E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Love Du und ich und die Liebe in Echtzeit
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-401-80659-4
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-401-80659-4
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hannah und Nick sind beste Freunde. Sie führen endlose Telefongespräche und wissen alles voneinander. Dabei haben sich die beiden noch nie getroffen, zumindest nicht im 'wirklichen' Leben. Online kribbelt es eindeutig schon lange zwischen ihnen und so beschließt Hannah, Nick in Las Vegas zu überraschen. Was leider ziemlich nach hinten losgeht: Offensichtlich hat Nick ihr nicht die Wahrheit über sich erzählt. Aber sind die Gefühle zwischen ihnen auch nur eine Lüge? Um das herauszufinden, hat Hannah genau eine verrückte Nacht in Las Vegas!
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Freitag
Mein bester Freund und ich haben uns noch nie getroffen.
Wir telefonieren oder chatten jeden Tag und er weiß mehr über mich als irgendjemand sonst. Alles, was mich wirklich ausmacht. Aber im echten Leben haben wir uns noch nie gesehen.
Manchmal, wenn ich mit Nick spreche, frage ich mich, wie diese seltsame, komplizierte Freundschaft eigentlich entstehen konnte. Auf den ersten Blick wirkt sie vielleicht gar nicht so anders. Wie gerade jetzt. Es ist Freitagnachmittag, der Startschuss für den Spring Break im Abschlussjahr. Ich liege neben dem Pool auf dem Rücken, lasse meine Füße im kühlen Wasser baumeln und telefoniere mit ihm. Das machen wir fast jeden Freitag zwischen halb vier und kurz vor halb fünf, bevor er zur Bandprobe muss und ich entweder in Sachen Schule oder Familie unterwegs bin. Klingt eigentlich ganz normal.
Das Problem ist nur, dass Nick in einem anderen Bundesstaat lebt, 274 Meilen von mir entfernt. Ja, ich hab’s nachgeguckt.
»Ghost«, sagt er, denn er nennt mich nie Hannah, »du weißt doch, dass ich für meine beste Freundin alles tue, und das hier ist keine Ausnahme. Ich lasse dieses Mädchen aus dem Weg räumen. Kein Problem. Gib mir vierundzwanzig Stunden.«
Ich lache und ziehe meine Füße durchs Wasser. »Kein Grund, zum Mörder zu werden. Es ist nur eine blöde Konferenz. Nächste Woche bin ich drüber weg.«
Obwohl es schon ziemlich verlockend ist, Aditi Singhs vorzeitiges Ableben zu planen. Denn der einzige Grund, warum sie sich überhaupt für dieses College-Vorbereitungswochenende beworben hat – auch wenn eigentlich klar ist, dass die Reise der Jahrgangssprecherin (also mir) zusteht – ist der, dass ich an der University of California in Los Angeles angenommen wurde und sie nicht. Zeigen wir ihr also den Stinkefinger. Blöd nur, dass sie ihn nicht sehen kann, denn sie verbringt ihre Ferien in Washington, D. C., und ich hocke wie der letzte Versager zu Hause.
»Sag Bescheid, wenn du es dir anders überlegst«, sagt Nick. »Das Codewort ist ›Schnabeltier‹. Du brauchst es nur zu sagen und – zack – lasse ich sie verschwinden. So viel bedeutet mir unsere Freundschaft.«
Ich strecke mich, ziehe meine Füße aus dem Pool und setze mich in den Schneidersitz. »Und wie willst du das anstellen?«
»Hey, ich wohne in Vegas. Ich hab Verbindungen zur Mafia. Haben wir hier alle.«
»Du gehst auf die Highschool und wohnst in einer spießigen Siedlung in Henderson. Nicht gerade Al Pacino.«
»Weißt du doch nicht. Alles, was ich dir in den letzten vier Jahren erzählt habe, könnte Fassade sein. Ich brauche ja eine Tarnung. Und wer verdächtigt schon einen unscheinbaren weißen Jungen?«
»Du hast recht. Es gibt viele Dinge, die ich nicht über dich weiß. Ich meine, du könntest jede Menge Geheimnisse vor mir haben.« Das stimmt natürlich nicht. Ich sage das bloß, um mitzuspielen, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass ich alles weiß, was es über Nick Cooper zu wissen gibt.
Ich weiß, dass meine Schwester und sein Bruder sich vor vier Jahren auf einem Konzert kennengelernt haben und fanden, wir beide sollten mal chatten, und dass er anfangs dachte, ich wäre einer der Freunde seines Bruders, der ihn reinlegen wollte, bis ich ihm ein Foto von mir mailte. Ich weiß, dass er sich irgendwann in der Elften seinen Kopf kahl rasiert hat, als sein Lieblingsenglischlehrer zur Chemotherapie musste. Ich kenne das raue Kratzen in seiner Stimme, wenn ich ihn mitten in der Nacht mit einem meiner spontanen Mir-ist-langweilig-Anrufe aus dem Schlaf reiße. Ich weiß, dass im Ärmel seines Rage-Against-The-Machine-Glücks-T-Shirts, das er von seinem Bruder Alex geerbt hat, ein Loch ist, weil ich es auf zahllosen Fotos gesehen habe. Ich kenne seinen zweiten Vornamen (Anthony), Datum und Uhrzeit seiner Geburt (24. September um 3.58 Uhr morgens) und seine Lieblingsfarbe (Grau). Und er weiß mehr als jeder andere über mich, sogar die oberpeinlichsten Dinge. Wir haben gechattet, gesimst, uns Millionen Fotos gemailt, uns Päckchen geschickt, geskypt und telefoniert.
Wir sind bloß noch nie zum selben Zeitpunkt am gleichen Ort gewesen.
