Lucas | Am Abgrund balanciert es sich am besten | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

Lucas Am Abgrund balanciert es sich am besten

Roman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-455-01113-5
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

ISBN: 978-3-455-01113-5
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das Glück ist immer ein Wagnis, aber manchmal lohnt es sich! 2 Jahre, 9 Monate und 8 Tage ist es her, dass Spencer gestorben ist. Anna ist erst Anfang Dreißig und verwitwet. Der Schmerz will nicht nachlassen - bis ein Fremder in ihr Leben tritt, der vielleicht alles für immer verändern wird. Wie so oft ruft Anna verzweifelt das Handy ihres verstorbenen Mannes an, um noch einmal seine Stimme auf dem Anrufbeantworter zu hören und der Mailbox ihr Herz auszuschütten. Doch diesmal ist da jemand am anderen Ende der Leitung. Und dieser Mann ist sehr lebendig. Doch da spricht nicht Spencer, sondern Brody. Zum ersten Mal glaubt Anna sich in ihrer Trauer verstanden zu fühlen. Denn auch Brody hat sich nach einem harten Schicksalsschlag aus dem Leben zurückgezogen. Während Anna langsam versucht, zurück in ihren Londoner Alltag zu finden, denkt sie immer häufiger an Brody. Werden die zwei es wagen, die Geschichte ihres eigenen Glücks zu schreiben?  

Fiona Lucas ist bekannt für ihre herzerwärmenden Geschichten. Sie hat zahlreiche erfolgreiche Romane geschrieben und wurde unter anderem mit dem Joan Hessayon Award und dem Romantic Novel Award ausgezeichnet. Sie lebt mit ihrem Ehemann und ihren zwei Töchtern in London.
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Cover
Titelseite
Widmung
Erster Teil
Zweiter Teil
Danksagung
Biographien
Impressum


2.


, dachte Anna, So könnte sie sich den Anfang sparen, die allgegenwärtige Vorfreude, die lärmenden Begrüßungen und die Vorstellungsrunden mit den sofort wieder vergessenen Namen.

Gabi arbeitete als Foodstylistin und sorgte dafür, dass die Gerichte in Kochbüchern und Zeitschriften so verlockend aussahen, dass einem das Wasser im Mund zusammenlief. Im Lauf der Jahre hatte sie eine bunte Mischung von Leuten kennengelernt – Fotografen und Grafiker, Herausgeber von Zeitschriften, Stylisten und Fernsehmoderatoren. Gastgeberin der Party an diesem Abend war eine Kalifornierin, der eine Kette von Schönheitssalons in Südlondon gehörte. Vanessa lebte in Chislehurst, und je näher Anna und Gabi ihrem Ziel kamen, desto prächtiger wurden die Häuser und desto grüner die Straßen. Die Gegend war nur ein paar Kilometer von Annas Doppelhaushälfte in Sundridge Park entfernt, aber sie kam sich vor wie in einer anderen Welt.

Sie folgte Gabi durch das Erdgeschoss des eleganten Hauses, ein unberührtes Glas Champagner in der Hand. Jedes Mal wenn es Gabi gelang, sich aus einem Grüppchen überschwänglicher Extrovertierter zu lösen, wurde sie sofort in das nächste gezogen, und Anna kannte kaum jemanden davon. Sie stellte sich einfach mit freundlicher, aber zurückhaltender Miene an den Rand und vermied so weit wie möglich jeden Blickkontakt.

Der Vorteil daran, eine kontaktfreudigere Freundin zu haben, die nahezu alle Gäste zu kennen schien, war, dass das Gespräch um Anna herumfloss wie ein Bach um einen Felsen, und das war ihr auch ganz recht so. Denn mit dem Small Talk kamen die Fragen, und sie war nicht sonderlich erpicht auf Fragen, zumindest nicht auf solche persönlicher Natur, und was sie vor allem nicht hören wollte, war –

»Hi, Anna! Wie es Ihnen?«

Sie zwang ihre Mundwinkel nach oben, drehte sich um und stand vor einer von Gabis kreativen, interessanten Freundinnen, die sie anstrahlte. »Oh, äh, hallo …« Anna verstummte, zum einen, weil sie sich nicht an den Namen der Frau erinnern konnte, aber vor allem, weil diese einfache Frage sie stets in eine Zwickmühle brachte. Sie war ein ehrlicher Mensch, und wenn jemand sie fragte, wie es ihr ging, antwortete sie automatisch wahrheitsgemäß.

Großer Fehler.

Damals, in der ersten Zeit, hatte sie genau das getan, hatte erwidert, dass jede Sekunde des Tages wie ein Messerstich in ihrem Herzen war und dass sie sich davor fürchtete, morgens die Augen zu öffnen. Es hatte so gutgetan, alles herauszulassen.

