Lück Das Mädchen mit den Engelshänden
14001. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95818-000-0
Verlag: Ullstein Forever
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-95818-000-0
Verlag: Ullstein Forever
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anne Lück wurde 1991 in Sachsen-Anhalt geboren. Nach einem angefangenen Studium zog es sie nach München, wo sie derzeit eine Ausbildung zur Krankenschwester macht. Schon im Kindergarten wurden ihre Geschichten vor dem Mittagsschlaf erzählt, mit sechs Jahren schrieb sie ihre erste Geschichte. Seit ihrem dreizehnten Lebensjahr widmet sie sich schließlich voll und ganz ihrem Lieblingsgenre: der Urban Fantasy.
Autoren/Hrsg.
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Prolog
Es war ein regnerischer Sonntag und damit eigentlich kein Tag, an dem Anke Thomas ihre Wohnung verließ. Normalerweise pflegte sie an ihren freien Tagen das Ritual, ihre Beine hochzulegen und bei einer Tasse Tee den Nachmittagsklatsch im Fernsehen anzuschauen. Aber heute war sie doch aufgestanden. Die Umstände verlangten es so.
Auf der Straße befanden sich trotz des schlechten Wetters jede Menge Menschen. Mit der schwarzen Kleidung, die eigentlich so gar nicht ihr Stil war, fiel Anke noch mehr auf, als sie es sonst tat. Aber auch diese Sache wurde von den Umständen gefordert. Zwar war es schon lange keine Mode mehr – in Ankes Familie hatte man jedoch schon immer schwarze Kleidung getragen, wenn jemand gestorben war.
Die Straße, in die die ältere Frau nun einbog, lag in einer Gegend, in der sie noch nie zuvor gewesen war. Sie war verschrien als eine Ecke der Stadt, in der viele Verbrechen passierten, und Anke drückte ängstlich ihre Handtasche an sich. Sie hatte hier überhaupt nicht hingewollt, und wieder einmal fragte sie sich, warum man sie herbeordert hatte.
Vor einem großen, backsteinfarbenen Gebäude blieb Anke stehen, rückte unsicher ihre runde Brille zurecht. Nummer 44. Hier war sie richtig, diese Adresse hatte der Mann am Telefon ihr genannt. Auf dem großen, weißen Schild neben der Tür war zu lesen, dass es sich um ein Therapiezentrum handelte. Eigentlich hatte Anke große Lust, sich einfach wieder umzudrehen, den weiten Weg nach Hause zu laufen und diese Sache zu vergessen, wie sie es schon die ganze Zeit über versucht hatte. Und es wäre ihr sicher auch gelungen, wäre nicht besagter unheilvoller Anruf gekommen. Hier stand sie nun, unsicher, was sie tun sollte.
In diesem Moment ging die dunkle Metalltür auf, und ein Mann trat aus dem Gebäude. Er war jünger als Anke, vielleicht Ende zwanzig, Anfang dreißig. Seine Augen waren müde und wiesen tiefe Spuren schlafloser Nächte auf, vieler schlafloser Nächte. Auch sein Dreitagebart und sein nicht mehr so frisch wirkendes Hemd zeugten davon, dass er wohl keine Gedanken an die alltäglichen Dinge verschwendete.
Auch wenn es Anke wahnsinnig widerstrebte, einen derart schmuddeligen Menschen anzusprechen, der noch dazu aus einem solchen Gebäude herauskam, ging sie ein paar Schritte auf ihn zu.
Das Klacken ihrer Schuhe auf dem Asphalt verriet sie, und der Mann hob den Kopf. Seine wasserblauen Augen sahen unendlich traurig aus, auch wenn er sich jetzt an einem gezwungenen Lächeln versuchte. »Kann ich Ihnen helfen?«
Seine Stimme klang, wie Anke vermutet hatte: rau, angespannt und genauso traurig, wie es seine Augen waren. Aber das Wichtigste war, dass sie seine Stimme erkannte.
