Lorentz | Rufus und Reenie – Mein Freund, der Uhu | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Lorentz Rufus und Reenie – Mein Freund, der Uhu


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-641-25564-0
Verlag: cbj
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

ISBN: 978-3-641-25564-0
Verlag: cbj
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Zwei Außenseiter begegnen sich

Virgina-Uhu Rufus ist schon acht Monate alt und kann immer noch nicht ohne die Hilfe seiner Mutter jagen. Als diese tragisch verschwindet, ist Rufus allein den Gefahren des Waldes ausgeliefert. Auch Reenie (12) fühlt sich von ihrer Mutter im Stich gelassen, als sie zu ihrer entfernten Tante Beatrice ziehen soll. Doch Reenie ist vom Hobby ihrer Tante, der Falknerei, fasziniert. Als sie den verletzten Jung-Uhu Rufus findet, rät Beatrice ihr ab: Einen Uhu könne man nicht zähmen, zu stolz sei dieser König des Waldes. Aber Reenie ist von dem majestätischen Tier tief berührt, und als sie mit dem Jungvogel zu arbeiten beginnt, entwickelt sie eine intensive Beziehung zu ihm ... Doch kann Rufus je wieder genug Selbstvertrauen erlangen, um in der Wildnis zu überleben? Und wird Reenie sich öffnen und ihrem Herzen freien Lauf lassen?

Dayna Lorentz? ist Kinder- und Jugendbuchautorin und lebt mit ihrer Familie in Vermont. Sie hat drei Studiengänge absolviert, darunter Jura und Creative Writing. Heute arbeitet sie als Juristin in der Jugendhilfe. In ihrer Freizeit singt sie für ihr Leben gern, ist eine miserable Anglerin und hat vor kurzem eine Ausbildung zur Falknerin begonnen. Tiere liebt sie über alles.
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Reenie


ICH KANN IMMER EIN LÄCHELN VORTÄUSCHEN, immer, ausser heute Abend. Mein Gesicht macht einfach nicht mit.

Dass dieser Abend nicht großartig gelaufen ist, weiß ich selbst. Für gewöhnlich hält Phil, Grams gemeiner Freund, sein Wutsüppchen auf gemäßigter Flamme, aber heute ist es übergekocht. Phils und Grams Gebrüll war laut genug, um mich wach zu halten. Und leider auch laut genug, um die Nachbarn aus dem Schlaf zu schrecken, denn einer von ihnen hat aus dem Gebrüll ein Riesending gemacht und die Polizei gerufen. Die kam genau in dem Augenblick, als Phil mit Tellern warf, um sein Gebrüll zu unterstreichen – und jetzt irrt die Sozialarbeiterin mit mir durch Nacht und Nebel. Ihr Auto, in dem sie mich zu irgendeiner fremden Familie verfrachten will, stinkt nach Käsefüßen, mein Schlafanzug ist mit Schlamm bespritzt, und ich bringe es einfach nicht fertig, meine Lippen zum Lächeln zu bewegen.

Als die gepflasterte Straße in einen Schotterweg übergeht, kommt der Wagen leicht ins Schlingern und die Räder fangen an zu poltern. Ich drücke meine Brust gegen den Anschnallgurt und beuge mich vor, um die Sozialarbeiterin auf mich aufmerksam zu machen. »Sollten wir vielleicht lieber zurück zu meiner Großmutter fahren?«, frage ich in meinem liebenswürdigsten Kind-versucht-zu-helfen-Tonfall. Es ist die Art von Tonfall, die bei Erwachsenen in solchen Situationen am besten funktioniert.

Die Sozialarbeiterin gähnt, stürzt einen kräftigen Schluck Kaffee aus ihrer Thermoskanne hinunter und lächelt schläfrig. »Wir finden es schon.« Sie richtet ihren Blick wieder auf die Straße. Ich glaube, sie heißt Randi. Genau, Randi mit . Ich ziehe den Rucksack auf meinen Schoß, greife hinein und wickle mir die verfilzte Boa aus Marabu-Federn, die Mom mir geschenkt hat, eng um den Finger.

»Aha!« Randi hält vor dem Parkplatz eines baufälligen Bauernhauses. »Da wären wir!«, ruft sie mit erzwungener Fröhlichkeit aus.

Die Scheinwerfer betonen die dunklen Schatten der bröckelnden Fassade, an der die weiße Farbe abblättert. Sämtliche Erkerfenster sind zugezogen und vor der grünen Haustür brennt kein Licht.

»Wer wohnt hier noch mal?«, frage ich. Ich habe dieses Haus noch nie gesehen.

