E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Louis Die Lügenkönigin
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7641-9315-7
Verlag: Ueberreuter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-7641-9315-7
Verlag: Ueberreuter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Saskia Louis kam 1993 mit einer Menge Fantasie zur Welt, die sie seit der vierten Klasse nutzt, um Geschichten zu schreiben. Sie wuchs in Hattingen auf und über die Jahre hat sie ihr Zuhause in Fantasy und amüsanter Frauenliteratur gefunden. Heute wohnt sie in Köln und träumt davon, den Soundtrack zu der Verfilmung eines ihrer Bücher zu schreiben.
Autoren/Hrsg.
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KAPITEL 1
Es gibt diese Momente im Leben.
Diese flüchtigen Augenblicke zwischen Träumen und Wachwerden, in denen man unsicher ist, ob man noch schläft oder schon zurück in die Realität gefunden hat. In denen man nichts und alles empfindet. Nichts und alles sieht. In denen Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen und man die Zukunft aus den Augen verliert.
Innerhalb der nächsten Sonnenschritte hatte ich unendlich viele dieser Momente. Sie flossen dahin wie zäher Honig. Wandelten sich scheinbar jeden zweiten Herzschlag.
Da waren tiefe Stimmen. Da war kalte, feuchte Luft. Da war das lächelnde Gesicht meiner Mutter.
.
Schmerz. Trents zitternde Stimme, die mir versicherte, dass es besser war, wenn die Roten Magier mich mit in die Minen nahmen.
Da war Ruhe. Da waren dunkle Schemen, die sich vom Himmel abhoben. Warme Hände, die mich betasteten. Ein glitzernder Gang aus tausend Sternen. Finchs bedauerndes Gesicht.
. Die Bildfetzen kamen und gingen. Waren vielleicht echt, vielleicht auch nur Einbildung.
War ich wirklich bei den Falcrons eingezogen? Hatte ich mich als Adelige ausgegeben, als Caedens Verlobte?
.
Wie lächerlich. Wie lächerlich. Nicht einmal meine Mutter hatte so viele hübsche Titel an den Kopf geworfen bekommen – und sie war dafür umgebracht worden, dass sie den König hintergangen hatte.
Eiskalte Luft strich über mein Gesicht. Blies die Bilder, die Worte fort. Meine Glieder fühlten sich taub an. Ich konnte nicht sagen, ob ich schlief oder ohnmächtig war. Oder aus einem Traum in die Realität und dann zurück in die Ohnmacht sank.
Nichts war deutlich. Alles war verwischt …
Red Doves eiskalte Stimme drang in meinen Kopf.
.
Aber was waren die richtigen Fragen, wenn nicht die, warum sie meine Mutter umgebracht hatte? Warum sie Caedens Vater getötet hatte?
Was genau tat Red Dove, um selbst die mächtigsten Roten Magier in Angst und Schrecken zu versetzen? Was passierte im roten Ring, dass das Königshaus und die Familie Legg geheim halten wollten?
Was für eine Nachricht verbarg sich in der Flasche in meiner Tasche?
Meine Lider wurden schwer. Alles war schwer.
tust
Pfeile prasselten auf mich nieder, verwandelten sich in Gänseblümchen. Kitzelten meine Zehen.
Ich wollte aufwachen. Ich wollte nie wieder aufwachen. Ich wusste nicht, was ich wollte.
Holz zerbarst unter mir, zerstach meine Haut, grub sich in mein Fleisch. Pferde wieherten laut. Die Kutsche lag in Trümmern um mich herum. Und die Schwärze griff erneut nach mir … oder ließ sie mich los?
»Was habt ihr mit ihr gemacht? Sie sieht aus, als wäre ein brennendes Boot auf sie gefallen!« Da war Wut in der dunklen Stimme, die plötzlich klar und deutlich an meine Ohren drang. Unbändige Wut. Aber sanfte Berührungen. Weiche Finger auf meiner Wange.
»Kein Boot. Nur eine Kutsche. Und für das Feuer war sie selbst verantwortlich!«, knurrte jemand anderes.
»Das ist mir vollkommen egal! Ihr solltet sie schützen, nicht verletzen! Ich habe mich darauf , dass ihr sie schützt.«
»Pläne funktionieren nicht immer so, wie man sie sich vorstellt. Das musst du doch am besten wissen!«
Ich sank von wohliger Schwärze in kaltes Weiß, wurde von Red Doves süßlichem Lächeln verfolgt … und dann war da Stille. Selige Stille, die mich umschlang und festhielt. Und für einen Moment wünschte ich mir, für immer in ihrer Umarmung zu bleiben.
Doch ich bekam meistens nicht das, was ich wollte.
Als ich das nächste Mal die Augen aufschlug, wusste ich, dass ich wach war. Denn nur die Realität schenkte den großzügig bestialischen Schmerz, der mich überkam.
