und Moosgraben, die Studeren, den Fluhberg und den Habligenschachen, namentlich auch die gewerbreiche, rührige Dorfschaft Oberhabligen, woselbst sich schon damals eine Backsteinfabrik, eine ziemlich große mechanische Spinnerei, die bekannte Blitzableiterschmiede von Röthlisberger & Söhne und endlich die noch bekanntere Käsegroßhandlung von Gerber, Lehmann & Cie. befanden.
Aus dieser gemischten Zusammensetzung ergab sich auch die öffentliche Stellung der Gemeinde, die für damalige emmentalische Verhältnisse als auffällig fortschrittlich galt. Mit wenigen Ausnahmen, die von ihren Gegnern etwas spöttisch «die Herrenbauern» genannt wurden, bekannten sich die alteingesessenen Bauerngeschlechter und ihr Anhang zur Konservativen Volkspartei. Sie wurden, um ihres Parteihauptes, des unerschrockenen, geistvollen Herausgebers der Buchsi-Zeitung, Großrat Ulrich Dürrenmatts, willen, «Dürrenmätteler» genannt.
Die gewerbliche Bevölkerung dagegen, namentlich die Oberhabligens, gehörte, ebenso wie ihr Arbeiteranhang, der Freisinnig-Demokratischen Partei an; denn von Sozialdemokraten war bisher ins Emmental höchstens gerüchtweise Kunde gedrungen. Ihre Führer in Bern, Karl Moor und der in Muri bei Bern eingebürgerte Russe Dr. Wassilieff, vom Bauernvolk «Waschlisepp» genannt, galten den Bauern gewissermaßen als reine Verkörperungen des leibhaftigen Gottseibeiuns.
Diese Gliederung der Gemeinde bedingte ein öffentliches Leben, das wesentlich lebhafter ausfiel als das der meisten andern emmentalischen Ortschaften, sooft auf eidgenössischem oder kantonalem Gebiete etwas Politisches von besonderer Tragweite los war. Aber auch die Gemeindepolitik war hier reger als anderswo; seit einigen Jahren hielten die Freisinnigen, die vorher stets in der Minderheit geblieben waren, den Volksparteilern die Waage, so daß ihnen an der letzten ordentlichen Gemeindeversammlung im vorjährigen Herbst sogar eine zwar knappe, aber immerhin eine Mehrheit zugefallen war.
Zwei Verhandlungsgegenstände vor allem hatten die Freisinnigen damals zahlreich auf die Beine gebracht. Zunächst ihr Antrag, der von den Gegnern bis aufs Äußerste bekämpft worden war, sich an das seit kurzem entstandene Fernsprechnetz anzuschließen. Die Gewerbeleute von Oberhabligen machten geltend, Huttwil, ein kleines emmentalisches Marktstädtchen, habe sich bereits angeschlossen; da dürften die Habliger nicht zurückstehen, um so weniger, als die neue Einrichtung den Geschäftsleuten große Verkehrserleichterungen bringe, ja ihnen bald unentbehrlich sein werde, so daß man früher oder später doch daran glauben müsse. In der Hauptsache werde die Gemeinde ja in keiner Weise mit der Neueinrichtung belastet; man verlange von ihr keine Geldbeiträge, sondern lediglich gewisse, leicht erfüllbare Gewährleistungen. Die Gegner, die Bauern, sahen das ein. Es sei ihnen hier nicht um den Gemeindesäckel zu tun, sondern sie trauten der Erfindung nicht! Man habe bis jetzt ohne Fernsprechanschluß leben können, darum sehe man nicht ein, warum er nun plötzlich zum so dringend unabweisbaren Bedürfnis geworden sein sollte. Eigentlich hätten sie wohl wenig dagegen einzuwenden gehabt, wäre der Vorschlag dazu nur nicht von den Freisinnigen ausgegangen. Viele, die dagegen stimmten, hatten überhaupt nur sehr unklare Vorstellungen von dem, um was es sich eigentlich handelte; andere hatten sogar eine abergläubische Furcht vor der neuen Einrichtung und scheuten sich nicht, zu sagen, sie wenigstens könnten ihre Stimme nicht zu einer Sache geben, von der man nicht wisse, ob dabei auch alles mit rechten Dingen zugehe; sie wollten sich nicht versündigen. Zwar, an der Gemeindeversammlung sprach solches niemand aus, aber vorher war es da und dort nicht bloß gemunkelt, sondern in den Wirtshäusern gelegentlich vernehmlich genug erörtert worden.
Diesmal mußten jedoch die Volksparteiler den kürzern ziehen: der Fernsprechanschluß wurde beschlossen. Daher kam es, daß vom 1. Juli 1893 an Habligen, vorläufig freilich nur mit sechs Fernsprechern, angeschlossen war.
