Lothar | Die Rückkehr | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

Lothar Die Rückkehr

Roman
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-552-05898-9
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

ISBN: 978-3-552-05898-9
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Seit dem Ende des Krieges fiebert er darauf hin, jetzt, Ende Mai 1946, ist es so weit: Felix von Geldern besteigt ein Schiff Richtung Europa, Richtung Wien. Acht Jahre vorher, unmittelbar nach dem 'Anschluss', flüchtete die altösterreichische Familie vor dem Nationalsozialismus ins Exil nach New York. Und nun, wie steht es jetzt um Österreich, nach der Niederlage, nach der Befreiung? Rasch muss er erkennen, dass der Jubel auf dem Heldenplatz nicht durch Manipulation zustande gekommen ist, dass sich seine ehemalige Freundin zuerst Goebbels an den Hals geworfen hat und nun einem US-Oberst ... Nach dem internationalen Erfolg der Neuauflage von Ernst Lothars 'Engel mit der Posaune' ist nun sein nächster großer Roman zu entdecken.

Ernst Lothar, eigentlich Ernst Lothar Müller, wurde 1890 in Brünn geboren und starb 1974 in Wien. Der Jurist arbeitete u.a. als Staatsanwalt, ehe er ab 1925 Theaterkritiker, Regisseur und schließlich Direktor des Theaters in der Josefstadt wurde. 1938 emigrierte er in die USA, er kehrte nach Kriegsende nach Wien zurück. Ab 1948 war er Regisseur am Burgtheater und Direktoriumsmitglied bei den Salzburger Festspielen. 2016 erschien bei Zsolnay die Neuauflage seines Romans Der Engel mit der Posaune, 2018 der Roman Die Rückkehr. Im Frühjahr 2020 folgt Das Wunder des Überlebens.
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1

Ein Vogel fliegt weg

Felix zog den Regenmantel an. Als er vierzig Minuten vorher vom Grand-Central-Bahnhof in New York wegfuhr, war es heiß und feucht, aber wolkenlos sonnig gewesen. Bei der 125. Straße wurde der Himmel plötzlich grau. In Mt. Vernon war er schwarz. In Tuckahoe begann es zu regnen, und als er ausstieg, war es ein Wolkenbruch. Alles in vierzig Minuten.

Er stellte den Kragen auf und ärgerte sich. Auch darin war Felix ein Wiener, dass Kleinigkeiten ihn plötzlich in Wut versetzten. Monatelang war er hin und her gefahren, ohne dass ein einziger Regentropfen fiel. Ausgerechnet heute, da er ein Kleid von Lanz in einer dünnen Pappendeckelschachtel in der Hand trug, musste es so schütten. Es würde total aufgeweicht sein, bevor er es Livia geben konnte. Er praktizierte die lange Schachtel über Brust und Magen und knöpfte den Regenmantel darüber zu. Zum Teufel mit den amerikanischen Quantitäten! Wenn’s heiß war, war es eine Hitzewelle, wenn’s regnete, eine Sintflut. Alles im Extrem. In Salzburg regnete es im Sommer auch nicht wenig, aber mit einem Schirm und einem Regenmantel war man seines Lebens sicher.

Es entging ihm, dass er keinen Schirm hatte, und seine Wut wuchs, als die Taxi-Chauffeure, die am Kopf der von der Station zur Straße führenden Treppe warteten, die Ankommenden, fünf zusammen, von denen keiner zum anderen gehörte, in die Cabs pferchten. Felix hasste es, wenn man über ihn verfügte, und er konnte es einfach nicht mehr hören, dass man alles, was geschah, mit »There is a war on, Mister« erklärte. Dass es Krieg gab, war ihm nicht entgangen. Er hatte diesen Krieg für unvermeidlich gehalten, seit der Sekunde, da Hitler in Wien eingezogen, die Familie von Geldern (Haupthaus in Wien, Filiale in Paris) an ihrem Leben bedroht und Wien zu einer obskuren deutschen Provinz geworden war. Er hatte es bei seiner Musterung in New York gesagt und den Herren in Washington immer wieder geschrieben: There is a war on, Mister, und ich, Felix von Geldern, will mitmachen. Ich kann Ihnen von Nutzen sein, glauben Sie mir das! Aber man hatte ihm höflich geantwortet: »Danke, nein, Ihre Augen sind zu schlecht.«

Er war kurzsichtig, aber um sich seiner Haut zu wehren, dazu sah er genug. Sei doch froh, hatte ihm die Familie (mit Ausnahme von Großmama Viktoria) gesagt, so hast du wenigstens Ruhe. Zum Teufel mit der Familie! Denen musste man tatsächlich erzählen, dass Krieg war. Die waren so felsenfest davon überzeugt, dass sie durch ihre mehr oder weniger erzwungene Auswanderung (Luxuskabinen auf der »Queen Mary« und der »Normandie«) unendlich gelitten hatten; dass sie in ihren Appartements im Hotel Plaza, in ihren Wohnungen, Ecke Fifth Avenue und 68. Straße, in ihren Sommerfrischen am Lake Placid, bei ihren Golf-Weekends im Westchester County Club als Dulder und Opfer auftraten. Als ihm die Familie einfiel, warf Felix mit einer ihn kennzeichnenden Gebärde heftig den Kopf zurück. Mit unbelehrbaren Menschen gab es keine Verständigung.

