E-Book, Deutsch, 102 Seiten
Lorenzen Der einfache Weg
3. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7541-6406-8
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 102 Seiten
ISBN: 978-3-7541-6406-8
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Finn Lorenzen ist Literaturwissenschaftler und Autor. Er wurde 1989 in Kappeln in Schleswig-Holstein geboren und wuchs in Süderbrarup auf. An der Universität Bremen studierte er Germanistik und Kulturwissenschaft, sowie Transnationale Literaturwissenschaft. Seinen spielerischen, verträumten Umgang mit der deutschen Sprache hat er durch Lyrikveröffentlichungen in diversen Anthologien bereits angedeutet, ehe er seine Aufmerksamkeit der Welt der Prosa zuwandte. 'Der einfache Weg' ist dabei sein erstes großes Projekt dieser Art. Heute lebt er zusammen mit seiner Frau in Neuss.
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Der einfache Weg
Die Welt der Erinnerungen ist voller Wunder, über die ich manchmal nur staunen kann. Es ist faszinierend zu beobachten, wie sehr bestimmte Begebenheiten einem im Gedächtnis bleiben. Noch faszinierender ist es sogar, wenn man sich selbst nach den Gründen fragt, weshalb dieses und jenes Ereignis einem auch nach Jahren noch in aller Deutlichkeit vor dem inneren Auge erscheint, und am Ende dabei keinerlei Antwort bekommt.
In letzter Zeit erinnere ich mich häufig an eine besondere Begegnung, die mich in der Folge immer wieder zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken gebracht hat. Sie ist eine jener wundersamen Erinnerungen, die wahrscheinlich noch lange bei mir bleiben wird, ohne vielleicht jemals völlig vergessen zu werden.
Im letzten Herbst bekam ich eines Abends einen unerwarteten Anruf. Meine Großtante Anni war völlig überraschend verstorben. Ich hatte nicht einmal gewusst, dass sie krank gewesen war. Nach allem, was ich weiß, soll es schnell gegangen sein, doch mehr hat man mir nie erzählt. Meine Eltern hatten mir diese Botschaft aus der Kabine eines Kreuzfahrtschiffes übermittelt, zusammen mit der Bitte, ihren Platz einzunehmen, wenn die Familie in aller Form Abschied nahm. Nachdem wir aufgelegt hatten und ich über die ganze Sache nachgedacht hatte, wurde mir erschreckend bewusst, wie wenig ich Anni gekannt hatte, wie wenig ich über sie wusste und wie wenig mich mit ihr verbunden hatte. Für mich war sie nahezu fremd, wie eine selten auftretende Figur aus dem Hörensagen. Dennoch entschloss ich mich, dem Wunsch meiner Eltern nachzukommen, die Stadt für diesen Anlass zu verlassen und aufs Land zu fahren.
Ich war lange unterwegs. Das Navi lotste mich über schier endlose Landstraßen, durch neblige und kahler werdende Herbstwälder und über mit abgeernteten Feldern bekleidete Hügel. Nach Stunden fuhr ich in ein kleines Dorf und meine Reise nahm ein Ende. Alte Bauernhäuser standen zu beiden Seiten der Straße hinter ihren Hofplätzen und umgeben von ebenso alten Stallungen und Schuppen. Im Grau des frühen Nachmittags wirkte die Gemeinde verlassen, wie ein Relikt aus längst vergangener Zeit. Vor vielen Jahren bin ich das letzte Mal dort gewesen, doch nicht ein Detail dieses trauernden Idylls kam mir noch bekannt vor. Es war einfach zu lange her.
Die Beerdigung selbst empfand ich, ohne sie abwerten zu wollen, als eher schmucklos. In der kleinen Dorfkapelle fanden sich mit gesenkten Köpfen Nachbarn und Verwandte ein. Die Haare der meisten Gäste waren lockig und grau, vereinzelt hoben sich matt leuchtende, weiße Schöpfe von den schwarzen Mänteln ab. Ich fand Platz auf einer der hinteren Holzbänke und lauschte den andächtigen Worten des feisten Pfarrers und dem Orgelspiel, das der Trauergemeinde bei jedem Einsatz ein kaum hörbares Seufzen entlockte. Als ich weiter vorn den Sarg erkennen konnte, umgeben von Blumenwerk und letzten Grüßen, fragte ich mich, ob ich die Person, die darin lag, heute wiedererkennen würde und wusste doch insgeheim die Antwort.