Der Erste, der sich bei mir meldete, war mein wummernder Kopf. Er fühlte sich an, als hätten hundert Glasscherben versucht, sich einen Weg in meinen Schädel zu bahnen – und ich war mir noch nicht sicher, ob sie erfolgreich gewesen waren oder nicht. Das Zweite war ein erbarmungsloses Brennen und Stechen in meiner linken Seite. Die, mit der ich auf den Boden, in die Trümmer der Kutsche gekracht war. Es zog sich von meinem Fuß bis zu meiner Schulter und ließ mich laut aufstöhnen. Bei Sweft, das tat weh!
Ich blinzelte mühselig. Verengte die Augen, um sie vor dem schummrigen und dennoch viel zu hellen Licht zu schützen, das von einer Fackel an einer dunklen Wand herrührte. Schließlich tastete ich behutsam meinen Körper einmal von unten nach oben ab.
Ich wollte mich versichern, dass noch alles dran war. Es fühlte sich nämlich nicht so an. Doch ich fand meine schmerzenden Beine, meinen knarzenden Brustkorb sowie die wunde linke Seite, die irgendwer mit schweren Mullbinden versorgt hatte. Stirnrunzelnd hob ich den Oberkörper an und betastet meinen Kopf. Auch darum hatte jemand einen Verband geschlungen. Ich wanderte mit dem Blick meinen Körper hinab, blieb kurz an meinen aufgeschürften Fingerknöcheln hängen und sah dann auf meine Beine.
Ich trug eine dunkle, aber saubere Hose, die nicht mir gehörte. Außerdem hatte jemand mein Hemd hochgezogen, um mich zu verarzten, und auf meinem Bauch konnte ich weitere Kratzspuren erkennen.
Vorsichtig zog ich den Stoff über den Verband. Mann, ich sah aus, als hätte man mich mit einem Hammer zerschmettert und notdürftig wieder zusammengeklebt. Wie passend, denn genauso fühlte ich mich.
Mit zitternden Händen blickte ich mich um. Ich saß auf einer hölzernen, mit Stroh und Stoff ausgekleideten Liege, die direkt an einer kühlen fensterlosen Steinwand stand. Wo in König Swefts Namen war ich?
Zögerlich berührte ich meinen Kopf, um zu bestimmen, ob ich wohl einfach aufstehen konnte …
»Wir haben die Holzsplitter alle rausgezogen«, drang eine raue Stimme an meine Ohren. »Du bist wie neu.«
Ich zuckte zusammen und fuhr herum. Bei der ruckartigen Bewegung knackte mein Nacken, doch das war jetzt zweitrangig.
Wichtig war einzig und allein das Gesicht des Mannes, der neben der Liege auf einem Stuhl saß.
Es war ein Gesicht, das niemand gerne sehen würde, wenn er das erste Mal aufwachte, nachdem er von seinem eigenen Bruder sowie seinem Scheinverlobten verraten, von zig Holzsplittern aufgespießt und schließlich niedergeschlagen worden war.
Da waren eingesunkene dunkle Augen in einem faltigen Gesicht. Eine Narbe, die seinen Mundwinkel auf ewig nach unten ziehen würde. Zottelige schwarze Haare. Ein Unfall von einer Grimasse.
»Guten Abend, Fawn«, sagte Nuthatch grimmig.
Mit geöffnetem Mund starrte ich ihn an. Von allen Leuten, die ich erwartet hatte zu sehen … war er nicht einmal auf der Liste gewesen.
»Nuthatch«, hauchte ich schockiert. Ein Dunkeldieb hatte mich Warum? Das ergab keinen Sinn!
Mein Gegenüber verzog den rechten Mundwinkel zu einer halbwegs zufriedenen Miene. »Wunderbar. Du weißt noch, wer ich bin. Das ist gut. Wir hatten ehrlich gesagt Angst, dir eine Gehirnerschütterung verpasst zu haben.« Er hob die Achseln. »Wir konnten unmöglich wissen, auf welcher Seite der Kutsche du sitzt. Wir haben uns für die falsche entschieden. Ende der Geschichte. Weißt du, was heute für ein Tag ist?«
»Der Tag, an dem ich dir wehtun werde, wenn du mir nicht sofort sagst, wo ich bin und was passiert ist«, wisperte ich scharf.
Nuthatch nickte und stand auf. »Das reicht mir. Dir geht es fantastisch.«
Ich widersprach ihm nicht. Ich hatte mir bereits seit fünf Friedensjahren angewöhnt, vor Crows rechter Hand keine Schwäche zu zeigen, und würde jetzt nicht damit anfangen. Also setzte ich mich trotz noch immer pochenden Schädels auf, lehnte mich gegen die kühle Wand und biss die Zähne aufeinander. »Wo bin ich? Was ist passiert?«
»Wenn ich wollte, dass du weißt, wo du bist, hätte ich dich nicht ohnmächtig hierhergeschleppt, Fawn«, erwiderte Nuthatch und sah düster zu mir hinab. »Ich kann dir lediglich sagen, dass wir uns nicht im königlichen...




