Low Jeder einzelne Tag mit dir
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7325-1487-8
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Reihe: Lübbe
ISBN: 978-3-7325-1487-8
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jon ist der Mann ihrer Träume. Das weiß Shauna, seit sie ihn zum ersten Mal traf. Fünfzehn Jahre später sind sie verheiratet und immer noch glücklich - bis eine schreckliche Diagnose ihr Leben erschüttert: Jon hat einen Hirntumor, ihm wird nicht mehr viel Zeit bleiben. Shauna weiß, sie wird für ihren Mann da sein. Doch dann erfährt sie, dass Jon sie betrügt …
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2. Kapitel
2015 – Shauna
In fünf Minuten waren wir bei Lulu und Daniel, und er hatte immer noch nicht gefragt. Vielleicht würde er es ja gar nicht tun. Mir war aufgefallen, dass es in letzter Zeit für ihn fast selbstverständlich war – nur ein kurzer Blick in meine Richtung, wenn er das erste Bier öffnete, das war’s. Ich nickte meist unauffällig, in einer Ehe funktioniert ja so vieles ohne Worte. Okay, du kannst trinken, ich fahre. Es machte mir nichts, aber manchmal wünschte ich mir schon, anständig gefragt zu werden.
»Alles gut?« Jon nahm eine Hand vom Steuer und legte sie auf meine.
»Ja, ja. Bin ein bisschen müde. Die Woche war ganz schön anstrengend.« Eine echte Untertreibung, aber ich biss mir auf die Zunge. Ich würde jetzt nicht wieder aufzählen, was ich alles erledigt hatte, ohne dass es ihm aufgefallen war: Ich hatte sechzehn Stunden am Tag gearbeitet, unsere Tochter zur Schule gebracht, sie an fünf Nachmittagen zu ihren Freundinnen chauffiert, zweimal für irgendwelche Schulveranstaltungen gebacken, ein Geburtstagsgeschenk für Jons Mutter besorgt, das Auto in die Werkstatt gebracht, stundenlang nach Urlaubsangeboten gesucht, die allen Bedürfnissen unserer Familie gerecht wurden, das komplette Haus geputzt, einen Babysitter für den heutigen Abend organisiert, für den Babysitter und unsere Tochter Essen vorbereitet, mich in fünf Minuten fertig gemacht, mich noch schnell im Auto geschminkt …
JA, ES IST SONNTAGABEND, UND ICH BIN VERDAMMT NOCH MAL MÜDE.
Ich konzentrierte mich weiter darauf, wach zu bleiben. Die Berührung half, sie holte mich aus dem Modus der gestressten Mutter und Ehefrau zurück in den Ich-Modus. Einfach nur Shauna. Wenn ich mir richtig Mühe gab, konnte ich vielleicht noch eine gut gelaunte Shauna hinkriegen und unseren ersten freien Abend seit Ewigkeiten genießen.
Ich merkte, dass ich mich entspannte. Mit dem Daumen strich ich sanft über Jons Handfläche. Ich schaute ihn an und bemerkte, dass auch er müde aussah. »Ich glaube, es wird mal wieder Zeit für eins unserer Grundsatzgespräche.«
Ich lehnte den Kopf gegen die Kopfstütze aus hellem Leder, was meinem ohnehin unordentlich gebundenen Pferdeschwanz wahrscheinlich nicht guttat. Aber vielleicht konnte ich so vertuschen, dass mein dunkelblondes Haar dringend frische Strähnchen brauchte.
Jon nickte. »Du meinst das, bei dem wir jedes Mal feststellen, dass wir viel zu viel um die Ohren haben und dringend etwas verändern müssten?«
»Exakt.«
Wie oft sagten wir das? Einmal im Monat? Öfter? Sooft es unsere Zeit zuließ – und genau das war das Problem. Wir arbeiteten nicht, um zu leben, sondern wir lebten, um zu arbeiten. Das musste anders werden, unbedingt. Und das würde es. Sobald wir mal fünf Minuten Zeit haben würden zu überlegen, wie. Ich setzte den Gedanken auf meine To-do-Liste. Kühlschrank abtauen. Neue Schulklamotten für Beth besorgen. Lebenswichtiges Gespräch mit dem Ehemann führen.
