Lord | Nur um dich lächeln zu sehen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Lord Nur um dich lächeln zu sehen


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-641-20172-2
Verlag: cbj
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-641-20172-2
Verlag: cbj
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Man weint und lacht oft innerhalb nur einer Seite.« (Jasmine Warga, Autorin von Mein Herz und andere schwarze Löcher)

Als Vivi neu nach Verona Cove kommt, das kleine Nest an der Westküste, spürt sie sofort: Hier ist ein Neuanfang möglich. Als ihr dann der hinreißende Jonah mit seinen phänomenalen Kochkünsten begegnet, verfällt sie ihm augenblicklich - und Jonah ihr. Mit unbändiger Lebenslust und einem Feuerwerk aus Gedanken und Gefühlen wirbelt Vivi durch Jonahs Leben und das seiner Familie. Und mit jedem Tag ihres Zusammenseins spürt Jonah die Last, die er seit dem Tod seines Vaters mit sich schleppt, leichter werden. Doch Vivis Dämonen sind mächtig, und obwohl dieser gleißende Sommer fast unbeschwert ist, wird er sie beide für immer verändern ...

Emery Lord ist Autorin von bisher vier Jugendromanen und wurde an der amerikanischen Ostküste geboren. Heute lebt sie in Cincinnati mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter sowie zwei ausgebildeten Rettungshunden. Emery glaubt an die Magie des Geschichtenerzählens, sie liebt Riesenräder und besitzt eine beeindruckende Sammlung an unpraktischen Schuhen.
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1

Vivi

Ich wusste sofort, dass ich mich in Verona Cove verliebt hatte, aber erst am siebten Tag konnte ich mich dazu bekennen. Nach einer Woche schnitzte ich also meinen Namen in einen großen Baum in der Ortsmitte. Mir war nicht klar, wie schwierig es ist, mit dem Taschenmesser eine harte Rinde zu durchbohren: Ich habe eine Ewigkeit für nur elf Buchstaben gebraucht. Zum Glück patrouilliert die Polizei nicht im Irving Park, bevor die Sonne aufgeht, und auch sonst nirgends. In Verona Cove wirft höchstens mal jemand eine Papierserviette weg, das vermutlich schwerste Verbrechen, das hier je begangen wurde. Und ich wette, dieser Jemand hat einfach die Serviette fallen lassen und ist ihr dann verzweifelt nachgejagt, aber der Wind hat sie fortgerissen, bis sie irgendwo zu Müll wurde.

Außerdem reizt mich der Gedanke, erwischt zu werden, oder würde ich mich sonst mit rissigen Buchstaben für immer in einem Baum verewigen, der älter ist als alle 3051 Einwohner von Verona Cove zusammen? Vivi war hier.

Als ich fertig bin, tätschle ich mein Werk, weil – okay, ja, ich bin eine Umweltzerstörerin, aber das hier ist ein Verbrechen aus Leidenschaft. Und dem Park macht es nichts aus, das weiß ich, weil ich das alles hier liebe, und ich glaube, selbst der megaordentlich gemähte Rasen und die beschilderten Bänke spüren meine Zuneigung.

Ich verlasse den Park und merke erst jetzt, dass ich viel später dran bin als sonst. Die Morgensonne ist bereits über den Horizont gekommen und die Blätter werfen Schatten so zart wie Seidenspitze auf den Gehsteig. Überall sprießen Blumen, aus jedem Quadratzentimeter des Ortes – fuchsienrote Rosen, die über die Spaliere kriechen, Forsythien, funkelnd wie gelbe Leuchtraketen. Während ich den Weg entlangschlendere, ziehen sich die Bäume über mir aus und streifen blassrosa Blütenblätter ab wie in einem langsamen Burlesquetanz.

Deshalb will ich für immer hierbleiben, nicht nur den Sommer über. Bisher habe ich Mom gegenüber immer behauptet, dass Hawaii im Vergleich zu Verona Cove wie eine schwimmende Müllhalde aussieht. Also streng genommen war ich noch nie in Hawaii, aber ich habe Fotos davon gesehen. Verona Cove ist ein winziger Ort, den man wohl eher irgendwo in Massachusetts oder North Carolina suchen würde, der sich aber stattdessen in eine kleine Bucht an der kurvigen kalifornischen Küste schmiegt. Ich habe schon in mehreren Städten gelebt, und Verona Cove ist keine, so viel steht fest, sondern eher eine Mischung aus Kleinstadtidylle, Regenwald und Shangri-La. Jedes Detail ist so perfekt, dass man sich an ein Filmset versetzt fühlt, und ich würde am liebsten meine Hände über die bemalten Gartenzäune gleiten lassen, die Retro-Briefkästen, die Straßenlaternen, die wie eine lange Reihe schimmernder weißer Monde aussehen. Alles ist sauber, aber nicht steril, man spürt, dass jeder noch so winzige Fleck an diesem Ort bewohnt und geliebt wird.

