E-Book, Deutsch, Band 1, 219 Seiten
Reihe: Hufspuren
Ludwig Hufspuren: Fliegender Wechsel
3. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7725-4051-6
Verlag: Freies Geistesleben
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 219 Seiten
Reihe: Hufspuren
ISBN: 978-3-7725-4051-6
Verlag: Freies Geistesleben
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Christa Ludwig ist als Jugendbuchautorin bekannt geworden mit ihren Romanen 'Der eiserne Heinrich', 'Ein Lied für Daphnes Fohlen', 'Carlos in der Nacht', 'Blitz ohne Donner' und 'Die Siebte Sage'. Im Anschluss fand ihre 6-bändige Reihe 'Hufspuren' begeistertes Echo bei jungen Pferdeliebhaberinnen. Für Kinder hat sie die Geschichten 'Puzzle-Ponys' und 'Fluchtballon' geschrieben. Und kürzlich sind die ersten zwei Bände ihrer Erstlesereihe 'Jonas Weg ins Lesen' erschienen. Christa Ludwig lebt mit ihrem Mann in der Nähe des Bodensees.
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Jana Immerglück Was für ein Tag Rundumbeschlag Wassersprung Feiertagskrankheit Beugeprobe Mister Meister Satteldruck Turnierfieber Fliegender Wechsel Kidnapper Freilandhaltung Doping Und wie geht's weiter? Mini-Lexikon der Pferdefachsprache Über die Autorin
Jana Immerglück
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«Scheißdreck!»
Das sagte Jana laut.
Und es war still gewesen in der Klasse, was selten vorkam in der 7c, da sagte Jana in die Stille: «Scheißdreck!»
Und zwar laut.
Kichern. Unterdrücktes Lachen. Herr Taggert stand mit dem Gesicht zur Tafel. Er drehte sich nicht um und er schrieb mit seiner klaren Tafelanschrieb-Lehrerhandschrift:
‹Scheißdreck›
Er schrieb es unter
‹komisch› (Das hatte Thomas gesagt)
und
‹irgendwie altmodisch› (Das hatte Alberta gesagt)
Taggy schrieb ohne zu zögern: Scheißdreck – und die Klasse brüllte vor Lachen.
Jana schob das Buch von Jimmy und dem roten Mustang unter die Bank und beugte sich über das kleine Heftchen mit der Geschichte, die sie gerade im Deutschunterricht lasen. Taggy trat einen Schritt zurück und überschaute noch einmal seinen Tafelanschrieb. Die Klasse sah sogar an seinem Rücken, wie er grinste. Alberta drehte sich zu Jana um und grinste auch. Sie kannte das Buch, das Jana gerade gelesen hatte. Alberta kannte jedes Buch, in dem mindestens einmal das Wort «Pferd» stand.
Endlich wandte Taggy sich wieder der Klasse zu.
«Also«, sagte er, «ich habe gesagt, ich schreibe alles auf, was euch zu der Geschichte einfällt, egal was es ist, ihr müsst es nur begründen können. Fangen wir mal mit der letzten Bemerkung an. Jana!»
«Ich hab ein anderes Buch gelesen. Das wissen Sie doch!»
«Klar, das ist schließlich nicht das erste Mal. Also: Wie heißt es, und warum ist das Scheißdreck?»
Jana legte das Buch auf den Tisch. Sie dachte: Taggy ist geil.
«Also, das Buch heißt , und der Jimmy, der ist ein Cowboy, der jagt den roten Mustang quer durch die Prärie und kriegt ihn nicht. Und dann fällt er in einen Sumpf, ähh, Jimmy, nicht der Hengst, und da rennt das Pferd auf einmal nicht mehr weg, sondern – also Jimmy wirft das Lasso und – also hört euch das an, da steht: ‹Der Hengst stand. Er beugte den Kopf vor und streckte ihn mitten in den Wurf. Die Schlinge fiel ihm über den Hals.› Das ist doch …»
«Sehr gut», sagte Taggy, «nicht, dass du im Deutschunterricht solche Bücher liest, aber dass du eine Stelle aus dem Buch vorlesen kannst, um deine Meinung zu begründen, das könnt ihr euch merken. Genauso macht man das. Weiter: altmodisch. Alberta hat gesagt, sie findet die Geschichte altmodisch. Ich will wissen, wieso. Alberta!»
Alberta schaute rasch wieder nach vorn, Jana konnte gerade noch das Erschrecken in ihrem Gesicht sehen.
Sie ist ja auch blöd, dachte sie fast ein bisschen wütend. Warum hat sie sich da vorne hingesetzt, warum ist sie nicht neben mir geblieben. Was macht das schon, wenn ich quatsche und störe, ich habe immer Glück. Und jetzt sitzt sie da, und ich kann ihr nicht helfen.