Da muss Randi-mit- erst mal in ihrer Akte nachschauen. »Deine Großtante. Die Schwester deiner Großmutter?«

»Ich wusste nicht, dass Gram eine Schwester hat.«

»Nicht deine Großmutter mütterlicherseits.« Randi blättert durch die Seiten. »Gemeint ist die Mutter deines Vaters. Also: ihre Schwester.«

Das erklärt, warum ich noch nie etwas von ihr gehört habe. Ich wickle die Federboa von meinem Finger und versenke sie wieder in meinem Rucksack. »Okay.«

Randy drückt mein Knie. »Das hier ist nicht die Endstation, Reenie.«

»Maureen«.

»Natürlich. Maureen. Tut mir leid.« Sie wirft noch einen Blick auf ihre Akte. »Es ist nur eine Übergangslösung, mehr nicht.«

Ich ziehe am Türgriff und drücke die Tür auf. »Schon klar.«

Die Übertragung meines Sorgerechts läuft wie am Schnürchen.

Die Sozialarbeiterin drückt meiner angeblichen Tante einen dicken Stapel und ein paar Formulare in die Hand. Was drinsteht, kann ich mir vorstellen: die ganze Geschichte von Mom und mir. Wie ich den gesamten Sommer mit Gram verbracht habe, seit Moms Traurigkeit so groß wurde, dass sie alles andere verdrängt hat. Es passierte nicht zum ersten Mal, deshalb wussten wir alle, was zu tun war. Gram hat Mom in die Psychiatrie eingewiesen und ich hab mein Lager auf der Matratze in Grams Rumpelkammer aufgeschlagen. Warum musste Phil alles vermasseln? Warum mussten die Nachbarn einen so leichten Schlaf haben?

Die angebliche Tante unterschreibt ein paar Formulare, überreicht Randi-mit- den einen Teil und behält den anderen. In weniger als zehn Minuten ist Randi wieder weg, und ich stehe auf den verzogenen Holzdielen eines womöglich einsturzgefährdeten Hauses einer wildfremden Frau gegenüber, die ab jetzt meine Ersatzmutter sein soll.

»Ich bin Beatrice«, sagt meine angebliche Tante. »Beatrice Prince.« Sie ist groß und alt. »Du kannst mich Beatrice nennen.« Ihr langes graues Haar ist zu einem Zopf zurückgebunden, aus dem zerfranste Strähnen herausstehen. Ihre Beine stecken in einem Männerpyjama, obenrum trägt sie ein T-Shirt. Es ist so ausgeblichen, dass ich die Schrift darauf nicht entziffern kann, nur hier und dort die Buchstaben und

»Du bist Wills Tochter?«, fragt sie nach einer gefühlten Minute des Schweigens.

»Schätze schon.« Mein Vater hat sich nie blicken lassen.

Sie mustert mich von oben bis unten. »Du siehst ihm ähnlich.«

»Ich kenne ihn nur von Fotos.«

Nachdem sie mich noch eine kleine Weile begutachtet hat, entfährt ihr ein »Hm«.

Dann dreht sie sich um und geht zurück ins Haus. »Komm schon«, sagt sie und winkt mir vom anderen Ende der Diele aus zu. Ganz offensichtlich hat Randi sie aus dem Tiefschlaf gerissen.

Ich folge ihr. Unter meinen Turnschuhen ächzen und wackeln die Holzdielen. Die Diele wird zu einem schmalen Flur, der an der Treppe vorbei in eine Küche führt. Überall stehen Schüsseln und Einmachgläser. Durch das offene Fenster weht ein Luftzug und trägt einen starken Geruch herein, eine Mischung aus Moschus und Kohle.

»Was stinkt da so?«, frage ich und ziehe mir demonstrativ den Kragen meines T-Shirts über die Nase.

»Ich halte Vögel«, sagt sie, bleibt vor einer Anrichte stehen und trinkt Wasser aus einem Einmachglas. »Das hier ist die Küche. Bedien dich, du kannst essen, was du willst. Da drüben ist das Wohnzimmer.« Sie zeigt zum Nachbarzimmer. »Einen Fernseher hab ich nicht.«

Ihr Tonfall klingt, als wollte sie mich mit diesem Kommentar zu einer Beschwerde herausfordern. »Es gibt auch ein Esszimmer, aber ich benutze es nicht zum Essen.«

»Und wozu dann?«

»Für meine Vögel.« Sie geht an mir vorbei zur Vorderseite des Hauses. Und hier stehen wir nun im schmalen Flur und beäugen einander. Ich verspüre nicht die geringste Lust, mich vom Fleck zu rühren.

Sie hebt ihre Hand und deutet mit dem Finger hinter mich. »Ich zeig dir dein Zimmer.«

Als ich noch immer stocksteif stehenbleibe, drängt sie sich an mir vorbei und macht sich auf den Weg ins obere Stockwerk.

