Loren | Unvergesslich | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 414 Seiten

Reihe: Lübbe

Loren Unvergesslich

Du und ich. Roman
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7325-8816-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Du und ich. Roman

E-Book, Deutsch, 414 Seiten

Reihe: Lübbe

ISBN: 978-3-7325-8816-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Finn liebt Liv, und Liv liebt Finn. Doch ein schreckliches Ereignis reißt sie auseinander. Als sie nach vielen Jahren wieder aufeinandertreffen, ist nichts mehr, wie es war. Die einst so wilde Liv hat einen Job, der sie nicht erfüllt, der verlässliche Finn ist Undercover Cop, ohne Familie, ohne Bindungen, immer auf dem Sprung. Sofort sprühen wieder die Funken. Doch die Vergangenheit hat Spuren hinterlassen, und die Verletzungen sitzen tief ...



Roni Loren schrieb ihren ersten Liebesroman im Alter von 15 Jahren, als sie feststellte, dass es einfacher war, über Jungs zu schreiben, als mit ihnen zu reden. Heute kann sie zwar auch nicht viel besser flirten, ist aber (hoffentlich) eine bessere Autorin. Sie ist zweifache Gewinnerin des RITA-Awards und eine New York Times- und USA Today-Bestsellerautorin.
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Kapitel 1


NICHTS KANN EUCH RETTEN. Liv Arias rieb sich über die Gänsehaut auf ihren Armen, als sie die krakeligen Worte auf dem Pappschild las, das jemand unter die Abbildung einer gefährlich aussehenden Wespe an die Wand der Sporthalle geklebt hatte. NICHTS KANN EUCH RETTEN! Weitere handbeschriebene Zettel hingen kreuz und quer um das lächerliche Maskottchen herum, runde Cheerleader-Handschriften, die erklärten, dass die Millbourne Yellowjackets es den Creekside Tigers zeigen würden. Irgendein Klugscheißer hatte einen Tiger mit einem angeschwollenen Gesicht und daneben einen durchgestrichenen Adrenalin-Autoinjektor gezeichnet, wie ihn Allergiker oft für den Notfall bei sich trugen.

Nichts kann euch retten. Der künstlerische Ausdruck der Zeichnung hätte Liv lächeln lassen sollen. Früher, als sie noch auf der Highschool gewesen war, hätten ihr die Zeichnungen gefallen, auch wenn sie sie nicht selbst angefertigt hätte. Doch heute konnte sie sich nicht mehr dafür begeistern. Weil das alles sie runterzog. Der neue Name der Schule. Das seltsame, zu lustige Maskottchen. Die Tatsache, dass sie hier war.

Das hier war nicht die Turnhalle, in der es passiert war. Jenes Gebäude war wenige Monate nach der Tragödie abgerissen worden. Überall Blut und Schmutz. Inzwischen befand sich dort, am anderen Ende der Schule, ein Platz des Gedenkens. Sie hatte den langen Weg darum herum gewählt, um ihn auf ihrem Weg ins Gebäude nicht überqueren zu müssen. Sie befürchtete, dass dann alles, was sie so mühsam verdrängt hatte, wieder hochkommen würde. Auch zwölf Jahre danach konnte sie es nicht ertragen, auf die Liste der Namen zu blicken, die im Programmheft einer Abschlussfeier stehen sollten und nicht auf eine Gedenkstätte gemeißelt. Menschen, neben denen sie in der Klasse gesessen hatte. Menschen, mit denen sie befreundet gewesen war. Menschen, von denen sie dachte, dass sie sie hassen würde, bis sie fort waren und ihr bewusst wurde, wie dumm und oberflächlich Highschool-Hass war. Nun waren sie nur noch Namen auf einem Stein, Erinnerungen, die an die Wände ihres Gehirns gemalt waren, Löcher in den Herzen anderer Menschen.