Auch in seiner Erscheinung war Felix ein Wiener. Er war groß, hielt sich aber nicht stramm (»leger« nannte man es in Wien). Die Augen unter den horngefassten Brillen hatten trotz ihrer Kurzsichtigkeit etwas Anziehendes; ihre Bereitwilligkeit zog an und ihre jungenhafte Neugier. Felix war, wie seine Großmutter Viktoria, einer der neugierigsten Menschen auf der Welt. Dass er sein Haar länger als notwendig trug, wie ein Musiker, obwohl er Jurist war, und auf seine Anzüge und Krawatten mehr Sorgfalt verwendete, als er zugab, gehörte zu den wienerischen Widersprüchen seines Wesens: Er hasste Prätention oder, wie es in Wien hieß, Getue, aber er hatte eine ausgesprochene Schwäche, zu gefallen. Einer seiner bleibenden Kindheitseindrücke war ein zufällig aufgefangener Ausspruch seines Onkels Richard gewesen: »Der Felix ist der wenigst hübsche in unserer Familie.« Onkel Richard, der später gesagt hatte: »Amerika wird nie in den Krieg eintreten«, hatte sich auch damals geirrt. Sein Verdikt klang Felix trotzdem nach, bis zu diesem Augenblick im Wolkenbruch.

»Nein, danke«, sagte er zu den Chauffeuren, obschon es purer Wahnsinn war, zu Fuß zu gehen. Impulsen nachzugeben, war ein anderes seiner Merkmale; er tat Dinge, von denen er noch eine Sekunde zuvor nicht geglaubt hätte, dass er sie tun werde. Sie hätten wissen können, dass er sich die fünfunddreißig Cent für ein Taxi nicht einmal bei einem Wolkenbruch leistete; seit Jahren hatten sie ihn hier ein- und aussteigen gesehen, in der Früh, 7 Uhr 49 nach New York, abends, 6 Uhr 25 von New York.

Er ging die Abkürzung unter dem Viadukt und entlang des Baches. Bei gutem Wetter legte er die wenigen Minuten von der Station zu seiner Wohnung mit zwei Männern und vier Mädchen zurück, die er nicht persönlich kannte. Sie waren wie er »Commuters«, das heißt, sie lebten in einem Vorort, arbeiteten in der Stadt und benutzten dieselben Züge. Vor Pearl Harbor waren es vier Männer gewesen, und zwei Mädchen weniger. Felix kannte ihre Namen nicht, aber die Farbe ihrer Anzüge. Bis Dezember waren die Anzüge lebhaft blau oder braun; später trugen die Männer helle Regenmäntel; die Zeitung »Sun« oder »World-Telegram« schaute ihnen aus der Rocktasche, sie waren ihm immer um einige Schritte voraus. Die Mädchen dagegen gingen hinter ihm. Sie kicherten die ganze Zeit. Wenn er über die kleine Holzbrücke nach rechts abbog, pflegte er sich umzuschauen und festzustellen, dass sie kleine, blaue, quadratische Schachteln trugen; sie hatten beim Bäcker Cushman-Torten für das Dinner gekauft.

Es war ein so lächerlich maßloser Wolkenbruch, dass man in Pfützen watete, wo noch vor Augenblicken Straße gewesen war. Die lange Schachtel auf Felix’ Magen wurde feucht. Dann geb ich’s ihr eben erst morgen. Es muss erst trocknen, entschied er. Der Aufschub erleichterte ihn irgendwie.

Er hätte ihr gern eine Freude gemacht. Deshalb war er, bevor er das Kleid gekauft hatte, wochenlang vor Schaufenstern in der Fifth Avenue gestanden. Aber seit er sich erinnerte, konnte er zu niemandem sagen: »Hier. Das hab ich dir geschenkt.« Er fand es anmaßend, dass man sich mit hundert österreichischen Schilling oder hundert Dollar, oder was es eben war, zu einem Mann machte, der sich Anspruch auf Dank erwarb. Außerdem würde er bestimmt nicht »Happy Birthday to you!« singen können, dazu war er zu gehemmt. Beneidenswert, dachte er und meinte die Leute, die sich einfach hinstellen und »Happy Birthday« singen konnten. Der Regen riss Löcher in den Boden. Die Eichen, deren Höhe riesig war, schüttelten ihre Kronen im Sturm. Im Westen blitzte es. Donner folgten wie Detonationen. Die Luft war vor Elektrizität kaum zu atmen.

