Lühmann | Heimat | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

Reihe: hanserblau

Lühmann Heimat

Roman
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-446-28499-9
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

Reihe: hanserblau

ISBN: 978-3-446-28499-9
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Hinter der perfekten Idylle lauert die 'Tradwife'-Szene - Hannah Lühmanns Roman über ein virales Thema und den Rechtsruck in unserem Land Als Jana mit ihrer Familie aufs Land zieht, merkt sie schnell: Hier gelten andere Regeln. Hinter der bürgerlichen Fassade lauert ein höchst problematisches Weltbild, wie selbstverständlich wird hier AfD gewählt. Auch Janas charismatische Nachbarin Karolin hat sich ganz der Rolle als Hausfrau und Mutter verschrieben. Je mehr Zeit Jana mit Karolin verbringt, desto klarer wird ihr, dass sie auf eine sehr zeitgemäße Weise ultrakonservativ ist - sie kämpft als 'Tradwife' im Namen der Tradition gegen alles, wofür Jana eigentlich steht. Jana versucht, sich gegen ihre Faszination zu wehren, und ertappt sich doch immer wieder bei dem verstörenden Gedanken, dass sie Karolin um ihr Leben beneidet ...

Hannah Lühmann, geboren 1987, hat Philosophie in Berlin und Paris studiert. Sie schrieb unter anderem für die 'Süddeutsche Zeitung', die 'Frankfurter Allgemeine Zeitung' und 'Die Zeit'. Von 2014 bis 2025 war sie als leitende Redakteurin im Kulturressort bei der 'Welt' und 'Welt am Sonntag' tätig. Hannah Lühmann lebt als freie Journalistin mit ihrer Familie in Berlin.
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Als Karolin wenig später bei Jana vor der Tür stand, sah sie nicht aus wie in ihrem letzten Instagram-Post. Ihre Haare waren zerzaust, sie hatte dunkle Ringe unter den Augen. Jana fiel auf, dass es das erste Mal war, dass sie Karolin ohne Rock sah, sie trug eine einfache hellblaue Cordhose. Karolin stellte den frisch gebackenen Kuchen ab.

»Willst du was trinken?«, fragte Jana.

»Tee, wenn du hast.«

Sie setzten sich an den Küchentisch. »Sei froh, dass deine noch so klein sind«, sagte Karolin unvermittelt. An ihrem Ohr baumelte ein goldener Ring, direkt neben einem Leberfleck. Auf ihrer Wange war ein zarter hellblonder Flaum.

»Warum, hast du Ärger mit deinen Großen?«

Karolin seufzte. »Mit Paul nicht. Aber mit Jonas …« Karolin suchte nach den richtigen Worten. Schließlich sagte sie vorsichtig: »Mit Jonas ist es manchmal nicht ganz einfach.«

Jana wartete ab. Sie wollte jedes Detail über diese Familie wissen. Sie hatte das Gefühl, es sei von zentraler Bedeutung für den weiteren Verlauf ihres eigenen Lebens.

»Er war schon immer anders«, sagte Karolin. »Bevor ich Clemens kennengelernt habe, also vor Paul, Frieda, Fritz und Ruth, das ist unsere Jüngste, waren wir ein eingeschworenes Team.«

Jana nickte, das Gefühl kannte sie, auch wenn es bei ihr nur Ella war, an die sie die Zweisamkeit mit Louis verloren hatte.

»Weißt du«, sagte Karolin, »ich war schon wahnsinnig eng mit ihm, es waren ja nur wir zwei. Clemens meint, das habe bei ihm etwas kaputtgemacht, jedenfalls … Er redet so wenig. Und vorhin, als ich ihn abfragen wollte, ist er richtig wild geworden, er hat mich am Arm gefasst, schau.« Karolin zog ihr bunt geringeltes Sweatshirt nach oben, an ihrem mageren Unterarm deutete sich ein Bluterguss an. »Clemens meint, er braucht mehr Disziplin.«