»Davon gehe ich aus«, antwortete Anke und konnte einen leicht pikierten Unterton nicht unterdrücken. »Ich denke, ich gehe richtig in der Annahme, dass wir telefoniert haben, oder? Sie sind doch Herr Karen?«
Schon leuchtete etwas in den Augen des Mannes auf. »Ja, da haben Sie Recht. Dann müssen Sie … Johannas Tante sein, nicht wahr?«
Sofort, um noch mehr unheilvollen Begegnungen vorzubeugen, schrieb Anke ein unsichtbares Kreuz in die Luft vor ihrem Gesicht. Dann zischte sie scharf: »Anke Thomas. Sie wollten mich sprechen?«
Etwas verwirrt wirkend von ihrer kalten Art nickte Herr Karen. »Ja, das ist richtig. Aber lassen Sie uns solche Dinge nicht hier draußen besprechen.« Er warf die Zigarette, die er sich eben angezündet hatte, auf den Boden und trat sie gedankenversunken aus, auch wenn sie mitten in einer Pfütze gelandet war. Dann lächelte er unsicher. »Wenn Sie mir bitte folgen möchten, Frau Thomas?«
»Eigentlich nicht, aber was bleibt mir denn jetzt noch für eine Wahl?«, brummte Anke und stolzierte hochnäsig durch die aufgehaltene Tür.
Im Inneren trat man sofort in kleines Wartezimmer, in dem ein paar Menschen auf bunten Plastikstühlen saßen, in Zeitschriften blätterten und aufsahen, als sie eintrat.
Anke Thomas wünschte sich in diesem Moment nichts sehnlicher, als die Zeit zurückdrehen zu können. Hätte sie diesen Anruf doch nur ignoriert! Wäre sie doch gar nicht erst ans Telefon gegangen, als es an ihrem freien Tag geklingelt hatte! Wenn die Leute aus ihrer Nachbarschaft hörten, dass sie sich an einem Sonntagnachmittag in einer Nervenheilanstalt aufhielt … was würden sie reden! Wahrscheinlich würde jeder denken, dass sie aufgrund des Todes ihrer Nichte nicht mehr ganz richtig im Kopf war, und Anke wollte sich gar nicht vorstellen, was das für furchtbare soziale Folgen nach sich zog!
»Hier entlang, Frau Thomas…« Herr Karen wies ihr die Richtung und lief dann den Flur entlang.
Anke Thomas schnaubte. Gut, der Typ hatte wenigstens ein paar Manieren. Leiden konnte sie ihn trotzdem nicht, immerhin war er schuld an ihrer derzeitigen Misere. Mit kleinen, aber energischen Schritten folgte sie ihm, nicht ohne den Menschen im Wartezimmer noch einen abschätzigen Blick zuzuwerfen. Armes, geisteskrankes Gesindel!
Herr Karen steuerte ein kleines Büro am Ende des Ganges an, öffnete die Tür und ließ Anke hinein. Sie sah sich einen Augenblick um, auch wenn es in diesem spärlich eingerichteten Zimmer nicht sonderlich viel zu sehen gab. Nur einen Schreibtisch, zwei Stühle und ein Beistelltischchen mit einer halb verwelkten Blume darauf, mit der wohl jemand krampfhaft versucht hatte, etwas Atmosphäre zu schaffen.
Anke unterdrückte ein verächtliches Lachen, bevor sie auf dem Stuhl gegenüber dem Schreibtisch Platz nahm und die kleine schwarze Tasche auf ihrem Schoß abstellte.