Wir bogen in die Einfahrt, ich griff nach dem Prosecco und der großen Schachtel mit den Süßigkeiten, die Lulu und Daniel so gern mochten, und stieg aus dem Wagen. Das Haus unserer Freunde sah aus wie eines jener, die man auf Weihnachtspostkarten abgebildet sah. Ein vierstöckiges rotes Ziegelsteingebäude, direkt am Richmond Park gelegen, mit wunderschönen alten Sprossenfenstern. Die Eingangstreppe besaß ein schmiedeeisernes Geländer, Efeu umrankte die rot lackierte Holztür. Lulu und Daniel bewohnten die beiden unteren Etagen, in den oberen befanden sich zwei weitere Wohnungen. Daniel hatte großen Wert darauf gelegt, so viele originalgetreue Details wie möglich zu erhalten. Daher gab es noch den ursprünglichen Fliesenboden, hohe Decken und schöne alte Stuckverzierungen. Es war ein wunderbares Haus, und Lulus ständiges Drängen, Daniel solle es verkaufen und mit ihr in eine dieser modernen Hightech-Schuhschachteln direkt am Fluss ziehen, völlig unverständlich.
Ich atmete tief durch, schüttelte meine Müdigkeit ab und setzte ein breites Lächeln auf. Sekunden später öffnete uns eine kichernde Lulu die Tür.
»Hereinspaziert! Hey, Süßer, wie geht’s dir?« Die Frage war an Jon gerichtet, und ich musste lachen. Lulu, die notorische Männermörderin, hatte sich in den zwei Jahrzehnten, die ich sie kannte, kein bisschen verändert. Sie hatte noch immer dieselbe üppige rote Mähne, die unglaublichen Kurven, die großen Augen mit dem verschmitzten Funkeln und die nahezu faltenfreie Alabasterhaut. Dabei gab es kein Vertun: Wir alle näherten uns unaufhaltsam der Fünfunddreißig. »Dir geht’s sicher blendend wie immer«, sagte sie und umarmte als Nächstes mich.
»Ich könnte dich jetzt ganz einfach erdrücken«, warnte ich.
»Tu das, dann bin ich endlich meine Probleme mit Daniel los«, gab sie zurück. Wahrscheinlich war ich die Einzige, die den Unterton mitbekam, der in ihrer Stimme mitschwang. O Gott, bitte nicht schon wieder! »Oh, als hätten wir uns abgesprochen!« Sie zeigte auf meinen schwarzen Overall mit den Achtzigerjahre-Schulterpolstern. Wunderbar, diese zyklisch wiederkehrenden Modetrends.
»Ach, du meine Güte, wir sehen aus wie die Nolans Sisters«, sagte ich. »Wenn eine von uns einen Ton treffen würde, hätten wir echte Chancen auf ein Revival.«
»Ich wäre sofort dabei«, antwortete sie seufzend. »Ich brauche dringend einen neuen Job.«
Da war es wieder. Lulu arbeitete seit fünf Jahren für Daniel. Er und Jon hatten sich damals selbstständig gemacht und eine Personalberatungsagentur gegründet. Zu Anfang war Lulu das Gesicht des Unternehmens gewesen und die Stimme am Telefon, diejenige, die die Buchhaltung machte, die Rechnungen schrieb und sich um alles kümmerte, was den Männern den Rücken für ihre Beratungstätigkeit freihielt. Jetzt, da die Jungs endlich Erfolg hatten und Geld verdienten, arbeitete sie nur noch stundenweise. Die restliche Zeit verbrachte sie mit Networking und Imagebuilding, wie sie es nannte. Andere würden Shoppen und Essen gehen dazu sagen.