Jana fühlte in sich hinein. Es fiel ihr schwer, sich vorzustellen, dass Karolins Sohn seiner Mutter gegenüber handgreiflich wurde. Und dass Karolin vor dem eigenen Kind Angst hatte. Vor ihrem inneren Auge sah sie Jonas’ Gesicht, das sie flüchtig von Instagram kannte, die breite Stirn und das dicke braune Haar. Sie dachte auch an Louis. Wurde es irgendwann so mit Söhnen? War es normal, dass sie einen angriffen, dass man nach einem Streit blaue Flecke am Unterarm trug? Warum war Jonas so wütend auf seine Mutter? Oder ging es hier um etwas anderes? Verbarg sich hinter dieser Geschichte etwas, das Jana nicht verstand? Jana spürte, dass es in Karolins Leben ein Geheimnis gab, dass vieles so grundsätzlich anders war als bei ihr selbst, dass sie es nicht verstehen konnte, noch nicht, aber sie hoffte, dass sie genug Zeit mit Karolin verbringen dürfte, um es eines Tages zu verstehen. Sie wollte für ihre neue Freundin da sein.

Karolin tippte sich an die Schläfen, ihre Fingernägel waren helle Halbmonde. »Wenn wir in der Sächsischen Schweiz sind, will Clemens mit Jonas klettern gehen. Ihn abhärten.« Das »Abhärten« sprach sie so aus, dass klar wurde, dass es eine Formulierung war, die Clemens gebraucht hatte. Karolin machte eine kurze Pause, dann sagte sie zögernd: »Ehrlich gesagt macht mir das fast ein bisschen Angst.« Als sie Janas erschrockenen Gesichtsausdruck sah, lachte sie. »Ach Quatsch, vergiss, was ich gesagt habe. Clemens liebt Jonas wie seinen eigenen Sohn. Der Urlaub wird uns allen guttun.«

Noah und die Kinder kamen aus dem Garten herein. Louis erkannte Karolin wieder und lächelte. Ella verbarg ihren Kopf an Noahs Schulter. Noah begrüßte Karolin, das Lächeln in seinen Augen war echt, für einen kurzen Moment war er er selbst. »Freut mich, dich kennenzulernen«, sagte er. »Jana hat viel von dir erzählt.« Dann wurde seine Körperhaltung wieder abweisend, wie sie es oft gewesen war in den letzten Wochen und Monaten, und Jana fragte sich, wie er darauf kam, zu behaupten, dass sie ihm oft von Karolin erzählte. In den letzten Tagen hatten sie kaum noch miteinander gesprochen. Sie hatte das Gefühl, dass ihre Beziehung zunehmend verstummte.

Karolin half, das Abendessen für die Kinder zu machen. Sie verrührte Haferflocken und Milch mit einem rohen Ei und etwas Salz, kochte das Ganze kurz auf. Ella und Louis aßen die Teller begeistert leer. Jana beschloss, das Gericht in ihre Rezeptesammlung aufzunehmen.

Noah saß währenddessen mit seinem Laptop auf dem Sofa und erweckte den Eindruck, als würde er nichts um sich herum mitbekommen. Aber Jana spürte, wie er Karolin taxierte, wenn keine der beiden Frauen zu ihm hinsah. »Gute Nacht«, sagte er, als er sich schließlich mit den Kindern auf den Weg nach oben machte. Jana ging in die Knie, um Ella und Louis zu küssen, sie wollte sie gar nicht mehr loslassen. Sie schloss die Augen und sog Ellas Duft ein. Als sie die Augen wieder öffnete, bemerkte sie, dass Karolin und Noah einander ansahen. Sie schien ihn regelrecht zu mustern, die Partie um ihren Mund verzog sich leicht, als ließe sie irgendetwas mit dem Ergebnis ihrer Begutachtung unzufrieden sein. Noah hielt ihrem Blick stand, sah sie an mit seinen weiten braunen Augen, als sei auch er dabei, etwas über sie zu verstehen.

