Loren | Unzertrennlich | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 462 Seiten

Reihe: Lübbe

Loren Unzertrennlich

Du und ich. Roman
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7325-9484-9
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Du und ich. Roman

E-Book, Deutsch, 462 Seiten

Reihe: Lübbe

ISBN: 978-3-7325-9484-9
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als die erfolgreiche Anwältin Rebecca Lindt auf dem Nachhauseweg mit der Waffe bedroht wird, werden schreckliche Erinnerungen an den Amoklauf vor 14 Jahren wach. Diesmal jedoch eilt ihr als Retter in der Not der attraktive Wes Garrett zu Hilfe.
Aber Wes ist für Rebecca kein Unbekannter, denn sie vertrat seine Ex-Frau während des Scheidungsprozesses - bei dem Wes alles verlor, was ihm wichtig war. Doch obwohl sie eigentlich alles trennt, ist die gegenseitige Anziehung stärker als alles andere ...



Roni Loren hat einen Master in Sozialarbeit und viele Jahre als Therapeutin gearbeitet, bis sie sich ganz aufs Schreiben konzentrierte. Seitdem legt sie in ihrem gemütlichen Büro in Dallas, Texas nur noch ihre Figuren auf die Analysecouch. Sie ist zweifache Gewinnerin des RITA-Awards und eine New York Times- und USA Today-Bestsellerautorin.
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Kapitel 2


Wes Garrett warf durch den Türspalt einen Blick in das Apartment und sah eine Gruppe von Frauen, die lachten und Champagner tranken. Eine trug einen Partyhut mit einem großen beleuchteten Schwanz darauf. Er schloss die Tür und lehnte sich gegen die Wand im Flur. »Ich kann nicht glauben, dass ich es auch nur in Betracht ziehe.«

Suzie grinste ihn verschmitzt an, und ihr Lippenring glitzerte im Schein der Flurlampe. »Sei nicht so prüde, Garrett. Was ist aus dem wilden Kerl geworden, den ich früher mal kannte und der alles wenigstens einmal probieren wollte?«

Sein Kiefer arbeitete. »Fragst du mich das wirklich?«

Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. »Du weißt, was ich meine. Ich will nicht dein postapokalyptisches Ich. Das war einfach furchtbar.«

»Findest du?«

Sie rollte mit den Augen. »Ich spreche darüber, wie du warst, bevor alles den Bach runterging. Inzwischen hast du dich zu sehr ins Gegenteil verkehrt.« Sie zuckte die Achseln. »Als unbescholtener Bürger zu leben heißt nicht, keinen Spaß mehr zu haben, weißt du, oder keinen Sinn für Humor.«

»Suze …«

»Das ist ein guter Auftrag.« Sie durchbohrte ihn mit ihrem Blick. »Dreihundert Mäuse für zwei Stunden. Alles, was du tun musst, ist, betrunkenen Hühnern zu zeigen, wie man ein paar einfache Dinge zubereitet. Du gibst jeden Tag Kochunterricht. Das hier ist nichts anderes.«

Er sah sie vielsagend an. »Ich bringe Teenagern bei, wie man kocht. Dabei trage ich meine weiße Kochkleidung. Ich muss nicht nackt kochen.«

»Argh. Du wirst doch gar nicht nackt sein. Das wäre ein zu großes Risiko in der Küche. Nur … ohne Hemd. Und hey, mit deinen ganzen Tattoos bist du doch irgendwie immer bedeckt.«

Jesus. Was war nur aus seinem Leben geworden? Erst Vier-Sterne-Restaurants und nun das hier? Er hatte geglaubt, dass der Unterricht in einem außerschulischen Programm ein tiefer Fall wäre, nachdem er sich schon als Chefkoch mit eigenem Restaurant gesehen hatte. Doch das hier fand auf einer ganz neuen Stufe statt. Nämlich ganz unten. Bei den Jugendlichen konnte er sich wenigstens einbilden, er würde zukünftige Küchenchefs ausbilden. Doch hier wäre er der Appetithappen des Tages. »Ich weiß nicht.«