Ich folge ihr nach oben bis zum Treppenabsatz. Rechts geht es zu ihrem Zimmer, das nach hinten rausführt. Auf der linken Seite ist offenbar das für mich bestimmte Zimmer. Dazwischen liegt das einzige Badezimmer des Hauses.

»Die blauen Handtücher sind für dich«, sagt sie. »Ich habe auch eine Zahnbürste und eine Haarbürste gefunden. Ich war mir nicht sicher –« Mitten im Satz bricht sie ab und kratzt sich den Nacken hinter ihrem Zopfansatz. »Tut mir leid, dass deine Mutter im Krankenhaus ist. Ich wusste nicht –«

Meine Finger krallen sich an den Schnallen meines Rucksacks fest. »Ist schon zwei Monate her«, sage ich. »Bin drüber weg.«

Die angebliche Tante hält einen Moment inne, dann nickt sie. »Ich lass dich mal allein, damit du dich bettfertig machen kannst.«

Ich muss ungewöhnlich mitleiderregend aussehen, wenn mein Auftritt in der Tante das Bedürfnis weckt, mit diesem Krempel anzufangen. Ich stecke meinen Kopf ins Badezimmer. Wenigstens ist es sauber. Es gibt ein freistehendes Waschbecken, ein klappriges Wandregal über dem Klo und eine Wanne auf vier Füßen mit einem weißen Vorhang, der von einer kreisförmigen Halterung herabfällt. Das Fenster zeigt zur Straße, nach Süden, von wo ich herkam.

Über dem Waschbecken hängt ein Spiegel. Mein braunes Haar ist zu einem wirren Knoten auf dem Hinterkopf zusammengedreht. Tiefe Schatten liegen unter meinen braunen Augen und die weißen Stellen sind blutunterlaufen. Das gehört zu den »Anzeichen«, die Erwachsene gern aufzeigen, wenn sie die »Kinder aus schwierigen Verhältnissen« identifizieren. Ich klatsche mir eine Handvoll Wasser ins Gesicht, rubble es mit einem der blauen Handtücher trocken, knacke die Verpackung der neuen Zahnbürste auf und putze mir die Zähne. Die Zahnpasta schmeckt zu minzig, aber, wer weiß, womöglich ist zu minzig ja was Gutes. In Grams Haus mussten sich vier Menschen ein Bad teilen: Gram, Phil, Moms Bruder Tony, seine Freundin Lisa – und dazu kam dann noch meine Wenigkeit, weshalb ich nicht oft die Gelegenheit zum Zähneputzen hatte. Was im Grunde auch kein Ding war, ich meine, ich hatte nicht mal Schule. Aber nach einer Weile kriegt man dann doch ein fusseliges Gefühl im Mund. Hier gibt es einen kleinen Metallständer für die Zahnbürsten. Ich lasse meine hineinfallen und sie landet mit einem Klimpern. Hallo? So fröhlich muss sie sich nun auch nicht aufführen.

Zurück in der Diele, nähere ich mich der Tür, die als »mein Zimmer« bezeichnet wurde. »Mein Zimmer« ist riesig. Die Wände sind gelb gestrichen – nicht wirklich meine Farbe, aber egal –, und in der Zimmermitte liegt ein runder, buntgestreifter Flickenteppich. Auf der einen Seite steht ein Schreibtisch mit einem Stuhl; auf der anderen ein großes, altes Bett mit einer Steppdecke und zwei Kissen. Der Schrank ist eine dunkle Höhle mit leeren Kleiderbügeln.

Ich öffne meinen Rucksack, ziehe meine beiden T-Shirts heraus und hänge sie auf die Bügel. Lustlos drehen sie sich im luftleeren Raum. Auf die übrigen Bügel hänge ich meine Jeansshorts, meine vier sauberen Socken und drei Paar Unterhosen. Ich öffne den Reißverschluss meines Hoodies und hänge auch ihn...


Abedi, Isabel
Isabel Abedi wurde in München geboren, wuchs in Düsseldorf auf und arbeitete nach dem Abitur zunächst in Los Angeles. Sie machte eine Ausbildung als Werbetexterin und arbeitete 13 Jahre in diesem Beruf. Immer schon wollte sie jedoch Bücher schreiben und heute ist sie Autorin zahlreicher sehr erfolgreicher Bücher für Kinder und Jugendliche. Sie lebt und arbeitet in Hamburg.

Lorentz, Dayna
Dayna Lorentz? ist Kinder- und Jugendbuchautorin und lebt mit ihrer Familie in Vermont. Sie hat drei Studiengänge absolviert, darunter Jura und Creative Writing. Heute arbeitet sie als Juristin in der Jugendhilfe. In ihrer Freizeit singt sie für ihr Leben gern, ist eine miserable Anglerin und hat vor kurzem eine Ausbildung zur Falknerin begonnen. Tiere liebt sie über alles.



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