Liebe Besucherinnen und Besucher,
aufgrund unseres Sommerfestes sind wir am 03. September 2026 bis 14 Uhr erreichbar. Am 04. September 2026 sind wir wieder wie gewohnt für Sie da. Vielen Dank für Ihr Verständnis.
Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, 219 Seiten
Ludwig Hufspuren: Vier Beine für Christina
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7725-4053-0
Verlag: Freies Geistesleben
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 219 Seiten
ISBN: 978-3-7725-4053-0
Verlag: Freies Geistesleben
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Christa Ludwig ist als Jugendbuchautorin bekannt geworden mit ihren Romanen 'Der eiserne Heinrich', 'Ein Lied für Daphnes Fohlen', 'Carlos in der Nacht', 'Blitz ohne Donner' und 'Die Siebte Sage'. Im Anschluss fand ihre 6-bändige Reihe 'Hufspuren' begeistertes Echo bei jungen Pferdeliebhaberinnen. Für Kinder hat sie die Geschichten 'Puzzle-Ponys' und 'Fluchtballon' geschrieben. Und kürzlich sind die ersten zwei Bände ihrer Erstlesereihe 'Jonas Weg ins Lesen' erschienen. Christa Ludwig lebt mit ihrem Mann in der Nähe des Bodensees.
Weitere Infos & Material
Das Pferd in der Flasche Eins aus 34 Vollständig Rückfahrten - zweimal Liebe und zurück Barfuß über spitze Steine Fünfzehn Sekunden Seligkeit Der Tag "Nie" Perlen, rot auf schwarzem Grund Gift Wir drei Und wie geht's weiter? Mini-Lexikon der Pferdefachsprache Über die Autorin
Das Pferd in der Flasche
Theres stand mit dem Fahrrad schon am Gartentor. Sie leckte an ihrer Zahnspange. Das machte sie seit einer halben Stunde. Ihre Zunge war schon ganz wund. Im rechten Augenwinkel sah sie Jana aus ihrem Haus kommen. Die rannte, wie immer. Wahrscheinlich hatte sie wieder verschlafen. Theres drehte den Kopf zur Seite, schaute der Freundin entgegen, aber nur ein wenig, dabei ließ sie die Haare halb über ihr Gesicht fallen, der Fahrradhelm schwebte gewichtslos über ihrem Kopf, und sie blinzelte durch den feinen blonden Schleier, eine gekräuselte Spitzengardine. Dann warf sie die Haare zurück, trat heftig in die Pedale und flog davon. Sollte Jana sich wundern, denn normalerweise fuhr die voraus.
Wie lange aber würde sie durchhalten? Jana war viel kräftiger und musste sie bald einholen. Theres fuhr das beste aller Fahrräder, Alu-leicht und gefedert zum Davonschweben – aber einen Motor hatte es nicht. Jana holte auf. Die Straße wurde steiler. Theres strengte sich an. Das tat sie selten, und sie fühlte, wie ihr das Blut in den Kopf stieg.
Na gut, dachte sie, ein roter Kopf ist ein roter Kopf, vielleicht merkt man nicht, dass er vorher schon rot war.
Sie wollte nicht mit Jana reden, noch nicht. Sie wollte mit niemandem reden. Auch ihrer Mutter hatte sie nichts gesagt. Sie hatte das kleine Päckchen sofort in ihrer Schultasche verschwinden lassen und war ins Bad gerannt.
Es war der 3. Oktober. Ein Tag vor ihrem Geburtstag. Schon das allein war eine Katastrophe. Wenn jemand aus England – oder war es Amerika – ein Päckchen als Sonderzustellung aufgibt, mit so genauen Angaben – 7.15 Uhr abgeben, – dann musste er doch auch den Tag genau bestimmen können. Hatte er vergessen, wann sie Geburtstag hatte? Oder wollte er mal wieder ihre Mutter überholen und ihr Pferd schenken, bevor sie eins von der Mutter bekam? Sein Pferd! Ihr wurde schlecht.