*

Verena schmiegte sich in Janas Sofakissen. Nina griff mit blassen Fingern nach einem Kohlrabistück. Karolin saß auf der Kante des Sofas, die Ellbogen auf den Knien, sie wippte fast unmerklich mit dem Fuß. Zu Janas eigener Überraschung fiel es ihr nicht schwer, die wichtigsten Punkte des Kapitels vor den anderen wiederzugeben. Es fühlte sich ein bisschen an wie früher, wenn sie in der Agentur etwas präsentiert hatte. Das Kapitel, das sie vorbereiten sollte, hatte eine etwas andere Ausrichtung als das vom letzten Mal. Das ganze Buch, begann Jana zu verstehen, war ein leidenschaftliches Plädoyer für die Mutterschaft — es wandte sich gegen alles, das heutzutage selbstverständlich schien: die frühe Kitabetreuung, digitale Medien für Kleinkinder, ja sogar gegen das Impfen der Kinder und die Idee frühkindlicher Bildung. Ein Kind, so lautete eine These des Buches, brauche in den Jahren bis zu seinem sechsten Geburtstag eigentlich so gut wie gar nichts — außer einer liebevoll zugewandten, dauerhaft präsenten Mutter und einem Vater, der ihm helfe, schrittweise die Außenwelt zu erschließen.

»Die Mutter«, sagte Jana, »wird gedacht als eine Art Schutzhülle, eine Membran.« Karolin nickte ihr zu, sie saß leicht nach vorn gebeugt, ihr Körper war gespannt wie eine Feder — Jana fragte sich, warum sie so geladen war. War es ihr wichtig, dass Jana etwas von dem fühlte, was sie da vortrug? Es kam ihr fast vor, als sei genau das die Bedingung für den Eintritt in die geheime Welt, die die Frauen in der Siedlung aufgebaut hatten. Sie merkte, dass sie mit vielen von Karolins Ansichten unmöglich d’accord gehen konnte, aber beim Lesen des Buchs hatte sie einen Sog empfunden. Etwas an der bildreichen Sprache empfand sie als entspannend und beinahe meditativ. »Das Impfen«, fuhr Jana fort, »wird vor allem deswegen abgelehnt, weil die Auseinandersetzung mit Keimen eine aktive Auseinandersetzung mit der Außenwelt ist.« Jana konnte nicht anders, als hinzuzufügen: »Ich versteh aber nicht, warum er nichts dazu schreibt, dass es gefährlich ist, seine Kinder nicht impfen zu lassen.«

Karolin hakte ein: »Entschuldige bitte, Jana, du machst das wirklich toll, aber ich glaube, dass es wichtig ist, dass wir noch mal einen Schritt zurückgehen.«

Jana sah sie an, unsicher, ob sie Ärger empfinden sollte.

Karolin fuhr fort: »Das mit der Membran ist keine Metapher. Es geht darum, wie das Kleine in der Welt ist — das ist existenziell zu verstehen. Wir dieser Schutz für unsere Kinder.« Nina und Verena sahen sie bewundernd an. »Ich meine, überleg doch mal«, sagte Karolin. »Wie wahrscheinlich ist es, dass dein Kind an Masern stirbt?«

Jana hatte noch nie darüber nachgedachte.

»Es ist saumäßig unwahrscheinlich«, sagte Karolin aufgeregt, ihre Wangen waren gerötet, sie stand auf. »Nahezu ausgeschlossen. Verstehst du?« Jana bewegte vorsichtig den Kopf, sie wollte Karolin nicht unnötig aufregen. »Die verkaufen uns Sachen als wahnsinnig bedrohlich«, sagte Karolin, »die es nicht sind. Gleichzeitig werden uns alle unsere Instinkte genommen! Das Kind soll mit fünf Monaten in die Kita? Kein Problem! Vierundzwanzig-Stunden-Kita? Hereinspaziert! Aber wenn du dein Kind nicht impfen lassen willst, steht das Jugendamt vor der Tür. Merkst du was,...


Lühmann, Hannah
Hannah Lühmann, geboren 1987, hat Philosophie in Berlin und Paris studiert. Sie schrieb unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und "Die Zeit". Von 2014 bis 2025 war sie als leitende Redakteurin im Kulturressort bei der "Welt" und "Welt am Sonntag" tätig. Hannah Lühmann lebt als freie Journalistin mit ihrer Familie in Berlin.



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