Louis | Die Lügendiebin | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

Louis Die Lügendiebin


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7641-9303-4
Verlag: Ueberreuter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

ISBN: 978-3-7641-9303-4
Verlag: Ueberreuter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Was wäre, wenn man jede Art von Lüge sofort erkennen könnte? Die 17-jährige Fawn ist die beste Lügendiebin Mentanos, denn mit ihrer roten Magie entlarvt sie Lügen, sobald sie ausgesprochen werden. Ein lukratives Geschäft, denn in den Dunkeldieben findet sie immer freudige Abnehmer ihrer brisanten Ware. Doch ihr größter Raubzug geht schief: Im Haus der adeligen Familie Falcron wird sie von Caeden, dem Sohn und Familienoberhaupt, ertappt. Und schon findet Fawn sich selbst in der größten Lüge ihres Lebens wieder: Um nicht ausgeliefert und gehängt zu werden, muss sie ab sofort Caedens Verlobte mimen. Denn mit ihrer Fähigkeit will Caeden endlich den Mörder seines Vaters entlarven. Und so spielt Fawn das gefährliche Spiel mit, das sie immer weiter in die Abgründe führt und zwischen die Fronten geraten lässt. Lügen, Liebe und ein brisantes Geheimnis: Diese Geschichte hat alles, was ein Romantasy-Schmöker braucht! 

Saskia Louis kam 1993 mit einer Menge Fantasie zur Welt, die sie seit der Schulzeit nutzt, um Geschichten zu schreiben. Sie wuchs in der Kleinstadt Hattingen auf und hat über die Jahre ihr Zuhause in unterhaltsamer Frauenliteratur und Fantasy gefunden. Sie hat zahlreiche erfolgreiche Romane bei dp - digital publishers und im Selfpublishing veröffentlicht. Heute wohnt sie in Köln und wünscht sich, dass Menschen mehr singen als schimpfen würden. Ihr größter Traum ist es, den Soundtrack zu der Verfilmung eines ihrer Bücher zu schreiben.
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Autoren/Hrsg.


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KAPITEL 1


Lügen sind ein lukratives Geschäft.

Das war das Erste, was meine Mutter mir beibrachte.

Meinem älteren Bruder Trent zeigte sie, wie er ein Hemd richtig faltete. Meiner Schwester Cora erklärte sie, wie man ein rostiges Rohr am Heizofen austauschte. Mich jedoch unterrichtete sie darin, wie man unbedachte Worte zu Geld machte.

Blutrote Lügen und fuchsiafarbene Halbwahrheiten waren die einzig wahre Währung. Egal, was das Königshaus behaupten mochte. Das war es, was sie mir jeden Abend vor dem Schlafengehen ins Ohr geflüstert hatte.

Und sie hatte recht, oder nicht?

Lügen verloren nie an Wert. Sie starben nicht aus. Sie verjährten nicht.

Die Menschen hatten zu viele Schwächen und Geheimnisse, die sie zwanghaft zu verbergen versuchten, als dass es anders sein könnte.

Vielleicht war es verwerflich, daraus Profit zu schlagen … aber wenn ich mich jemals unwohl damit gefühlt haben sollte, dann hatte ich mich mittlerweile erfolgreich vom Gegenteil überzeugt.

Mir gefiel es, den Menschen die Worte, die so unvorsichtig von ihren Lippen perlten, aus dem Mund zu stehlen. Denn ich war so verdammt gut darin! Ich wünschte mir manchmal nur, dass es weniger aufwendig wäre, eine brauchbare Lüge zu finden. Die alltäglichen Flunkereien von der Straße waren wertlos. Es waren die Geheimnisse der Reichen und Schönen, die ich sammelte. Und die waren schwer zu beschaffen. Schwer. Aber nicht unmöglich.

Nein, nie unmöglich, dachte ich und zog lächelnd den Lederriemen enger um meine Taille. Ich versicherte mich, dass ich genug Pergament und Glasphiolen in meinen mit Knöpfen versehenen Taschen hatte, und fragte mich, ob meine Mutter stolz auf mich wäre, wenn sie mich jetzt sehen könnte.

