E-Book, Deutsch, 157 Seiten
Lore. Eine Berliner Dirne und Schwester der Josefine Mutzenbacher
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95885-245-7
Verlag: venusbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 157 Seiten
ISBN: 978-3-95885-245-7
Verlag: venusbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Über die wahre Identität des Autors, der sich hinter dem Pseudonym Anonymous verbirgt, liegen widersprüchliche Informationen vor: Handelte es sich um einen Berliner Buchhändler oder einen Wiener Journalist? Der Autor hat vermutlich noch weitere deftige Erotika verfasst, die von der Jahrhundertwende bis zum Beginn des 1. Weltkriegs zum Skandal wurden - so wie auch 'Lore'. Zurecht wurde diesem Erotikon der Untertitel 'Berliner Mutzenbacher' oder 'Berliner Fanny Hill' gegeben, denn es ist genau so schamlos - und auch für den modernen Leser ein frivoler Lesegenuss!
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Kapitel 1
Elf Uhr nachts – Friedrichstraße … Der in der ganzen Welt bekannte Höllenspektakel tobt durch die schmale, taghell erleuchtete Straße. Es ist, als hätten hunderttausend Teufel sich hier Rendezvous gegeben, um an dieser Stelle ihre durch Beelzebubs Großmutter in Schranken gehaltene Fröhlichkeit auszutollen. Und dabei sind es doch nur Menschen, die dieses erstaunliche Konzert vollbringen, allerdings Menschen, deren einzige gegenwärtige Sorge darin besteht, sich zu amüsieren, und nach der lieben Art der Berliner, sich möglichst laut zu amüsieren. In das Lachen, Schreien und Quietschen der Passanten und Passantinnen schrillt das Kreischen der Zeitungsverkäufer hinein: »Neueste Nummer der ›Wahrheit‹«, »Das Warenhaus als Bordell!« – »Heiratszeitung – letztes Rettungsmittel!« – »Sensationelle Enthüllungen der »Tribüne« über die Gräfin Waltensleben!« Den Grundbaß zu dem Chorus bildet das Tuten der vorübersausenden Autos, das Dröhnen der großen Omnibusse, das Klappern der Droschken, das Klingeln der Elektrischen – mitten drin als Glanzeffekt übertönen zwei kreischende Weiberstimmen das Ganze – irgend zwei der beputzten und bemalten Dämchen sind aneinandergeraten.
Johlend, schreiend sammelt sich die Menge um die zwei Feindinnen. Man hetzt sie aufeinander wie zwei Kampfhähne – sie werden wild, die Worte genügen nicht mehr; die Schirme treten in Aktion, die Zöpfe fliegen, die schönen Hüte gehen in Fransen –
und der gutgekleidete Mob amüsiert sich – bis die Pickelhauben der Schutzleute auftauchen.
Der Strom flutet weiter, hinauf, zurück, ergießt sich in die Leipziger-Straße, füllt den Leipziger- und den Potsdamer-Platz. Vornehme Viveurs, die den Rummel einmal mitmachen, elegante Damen, ängstlich an den Arm des Kavaliers geschmiegt, daneben die Talerdirne, die sich in irgendeinem Hausflur die Röcke aufhebt, Arbeiterinnen, Ladenmädels, Kommis, Offiziere in Zivil, Studenten, Hochstapler, Bankdirektoren, Taschendiebe, Kriminalschutzleute, Demimondainen – wie aus Satans Höllenkessel heraufgeblasen, quirlt und zischt das alles durcheinander. –
An der Seite des Stromes, der sich langsam, aber unaufhaltsam vorwärtsschiebt. schleicht sich scheu ein kleines, sechsjähriges Mädel. Barfüßig, ohne Hut, in elende Fetzen gehüllt, äugt die Kleine scharf nach den Passanten. O, sie ist schlau und gerissen! Sie drängt sich nicht an die jungen Männer, sondern an die Alten und die ganz Alten und bietet ihnen mit zittriger, flehentlicher Stimme ein paar Schnürsenkel oder ein Päckchen Streichhölzer an. Schmierig und zerzaust ist sie wie ein Straßenköter, aber die nackten Beine sind rund, und wenn sie sich an einen Wackelgreis heranmacht, reibt sie sich lüstern an feinem Knie und Schenkel. Sie versteht’s! Da ist Keiner, der ihr nicht einen Groschen schenkt. Und wenn einer grad’ Handschuhe anhat, greift er ihr auch wohl unters Kinn und drückt ihr dann zwanzig Pfennig oder gar einen Fünfziger in die kleine, harte Hand.
