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Lüdecke | Auf Entdeckungsreise in die Antarktis | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 6, 180 Seiten

Reihe: Stella Polaris

Lüdecke Auf Entdeckungsreise in die Antarktis

Erste Berichte der deutschen Südpolar-Expedition (1901-1903)
2. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7557-8951-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erste Berichte der deutschen Südpolar-Expedition (1901-1903)

E-Book, Deutsch, Band 6, 180 Seiten

Reihe: Stella Polaris

ISBN: 978-3-7557-8951-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als E. v. Drygalski 1901 an Bord der "Gauss" zur ersten deutschen Südpolarexpedition aufbrach, wusste er noch nicht, dass sein Schiff schon am Südpolarkreis für ein Jahr lang ortsfest einfrieren würden. Zur selben Zeit näherte sich R. F. Scott dem Südpol bis auf 82 Grad Süd. Trotz der überaus reichhaltigen Datensammlungen wurde Drygalskis Expedition 1903 bei ihrer Rückkehr von Kaiser Wilhelm II. als erfolglos betrachtet. Nun werden die während der Expedition nach Deutschland geschickten Originalberichte von Drygalski und von der Zweigstation auf den Kerguelen erstmals zusammen veröffentlicht. Sie geben einen authentischen Einblick in das Geschehen während der Expedition, der noch nicht durch Enttäuschung bei der Rückkehr überdeckt ist.

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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Die Kerguelen-Station

Bericht über die Reise der Mitglieder
und die Begründung der Station

von

J. J. Enzensperger *

Adjunkt an der kgl. bayerischen
meteorologischen Zentralstation

Der vom Reich gecharterte Dampfer »Tanglin« verließ, nachdem am Vormittag des 12. Oktober die letzten Güter aus der »Karlsruhe« übernommen waren, nachmittags 1 Uhr den Hafen von Sydney und kam am frühen Morgen des 9. November in Sicht von den Kerguelen. Die unvermutet lange Zeit, die zur Zurücklegung des 3800 Seemeilen betragenden Weges benötigt wurde, erklärt sich aus dem außerordentlich schweren Wetter, das schon von der Baßstraße weg den größten Teil der Reise andauerte und den normal 9 Knoten laufenden Dampfer tagelang zu reduzierter Fahrt und an zwei Tagen zum Beidrehen zwang. Bei der geringen Geschwindigkeit des Dampfers machte sich auch die bis zu 25 Seemeilen im Tage betragende westöstliche Strömung sehr bemerkbar, so daß sich für die ganze Fahrt nur ein Durchschnitt von wenig über 5 ½ Knoten (= 5 ½ Seemeilen in der Stunde) ergab. Der Kapitän der »Tanglin«, Herr Neuhaus, wählte in Anbetracht des Umstandes, daß ein Ausbiegen, der australischen Südküste entlang nach Norden, in die Regionen flauerer Winde die Weglänge unverhältnismäßig vergrößert und daher keinen Gewinn bedeutet hätte, von der Baßstraße aus als Fahrtlinie den größten Kreis, der auch mit geringen, durch die schweren Stürme veranlaßten Abweichungen innegehalten wurde. Die »Tanglin« erwies sich als sehr gutes Seeschiff und erlitt trotz der gewaltigen, in einigen Fällen bis zu 12 m Höhe anwachsenden Seen nicht die geringste Havarie. Auch der unter diesen Verhältnissen zu Besorgnissen Anlaß gebende Teil der Ladung, die Hunde, überstand die Überfahrt gut, obwohl sie unter Deck genommen und die Luken meist geschlossen gehalten werden mußten; es gingen während der Fahrt nur drei ein. Daß von Wladiwostok aus, statt der verlangten zwei, drei Wärter mitgeschickt wurden, erwies sich als nicht erforderlich, da die ganze Versorgung der Hunde von einer Person gut bewerkstelligt werden kann. *

Bei schwerem Nordweststurm bekamen wir am 9. November morgens 5 Uhr die Kerguelen in Sicht, des unsichtigen Wetters wegen erst dicht vor der Küste, aber genau am berechneten Ort, quer ab von Prince of Wales Foreland. Wir liefen in den Royal Sound ein, wo ich nach der mir von Herrn Professor v. Drygalski erteilten Weisung im Three Islands Harbour zu Anker gehen ließ. Dieser Hafen bietet zwar guten Ankerplatz, aber die Unmöglichkeit, mit dem Schiff dicht an Land zu legen. Die in den Hafen hineinstehende, das Arbeiten mit den Booten sehr erschwerende See, die Kleinheit der drei Inseln und ihre Wasserlosigkeit ließen sowohl meinen Kollegen Dr. Luyken wie mich zur Überzeugung kommen, daß diese Örtlichkeit zur Anlegung einer Station für längere Dauer ungeeignet ist. Wir fuhren, nachdem das Schiff vor Anker lag, an Land und hinterließen an der zerfallenen, auf der britischen Admiralitätskarte verzeichneten Robbenschlägerhütte auf Hog Island eine gut sichtbare Flasche mit einer Nachricht an Herrn v. Drygalski, daß wir weiter zur Observatory Bay, dem Stationsort der englischen Venusexpedition im Jahre 1874, gefahren seien.