»Fawn?«

»Sei still, Finch.«

»Fawn, ich kann deine Unterhose sehen.«

Ich verdrehte die Augen. Na, vielleicht nicht stolz. Aber zumindest beeindruckt. Auch wenn ich meine Lügen natürlich an die von ihr verachteten Dunkeldiebe verkaufte – und nicht etwa an die Wächter, so wie sie es getan hatte.

»Findest du nicht, dass eine gelbe Unterhose einen falschen Eindruck vermittelt?«, murmelte Finch unzufrieden. »Die Leute könnten auf die Idee kommen, du hättest ein sonniges Gemüt. Das wäre selbst für deine Verhältnisse eine große Lüge.«

»Halt die Klappe.«

Zurzeit hing ich kopfüber von einem verräterisch weißen Dachgiebel und da ein Sturz aus zwanzig Fuß mich mein Leben – oder noch schlimmer, meine Geduld – kosten könnte, beließ ich es bei diesen Worten. Mir war durchaus bewusst, dass mir der Rock an den Ohren hing, aber Schamgefühl hatte in meinem Handwerk nichts verloren. Außerdem: Falls ich erwischt werden sollte, konnte ich mich in diesem Kleid noch immer als Dienstmädchen ausgeben.

»Und ich dachte immer, dass ich deine Unterhose erst sehe, wenn du mir deine ewige Liebe gestehst«, sinnierte Finch seufzend weiter und hätte ich meinen Fuß nicht zum Festhalten gebraucht, hätte er längst in seinem Rachen gesteckt.

»Finch, ich schwöre dir, wenn du nicht gleich – « Ich brach ab. Ein hölzernes Knarren ertönte und forderte meine gesamte Aufmerksamkeit. Hastig hob ich den Kopf, damit die Wache, die aus einem Fenster zwei Stockwerke tiefer sah, mich nur erkennen könnte, wenn sie sich rückwärts aus dem Haus lehnte. Obwohl die Sonne gerade erst ihren siebten Schritt getan hatte, war es bereits dunkel. Bis zum Friedensjahresende waren es nur noch knapp anderthalb Monate, sodass der hereinbrechende Abend Mentano bereits etwas früher als sonst in fahles Dämmerlicht tauchte. Die Dunkelheit half … aber ich hätte sie nicht gebraucht. Ich war schon über ein Dutzend Mal in das Anwesen der Falcrons eingebrochen. Ich kannte die Routine. Zwei Straßenpatrouillen, eine Menge Schlösser und ein vorhersehbarer Nachtwächter.

Die Bewohner des weißen Rings, dem reichsten Teil unseres Landes, waren ein vorsichtiges Völkchen. Ich schätze, je mehr man besaß, desto größer war die Angst, es zu verlieren. Dabei sorgten sich die hier wohnenden Weißen Magier und Adeligen regelrecht panisch um ihr Hab und Gut. Obwohl ich doch bloß die Worte brauchte, die so unbedacht ihren Mund verließen.

Der Fensterladen unter mir knarzte erneut, als der Wächter ihn weiter aufstieß und das Meer aus weißen Dächern sowie die Straße vor uns absuchte. Jetzt war selbst Finch still. Auch er hatte die Bewegung bemerkt. Den Atem anhaltend, presste er sich an die dünne Stange des Blitzableiters, auf dem er saß, den schmalen Kopf zwischen die breiten Schultern gezogen. Wie ein ängstliches Brathähnchen am Spieß. Er war kein Freund von Einbrüchen. Er war besser darin, zu verhandeln und Leute einzuschüchtern. Eine Fähigkeit, die die Dunkeldiebe für sich zu nutzen wussten. Ich war mir sicher, dass Finch eine schillernde Zukunft innerhalb ihrer Reihen vor sich hatte – doch bis es so weit war, würde er weiter für mich Schmiere stehen.