O, sie versteht ihr Geschäft! Wie ein Fuchs beschleicht sie ihre Kunden, hängt sich hartnäckig an sie an und läßt sie nicht eher aus den Klauen, ehe sie nicht ihren Groschen hat. Dabei ist sie immer bereit, vor der ersten besten Pickelhaube durchzubrennen und frech wie ein Feldspatz doch wieder! auf ihren Beuteplatz zurückzukehren.
Bis eins harrt sie auf ihrem Posten aus. Bis der große Strom nachläßt und vor allem ihre besten Kunden – die alten Herren – aus ihm verschwinden. Dann haftet sie über die Behrens- und Königstraße dem Alexanderplatz zu, biegt in die Prenzlauerstraße ein und verschwindet schließlich in einer stockfinsteren, schmutzigen Nebengaffe. Durch ein offenes Kellerfenster kriecht sie in das duftete, fünfstockhohe Haus, klettert die schlüpfrige Kellertreppe empor, geht über den Hof und steigt im Hinterhaus drei Treppen in die Höhe, klinkt eine angelehnte Türe auf, tritt in eine übelriechende Küche, turnt über viele Schlafende hinweg, die da am Boden liegen, schiebt sich in das anstoßende Zimmer und ist daheim.
Dieses Zimmer, das nicht viel größer ist als die Küche, beherbergt nicht weniger als sechs Personen, die sich auf zwei Betten und ein schmales Sofa verteilen. In dem einen Bett schlafen Lores Eltern mit dem Jüngsten, das die Mutter noch an der Brust hat, in dem andern zwei Schlafburschen, während auf dem Kanapee Fritz, Lores zehnjähriger Bruder, es sich bequem gemacht hat.
Niemand achtet auf den Eintritt des Kindes, das sich in der Finsternis an den Schrank tastet, ein Stück Brot herauslangt und sich mit diesem lukullischen Abendbrot zu dem Kanapee schiebt, in dessen unterer Ecke sein Lager bereit ist. Auf dem Wege dorthin muß es das Bett passieren, in dem die zwei Schlafburschen liegen.
Da fühlt sich Lore plötzlich von einer Hand festgehalten, die aus dem Bett heraus nach ihrem Rocke greift. Der lange Wilhelm ist’s, ein sechzehnjähriger Arbeiter, der sie an sich zu ziehen verbucht.
»Du, Lore, komm’ mal her!« flüsterte mit heilerer, leiser Stimme.
Aber die Kleine ist so müde und hat gar keine Luft. Sie hat nur ein Verlangen – sich gut auszuschlafen.
»Nee laß mir –« murmelt sie und versucht, sich loszumachen.
»Ich schenk’ Dir ‘n Jroschen.« Und er zieht sie ganz ans Bett heran. »Ick liege schon die ganze Nacht und laure uff Dir. Der Schwanz steht mir wie’n Donnerwetter.«
Weder der Groschen, noch das Donnerwetter können Lore reizen. Sie ist zu müde und zu hungrig.
»Nee, nee – Willem – ick bin heute zu müde.«
»Jck jebe Dir zwee Jroschen – gleich vorher da« er kramt unter feinem Kiffen sein kleines, zerfetztes Portemonnaie hervor und drückt ihr zwei Groschen in die Hand.
Zwei Groschen sind mehr als einer. Lore beginnt zu schwanken.
»Du bist ‘n Aas,« zischt Wilhelm, »wenn de jetzt kommst, kriegste nachher noch ‘n jroschen.«
Das entscheidet.
»Jibste mir ooch janz bestimmt den annern Jroschen?«
»Natierlich! Nu mach’ aber schon!«
Da läßt sich Lore neben ihn ins Bett fallen. – Wilhelm ist kein zärtlicher, sanfter Liebhaber. Ohne viele Umstände geht er gleich auf sein Ziel los, schiebt ihr die Röcke zurück, und während er sein Bajonett pflanzt, tut sie apathisch die Schenkel auseinander und beißt in ihr Stück Brot.