Der zweite wichtige Gegenstand, der an der ordentlichen Herbstgemeinde von 1892 zu hartem Kampf Anlaß geboten hatte, waren die Erneuerungswahlen des Gemeinderates gewesen. Seit fast undenklichen Zeiten waren sie gewissermaßen reibungslos vor sich gegangen. Die einflußreichen Bauern, die Mannen, einigten sich einige Wochen oder Monate zuvor über die der Gemeinde vorzuschlagenden Anwärter. Diese wurden dann ausschließlich vorgeschlagen, und nie hatte es sich ereignet, daß einer nicht gewählt worden wäre. So war zum Beispiel der Gemeinderatspräsident nun schon seit achtundzwanzig Jahren im Amt. Keinem Menschen war es je im Ernste eingefallen, seine Stellung könnte eines Tages auch nur erschüttert werden. Um so überraschender, ja niederschlagender war nun das Ereignis, daß die Freisinnigen, der Übereinkunft der bekannten üblichen Wahlmacher entgegen, fünf von neun Gemeinderäten, worunter den Gemeindepräsidenten, für sich beanspruchten, Gegenvorschläge aufstellten und damit mit schwacher Mehrheit durchdrangen. So kam es, daß seit dem Neujahr 1893 der dreiunddreißigjährige Fürsprech Hugo Brand als Gemeindepräsident von Habligen amtete.
Hugo Brand war der Sohn des weitbekannten freisinnigen National- und Großrates, der sich im benachbarten Bezirksstädtchen des Rufes eines ebenso vorzüglichen Arztes als trefflichen Menschen erfreute. Der junge Mann hatte in Bern, dann in Leipzig die Rechte studiert, war nach vollendetem Studium noch etwa zwei Jahre in einer großen Anwaltskanzlei Berns zur beruflichen Ausbildung, wie man im Emmental sagt, als «Hüttenknecht», dann noch etwa drei Jahre Schreiber der bernischen Kriminalkammer und fernere zwei Jahre im Verwaltungsdienst tätig gewesen; daraufhin hatte er sich, im Januar 1891, als Fürsprecher in Habligen niedergelassen, woselbst er die Tochter des dortigen Bauern Christian Roth geheiratet hatte.
Als kluger, wohlmeinender, rechtschaffener Mann, dessen Name schon seines Vaters ebenso wie seines allgemein geachteten Schwiegervaters wegen sehr angesehen war, erfreute er sich nicht bloß des Zuspruches seiner politischen Gesinnungsgenossen, der Gewerbetreibenden; auch die Andersgesinnten hatten bald Vertrauen zu ihm gefaßt und hielten sich an ihn, sooft sie eines Anwalts bedurften. Dazu trug nicht wenig bei, daß er als Dragonerhauptmann äußerst beliebt war und sich seine Schwadron in der Hauptsache aus den jungen Dragonern gerade seines Wirkungskreises zusammensetzte, von denen jeder für ihn durchs Feuer gegangen wäre.
Das war auch der Grund, warum sich wenigstens die jungen Bauern mit der Niederlage, die seine Wahl zum Gemeindepräsidenten ihrer Partei bereitet hatte, bald versöhnten. Ja gelegentlich erklärten sie sogar, ob freisinnig oder nicht freisinnig, sei der Fürsprech jedenfalls ein ehrenwerter, tüchtiger Mann; dazu als Gemeindepräsident denn doch um ein gut Stück beschlagener und kundiger, als sein Vorgänger gewesen sei, von dem sie jedoch nichts Ungerades gesagt haben möchten.
In der Gegend von Habligen führt der Bahnstrang ziemlich barlaufend dem rechten Ufer der Emme entlang. Wer auf der Bahnstation Habligen aussteigt, stößt unmittelbar an den Gasthof zum «Bären», ein stattliches Gebäude mit hinten angebautem, geräumigem Saal für Tanz- und sonstige festliche Anlässe. Um den Gasthof herum stehen vereinzelte Wirtschaftsgebäude, denn der «Bären»-Wirt, Hans Mutschli, betreibt neben seinem Gasthof nicht bloß eine Metzgerei, sondern steht auch noch einem ansehnlichen Bauernwesen vor. Die Straße, die sich zwischen der Station und dem «Bären» hindurchzieht, führt, emmeaufwärts, nach Oberhabligen, emmeabwärts, in annähernd nordöstlich-südwestlicher Richtung, gerade durch das Dorf Habligen. Etwa fünf Minuten unterhalb der Bahnstation überschneidet die Straße den Dorfbach. Links davon erblickt man einen mächtigen Riegelbau, dessen unterster Kranz in Sandstein aufgeführt ist: die Dorf- und Hufschmiede. Jenseits der Straße und des Baches fällt ein großes, währschaftes Bauernhaus samt Wohnstock und Nebengebäuden in die Augen. Es gehört dem Großbauern Christian Roth, dem Schwiegervater des neuen Gemeindepräsidenten Hugo Brand. Dieser selbst wohnt ein wenig dorfeinwärts, rechts der Straße, in einem neuzeitlich aussehenden Einfamilienhaus, das auf dem Grund und Boden seines...