In Schweiß und Regen gebadet, trat Felix durch die Hintertür ins Haus.

Livia schien ihn kommen gehört zu haben. Sie stand im Vorraum. »Hat es Sie erwischt, Herr von Geldern?«, fragte sie. Sie sagte nicht Mr. van Geldern, sondern Herr von Geldern zu ihm.

»Guten Abend, Livia. Ich hätte ein Taxi nehmen sollen.«

»Es sind ja nur ein paar Schritte.« Noch nie hatte sie etwas getadelt, was er tat oder sagte.

Er fingerte an dem Regenmantel, den er wegen der Schachtel nicht ausziehen wollte.

»Vielleicht behalten Sie ihn lieber an«, sagte Livia, »Hansl ist weg.«

Sie sagte »Hansl«, mit dem österreichischen Diminutiv, und sie sagte es nicht einmal mit dem langen amerikanischen »a«.

Hansl war ein Kanari, Großmama Viktorias Geschenk; sie behauptete steif und fest, er komme aus Österreich. Jedenfalls hatte der Vogel in Felix’ Zimmer österreichisch getrillert.

Es schien, dass Livia wusste, wie schlecht die Nachricht war. Sie wusste jedenfalls, was Felix freute oder verstimmte. Seit er bei ihrer Schwester Joyce als Mieter eingezogen war, hatte sie das zu ihrer Hauptaufgabe gemacht. Hatte jemand sie gefragt: »Was studieren Sie?«, sie hätte nicht länger beschämt sein müssen, dass ihre Schwester sie verhindert hatte, das College zu beenden, und dass sie jetzt in Altman’s Kaufhaus in White Plains ihren Unterhalt als Verkäuferin verdienen musste. Sondern sie hätte geantwortet, ihr Hauptfach sei ihre Liebe zu Felix.

Sie hatte Narben an Kinn und Hals, die man unter Puder fast nicht sah; als kleines Kind war sie in den Kamin gefallen, und Joyce hatte sich schon damals wenig aus ihr gemacht. Hätte sie rechtzeitig ärztliche Behandlung gehabt, die kleinen weißen Narben wären ihr erspart geblieben. Doch Joyce war damals zwölf, und sie war zwei. Und sogar wenn Joyce damals erwachsen gewesen wäre, hätte sie wie heute gefunden, es sei Verschwendung, den Arzt zu holen.

Wenn es sein musste, kämpfte Joyce mit den Nägeln. Sie hatte es hart gehabt und sah nicht ein, warum andere es leicht haben sollten. In ihren Augen war Livia ein unreifes Geschöpf, außerdem dumm.

Trotzdem würde Livia Felix heiraten und mit Joyce um ihn kämpfen. Auch Joyce wollte Felix heiraten; sie hatte das nie gesagt, aber Livia wusste genau, dass es so war.

»Sind Sie böse?«, fragte sie ihn.

»Ja.« Das bisschen Aufmerksamkeit, auf einen Vogel aufzupassen, hätte sie wirklich haben können. »Wieso ist das passiert?« Die Schachtel mit dem Kleid wurde ihm immer lästiger.

Sie hatte, erzählte Livia, wie jeden Abend das Gläschen im Käfig mit Wasser gefüllt; ein Blitz hatte so nahe eingeschlagen, dass sie fürchtete, es sei im Garten; sie war hinausgelaufen, die Käfigtür blieb einen Augenblick offen. Als sie zurückkam, war Hansl nicht mehr da.

»Aber der Blitz hat natürlich nicht im Garten eingeschlagen?«

»Nein. Leider.«

Darüber musste er wider Willen lachen.

»Es war sehr dumm von mir«, sagte sie.

Wenn jemand ein Verschulden zugab, war er sofort versöhnt. »Das...


Rabinovici, Doron
Doron Rabinovici, geboren 1961, lebt als Schriftsteller und Historiker in Wien. 2013 zeichnete er gemeinsam mit Matthias Hartmann (Regie) am Burgtheater für das Projekt Die letzten Zeugen verantwortlich. Zuletzt erschienen: Die Außerirdischen (Suhrkamp 2017).

Lothar, Ernst
Ernst Lothar, eigentlich Ernst Lothar Müller, wurde 1890 in Brünn geboren und starb 1974 in Wien. Der Jurist arbeitete u.a. als Staatsanwalt, ehe er ab 1925 Theaterkritiker, Regisseur und schließlich Direktor des Theaters in der Josefstadt wurde. 1938 emigrierte er in die USA, er kehrte nach Kriegsende nach Wien zurück. Ab 1948 war er Regisseur am Burgtheater und Direktoriumsmitglied bei den Salzburger Festspielen. 2016 erschien bei Zsolnay die Neuauflage seines Romans Der Engel mit der Posaune, 2018 der Roman Die Rückkehr. Im Frühjahr 2020 folgt Das Wunder des Überlebens.



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