»Sie sagten, dass Sie sich nicht in der Sporthalle aufhielten, als der erste Schütze hereinkam.«

Die ruhige Stimme des Interviewers riss Liv aus ihren Gedanken, und sie blinzelte in die grellen Lichter der Kamera, die auf sie gerichtet war. Sie hatten über die Tragödie im Allgemeinen gesprochen, waren aber noch nicht zu den Einzelheiten jener Nacht gekommen. »Was?«

Dokumentarfilmer Daniel Morrow nickte ihr aufmunternd zu, wobei ihm das gestylte Haar in die Stirn fiel. »Sie waren also nicht in der Turnhalle …«

Liv schluckte gegen die Enge in ihrer Kehle an. Vielleicht hatte sie sich überschätzt, als sie ihre Zusage für das hier gegeben hatte. Sie hatte es getan, weil die Einnahmen sowohl den Familien der Opfer als auch der Forschung zugutekommen würden, damit so etwas nicht noch einmal geschah. Wie hätte sie also so hartherzig sein können abzulehnen? Doch in diesem Moment wünschte sie, sie hätte es getan. Die alte Angst kroch ihr wie tausend Spinnen den Rücken hinauf bis in den Nacken und ergriff von ihr Besitz. Die Erinnerungen an jene Nacht drohten sie zu überwältigen. Für eine Sekunde schloss sie die Augen, konzentrierte sich auf ihre Atmung.

Sie war nicht mehr das verängstigte Mädchen von damals. Nie mehr.

»Brauchen Sie eine Pause, Ms. Arias?«, fragte Daniel, und seine Stimme hallte in der dunklen, leeren Turnhalle.

Sie schüttelte den Kopf, während die Lampen des Kamerateams heiß auf ihre Haut brannten. Keine Unterbrechungen. Sie musste die Sache hinter sich bringen. Wenn sie eine Pause machte, würde sie nicht mehr vor die Kamera zurückkehren. Sie öffnete die Augen und straffte den Rücken, sammelte Kraft und tat so, als würde sie über Dinge sprechen, die anderen passiert waren, Menschen, die sie nicht kannte, an einer Schule, von der sie nie gehört hatte. »Nein, ich war nicht in der Turnhalle. Ich war im Flur, um frische Luft zu schnappen.«

Was nicht ganz der Wahrheit entsprach. Sie hatte den Abschlussball verlassen, um mit Finn Dorsey im Kabuff des Hausmeisters zu verschwinden. Doch sie und Finn hatten über diesen Teil der Geschichte nie geredet, weil er mit einem »echten« Date auf dem Fest gewesen war. Niemals hätte er gewollt, dass seine Eltern oder irgendwer sonst erfuhren, dass er sich mit jemandem wie Olivia Arias davongestohlen hatte. Sie hatte ihn zuerst in die Kammer gezogen, um ihm den Kopf zu waschen, weil er sie für sein Date mit der Vorsitzenden der Schülervertretung übergangen hatte. Doch dieser Streit hatte das Feuer zwischen ihnen beiden nur noch mehr angefacht. Es war ein junges, törichtes, komplett unpassendes Verlangen gewesen. Er hatte gerade die Hand unter ihr Oberteil geschoben, als sie die ersten Schüsse gehört hatten.

»Was passierte, als Sie im Flur waren?«

Liv wollte die Bilder nicht wieder heraufbeschwören. Sie hatte so lange mit Flashbacks gekämpft, dass es sich nun anfühlte, als würde sie den Teufel ein weiteres Mal einladen wollen. Erst als sie dieses furchtbare Jahr komplett verdrängt und sich von allem und jedem aus der damaligen Zeit distanziert hatte, hatte sie wieder aufatmen können. Die Erinnerungen nun noch einmal hervorzuholen war möglicherweise zu viel. Schon stiegen die Bilder wieder vor ihr auf.

»Als ich die Schüsse und dann die Schreie hörte, versteckte ich mich im Kabuff des Hausmeisters.« Sie und Finn hatten geglaubt, dass es sich um irgendeinen Abschlussfeier-Gag handelte, bis sie hörten, wie Finns Date Rebecca das Wort Waffe rief.

Waffe.

Ein kleines Wort mit fünf Buchstaben, das ihre Welt aus den Angeln gehoben und für immer in eine andere Dimension katapultiert hatte.