Es fing an zu regnen. Ein goldener Oktober war das bis jetzt nicht. Sie hatte schon besseres Geburtstagswetter erlebt. Und sie hatte schon bessere Geburtstagsgeschenke bekommen. Natürlich hatte sie sich ein Pferd gewünscht, aber –
Regen ist gut, dachte sie und hob das Gesicht.
Und als Jana sie schließlich einholte, waren die Regentropfen auf ihren Wangen nicht mehr von den Tränen zu unterscheiden.
«Was ist denn los?», fragte Jana.
Sie keuchte, tatsächlich, sie keuchte. Das war wohl auch für Jana anstrengend gewesen.
«So rast du doch sonst nicht zur Schule. Wir sind nicht mal spät dran.»
Theres hielt, sie konnte nicht weiter. Es ging ja immer noch bergauf. Sie wartete, bis sie wieder reden konnte, und sagte: «Ich musste schnell weg. Meine Mutter wollte mich mit dem Auto bringen. Sie hat Angst, dass ich mich erkälte. Kennst sie doch.»
Jana nickte. Das war vollkommen glaubwürdig. Theres’ Mutter hatte vor allem Angst.
Zum ersten Mal freute sich Theres, dass sie diesen anstrengenden Schulweg hatten. Niemand konnte erwarten, dass sie dabei auch noch erzählte. Sie fuhr nun langsam. Es war wirklich noch früh. Auf keinen Fall wollte sie vor der Schule herumstehen, erst recht nicht in der Pausenhalle. Da hätte sie keine Regentropfen mehr im Gesicht, unter die sich unauffällig ihre Tränen mischten. Sie ließ Jana vorausfahren und sah die kurzen dunklen Haare verschwinden, keine Mütze, keine Kapuze, kein Helm. Jana bremste, schaute zurück, wartete.
«Heulst du?», fragte sie.
Theres schüttelte heftig den Kopf.
«Es regnet», sagte sie.
Sie hatten die Höhe erreicht und bummelten weiter zur Schule. Jana redete, Theres schwieg. Es sah so aus, als sei alles wie immer.
Im Fahrradkeller wartete Alberta auf sie. Ihre schwarzen Kirgisenaugen glänzten wie polierter Pechstein. Sie strahlte Theres an.
«Morgen», flüsterte sie. «Freust du dich?»
Theres nickte, blieb mit dem Ärmel am Lenker hängen und wäre fast über ihr Rad gefallen. Das fiel nicht auf, das war normal. Sie war im letzten Jahr viel zu schnell gewachsen, und sie stolperte über alles.
«Morgen», sagte Alberta, «morgen.»
Immerhin, da war noch jemand, der sich auf Theres’ Geburtstag freute.
«Ich wette, du kriegst die Bjalla», sagte Alberta.
Theres schüttelte den Kopf und griff erleichtert nach der guten Gelegenheit, ein trauriges Gesicht machen zu dürfen.
«Bjalla ist schon verkauft. Das weißt du doch.»
Theres kämpfte mit ihrem Schulrucksack. Der hing auf dem Gepäckträger fest. Damit ließ sich noch eine Minute gewinnen. Sie wollte mit dem Läuten in die Klasse gehen, sich auf ihren Platz setzen, und niemand durfte mehr etwas fragen. Schon gar nicht: «Freust du dich?»
Jana half ihr, und sofort war der Rucksack frei, natürlich, Jana zog einmal fest, und das war erledigt. Sie gab den Rucksack Theres, die zögerte, aber sie musste ihn nehmen – sie und nur sie wusste von dem Päckchen mit der kleinen Flasche darin.
Vielleicht ist sie ja kaputt, dachte sie.
Sie war aus Glas, das hatte sie gefühlt, Glas kann schließlich kaputtgehen.
Unsinn, dachte sie, die ist nicht kaputt. Kaputt ist ganz was anderes und nicht erst seit heute, aber heute ist es mal wieder besonders schlimm.
Und außerdem – es war doch nur das Duplikat. Das Original lag gesichert in – wo war das? – Chicago. Oder war es New York?