Die Läden sind mehr oder weniger alle in einem Quadrat aus drei mal drei Straßen angesiedelt, mit der Main Street als Mittellinie. Jeden Morgen komme ich an einem hübschen Restaurant, einem kleinen Baumarkt und dem Buchladen vorbei. An dem Haus, auf das ich jetzt zugehe, verkündet eine Tafel in sorgfältiger Kreideschreibschrift »Betty’s Diner«. Darunter folgt in rosa Blockbuchstaben: BESTES FRÜHSTÜCK laut Daily Gazette, mit einer Aufzählung der Frühstück- und Lunch-Specials. Im Schaufenster des »Cove Coffee« hängt die gleiche Auszeichnung: BESTER KAFFEE laut Daily Gazette. In Verona Cove gibt es von allem immer nur eins – einen Drogeriemarkt, einen Supermarkt, eine Kunstgalerie. Jedes Geschäft ist also automatisch das beste, aber mir gefällt es, dass alle gewürdigt werden.

Eine Ladenglocke klingelt, als ich eintrete, und mir schlägt der Geruch von Ahornsirup, Kaffee und gebratenen Würstchen entgegen. Ich komme seit sieben Tagen jeden Morgen hierher, weil um diese Zeit nichts anderes geöffnet hat. Es ist alles so aufregend und neu für mich, dass ich immer sehr früh aufwache.

Aber heute bin ich, wie gesagt, später dran, und der Diner ist brechend voll mit Achtzigjährigen – weiße bauschige Frisuren, die wie Wolken über den Rückenlehnen der wasserblauen Kunstledersitze schweben.

Betty steht selbst hinter der Kasse und tippt in die Tasten. »Oh, hallo, honey bun. Eine Sekunde.«

Ich glaube, Betty hat Kosenamen wie sugar, darling und honey auf zwei Würfeln in ihrem Kopf gespeichert. Bei jedem neuen Gast lässt sie die Würfel rollen, bis sich eine passende Kombination ergibt: honey love, sweetie pie, sugar babe. Ich bin gespannt, was für mich an diesem Morgen abfällt. Das ist dann wie der Glückskeks bei meinem Lieblings-Chinesen. Nicht dass ich extra deshalb hingehe, aber dadurch wird das Ganze noch ein bisschen heimeliger.

Betty kommt hinter der Theke hervor und schaut sich im rappelvollen Diner um. »Kann einen Moment dauern, bis ein Tisch frei wird.«

Aber ich habe meine Chance bereits erspäht: bei einem älteren Mann in einem dünnen Pullover. »Kein Problem. Ich setze mich zu Officer Hayashi.«

Betty starrt mich an, als hätte ich gesagt: »Ich geh jetzt da rüber und zähme das Raubtier, bis es mir die Pfannkuchen aus der Pfote frisst.«

»Oh, sweetie, Officer Hayashi ist ziemlich heikel. Der will hier morgens seine Ruhe. Und zwar immer.«

»Ach, das schreckt mich nicht.« Ich werfe ihr ein Lächeln zu, weil ich etwas weiß, das sie nicht wissen kann. Officer Hayashi ist kein alter Miesepeter, wie sie mir einreden will. Als ich an meinem dritten Morgen in Verona Cove zu Betty’s Diner spaziert bin, habe ich einen Schäferhund entdeckt – alles an ihm wachsam, Körperhaltung, Nase, Ohren –, der hinten in einem Polizeiwagen saß.

»Hey, warum haben sie dich eingebuchtet, Süßer?«, fragte ich durch den Spalt in der Scheibe. Der Hund starrte mich an, stolz und gleichmütig, wie es sein Job offenbar verlangt. »Ein Überfall? Körperverletzung? Nein, bestimmt nicht, dafür bist du zu gutmütig – das seh ich dir an. Schwarzhandel? Nein, nicht der Typ dafür. Ah, ich weiß! Diebstahl, jede Wette. Also, was hast du geklaut? Eine Pizza, direkt vom Tisch runter? Oder hast du einem Kind den Geburtstagskuchen vor der Nase weggeschnappt? Du siehst aus, als ob du ganz wild auf Süßes wärst.«

Sein langer Schwanz knallte gegen die Rücklehne.