Der Hunger ist größer in ihr als der Dürft nach Liebe. Wilhelm arbeitet wacker auf ihrem kleinen Bauch und sie verzehrt dabei ihr Abendbrot. Natürlich kann sie gleichzeitig nicht mit dem Feuer bei der Sache sein, das ihr Bereiter für wünschenswert hält. Er gibt ihr einen derben Knuff in die Seite zur Ermunterung.
»So rühr’ Dich doch!« keucht er. »Wien Klotz liegste da!«
Mechanisch schiebt Lore mit dem kleinen, runden Popo ein paarmal auf und nieder, und das genügt schon, um bei Wilhelm den Feuerstrom aller Freuden auszulösen. Wie aus einer Pumpe spritzt er in Lores Loch, das trotz ihrer sechs Jahre schon so groß ist,
daß es Wilhelms Wonneinstrument so ziemlich in sich aufnehmen kann.
Befriedigt läßt sich Wilhelm von ihr herunterfallen und sie schlüpft aus dem Bett, dessen zweiter Inhaber gar nichts von dem Ritt gemerkt hat, den die Zwei miteinander ausführten.
»Wat is mit mein’ Jroschen?« fragt sie.
»Mach’, daß De wegkommst, sonst jeb’ ick Dir eens in die Fresse«, brummt er.
Verschüchtert wagt Lore keinen Protest mehr gegen diesen Wortbruch und schleicht zu dem Kanapee. So gut sie kann huschelt sie sich in die freie Ecke zurecht und fünf Minuten später schläft sie fest und ruhig.
***
Es ist schon lange her, daß Lore die Beine auseinandergibt, wenn es ein Mann oder ein Junge von ihr verlangt. Aber sie ist schlau; umsonst tut sie’s nicht, wenn sie nicht grade mit Gewalt dazu gezwungen wird. Fünf Pfennige sind ihre geringste Taxe, aber für ein Stück Kuchen läßt sie sich eventuell auch schon bereit finden. Minett macht sie nicht unter einem Groschen – mit einem Worte, sie ist die richtige kleine Hure, die sich mehr des Profits halber als um des Vergnügens willen auf den Rücken legt.
Mit fünf Jahren wurde ihre Jungfernschaft die Beute eines fremden Mannes, der sie vom Hof, wo sie mit ihren Freundinnen spielte, auf den Abort lockte. Er hielt ihr ein blankes Fünfzig Pfennigstück vor die Nase und für fünfzig Pfennig wäre Lore, die mit dem frühreifen Verstande des Proletarierkindes den Wert des Geldes kannte, bis ans Ende der Welt gegangen.
Sie wußte ganz genau, was der Mann von ihr wollte, zumal damals die Vergewaltigungen kleiner Mädchen in Berlin an der Tagesordnung waren. Einen Moment lang zögerte sie – wenn ihr der Mensch auch so den Bauch aufschlitzte, wie sie es mit der Trude Schulz aus der Linienstraße gemacht hatten? Aber der sah so nett und freundlich aus! Und vor allem: das Fünfzig-Pfennigstück wirkte!
Also ging sie mit. Kein Mensch sah sie, wie sie in dem Klosett verschwanden. Aber bevor sie noch die Türe hinter sich zumachte, ließ sie sich das Geld geben.
Wie ein geiler Bock fiel der Fremde über sie her. Er setzte sich auf das Brett und riß sie auf seinen Schoß. Während er ihr mit der einen Hand den Mund zuhielt, fuhr er mit der andern zwischen die Beine und bohrte ihren seinen großen, dicken Zeigefinger in die geschlossene Scheide. Der Schmerz war furchtbar und sie versuchte, sich loszureißen; allein mit brutaler Faust hielt er sie fest und bohrte sich zwischen ihren Lefzen durch! Mit einem einzigen brutalen Stoß riß er ihr die Scheide auseinander – sie fühlte nur noch, wie ihr das Blut über die Beine herunterschoß, dann wurde sie ohnmächtig.
...