Ich finde nicht, dass es seltsam ist, jemandem so nahe zu sein, den man noch nie getroffen hat. Klar, er wohnt in Nevada und ich in Südkalifornien, aber ich spreche öfter mit ihm als mit den Leuten, die ich schon seit dem Kindergarten kenne. Ich wünschte, wir könnten zusammen ins Kino oder irgendetwas Normales machen, aber wir sehen uns gleichzeitig dieselben Filme an und verreißen sie in Videochats, was mehr oder weniger das Gleiche ist.
Am anderen Ende der Leitung bricht sein Lachen abrupt ab und seine Stimme ändert sich. »Geheimnisse? Was für Geheimnisse sollte ich haben?«
»Wer weiß!« Ich bemühe mich, schockiert zu klingen und dabei nicht loszuprusten, schaffe es aber nicht ganz, das Lachen zu unterdrücken. »Immerhin weiß ich jetzt, dass du insgeheim ein Mafioso bist. Hast du einen Gangsternamen, mit dem ich dich ansprechen soll?«
Seine Stimme hellt sich wieder auf, als ihm klar wird, dass ich Spaß mache. »Na klar. Nick the Knife. Oder … nein. Warte. Nick the Click.«
»Was soll das denn heißen?«
»Keine Ahnung. Es reimt sich. Reimen sich solche Namen nicht immer?«
»Mit Mafianamen kenne ich mich nicht aus, Nick the Click. Gereimt klingen sie aber nicht so gefährlich.«
Ich höre Schritte, ein Plumpsen und Quietschen auf der anderen Seite der Leitung und stelle mir vor, wie er sich rücklings auf sein Bett fallen lässt. »Mich ärgert, dass du dich über die Sache mit der Reise so ärgerst.«
»Ich ärgere mich ja gar nicht, es ist nur … Ich hab mich an die Regeln gehalten, Nick, ich hab genau das getan, was verlangt war. Vier Jahre als Jahrgangssprecherin bedeutet, dass ich fahren darf und nicht Aditi Singh. Jemand, der ein einziges Mal stellvertretende Jahrgangssprecherin gewesen ist, darf nicht fahren! Das hier ist mein Jahr! Sie hat sich nicht an die Regeln gehalten, aber gewonnen. Wie kann es sein, dass man gegen die Regeln verstößt und trotzdem alles bekommt, was man will? Das ist nicht fair.«
»Na ja, du kennst bestimmt das Sprichwort –«
»Das Leben ist nicht fair?«
»Klar, das auch. Aber ich dachte an was anderes: Regeln sind dazu da, um gebrochen zu werden.«
Stimmt, das ist ein Sprichwort. Das allerdings nicht mit meiner Brave-Koreanerin-DNA konform geht. Gesetze sind dazu da, um befolgt zu werden. Das jedenfalls wurde mir von Kindesbeinen an von meinen Eltern eingetrichtert, die nicht wirklich dem Klischee der koreanischen Drill-Eltern entsprechen, aber trotzdem ganz schön streng sind. Und ich habe mich an jede Regel gehalten, genau das gemacht, was man mir gesagt hat, und es hat immer geklappt.
Bis jetzt, wo ich mich im Spring Break zu Hause wiederfinde und mich frage, wie man eine Aditi-Singh-Voodoopuppe bastelt.
Ich hasse Regeln.
Eine Tür irgendwo in Vegas knallt und das Geräusch dringt durch mein Telefon. »Mist«, sagt Nick. »Ich muss Schluss machen, Ghost. Die Jungs sind hier.«
»Generalprobe für das Konzert? Seid ihr aufgeregt?« Nicks Band Automatic Friday hat morgen einen großen Gig als Vorband einer angesagten Vegas-Band, weil die Jungs im Februar einen Band-Wettbewerb an der University of Nevada gewonnen haben. Ich wusste schon immer, dass sie großartig sind, mal abgesehen von ihrem einfallslosen Namen – die ganze elfte Klasse hab ich versucht, Nick dazu zu bringen, ihn zu ändern –, und ich finde super, dass sich endlich auch andere von ihnen überzeugen können.
»Hm, mal sehen. Statt der üblichen Geburtstags-Gartenpartys ist Automatic Friday Vorband für Moxie Patrol im verdammten House of Blues auf dem Las Vegas Strip! Wahrscheinlich ist das unsere einzige Chance, jemals wie eine echte Band in einem echten Club aufzutreten. Sagen wir mal, der Begriff ›aufgeregt‹ trifft nicht ganz die helle Panik, die hier herrscht.«
»Übrigens, ich komme zu eurem Konzert«, sage ich. »Ich werde in der ersten Reihe stehen. Mit einem Ichliebe-Nick-Schild. Wirfst du dein Plektrum nach mir?«
»Nee«, sagt er, »ich werfe meine Gitarre nach dir.«
»Hallo? Gehirnerschütterung!« Wir prusten beide los. »Aber ich wünschte, ich könnte wirklich dabei sein.«
Er schweigt, denn uns beiden ist klar, dass die Wahrscheinlichkeit, Automatic Friday jemals live zu hören, für mich genauso hoch ist wie die, mir ein Körperteil piercen zu lassen, in das keine Löcher gehören.
»Das ärgert mich jetzt tatsächlich«, sage ich. »Okay, ich lege auf. Grüß Oscar von mir.«
»Mach ich. Hast du unser Päckchen bekommen?«
»Oh, ja! Das T-Shirt ist super. Ich hab’s heute in der Schule angehabt.« Genau, nachdem ich die letzte Nacht darin geschlafen habe. Das schwarze T-Shirt mit ihrem Bandnamen in Knallrosa auf dem Schlagzeug, wobei das A und das F aus Drumsticks bestehen, ist das beste Geschenk, das er mir je...