»Chickenwings ohne Knochen mit Chilisauce«, ertönte da eine Stimme hinter mir. »Da kann sie nicht widerstehen.«

Eine Hündin. Ich Idiot, warum hatte ich das nicht gleich gecheckt? Und natürlich wedelte sie mit dem Schwanz, weil ihr Herrchen zurückgekommen war. Ein Mann mit weißem Haar und dunkelblauer Polizeiuniform. Ich las den Namen auf dem silbernen Schildchen: Hayashi.

»Aber sie steht nicht unter Arrest. Noch nicht jedenfalls.« Er nippte an seinem Coffee-to-go aus Betty’s Diner.

»Oh, ich weiß, dass sie im Dienst ist«, sagte ich. »Wollte sie nur ein bisschen aufziehen. Tut mir leid, aber ich kann nicht anders – ich liebe Hunde, und sie ist ein Juwel. So was seh ich.«

»Ja, sie ist ein braves Mädchen, was, Babs?«

»Babs?«, wiederholte ich, mir sträubte sich förmlich das Nackenfell. Was für ein lächerlicher Name für einen Polizeihund! Im Ernst, bei männlichen Schäferhunden würde sich das niemand erlauben. Die heißen alle Rex oder Maverick oder Ace.

»Eigentlich Kubaba.«

Oh nein, noch schlimmer, aber ich ließ mir nichts anmerken.

»Okay, hallo, Kubaba, freut mich, dich kennenzulernen«, sagte ich zu der Hündin, dann wandte ich mich wieder an ihren Partner und hielt ihm die Hand hin. »Ich heiße übrigens Vivi.«

Er schüttelte mir die Hand. »Und, bist du eine gesetzestreue Bürgerin?«

»Also jedenfalls nicht vorbestraft. Noch nicht«, antwortete ich lächelnd.

Aber dann bin ich schnurstracks nach Hause gegangen und habe den Namen Kubaba gegoogelt. Und jetzt weiß ich genug über Officer Hayashi, um keine Angst vor ihm zu haben. Er wird mich nicht wegscheuchen.

»Hi«, sage ich und trete an seinen Tisch. Er starrt auf sein Kreuzworträtsel und füllt sorgfältig mit blauer Tinte ein Kästchen aus. »Ich bin Vivi. Von neulich. Die Ihrem Hund unterstellt hat, dass er was ausgefressen hätte.«

Officer Hayashi hebt den Kopf und sieht mich an, als wolle ich ihn irgendwie austricksen. »Ich erinnere mich.«

»Kubaba«, fahre ich fort, »war die einzige sumerische Königin. Die einzige Frau in einer langen Reihe von sumerischen Herrschern.«

Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. »Du hast ihren Namen nachgeschlagen, was?«

Schon komisch. Da gibt es jede Menge männliche Schäferhunde, die darauf dressiert sind, Verbrechern an die Kehle zu gehen, und was macht er? Gibt seinem Königsmädchen den Namen, den es verdient – ihnen allen ebenbürtig.

»Kann ich mich zu Ihnen setzen?«

Der Officer blickt sich um, sucht offensichtlich einen anderen freien Platz, nur um mich loszuwerden. Ich dagegen lächle freundlich und warte ab, bis er endlich klein beigibt. So wie sonst auch immer alle. Sein Blick wandert zu mir zurück. »Ja, klar kannst du das.«

Hmpf. Herablassender Seniorenspruch, auf den ich jetzt korrekterweise antworten müsste: »Ich meine natürlich, darf ich mich zu Ihnen setzen?« Stattdessen setze ich mich einfach auf den Platz ihm gegenüber und lasse meine Tasche neben mich fallen.

Und jetzt? Der gute Officer...


Lord, Emery
Emery Lord ist Autorin von bisher vier Jugendromanen und wurde an der amerikanischen Ostküste geboren. Heute lebt sie in Cincinnati mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter sowie zwei ausgebildeten Rettungshunden. Emery glaubt an die Magie des Geschichtenerzählens, sie liebt Riesenräder und besitzt eine beeindruckende Sammlung an unpraktischen Schuhen.



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