Sie griff nach seiner Hand, und ihr Gesicht unter den leuchtend pinkfarbenen Ponyfransen war ernst. »Komm schon, Wes. Mein Kollege hat mich hängen lassen. Oben-ohne-Köche sind gerade total angesagt. Wenn ich ohne auftauche, werde ich in den Online-Besprechungen zerrissen, und mein Geschäft ist am Ende, bevor es richtig angelaufen ist. Du hast fachlich das Zeug dazu. Und du hast dieses Blonder-Bad-Boy-Ding an dir, das sie umhauen wird. Und es gab eine Zeit, in der du die Ladys um den kleinen Finger wickeln konntest, also weiß ich, dass du das hier kannst. Außerdem hast du gesagt, dass du das Geld brauchst. Es ist leicht verdient. Win-win.«

Wes verzog das Gesicht. Er hasste es, dass er das Geld brauchte. Hasste es, dass er fast wieder dort war, wo er vor langer Zeit gewesen war, als er jeden verdammten Cent hatte umdrehen müssen. Er hatte geglaubt, das alles lange hinter sich gelassen zu haben, und dann – boom – war das Leben explodiert. Aber brauchen war auch nicht das richtige Wort. Mit dem Lehrer-Job verdiente er genug, um davon leben zu können. Er wusste, wie er lange mit wenig auskommen konnte. Doch er brauchte das Geld für eine verrückte Idee. Für etwas, mit dem er seine Zeit nicht vergeuden sollte. Seine Familie würde ihn in den Hintern treten, wenn sie wüsste, dass er auch nur darüber nachdachte.

Dennoch konnte er nicht anders, als die Augen zu schließen und sich den heruntergekommenen Schulbus vorzustellen, den ihm sein Freund Devin letzte Woche gezeigt hatte. Der alte Bus sah aus, als wäre er eine steile Felswand hinuntergestürzt und in Flammen aufgegangen. Doch unter der ramponierten Oberfläche hatte Wes das Potenzial gesehen, aus diesem Bus einen Foodtruck zu machen. Wes hatte wieder dieses Kribbeln, das er zu ignorieren versuchte, seit er alles verloren hatte. Dieses Was-wäre-wenn.

Er hatte bei seiner Bank nach einem Kredit gefragt. Doch er hatte die Antwort schon vorher gewusst. Und er hatte die Fühler bei seinen Freunden ausgestreckt und sie gebeten, ihn anzurufen, wenn es einen zusätzlichen Catering- oder Kochauftrag gab.

Selbstverständlich hatte er auch Suzie angerufen, doch sie hatte ihm nicht erzählt, wie genau ihr neues Privatkoch-Konzept aussah, und ihm auch erst den Namen der Agentur verraten, als er schon vor Ort war. Sie war klug genug, um zu wissen, dass er sonst sofort die Flucht ergriffen hätte.

Doch nun war er hier, und sie brauchte seine Hilfe. Und, verdammt, er wollte das Geld. Er lehnte den Kopf gegen die Wand in seinem Rücken und schloss die Augen. »Was soll ich ihnen beibringen?«

Als sie nicht sofort antwortete, hob er den Kopf und sah, wie sie auf ihrer Lippe kaute.

»Suze.« Seine Stimme klang warnend.

Sie hielt die Handflächen hoch. »Hass mich nicht, okay? Es gibt Rezepte für Bruschetta und ein Bourbon-Nuss-Krokant, die du lieben wirst. Doch ein Teil der anderen Sachen ist … themenorientiert.«

Resigniert ließ er die Schultern hängen. »Ich werde Gerichte in Penisform machen, oder?«

»Hm …« Sie zog die Nase kraus. »Es mag da Rezepte wie prall gefüllte Eier und Leckmuscheln geben.«

»Ich hasse dich, ehrlich.«

Sie grinste und trat vor, um ihm die Wange zu tätscheln. »Du bist der Beste, Garrett. Wenn ich nicht vermeiden wollte, das Inventar mit Lippenstift zu beschmieren, würde ich dich jetzt küssen.«

»Du sagst wirklich die nettesten Dinge, Suze, ich fühle mich mit Zuneigung und Komplimenten überhäuft.«

»Wirklich?« Sie kniff ihm in die Hüfte. »Nun geh da rein, sei nett und sieh hübsch aus.«

Er warf ihr einen Blick zu. »Behandelst du alle deine Angestellten wie Vieh?«

Sie streckte ihm die Zunge raus. »Nur meine Freunde, die mich nicht verklagen würden.«

Müde atmete er aus. »Ich verklage dich nicht, aber wenn du irgendwem davon erzählst …«

»Das werde ich nicht.«

»Ich könnte meinen Job verlieren.« Abgesehen von dem letzten Rest Würde.