Nach der Zeremonie zogen die Trauernden vom Friedhof in einer Schlange wortlos hintereinander die Straße herunter zum Dorfkrug, einem niedrigen Altbau, der schon vor hundert Jahren dort gestanden haben mochte. Zwar konnte man vereinzelte Bemühungen erkennen, das Haus zu renovieren, doch weder die moosigen roten Ziegel an der Seitenwand noch der halb neue Putz an der Front konnten die alte Seele des Dorfes verbergen, die dieser Ort in lautlosen Zügen atmete. Als ich vor der Eingangstür stehen blieb und mir vorzustellen versuchte, welche Geschichten dieses Gebäude wohl schon gesehen und gehört hatte, wie viele Hochzeiten und Geburtstage, wie viele Schützenfeste und Beerdigungen hier wohl schon gefeiert worden sind, klopfte mir mein Onkel auf die Schulter. Er umarmte mich und sagte mir mit schwacher Stimme, dass es schön sei, mich hier zu sehen. Gemeinsam gingen wir hinein, doch ich wunderte mich darüber, wieso ich ihn in der Kirche nicht gesehen hatte.
Wir folgten dem Strom der Gemeinschaft durch eine urige Schankstube hindurch in einen größeren Saal, in dem emsige Kellnerinnen bereits Kaffeegeschirr auftrugen. Es dauerte nicht lange und ich fand mich an einer langen Tischreihe wieder. Ich schaute mich um und erkannte unter meinen Sitznachbarn tatsächlich niemanden. Selbst mein Onkel, der mir von all den anwesenden Menschen am vertrautesten war, war wie schon zuvor in der Menge verschwunden. Eine Gruppe derber junger Männer saß unweit von mir zusammen und schaufelte sich gleichmütig Stücke trockenen Butterkuchens in den Mund. Sie sahen sich derart ähnlich, dass ich annahm, sie wären Brüder oder Cousins. Wahrscheinlich waren sie um viele Ecken auch mit mir verwand, ohne dass ich davon wusste.
Nach einer Weile dann, und ich weiß, dass es nicht sehr lang gewesen sein kann, erhob ich mich schließlich von meinem Stuhl und wandte mich zum Gehen. Meine Aufgabe war erfüllt und auch wenn ich mich ein wenig schlecht fühlte, so hielt mich nichts mehr in diesem Dorf. Ich verließ den Saal der Trauerfeier, betrat die Schankstube, nahm meinen Mantel vom Garderobenständer nahe der Tür und hatte den Dorfkrug fast schon verlassen, als ich den Regen bemerkte, der in einem unbarmherzigen Schauer herniederging. Wie durch einen dichten, grau flimmernden Vorhang wurde die Umgebung des Hauses verhüllt und die Erde füllte sich mit Wasser. Auf der Oberfläche der Pfützen zeichneten sich die Einschläge unzähliger Tropfen ab und mir war klar, dass ich es niemals trockenen Hauptes bis zum Auto schaffen würde. Also beschloss ich, mich in Geduld zu üben und den Guss abzuwarten.
Am Schanktresen in der Nähe der Tür saß ein älterer Herr, völlig versunken in einen Gedanken, wie es schien. Da ich nicht wusste, wohin ich gehen sollte, setzte ich mich auf den freien Hocker neben ihm und blieb erst einmal dort sitzen. Die Frau hinter der Bar kritzelte etwas auf ihren kleinen Block und hob in kurzen Abständen immer wieder prüfend den Blick.