Doch sie hatte schnell gemerkt, dass ihre Freunde sie dann erschrocken ansahen und nicht wussten, was sie darauf sagen sollten. Meistens behaupteten sie, sie müssten dringend noch mit jemandem da drüben sprechen, und ergriffen die Flucht.

Niemand wollte wissen, wie es ihr ging. Nicht nach zwei Jahren, neun Monaten und acht Tagen. Nicht mal Gabi. Sie wollten hören, dass sie sich hochgerappelt hatte, dass es möglich war, etwas so Tragisches zu überstehen und wieder nach vorn zu blicken. Im Grunde war es egoistisch, denn sie wollten, dass sie ihnen Hoffnung gab. Sie sollte ihnen versichern, dass auch sie, falls ihnen etwas so Furchtbares zustieß, darüber hinwegkommen würden. Aber Anna war nicht darüber hinweg, nicht mal ansatzweise.

Gabis Freundin sah sie erwartungsvoll an.

»Ganz gut«, erwiderte Anna mit einem Nicken und bemerkte wieder einmal, dass die Trauer sie in eine elende Lügnerin verwandelt hatte. »Und Ihnen?«

Die Frau – Keisha! Sie hieß  – zuckte philosophisch die Achseln. »Ach, na ja, das Übliche …« Dann zog sie die Stirn kraus. »Ich habe gehört, was … Sie wissen schon … Es tut mir sehr leid.« Und dann tat sie das Allerschlimmste: Sie legte mitfühlend die Hand auf Annas Arm.

Anna hätte sie am liebsten abgeschüttelt und Keisha wütend angefunkelt, weil sie eine unsichtbare Grenze überschritten hatte, aber sie tat es nicht. »Oh!«, sagte sie und blickte an ihr vorbei ans andere Ende der großen, edlen Küche. »Ich glaube, Vanessa sucht Sie.«

Tatsächlich war ihre Gastgeberin nirgends zu sehen, aber das Spiel mit der »unsichtbaren Freundin« konnte sie schließlich genauso gut spielen. Keisha wirkte einen Moment hin- und hergerissen, dann drückte sie Anna kurz mit einem Arm an sich und eilte davon.

Sie war froh, als gegen neun die Begrüßungsphase vorbei war und die Leute sich in kleinen Grüppchen in der Küche und über die diversen Sitzgelegenheiten verteilten. Das machte es einfacher, mit ihrem mittlerweile lauwarmen Champagner umherzuschlendern und so zu tun, als hätte sie gerade ein wunderbares Gespräch mit einem Gast beendet und wäre auf dem Weg zum nächsten. Dabei hatte sie – abgesehen von dem kurzen Wortwechsel mit Keisha – bisher nur mit Gabi gesprochen, und das war im Auto auf dem Weg hierher gewesen.

Sie waren kaum losgefahren, da hatte Gabi betont beiläufig gesagt: »Hatte ich eigentlich erwähnt, dass Jeremy heute Abend auch kommt?«

Anna warf ihrer Freundin einen scharfen Seitenblick zu. Gabi saß ganz ruhig auf dem Beifahrersitz, die Hände im Schoß gefaltet und die Andeutung eines unschuldigen Lächelns auf den Lippen. Das beunruhigte Anna, denn Gabi war nie cool und zurückhaltend. Gabi strahlte und kreischte und warf Konfetti. Das ungute Gefühl in Annas Magen verstärkte sich.

»Ach ja?«, erwiderte sie leichthin. »Wer war das noch gleich?« Obwohl sie genau wusste, dass Jeremy ein Freund von Vanessa war. Und dass er als Grafikdesigner arbeitete und eine »Wahnsinnswohnung« in Beckenham hatte.

Anna war klar gewesen, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis diese Bombe explodierte, denn Gabi hatte schon seit Wochen immer wieder unauffällig seinen Namen fallen lassen, fast genauso oft, wie sie – nicht ganz so unauffällig – andeutete, dass es für Anna an der Zeit war, »nach vorne zu schauen«.

Aber Anna wollte nicht nach vorne schauen. Sie war noch nicht so weit.

Das hatte sie Gabi auch schon tausendmal gesagt, aber offenbar ohne jede Wirkung, denn in diesem Moment schlängelte sich ihre Freundin lächelnd mit einem Mann im Schlepptau durch das Gedränge in der Küche auf sie zu.

Da begriff sie. Gabi ging es gar nicht um ihr eigenes Liebesleben, sondern um Annas.