Sie tat, als verschlösse sie ihre Lippen, und warf dann den imaginären Schlüssel fort. »Dein Geheimnis ist sicher. Das schwöre ich.«

»Gut. Dann gehe ich jetzt da rein.«

Sie klatschte stumm in die Hände, doch dann verblasste ihr Lächeln ein wenig. »Und du kommst auch ganz sicher damit klar, dass das eine Party mit Alkohol ist? Ich weiß, dass ich dich zu der Sache dränge, aber wenn dieser Teil ein Problem ist …«

»Ich hab dir gesagt, dass es okay ist«, schnitt er ihr das Wort ab und spürte, wie er zornig wurde. »Heute Abend ist das mein kleinstes Problem.«

Sie presste die Lippen zusammen und nickte. »Okay. Gut.«

Resigniert fuhr er sich mit der Hand durch die Haare. »Bringen wir es hinter uns.«

Sie machte eine ausladende Handbewegung Richtung Tür. »Viel Glück, mein Freund.«

Ein letztes Mal holte er tief Luft, dann ging er an ihr vorbei und drückte die Tür auf. Alle Augen richteten sich auf ihn, und die blonde Frau mit dem Penis grinste breit und klatschte in die Hände. »Oh, habt ihr mir einen Stripper besorgt?«

Fast hätte Wes auf der Stelle umgedreht. Drei. Zwei. Eins. Und durch die Tür nach draußen. Doch er biss die Zähne zusammen und marschierte weiter.

»Noch besser«, sagte eine große Frau mit dunklen Augen neben ihr. »Er zieht sich nicht nur aus. Er kocht für uns!«

»Lecker!«, warf eine andere Frau aus der Gruppe ein, und Wes hätte nicht sagen können, ob es sich auf ihn oder sein Essen bezog.

»Hallo, Ladys.« Wes zwang sich zu einem charmanten Lächeln und knöpfte dann seine schwarze Kochjacke auf, während in ihm ein kleiner Teil seiner Selbst starb. »Wer hat Lust, ein wenig selbst Hand anzulegen und etwas zu lernen?«

Eifrig reckten die Frauen ihre Arme in die Luft und lachten, als sie hinüber zur langen Küchentheke gingen. Dort standen Wes’ Zutaten schon bereit, denn Suzie hatte sich im Vorfeld um das Mise en Place gekümmert. Außerdem lag ein Stapel Rezeptkarten vor jedem Stuhl an der Theke, neben farbenfrohen Jelly-Shots und Champagnerkelchen.

Wes holte tief Luft, als er das festliche Arrangement betrachtete, und versuchte, seine Mitte zu finden.

Das hier war eine Party. Eine der Frauen würde heiraten, und das war der Junggesellinnenabend mit ihren Freundinnen. Vielleicht war es ihr letzter spaßiger Abend, wenn ihre Ehe so laufen würde wie seine eigene. Die Frauen brauchten kein mürrisches Arschloch, das ihnen den Abend verdarb.

Er versuchte, daran zu denken, als er die Jacke über einen Stuhl hängte und in seinen Nacken griff, um sich das T-Shirt auszuziehen.

Die Ladys gaben wohlwollende Laute und Kommentare von sich, als er die kühle Luft auf seiner nackten Haut spürte. Die Reaktionen hätten sein Ego streicheln sollen. Wäre er noch sein jüngeres Selbst gewesen, hätte er die Aufmerksamkeit genossen, die Frauen noch angestachelt und das Spiel weitergespielt. Wäre er noch der Kerl von damals gewesen, hätte er sich neben sie an die Theke gestellt und einige der Shots hinuntergekippt, sich eine heiße Single-Frau unter ihnen ausgesucht und sie für die Nacht in sein Bett geholt.

Aber als er nun all die hübschen Gesichter und interessierten Blicke sah, war der Alkohol das Einzige, was sein Interesse...



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