Herr Karen nahm nicht sofort Platz, sondern lief zuerst zum Fenster und sah kurz hinaus. Die ganze Zeit knetete er dabei seine Hände, als müsste er sich einen Moment lang sammeln. Dann fuhr er zu Anke herum und versuchte es erneut mit einem Lächeln. »Wie unhöflich von mir. Ich sollte Ihnen womöglich einen Tee oder einen Kaffee anbieten. Ich bin in letzter Zeit etwas durch den Wind, Sie verstehen …«
Natürlich wollte Anke einen Tee trinken! Auf ihrer heimischen Couch! »Machen Sie sich keine Umstände, Herr Karen, eine gemütlichere Atmosphäre können Sie kaum schaffen.«
Herr Karen bemerkte wohl ihren Blick über das Mobiliar seines Zimmers, denn er räusperte sich verlegen. »Ich muss mich auch dafür entschuldigen, dass es hier momentan nicht so gemütlich aussieht, wie man es wahrscheinlich bei einem Kindertherapeuten erwartet. Aber ich ziehe gerade aus, die Kündigung läuft bereits.«
»Ach, Ihnen wurde gekündigt?«, fragte Anke Thomas mit gelangweilter Stimme, die sofort suggerierte, dass es sie nicht im Geringsten interessierte. Auch Herr Karen schien das sofort zu merken, und dazu brauchte er wahrscheinlich nichts von dem Wissen über Psychologie, die er fünf Jahre lang studiert hatte. An dieser Stelle kam er mit ein wenig Smalltalk nicht weit. Es gab also keinen anderen Weg, als endlich aufs Ganze zu gehen. Herr Karen setzte sich auf seinen Schreibtischstuhl und stützte das Gesicht auf die zusammengefalteten Hände. »Der Verlust Ihrer Nichte tut mir wirklich leid, Frau Thomas. Es war sicher ein Schock für Sie.«
Anke ließ einen missbilligenden Laut hören. »Herr Karen, nun tun Sie doch nicht so. Das Mädchen, Gott sei seiner Seele gnädig, war ein psychisches Wrack, und das wissen Sie doch sicher am besten. Für niemanden, auch nicht für mich, kam ihr Selbstmord überraschend.«
Bei dieser eiskalten Antwort musste Herr Karen schlucken. Er hatte in seiner Laufbahn schon viele Gespräche mit Erziehungsberechtigten von Selbstmördern geführt. Er hatte Wut erlebt, Tränen, Verzweiflung und Unverständnis. Aber noch nie hatte jemand so abgeklärt auf den Tod eines nahen Familienmitgliedes reagiert. »Nun, anscheinend kam ihr Tod für mich überraschender als für Sie, Frau Thomas. Meiner Meinung nach hatte sie sich bereits auf dem Weg der Besserung befunden.«
»Weg der Besserung?« Anke lachte auf. »Ich erzähle Ihnen mal etwas, mein Lieber, es gibt Krankheiten und Leiden, die niemand bessern kann, und ihre gehörte dazu.«
Mit offensichtlicher Überraschung sah Herr Karen die Frau an, er schien gar nichts mehr zu verstehen. »Nun, Frau Thomas, die Heilungsquote von Kindern, die ihre Eltern verloren haben, steht gar nicht mal so schlecht, und soweit ich weiß …«
Doch Anke Thomas unterbrach sein Gerede mit einer wirschen Handbewegung. »Ich rede nicht von irgendwelchen Traumata, die das Kind angeblich erlitten haben soll.« Ein geheimnisvolles Lächeln umspielte ihren faltigen Mund. »Das Kind hatte größere Probleme als das, glauben Sie mir …«
Herr Karen musste sich anscheinend zusammenreißen, denn ihre Worte schienen etwas in ihm auszulösen. Nach ein paar Sekunden lächelte er nur müde. »Johanna hat mir des Öfteren erzählt, dass Sie eine dunkle, böse Seite an ihr gesehen haben …«
»Und die hatte sie!«, schoss Anke Thomas sofort wütend heraus. »Glauben Sie mir, ich bin nicht verrückt, im Gegensatz zu ihr. An ihr klebte, seit ich sie kannte, der Schatten des Teufels!«
Herr Karen konnte es gerade noch so unterdrücken, laut loszulachen oder aufzuseufzen. »Nun, wir vertreten offensichtlich verschiedene Meinungen, lassen Sie uns nicht darüber streiten.«
»Das ist keine Frage der Weltansicht, Herr Karen.« Anke Thomas schnaubte. »Aber nur aus reiner Neugierde … Warum haben Sie mich dann herbeordert? Was war denn so wichtig?«
»Ja, natürlich.« Herr Karen wischte sich einmal über das Gesicht, wahrscheinlich, um seine Gedanken wieder zu ordnen....