‘Ihr entgeht nichts’, dachte ich mir im Stillen. Dann legte sie ihren Kugelschreiber weg, drehte sich routiniert um und füllte ein Kornglas mit einer klaren, farblosen Flüssigkeit. Sie stellte es vor dem Alten ab und dieser griff mit zittriger Hand danach. Ich konnte nicht sagen, was sich genau in dem Glas befand, doch ganz gleich was es war, es schien seine Lebensgeister geweckt zu haben. Der Alte erwachte aus seiner Lethargie, schüttelte sich kaum merklich und nachdem er meiner gewahr wurde, sprach er mich an.
»Gehören Sie auch zur Trauergemeinde?«
»Ja.«
Er drehte den Kopf zu mir und schaute mich müde, aber interessiert an. Sein Gesicht erinnerte mich an einen alten Baum, knorrig und Zeuge unzähliger Tage. Die kahle Stirn lag in Falten, die trüben Augen tief in ihren Höhlen und der süßliche Duft von Pfeifentabak, der an seinem gehäkelten Pullover hing, erinnerten mich an ein altes Gefühl von Heimat.
»Ach, dann sind Sie bestimmt der Enkel von Anni.«
»Ich bin der Großneffe.«
»Ach, dann vom Peter der Enkel?«
Peter war Großtante Annis kleiner Bruder gewesen, den ich wirklich nur noch aus Geschichten von früher kannte. Doch auch diese Konstellation stimmte noch nicht und somit klärte ich ihn so einfach es ging über unseren Familienstammbaum auf. Annis bereits vor mehr als zehn Jahren verstorbener Mann hatte eine Schwester, welche wiederum meine Großmutter war. Er folgte mir aufmerksam und schien sich jedes einzelne Gesicht in Erinnerung zu rufen. Als ich meine Ausführungen abgeschlossen hatte, nickten wir beide und schwiegen eine kurze Weile.
»Herzliches Beileid jedenfalls. Sie war ein anständiges Mädel«, begann er dann und schaute in die Ferne, dann drehte er sich wieder zu mir um.
»Ich bin der Nachbar, von dem Hof hier die Dorfstraße runter.« Er deutete mit der Hand in eine Richtung, in die die Straße wohl führen mochte, doch ich kannte die Gegend nicht gut genug, um mir ein Bild machen zu können. Trotzdem nickte ich höflich.
»Auf der rechten Seite. Albrecht Jonter.«
»Andreas Rauch«, antwortete ich und bot ihm meine Hand an. Er fasste sie mit festem Druck.
»Ja, es tut mir leid um sie«, begann er erneut, fast so, als würde er ein Selbstgespräch führen, »aber auch das gehört nun mal zum Leben dazu. Herzliches Beileid.«
»Ich kannte Sie kaum«, sagte ich tonlos. Ich wusste nicht, warum ich es sagte, doch es war bereits ausgesprochen, als ich es bemerkt hatte.
»Das ist schade. Ich kannte sie jetzt eine ganze Weile. Wirklich ein anständiges Mädel.« Während er sprach nickte er, um seine Aussage zu bekräftigen. Darauf wusste ich keine Antwort und wir schwiegen erneut.
Ich schaute mich um, betrachtete die Wimpel verschiedener Kegelvereine an der Wand, Fotos von Veranstaltungen und Feiern, einen angestaubten Schützenpokal auf einem hölzernen Sims. Dieser Krug war so sehr das, was man sich ausmalte, wenn man sich einen Ort der Dorfgeschichte vorstellte. Während ich meinen Blick über all dies schweifen ließ, wurde ich auf einmal auf eine Stimme aufmerksam. Im Hinterzimmer der Bar lief ein Fernseher. Eine streng aussehende Frau in einem makellosen blauen Blazer verlas die aktuellen Nachrichten und kam gerade zu einer Sondermeldung aus dem Fußball:
»Der Hamburger SV hat nach erneuter Pleitenserie seinen Trainer entlassen. Übernehmen wird bis auf weiteres der Jugendtrainer …«
»Als ob das die Lösung ist, so schlecht wie die spielen!« fiel der alte Albrecht der Frau ins Wort und sprach damit genau die Gedanken aus, die auch mir im ersten Moment gekommen waren. Ich hielt es einmal sehr mit dem HSV, aber nach dem Abstieg in die Zweite Bundesliga, mit dem...