Nachdem hier die »Tanglin« zu Anker gegangen, besichtigten wir am Abend die ehemalige englische Station, deren Wohnhaus zum Teil noch erhalten war. Der Platz erschien, magnetische Untersuchung vorbehalten, als sehr geeignet zur Anlage der Station, und eine am nächsten Tage unternommene Umkreisung der Observatory Bay belehrte uns, daß sie weit und breit die einzige in Betracht kommende Örtlichkeit ist. Die Küste bildet hier an einer Stelle eine kleine Bucht mit geschütztem Anlegeplatz für Boote; sie erhebt sich steil etwa 15 m hoch und trägt ein Plateau, das in 80 m Entfernung von der Küste einen kleinen Frischwassersee birgt. Gegen Westen erhebt sich ein kleiner Hügel, an dessen östlichem Fuß, genau auf der Stelle der von uns eingerissenen Überreste des Hauses der englischen Station, wir unser Wohnhaus errichteten.

In Folgendem gebe ich eine Übersicht über die an den einzelnen Tagen geleisteten Arbeiten:

Suche nach geeigneten Plätzen für Errichtung der Station.

Mannschaft schafft Güter an Deck. Reparatur des Motorbootes.

Probefahrt mit Motorboot. Maschine versagt, Boot treibt ab, kann erst nachts wieder aufgefangen werden.

Schiff legt näher an Land. Magnetische Vermessung des Platzes.

Berechnung des Resultates. Anlage einer schiefen Ebene aus Brettern vom Landeplatz auf das Plateau.

Vollendung der schiefen Ebene. Verkoppelung zweier Boote; eine Bootslast an Land. Abends stirbt ein Heizer an Beri-Beri.

3 Bootslasten an Land. Beerdigung des Heizers.

Wegen Sturm und Seegang Arbeit unmöglich.

4 Bootslasten an Land.

4 Bootslasten an Land.

3 Bootslasten an Land. Erdarbeiten am Wohnhaus.

3 Bootslasten an Land. Bau des Riegelwerkes.

3 Bootslasten an Land. Vollendung des Riegelwerkes.

Sturm. Landung unmöglich.

4 Bootsladungen. Verschalung am Wohnhaus außen.

40 Tonnen Kohlen an Land. Außen- und Innenverschalung, Fußboden, Dachboden am Wohnhaus vollendet. Am 28. Hunde an Land.

Aufstellung der Innenwände, Fenster, Türen am Wohnhaus.

Schiff wird direkt an das Ufer verlegt und dort festgemacht.

360 Tonnen Kohlen an Land.

Leinwandeindeckung des Hauses, Legung der Linoleumbezüge.

Vollendung der inneren Hauseinrichtung, Setzung der Öfen etc.

Am 8. Dezember weigert sich die chinesische Mannschaft, zu arbeiten.

Erdarbeiten am Variationshaus.

Vormittags wegen Sturm und sehr starken Regens Arbeit beschränkt. Nachmittags Häuserkolli für Südpolar-Expedition an Land.

Auspacken von Proviant.

Rest der Ladung für »Gauss« an Land. Riegelwerk des Variationshauses aufgestellt.

Schiff wird an den alten Platz verholt, vor Anker gelegt. 2 Bootsladungen Hundekuchen an Stationsplatz.

Sturm. Arbeiten im Innern des Hauses. Nachmittags ein Heizer an Beri-Beri gestorben.

Starker Sturm, Verkehr mit Schiff unmöglich. Einrichtung der Dunkelkammer.

Mit 2 Bootsladungen letzte Ladung gelöscht. Nachmittags Beerdigung des Heizers, dann starker Sturm.

1901 Mannschaft trägt sämtliche Kisten, Bauteile etc. an die Plätze, wo sie benötigt werden. Variationshaus im Rohbau vollendet, Ofen gesetzt.

Leider ergaben sich beim Löschen der Güter und beim Hausbau Schwierigkeiten der schlimmsten Art. Schweres Wetter verhinderte an mehreren Tagen jeden Verkehr zwischen Schiff und Land, so daß wir untätig liegen mußten; allein der größte Übelstand erwuchs daraus, daß alles Entgegenkommen, das wir beim Kapitän fanden, der Diensteifer und die Arbeitsfreude der Offiziere und Maschinisten völlig paralysiert wurden durch die gänzliche Unbrauchbarkeit der chinesischen Mannschaft. Von der – Küchen- und Maschinenpersonal mitgerechnet – etwa 40 Mann starken Besatzung lagen ständig 8 bis 10 an Beri-Beri krank; zwei Chinesen starben während der Liegezeit; die übrigen waren schlappe, energielose Menschen, dem rauhen Klima gegenüber widerstandslos, sich gehen lassend und durch kein Mittel zu flottem Arbeiten zu bewegen. Sie weigerten sich trotz des Angebots von Extrabezahlung, über die normale Arbeitszeit von 10 Stunden Überstunden zu machen, und traten schließlich trotz wiederholter Befehle überhaupt nicht zur Arbeit an. Es kam so weit, daß der Kapitän selbst den Vormann beim Kohlenhieven machen mußte. Von einer fördernden Hilfe durch die Chinesen beim Häuserbau konnte noch weniger die Rede sein, so daß die Erdarbeiten wie der ganze Aufbau und die Einrichtung der Häuser fast ausschließlich durch die zwei wissenschaftlichen Mitglieder der Expedition, den Matrosen Wienke und den deutschen Schiffszimmermann Cordes geschehen mußten.

Vor schwerwiegende Entschlüsse aber wurden wir durch die unerwartete und vorher nicht in Erwägung gezogene...



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