Mein Karriereweg unter Crow, dem Anführer der Dunkeldiebe, war noch unklar. Meine Zunge war zu schnell und zu scharf, um mir beim Handeln etwas Gutes zu tun. Ich hätte wohl schon das ein oder andere Mal den Kopf verloren, wenn die Diebe nicht wüssten, dass ich sein Liebling war.

Ich war eine gute Lügendiebin. Nein, ich war die beste Lügendiebin. Sie brauchten mich – eine Menge Ansehen oder gar Respekt genoss ich trotzdem nicht. Ich war schließlich weder gefährlich noch brutal oder sonderlich angsteinflößend.

Noch nicht. Aber das konnte sich jede Nacht ändern. Ich brauchte nur die richtige Lüge …

Meine Bauchmuskeln fingen gerade an zu brennen, als der Nachtwächter den Fensterladen mit einem Klappern wieder schloss und Finch wisperte: »Die Luft ist rein, die Straße leer. Also los.«

Sofort löste ich ein Bein vom hervorstehenden Giebel, stieß mich vom Dach ab und schwang vor und zurück. Die Hände hielt ich weit nach unten gestreckt, in Richtung der nahe liegenden diamantenen Laterne, die den sanft klappernden, sperrangelweit offenen Fensterladen direkt unter mir erhellte.

»Nur damit das klar ist«, flüsterte ich und erhöhte meine Geschwindigkeit. »Das einzige Mal, dass ich dir meine Unterwäsche freiwillig zeigen werde, ist, wenn ich sie dir zum Waschen gebe!« Im nächsten Moment löste ich das Bein.

Die Luft peitschte mir ins Gesicht, während ich mich in einer Pirouette um die eigene Achse drehte. Ich griff nach dem gebogenen Laternenmast, der ein unheilvolles Quietschen von sich gab, und schwang mich einmal um ihn herum, durch das offene Fenster, das mit nichts außer Luft und Vertrauen gesichert war.

Was dachten sich die Reichen nur dabei? Hatten Angst, bestohlen zu werden, waren aber gleichzeitig zu arrogant, um wirklich damit zu rechnen. Dummköpfe.

Geduckt landete ich auf dem weichen Teppich, der meinen Aufprall dämpfte. Er roch nach Lavendel und Hyazinthen. Nur schwer konnte ich mich von einem Schnauben abhalten. Wer parfümierte seinen Fußabtreter? war verwerflicher, als Lügen zu stehlen.

Ich atmete tief ein und aus und überprüfte noch einmal, ob meine Handschuhe gut saßen. Mir blieb nicht mehr viel Zeit, um etwas Brauchbares zu finden. Sobald die Sonne ihren nächsten Schritt tat und komplett unterging, nahm der Nachtwächter seine Position vor dem Eingang ein und machte es mir unmöglich, sicher und unbemerkt wieder aus dem Haus zu gelangen.

Aufregung pumpte durch meine Adern und trieb meinen Herzschlag an, während ich den Mund zu einem Lächeln verzog. Ich hatte etwa einen halben Sonnenschritt lang Zeit – also eine halbe Ewigkeit.

Noch immer vorgebeugt, huschte ich durch den dunklen Raum, die Arme angezogen, die Schritte federnd. Es war das Musikzimmer der Falcrons. Da unsinnigerweise kein Familienmitglied ein Instrument beherrschte, war es zu achtundneunzig Prozent der Zeit leer.

Ich glitt an dem schwarzen Flügel vorbei, ignorierte die bohrenden Blicke der Gesichter auf den Gemälden, die an den weißen Wänden hingen und alle ein anderes Familienmitglied der Falcron-Dynastie zeigten, und blieb vor den zwei Türen am anderen Ende der Dachkammer stehen. Die eine rot, die andere blau.

Probehalber drückte ich die Klinke der roten. Sie war natürlich verschlossen. So wie die vergangenen fünfzehn Male, die ich hier bereits eingestiegen war. Frustriert zog ich die Hand zurück. Ich war in jedem einzelnen Zimmer im Haus gewesen … bis auf dieses. Ich konnte das ein oder andere Schloss knacken, aber keines, das von den Falcrons selbst – den Anführern der Wächter, die für die Aufrechterhaltung der...



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