«Da waren so Wörter», sagte Alberta, «so andere.»
Janas Augen suchten hastig in den Seiten der Geschichte. Wo war da etwas altmodisch, irgendein Wort? Wenn es um Worte ging, konnte Alberta nämlich leicht danebenhauen. Sie kam aus Russland, nein, das stimmte nicht ganz. Zwar nannte man ihre Familie ‹Russlanddeutsche› oder auch ‹Aussiedler›, aber sie kamen aus der ehemaligen Sowjetunion, und zwar aus dem riesigen asiatischen Land Kasachstan. Dort wurde Alberta vor 14 Jahren geboren, und ihre Eltern hatten keine Ahnung gehabt, dass man in Deutschland Mädchen gerade Julia nannte oder Laura oder auch Hanna. Alberta war erst seit einem Jahr in Deutschland. Sie hatte auch in Kasachstan mit ihrer Familie schon deutsch gesprochen, aber das war ein ganz anderes Deutsch.
Jana hatte noch nichts Komisches in der Geschichte gefunden, aber sie meldete sich schon mal heftig.
«Herr Taggert», rief sie, «Herr Taggert!»
«Also, Jana!»
«Ich finde das auch altmodisch, nämlich …»
Sie musste jetzt ganz schnell so ein Wort finden. Alberta hatte furchtbar zu kämpfen, dass sie auf der Schule bleiben durfte …
«Beinkleider!», schrie Jana. «Was um Himmels willen sind Beinkleider? Hosen? Also wenn ich morgens sage: ‹Ich will meine blauen Beinkleider anziehen› statt ‹Hast du meine Jeans gewaschen?›, dann bin ich doch woanders.»
Alberta hatte den Zeitgewinn gut genutzt.
«Und der hier», rief sie, «der hat ein Wams mit roten Knöpfen. Was ist ein Wams?»
«Gut!», sagte Taggy.
Und da schellte es.
Jana und Alberta gingen zum Fahrradkeller, aber nicht sofort zu ihren Rädern, sondern zur Wand mit den Schließfächern für die Motorradfahrer. Die hatten darin ihre Helme, Stiefel, Overalls. Die beiden Mädchen brauchten das Fach für etwas anderes. Jana schloss auf. Da sauste Felix herbei. Er war in der 8. Klasse. Sein Rad hatte er bei seinen Freunden im hinteren Teil des Kellers abgestellt wie alle Jungen, aber gleich nach Schulschluss war er kein normaler Junge mehr. Felix war ein Reiter. Er bremste hart.
«Wir kriegen heut …!», rief er.
Jana streckte ihm abwehrend eine Hand entgegen.
«Wegbleiben!», forderte sie und holte Albertas Sachen aus dem Schrank. Die quetschte sich in die dunkle Ecke zwischen den Schließfächern und der Tür.
«Stellt euch doch nicht so an», sagte Felix. «Wir kriegen…»
«Sie will es nicht!», donnerte Jana, dass es durch den Fahrradkeller hallte. Und zum Glück etwas leiser fuhr sie fort:
«Eine Frau bestimmt selber, wie viel von ihrem Körper sie zeigen will.»
Alberta hatte den Reißverschluss geöffnet und platzte fast aus den Jeans.
«Eigentlich bin ich immer ganz froh, wenn ich wieder raus bin», murmelte sie. «Hast du nicht ein paar weitere Jeans?»
Jana gab ihr einen Rock, weiß mit bunten Blümchen.
«Also gehungert habt ihr in Russland nicht», sagte sie. «Du könntest schon ein paar Pfund weniger haben.»
«Mir gefällt sie so», sagte Felix auf seinem Rad schaukelnd jenseits der Tür.
Jana streckte den Kopf aus der dunklen Ecke.
«Was geht dich das an? Frauen bestimmen selber, wie viel sie wiegen wollen!»
«Eben!», sagte Felix. «Also lass Alberta das selber bestimmen.»
Alberta zog das T-Shirt über den Kopf und schlüpfte in ihre weiße Rüschenbluse mit dem Spitzenkragen.
«Ich hätte gern ein paar Pfund weniger», sagte sie. «Schon damit mir deine Jeans besser passen.»
Jana hielt das T-Shirt ins Licht.
«Das nehm ich mit zum Waschen», entschied sie. «Das ist jetzt mal fällig. Wie gut, dass du fast nichts dreckig machst. Meine Mutter hat noch nicht gemerkt, dass sie für zwei Mädchen wäscht. So – und nun fehlt uns Theres.»
Die war nämlich krank, und...