Anna versuchte, in die entgegengesetzte Richtung zu flüchten, doch Vanessas Angestellte aus dem Schönheitssalon versperrten ihr den Weg, bunt und aufgeputzt wie ein Schwarm exotischer Vögel. Sie hatten sich direkt neben dem gläsernen Kühlschrank niedergelassen, der bis obenhin mit Champagnerflaschen gefüllt war, und rührten sich nicht von der Stelle.

»Ich dachte schon, ich hätte dich verloren!«, rief Gabi und setzte ihr strahlendstes Julia-Roberts-Lächeln auf. Sie blickte zu dem Mann, den sie am Arm hinter sich herzog und der nicht ganz so enthusiastisch wirkte wie Gabi. »Das ist Jeremy!«, verkündete sie mit solchem Elan, als handele es sich um die Oscar-Verleihung. Groß, mit sandfarbenem Haar und ausgeprägten Wangenknochen, erinnerte Jeremy Anna an den Detektiv in der schwedischen Krimiserie, die sie gerade auf Netflix dauerguckte.

»Weißt du noch? Ich hab dir doch von ihm erzählt.«

Anna warf Gabi einen Blick zu.

Doch Gabi funkelte unbeirrt zurück –  – und sprach weiter. »Du hast doch gesagt, du würdest gerne mal Salsa ausprobieren. Und Jeremy macht einen Kurs am Civic Centre. Er kann dir alles darüber erzählen.« Dann fiel Gabi plötzlich auf, dass sie nichts mehr zu trinken hatten, und sie eilte, obwohl sie direkt neben einem ganzen Kühlschrank voll Champagner standen, davon, um Nachschub zu holen. Anna und Jeremy blieben zurück und sahen sich verlegen an.

Anna holte Luft, lächelte und sagte: »Hallo.« Ja, sie fühlte sich gerade ein bisschen ungesellig, aber sie war nicht unhöflich. Deshalb sagte sie ihm auch nicht, als sie vorsichtig ein paar Sätze wechselten, dass das mit dem Salsakurs Gabis Idee gewesen war. Damit Anna mal aus dem Haus und auf andere Gedanken kam. Davor war es Italienisch gewesen. Und davor ein Goldschmiedekurs. Selbst »Wie repariere ich mein Auto?« war ihr nicht zu blöd gewesen.

Und so kam es, dass Anna sich eine halbe Stunde lang dort in der Küche mit Jeremy unterhielt. Er war nett, das musste sie zugeben. Nicht zu sehr von sich eingenommen. Kein Langweiler. Und ganz offensichtlich hatte Gabi ihn mit ihrem wenig subtilen Verkuppelungsversuch genauso überrumpelt wie sie. Er gab sich zwar Mühe, sich nichts davon anmerken zu lassen, aber es gelang ihm nicht so recht. Was ihn für Anna noch sympathischer machte.

Als er vorschlug, nach draußen zu gehen, um dem Lärm und dem Gedränge zu entkommen, folgte sie ihm. »Wie sind Sie denn zum Salsaexperten geworden?«, fragte sie, als sie auf die Terrasse hinaustraten, von der man auf den perfekt gepflegten Garten blickte.

Jeremy verzog das Gesicht. »Ich bin ganz sicher kein Experte.«

»Nein? Wie lange tanzen Sie denn schon?«

Er rieb sich mit der Hand übers Gesicht und lachte. Er hatte ein nettes Lächeln, fand Anna. In seinen Augen lagen Wärme, Ehrlichkeit und auch etwas Verschmitztes. »Das ist es ja gerade – ich war nur ein paarmal da, und auch nur, weil meine Schwester unbedingt hinwollte und mein Schwager sich stur geweigert hat.«

Anna musste lachen. Nicht schallend laut, eher leise und amüsiert, aber es schockierte sie so sehr, dass sie sofort wieder verstummte....


Lucas, Fiona
Fiona Lucas ist bekannt für ihre herzerwärmenden Geschichten. Sie hat zahlreiche erfolgreiche Romane geschrieben und wurde unter anderem mit dem Joan Hessayon Award und dem Romantic Novel Award ausgezeichnet. Sie lebt mit ihrem Ehemann und ihren zwei Töchtern in London.

Feldmann, Claudia
Claudia Feldmann, Jahrgang 1966, studierte Literaturübersetzen in Düsseldorf und übersetzt aus dem Englischen und Französischen, u. a. Eoin Colfer, Morgan Callan Rogers, Louisa Young und Sarah Brooks.

Fiona Lucas ist bekannt für ihre herzerwärmenden Geschichten. Sie hat zahlreiche erfolgreiche Romane geschrieben und wurde unter anderem mit dem Joan Hessayon Award und dem Romantic Novel Award ausgezeichnet. Sie lebt mit ihrem Ehemann und ihren zwei Töchtern in London.



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