»Dann haben Sie die Schützen nicht gesehen?«

Liv fasste sich an den Ellbogen, um zu verhindern, dass ihr inneres Frösteln zu einem sichtbaren Zittern wurde, und verdrängte den Tannennadelgeruch des Desinfektionsmittels, der ihr in der Nase brannte, als ob sie wieder in der Hausmeisterkammer wäre. Wegen dieses Duftes war sie noch immer nicht in der Lage, sich an Weihnachten einen echten Tannenbaum zu kaufen. »Ich habe niemanden gesehen, bis Joseph die Tür öffnete.«

Finn hatte sie damals allein in dem Kabuff zurückgelassen. In dem Moment, als er Rebecca schreien gehört hatte, war er losgelaufen. Er hatte etwas zu ihr gesagt, doch sie hatte sich nie erinnern können, was es gewesen war. Sie wusste nur noch, dass er sie verlassen hatte. Indem er davoneilte, um sein eigentliches Date zu retten, hatte er Joseph ungewollt verraten, wo sich Liv aufhielt.

»Er richtete die Waffe auf mich und brüllte, ich solle aufstehen.« Ihre Stimme klang heiser und rau bei der Erinnerung an die überwältigende Angst von damals, als sie geglaubt hatte, ihre letzte Stunde habe geschlagen. Sie hatte gelernt, irgendwie mit den Panikattacken zurechtzukommen, die sie seit jener Nacht quälten, doch dieses eine Bild verfolgte sie immer noch – wie sie direkt in den auf sie gerichteten Lauf der Waffe schaute, während der ängstliche und doch entschlossene Blick ihres früheren Laborpartners sie wie kalter Stahl durchbohrte.

»Doch Joseph hat nicht abgedrückt.«

Liv sah auf ihre Hände hinunter und drehte den Ehering ihrer Mutter wieder und wieder herum. »Nein. Er wusste, wer ich war. Ich … stand nicht auf seiner Liste.«

»Was bedeutet das?«

Es war unmöglich, dass Daniel das nicht wusste. Die Medien hatten sich auf das Bekennerschreiben der Killer gestürzt wie Ameisen auf ein Glas Honig. Joseph und Trevor hatten sich den Abschlussball aus einem ganz besonderen Grund für ihre Tat ausgesucht. Nicht, um die beliebten Mitschüler zu töten oder die, die ihnen Unrecht getan hatten. Nein, es hatte die Glücklichen treffen sollen. Wer in einer beschissenen Welt wie dieser glücklich sein kann, der ist blind und zu dumm, um zu leben. So hatte die Essenz ihrer Mission gelautet. Liv hatte nicht als glücklich gegolten und war deshalb verschont geblieben. Doch sie hatte nicht die Absicht, dies zu verraten und sich damit der Frage auszusetzen, warum sie nicht glücklich gewesen war. Damals hatte es genügend Spekulationen in der Presse gegeben. Was stimmte nicht mit all diesen glücklichen Überlebenden? Waren sie die unbedeutenden Kids? Die deprimierten Kids? Die versehrten Kids? Freunde der Mörder? »Joseph und ich hatten gemeinsam an einem Chemieprojekt gearbeitet. Wir waren nicht befreundet, aber ich war nett zu ihm gewesen.«

Und er war nett zu ihr gewesen. Doch sie hatte auch eine Seite von ihm gesehen, die sie später verfolgen sollte.

Als sie sich Sorgen machte, dass ihr Projekt womöglich nicht mit denen der anderen mithalten könnte, versicherte er ihr, dass der Rest der Klasse aus Idioten, Schaumschlägern und Arschlöchern bestünde, sodass sie im Vergleich dazu wie Genies aussahen. Er hatte sie angegrinst und gesagt: »Ehrlich gesagt finde ich, dass irgendwer sie einfach aus ihrem Elend erlösen sollte. Würde uns den Ärger ersparen, uns mit ihnen herumzuschlagen.«

Damals hatte sie sich bereits dem Postulat des Sarkasmus verschrieben und nicht mehr viel für ihre Klassenkameraden übrig, und so hatte sie seinen Kommentar einfach so stehen lassen und ihm sogar zugestimmt. Inzwischen wurde ihr bei der Erinnerung an das Gespräch übel. Sie hatte einem Mörder bestätigt, dass er recht habe. Hatte damit...



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