Die offene Küche mit dem Essbereich im rückwärtigen Teil des Hauses war um eine Lounge-Ecke erweitert worden. Es war der einzige Raum, der ganz modern war: weiße Wände, heller Travertinboden, bodentiefe Glastüren, durch die das Licht der vielen Solarleuchten aus dem Garten fiel. Sie strahlten wie unzählige winzige Sterne.
Die anderen saßen bereits am Esstisch. Rosie war die Erste, die uns sah. »Hey, ihr Süßen«, rief sie, und ihr Lächeln war mindestens so funkelnd wie der Rotwein in dem Glas, das sie uns zur Begrüßung entgegenhielt.
Rosie sah aus wie ein Fleisch gewordener Betty-Boop-Cartoon – kurzes schwarzes Haar, riesige blaue Augen und Wimpern, mit denen man den Boden fegen konnte. Sie war maximal eins fünfzig groß und inszenierte ihre Kurven mit Klamotten im Fünfzigerjahre-Look. Heute trug sie ein weißes, tief ausgeschnittenes Top mit knallroten Punkten, die genau zum Ton ihres Lippenstiftes passten, dazu ein rotes Tuch, das sie um den Hals geschlungen hatte. Plötzlich kam ich mir in meinem monochromen Schwarz ziemlich langweilig vor. Neuer Input für meine To-do-Liste: mehr Mühe geben beim Outfit, mehr Farbe an die Klamotten, mehr Zeit nehmen fürs Schminken.
Ich begrüßte Rosie und ihren Freund Jack, umarmte Daniel und setzte mich auf den freien Stuhl neben ihn. Jon stand an der Kochinsel und öffnete eine Bierflasche. Aha, da war der Blick! Ich würde also fahren …
Im Grunde war mir das nicht unrecht. Beth musste morgen früh zum Ballett, und einen Haufen Fünfjährige konnte ich nur in unverkatertem Zustand halbwegs im Zaum halten.
»Was willst du trinken, Schatz?«, fragte Jon.
»Wodka. Pur«, antwortete ich und sah zu, wie sich die anfängliche Irritation in seinem Gesicht in ein Grinsen verwandelte.
»Vielleicht bleibe ich auch einfach mal bei Wasser«, fügte ich hinzu.
Sofort nahm Daniel eine große Karaffe vom Tisch und schenkte Eiswasser in das Weinglas an meinem Platz.
»Hm. Was riecht hier so gut?«, fragte ich Lulu.
»Lasagne, Knoblauchbrot, Salat«, zählte sie auf. »Leider nicht besonders originell.«
In Wahrheit störte sie das nicht im Geringsten. Und das war gut so. Bei unseren Treffen ging es ums Reden, ums Austauschen, ums Spaß haben – das Essen stand auf der Prioritätenliste weit unten. Und ganz ehrlich, nachdem ich das ganze Wochenende für fremde Menschen gekocht hatte, war ich froh, dass ich nicht diejenige war, die Gurkenscheiben in eine Salatschüssel hobeln musste.
Jon setzte sich zu uns an den Tisch und wandte sich sofort an Daniel. »Alles okay, Junge? Wie bist du mit dem Sosstic-Vertrag vorangekommen?«
»He, he, he! Wir reden am Tisch nicht über die Arbeit«, protestierte ich.
Es war die einzige Regel, die wir aufgestellt hatten, nachdem die Männer sich gemeinsam selbstständig gemacht hatten. »Lu hat Küchenwerkzeug in der Hand und schreckt nicht davor zurück, es zu benutzen.« Ich zeigte auf Lulu, die eine Hand in die Hüften gestemmt hatte und in der anderen drohend den Gemüsehobel schwenkte.
Ich brauchte einen Moment, ehe ich registrierte, dass alle lachten. Nur Daniel war ungewöhnlich schweigsam.
Das änderte sich auch im Laufe des Abends nicht. Dabei verlief auf den ersten Blick alles so locker und ungezwungen wie immer. Nach ein bisschen Knoblauchbrot und einer knappen halben Stunde mit meinen liebsten Freunden fühlte auch ich mich entspannter. Jon sah aus, als ginge es ihm genauso. Die dunklen Schatten...