Es läutete zum ersten Mal. Theres ging neben Alberta her. Die sang leise vor sich hin. Ein Lied, das niemand kannte, und niemand verstand ein Wort. Russisch, ein Lied ihrer Heimat, noch immer ihre Heimat? Sie sprach inzwischen sehr gut Deutsch. Und trotzdem sang sie russische Lieder. Die waren immer ein wenig traurig. Als sie das Klassenzimmer erreichten, läutete es zum zweiten Mal. Theres floh in die Sicherheit der Unterrichtsstunde. Es würde eine gute Stunde werden, das konnte auch sie nicht leugnen, sie hatten Geschichte bei Taggy. Die ganze Schule beneidete die 8 c darum, dass sie Taggy in zwei Fächern hatten.
Theres saß neben Alberta. Jana war schon lange nicht mehr neben ihnen, weil die mit ihren Reiterfreundinnen noch mehr schwätzte als mit den anderen Mädchen und darum saß Theres jetzt zwischen Alberta und Thommy. Und das war an diesem Tag ein großes Glück, denn so konnte sie verhindern, dass Alberta zu dem übelsten aller Spitznamen kam.
Es war zunächst für die Mädchen eine eher langweilige Stunde. Die Klasse hatte das 15. Jahrhundert erreicht, zwar saßen die Könige im Geschichtsbuch noch immer auf sich bäumenden Pferden, das freute die meisten Mädchen. Aber man hatte auch die ersten Kanonen erfunden, das freute die meisten Jungen. Und Luca, der gleich neben Thommy saß, war Spezialist für Kanonen. Taggy hatte ihm die Gelegenheit gegeben, seine miesen Zensuren aufzubessern und ein Referat über Geschütze zu halten. Er hatte ihm selber ein Buch aus der Schulbibliothek geliehen. Es lag aufgeschlagen auf der Bank. Luca aber stand vorn und führte seine Plastik- und Metallmodelle vor, Kanonen aus allen Zeiten. Er erklärte, welche nur zur Verteidigung und welche für die Feldschlacht geeignet waren. Sein Prachtmodell war aus Metall, ungefähr 15 cm hoch, es sah ganz echt aus.
«Und die», sagte er, «die knallt.»
Er warf einen fragenden Blick auf Taggy. Der nickte.
Luca zündete ein winzige Ladung Schwarzpulver auf dem Lehrerpult, wahrhaftig, es knallte, die Jungen trampelten, die Mädchen gähnten. Theres verfing sich wieder in ihren trüben Gedanken. Sie hatte aufgehört, an ihrer Zahnspange zu lecken und versuchte einen Pickel auszudrücken. Alberta streckte die Beine und rutschte auf die Stuhlkante, sitzen war in ihren viel zu engen Jeans höchst unbequem. Aber Alberta wollte ja nicht nachgeben. Sie war fest entschlossen, ihren Körper für die Hosen passend zu hungern.
Da fing Thommy an zu kichern. Wer immer geglaubt hatte, es seien die Mädchen, die albern herumkicherten, der musste hier seine Meinung ändern. Wie Thommy da gickelte, das brach alle Rekorde. Er kicherte und prustete, er krümmte sich über den Tisch, er gluckste und feixte, alle schauten ihn an. Er presste die Lippen aufeinander und es gelang ihm, sich einigermaßen still zu halten, nur seine Schultern zuckten und hin und wieder seine Mundwinkel. Luca trug seine rauchende, nach Schwarzpulver stinkende Kanone zurück zu seinem Platz, sortierte seine Notizen, griff nach dem Buch aus der Schulbibliothek. Da nahm Thommy einen Kuli und zog einen Kreis um zwei Wörter auf der aufgeschlagenen Seite. Theres sah, was er da eingekreist hatte, kapierte sofort und wurde noch blasser, als sie ohnehin schon war. Da war eine riesige Kanone, so eine richtig wuchtige Maschine und die hatte einen Namen. Einige der Kanonen hatten einen Namen,...




